Die Götter der alten Welt

Dieser Abschnitt ist als kurze Zusammenfassung zu verstehen. Eine detaillierte Untersuchung der einzelnen Mythen und deren Zusammenhänge kann hier leider nicht geboten werden. Wer sich nicht so sehr für die alten Göttervorstellungen interessiert, kann diesen Abschnitt überspringen und direkt zum nächsten Kapitel wechseln: Der heidnische Einfluss aufs Christentum
Die Thematik ist dennoch auch für Christen relevant, da alte Motive sich auch in christlichen Kirchen widerspiegeln.
Es ist unwahrscheinlich, dass sich all diese Elemente unabhängig voneinander entwickelt haben.
Isis und Osiris in Ägypten
![]() Ausschnitt des ägyptischen Stammbaums | Isis ist in der ägyptischen Mythologie vor allem Göttin von Magie, Mutterschaft und Schutz. Sie ist die Tochter von Geb (Erde) und Nut (Himmel) und Schwester-Gemahlin des Osiris. Osiris wurde von ihrem Bruder Seth ermordet und später zerstückelt. Einige Inschriften weisen darauf hin, dass Isis den Tod ihres Mannes vorhergesehen hat. (Dies ist eine Parallele zu Venus.) Isis gelang es jedoch, die meisten Körperteile wieder einzusammeln. |
Nachdem Osiris für kurze Zeit wiederbelebt war, konnte sie Horus empfangen. Osiris wurde zum Herrscher der Unterwelt (Duat), und Horus bekämpfte später Seth, um seinen Vater zu rächen.
![]() Die Göttin Isis mit Sonnenscheibe (Tempel von Abydos) | Isis und Hathor sind eigenständige, aber eng verwandte Göttinnen. Hathor („Haus des Horus“, Ḥwt-Ḥr) ist eine sehr alte Himmels- und Liebesgöttin, auch mit Musik, Festkultur und dem „Auge des Ra“ verbunden. Durch Synkretismus, besonders in späterer Zeit, erscheint Isis häufig mit dem Hathor-Headdress (Sonnenscheibe zwischen Kuhhörnern). Lokaltheologien nennen Hathor teils Mutter, teils Gemahlin des Horus. Horus tritt in zahlreichen Formen auf. Zu unterscheiden sind u. a. Horus der Ältere (Haroeris) und Horus das Kind (Harpokrates), der Sohn von Isis und Osiris. | ![]() ![]() Die Göttin Isis mit Kind (ca. 664–525 v. Chr.) |
Horus ist eng mit Königtum, Himmel und Sonne verbunden; in der Sonnen-Theologie erscheint die Verschmelzung Ra-Harachte („Ra-Horus am Horizont“).
Der Isis-Kult verbreitete sich im Mittelmeerraum und ist in Italien seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar. In der späten Republik kam es zu zeitweiligen Verboten; in der Kaiserzeit entstanden offizielle Isis-Tempel in Rom. Die Kultpraxis blieb bis in die Spätantike lebendig.
Nach dem Aufstieg des Christentums in Rom verschwand der Kult allmählich, was ja auch kein Wunder war. Gleichzeitig entwickelte sich bei Christen die Verehrung der Jungfrau mit Kind. wie sie in anderen Religionen und bei den Isis-Verehrern bekannt war.
Es herrscht eine gewisse Verwirrung bezüglich des Kindes in den Armen der Isis. Einerseits liegt es nahe, dass es sich um Horus handelt, aber andererseits wurde Isis auch mit Sonnenscheibe und Kind dargestellt. Man beachte, dass Isis mit Sonnenscheibe bereits eine Verschmelzung mit Hathor, also der Gattin Horus, darstellt!
![]() Isis mit Kind (1. Jahrhundert n. Chr.) | Wie kann man dieses erklären?Hathor (Ḥwt‑Ḥr „Haus des Horus“) ist eine seit der Frühzeit bezeugte ägyptische Göttin die u. a. als Himmelsgöttin betrachtet wurde; sie fungiert häufig als „Auge des Ra“. In heliopolitanischen Traditionen kann sie mit Ras Gefährtin in Beziehung gesetzt werden. In der frühen ägyptischen Geschichte wird Ra (der Sonnengott) mit Horus identifiziert, der als Falke oder Falken-Gott dargestellt wurde. Hathor ist eine sehr umfassende, stark synkretische Göttin und hatte viele Attribute von anderen Göttinnen, z. B. Mutteraspekte. Manche gehen so weit, von einer Urform der “Großen Mutter” zu sprechen. Horus erscheint in mehreren Gestalten: u. a. Horus das Kind (griech. Harpokrates), Sohn von Isis und Osiris, und Horus der Ältere (Haroeris). Früh ist Horus besonders mit Oberägypten (Süden) verbunden; insgesamt existieren zahlreiche lokale und theologische Formen (z. B. Ra‑Harachte), die teils verschmelzen. Horus wurde auch der göttliche Prototyp der Pharaonen. |
Horus existiert in mehreren Gestalten. Horus der Ältere (Haroeris) ist in Oberägypten wichtig; Horus, der Sohn der Isis (Harpokrates), ist der Thronerbe und Gegner des Seth. Die Gegenüberstellung Horus–Seth spiegelt oft die „Zwei Länder“; üblicher ist die Paarung Horus = Norden (Unterägypten) und Seth = Süden (Oberägypten), mit Varianten. Der Mythos vom Königsstreit endet in vielen Fassungen mit dem Sieg oder der Ausgleichung zugunsten Horus und steht sinnbildlich für die Reichseinheit.
Osiris ist eng mit dem untergehenden/verborgenen Sonnenaspekt; Horus wird in der Sonnen-Theologie mit Ra verschmolzen.
Halten wir folgende Punkte fest:
Wichtige Punkte:
- Osiris (Gatte) kommt gewaltsam ums Leben; Zerstückelung des Körpers.
- Osiris wird mit der untergehenden Sonne gleichgesetzt.
- Isis wird später schwanger (dadurch, dass sie Osiris kurz zusammengeflickt hat) und gebärt einen Sohn (Horus).
- Osiris geht als Herrscher in die Unterwelt
- Anbetung von Hathor/Isis und Horus/Osiris (Mutter-/Kind(Ehemann)-Verehrung)
Als der griechische Geschichtsschreiber Herodot die damalige Welt bereiste, kam er auch mit den ägyptischen Göttern in Kontakt. Herodot lebte 484–425 v. Chr. und wurde von Cicero als den “Vater der Geschichtsschreibung” bezeichnet. Er unternahm später ausgedehnte Reisen durch Kleinasien, Babylonien, Ägypten und Griechenland. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er mit der Fertigstellung seines großen Geschichtswerkes “Histories Apodeixis” (Forschungsbericht), das zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte der Alten Welt und der Perserkriege zählt. Obwohl seine Darstellungen nicht immer ganz genau sind, wurden seine Angaben später oft durch die Forschung bestätigt. Auch Diodorus Siculus war ein griechischer Historiker, der etwa zur Zeit Julius Cäsars lebte. Obwohl er zu den alten Experten für antike Geschichte gehört. Er ist ein Kompilator, der stark von älteren Quellen (z. B. Hekataios, Herodot, Ktesias) abhängt und teils paraphrasiert. Die Semiramis-Passagen gehen wohl v. a. auf Ktesias zurück.
Beide schrieben, dass Isis der Göttin Ceres (Demeter) entspricht. Manchmal wird Hathor mit der Aphrodite (Venus) gleichgesetzt (siehe Venus/Adonis).
Demeter und Persephone in Griechenland (auch Rom)
Die Sage von Demeter und ihrer Tochter Persephone (griech. Kore; röm. Proserpina) – wobei Ceres der römischen Entsprechung der Demeter entspricht – nimmt insofern eine Ausnahme unter den Vegetationsmythen ein, als hier nicht ein Sohn (etwa Plutus), sondern die Mutter ihre Tochter verliert. Entsprechend bleiben die Parallelen zu anderen Mythen weniger augenfällig.
![]() Ausschnitt des griech. Stammbaums | Demeter, in der griechischen Mythologie die Göttin von Ackerbau und Fruchtbarkeit, ist eine Schwester des Zeus. Damit entsteht eine Analogie zu Isis und Osiris – Geschwisterverbindungen kommen in Mythen häufig vor (etwa Kronos und Rhea). Aus der Verbindung mit Zeus geht die Tochter Persephone hervor. Wie in der ägyptischen Sage tritt auch hier ein Geschwistergott als Antagonist auf: Hades, Gott der Unterwelt, entführt Persephone. |
Demeter ist über die Entführung ihrer Tochter so sehr bestürzt, dass sie die Erde verfallen lässt: Felder liegen brach, Pflanzen welken, und die Menschen leiden Hunger.
| Schließlich zwingt Zeus Hades zur Herausgabe Persephones, doch zuvor hatte sie von ihm Granatapfelkerne erhalten und muss daher jährlich die Hälfte des Jahres (in manchen Versionen sechs Monate) in der Unterwelt verbringen. Mit Rückkehr Persephones im Frühling erwacht die Natur zum Leben, im Herbst, wenn sie wieder hinabsteigt, verfällt sie erneut in Trauer. Dieser Mutter-Tochter-Zyklus steht in Analogie zu den Mythen vom „sterbenden“ Vegetationsgott (z. B. Ischtar/Tammus, Venus/Adonis), bleibt gegenüber den ägyptischen Erzählungen in Figuren und Details jedoch eigenständig. | ![]() Demeter/Ceres |
Dennoch berichtet Diodorus Siculus (Bibliotheca historica 1,14) über den Ceres-Kult in Rom: „Orpheus führte die meisten mystischen Zeremonien ein – die orgiastischen Feiern zur Prozession der Ceres und die ganze Fabel von den Unterweltsreisen aus Ägypten. Die Riten des Osiris und des Bacchus sind dieselben, und die der Isis und der Ceres gleichen sich bis auf den Namen.“ Am Rande sei angemerkt, dass die berühmte Statue des Kephisódotos des Älteren (um 380 v. Chr.) nicht Ceres mit Plutus, sondern die Friedensgöttin Eirene zeigt, wie sie den Knaben Ploutos in den Armen hält. In den homerischen Hymnen ist Ploutos der Sohn der Demeter und des Iasion.
Halten wir die wichtigsten Punkte fest:
- Diodorus Siculus vergleicht in seinen Berichten (Bibliotheca historica 1, 14) ausdrücklich die Mysterien-Riten: Die Zeremonien von Isis und Ceres stimmen bis auf den Namen in Ablauf, Prozession und Klageliedern weitgehend überein.
- Demeter ist als Göttin der Landwirtschaft und Feldfrüchte eine klassische Vegetationsgöttin; Parallelen finden sich in Mythen zu Inanna/Ishtar, Tammuz oder Adonis.
- Ihren Bruder Zeus heiratet sie (im mythischen Sinn) und gebiert Persephone, wie die Geschwister Isis und Osiris Nachwuchs zeugten.
- Der Bruder Hades (Analogie zu Seth: Bruder als Antagonist) bereitet Demeter großen Kummer, indem er Persephone entführt.
- Persephone darf unter einer bestimmten Bedingung (Analogie zu Ischtar, Inanna, Balder) die Unterwelt verlassen.
- Regelmäßige Trauer von Demeter um Persephone (Analogie zu Ischtar/Tammus, Venus/Adonis – „sterbenden und wiederkehrenden“ Fruchtbarkeitsmythen).
Ishtar und Tammus, Astarte und Baal in Babylon, Assyrien
![]() Ishtar of Mari (18. Jahrhundert v. Chr.) | Auch hier treffen wir auf ein gewisses Schema: Ischtar, eine der babylonischen Hauptgötter, galt unter anderem als “die große Mutter”, Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttin und als Himmelskönigin. Solche Fruchtbarkeitsgöttinnen wurden in der ganzen alten Welt unter vielen verschiedenen Namen verehrt: Ischtar, Athtar, Astar, Ashtart, Aschtoret, Eostre, Eastre, Ostare, Ostara, usw. Aus altbabylonischen Zeiten gibt es Abbildungen von Göttinnen als Mutter mit einem Kind an der Brust. Bei den Assyrern wurde sie (unter dem Namen Astarte auch als Göttin der Jagd und des Krieges verehrt und wurde mit Schwert, Bogen und Pfeilen im Köcher dargestellt. Das Bild links zeigt die “Ishtar of Mari”. Man beachte, dass sie ein Gefäß in den Händen hält! – Wie ich am Anfang erwähnte: Dieses Motiv (Frau mit Gefäß) ist fast überall zu finden: in Babylon, Griechenland, Rom und auf päpstlichen Münzen… |
![]() Aschera | Links: Aschera und Astarte sind zwei wichtige weibliche Gottheiten des alten Vorderen Orients, deren Figuren in verschiedenen Kulturen vorkommen und im Laufe der Jahrtausende vielfach synkretisiert wurden. In schriftlichen Quellen verschwimmen die Grenzen, wenn etwa Inschriften sowohl Aschera als auch Astarte nennen oder Symbole (z. B. Sterne) austauschbar eingesetzt werden. Astarte (Aštart) war in phönizischen Städten eine der wichtigsten Göttinnen. Sie wurde vor allem mit Liebe, Sexualität/Fruchtbarkeit und teils auch mit Krieg in Verbindung gebracht. Sie symbolisierte das weibliche Prinzip in vielen Aspekten, so wie Baal (=“Herr”, Analogie zu Adonis!) die Männlichkeit personifizierte. | ![]() Baal |
„Baal“ (‚Herr‘) ist ein Titel, der verschiedene Gottheiten bezeichnet; in Syrien/Phönizien ist damit meist der Sturm- und Regengott Baal Hadad gemeint, der durch Regen die Fruchtbarkeit des Landes sicherte und daher für die Fruchtbarkeit wichtig war.
In der Geschichte Israels kam es immer wieder zum traurigen Abfall von Gott, wo die Israeliten Baal oder Astarte anbeteten: siehe z. B. 1.Kön 16,31; 1.Kön 18,21; Jer 2,8; 1.Kön 11,5f; 2.Kön 23,13, usw.
Ischtar und Tammuz sind Liebende bzw. rituelle Gemahlin und Gemahl (hieros gamos), Manchmal wird Tammuz auch als die Liebe ihrer Jugend bezeichnet (Analogie zu Venus/Adonis). Er wird manchmal als „treuer Hirte des Himmels“ und manchmal als ein Gott der Unterwelt bezeichnet, obwohl er eigentlich dort festgehalten wird bzw. mit seiner Schwester im Wechsel dort aufhält.
Tammuz ist ein Hirten- und Vegetationsgott, dessen Abwesenheit und Rückkehr den jahreszeitlichen Wechsel der Fruchtbarkeit symbolisiert – oft wird hier eine Parallele zu Adonis gezogen. Inanna/Ishtar wird aus der Unterwelt durch die Intervention Enkis/Eas befreit und muss dafür einen Ersatz bestimmen; sie trifft die Wahl auf Tammuz, der später im Wechsel mit seiner Schwester einen Teil des Jahres in der Unterwelt verbringt. An diese Vorstellung knüpfen die jährlichen Klagriten im Monat Tammuz (Juni/Juli) an; auch die Bibel erwähnt das „Weinen um Tammuz“ (Hes 8,14).
Ishtars Himmelszeichen ist die Venus; ihr typisches Tier ist der Löwe. Manchmal werden auch die Venus und ein Drache mit ihr verbunden.
Wichtige Punkte:
- Ishtar/Inanna und Tammuz/Dumuzi sind ein Liebespaar bzw. rituelle Gemahlin und Gemahl.
- Tammuz = Dumuzi (Vegetationsgott); Baal war vor allem ein Sturm‑, Regen- und Vegetationsgott. Sein Name bedeutet “Herr” (Analogie zu Adonis).
- Tammuz und Ishtar gingen zeitweise in die Unterwelt (Analogie zu Isis & Osiris – wobei Osiris jedoch um Gott der Unterwelt wurde).
- Klage um Tammuz/Dumuzi ist belegt; sie kann motivisch mit Demeters bzw. Venus’/Demeters Trauer um den verlorenen Geliebten/Angehörigen verglichen werden
- Ishtar/Inanna vereint Attribute von Liebe und Sexualität, Fruchtbarkeit und – je nach Tradition – auch Krieg; häufig trägt sie den Titel „Königin des Himmels“ und ist mit der Venus verbunden. Motivische Parallelen finden sich daher zu Aphrodite/Venus (Liebe), zu Demeter (Fruchtbarkeit) und in einzelnen Aspekten zu Hathor.
Es gibt einen interessanten Vergleich zur Artemis von Ephesos (römisch: Diana), einer eigenständigen Kultgestalt der Artemis in Kleinasien. In verschiedenen Religionen des Alten Orients und des Mittelmeerraums finden sich mächtige weibliche Gottheiten mit Himmels- und Herrschaftstiteln; Ishtar/Inanna wird beispielsweise als „Königin des Himmels“ bezeichnet, und auch Isis erhält in späterer Zeit vergleichbare Hoheitstitel. Der Marientitel „Königin des Himmels“ (Regina caeli) ist in der christlichen Tradition ebenfalls verbreitet.
Artemis war in Griechenland vor allem Göttin der Wildnis, der Jagd und der Tiere; zugleich galt sie als Schutzgöttin von Schwangerschaft und Geburt. Die Römer setzten sie mit Diana gleich. In Ephesos wurde Artemis in einer eigenständigen Kultform verehrt (Artemis Ephesia), deren ikonografische „Brust“-Appliken häufig als Fruchtbarkeitssymbol gedeutet werden.
![]() Artemis | Der Artemision-Tempel gehörte zu den antiken Weltwundern und war ein bedeutendes Pilgerzentrum; er wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. bei gotischen Einfällen schwer zerstört. Ephesos wurde später auch ein wichtiger Ort der Marienverehrung (u. a. durch das Konzil von Ephesos 431); die Tradition, Maria habe in der Region Ephesos gelebt und sei dort gestorben, ist kirchlich überliefert. Zugleich gibt es eine Legende, dass Maria, die Mutter Jesus Christus, in den Himmel aufgefahren ist. Diese Legende wurde 1950 zum Glaubensdogma, obwohl die Bibel nichts dergleichen berichtet. Links Artemis / rechts Diana von Ephesus: Man beachte die Sonnenscheiben hinter den Köpfen. Diese Scheibe ist der Ursprung der heutigen “Heiligenscheine”. | ![]() Diana von Ephesus |
Hislop geht auf den Turm auf den Kopf Dianas ein und identifiziert sie als Semiramis, die laut Legenden die ersten Mauern von Babylon bauen ließ. Dies ist aber sehr umstritten. Es gibt übrigens auch Isis-Bilder mit turmartigem Kopfschmuck.
Da die Kulturen Mesopotamiens (Sumer, Akkad, Babylonien, Assyrien) religiös eng miteinander verbunden sind, begegnen Ishtar/Inanna und Dumuzi/Tammuz in unterschiedlichen Regionen und Sprachstufen unter verschiedenen Namensformen und lokalen Ausprägungen.
Inanna und Dumuzi in Mesopotamien
Dumuzi (sumerisch) bzw. Tammuz (akkadisch) ist eine früh bezeugte Vegetations- und Hirtengottheit. In Inannas/mythischem Unterweltsgang (Hymnus Inanna’s Descent) steigt die Göttin freiwillig in die Unterwelt hinab, wo sie von ihrer Schwester Ereshkigal getötet und drei Tage im Jenseits festgehalten wird. Der Gott Enki/Ea sendet heiliges Wasser („lebensspendendes Wasser“), mit dessen Hilfe Inanna wieder lebendig wird. Weil sie ohne Ersatz nicht dauerhaft in die Oberwelt zurückkehren kann, muss sie einen Stellvertreter bestimmen: Dumuzi muss daraufhin einen Teil des Jahres im Totenreich (später im Wechsel mit seiner Schwester Geštinanna) verbringen, was im Kult durch jährliche Klag- und Trauerriten im Monat Duʾūzu (Tammuz) begangen wird.
![]() Inanna von Susa (ca. 1500–1100 v. Chr) | Im sumerischen Kalender begann das Jahr im Frühling mit dem Monat Nisannu (etwa März/April). Dumuzi (akkadisch Tammuz), der Hirten- und Vegetationsgott, zog sich dagegen in den heißen Sommermonaten in die Unterwelt zurück. Im Monat Duʾūzu (Tammuz) gedenkt man seiner Abwesenheit mit Trauerzeremonien; seine Rückkehr im Herbst ließ dann Felder und Herden wieder aufblühen. Parallel dazu feierten die Tempelfeste in Uruk, Eridu und anderen Kultzentren das sogenannte „heilige Ehepaar“ (hieros gamos). Dabei nahm eine Priesterin die Rolle der Inanna/Ishtar ein, ein Priester fungierte als Dumuzi. | ![]() Ein Inanna/Ishtar zugeschriebenes Relief – es fehlt aber eine textliche Identifikation. (Foto: BabelStone, CC0) |
Die rituelle Verbindung der beiden sicherte symbolisch die Fruchtbarkeit von Land und Volk. Inanna, sumerisch I‑ninna („Dame des Himmels“), im Akkadischen Ištar, ist die personifizierte Venus und eine der mächtigsten Gottheiten Mesopotamiens. Sie herrscht über Liebe, Sexualität, Fruchtbarkeit und Krieg, trägt den Ehrentitel nin-nanna („Herrin des Himmels“) und wird ikonografisch durch Zepter, den achtstrahligen Venusstern und oft durch Löwen dargestellt. Sie wurde entweder als reich gekleidete, teils bewaffnete Göttin oder als nackte Frau dargestellt (als Ishtar).
Wichtige Punkte:
- Inanna (sumerisch) und Ishtar (akkadisch) sind ein und dieselbe Venusgöttin von Liebe, Fruchtbarkeit und Krieg.
- In ihrem Unterweltsmythos wird sie getötet, von Enki/Ea wiederbelebt und bestimmt Dumuzi/Tammuz als Ersatz.
- Dumuzi/Tammuz, ihr gemahlter Vegetations- und Hirtengott, wechselt zwischen Unter- und Oberwelt und symbolisiert so Dürre und Fruchtbarkeit.
- Klagriten im Monat Duʾūzu und hieros gamos-Tempelfeste feierten rituell die Wiedervereinigung von Ishtar und Tammuz zur Sicherung der Fruchtbarkeit.
- Ikonografisch zeigt man sie durch den achtstrahligen Venusstern, die Hörnerkrone, Ring-und-Stab-Insignien und den Löwen.
Venus und Adonis in Rom (auch Griechenland)
![]() Venus und Adonis | Venus ist die römische Göttin der Liebe und Schönheit und entspricht der griechischen Aphrodite. In einigen Legenden erhebt sie sich aus dem Schaum des Meeres oder aus einer Muschel, und ihr Name kann mit “die Schaumgeborene” übersetzt werden. In vielen Darstellungen ist Aphrodite mit dem Schmiedegott Hephaistos (römisch Vulkan) verheiratet. Sowohl Venus als auch Aphrodite zeigen sich jedoch ihren Göttergatten gegenüber wenig treu. Berühmt ist vor allem die Liebesgeschichte mit dem schönen Jüngling Adonis (griechisch Ἄδωνις). Sein Name geht auf das semitische adon („Herr“ – Analogie zu Baal) zurück. In der klassischen Legende wird Adonis nach seiner Geburt in die Obhut der Unterweltgöttin Persephone, der Tochter der Demeter, gegeben. Aphrodite und Persephone geraten deshalb in Streit um das Sorgerecht für den jungen Mann. Zeus vermittelt und bestimmt, dass Adonis ein Drittel des Jahres bei Persephone und zwei Drittel bei Aphrodite verbringen soll. |
Trotz der eindringlichen Warnung der Göttin stürzt sich Adonis später in die gefährliche Wildschweinjagd und wird dabei tödlich von einem Eber verletzt. In griechischen Erzählungen (u. a. Ovid, Metamorphosen 10,506 ff.) wird der tödliche Eber teils als von Ares (in Ebergestalt), teils als von Artemis gesandt dargestellt.
Der Gott Zeus ruft ihn aber für Aphrodite ins Leben zurück und entscheidet, dass Adonis die Wintermonate bei Persephone und die Sommermonate bei Aphrodite verbringen sollte. Im Hochsommer wurde Adonis, meist von Frauen mit Klageliedern geehrt. Dies ist eine deutliche Analogie zu Tammuz, der jährlich Juni/Juli starb und um den auch die Frauen weinten.
Die Geschichte von Adonis ist trotz einiger Variationen ein weiteres Beispiel für die Geschichte vom sterbenden Vegetationsgott. Die nahe Verbindung mit Venus oder Persephone weist seinen Mythos der gleichen Gruppe von Mythen zu, in denen der männliche Partner eines Paares stirbt und wiedergeboren wird.
Wichtige Punkte:
- Adonis heißt wie Baal Herr.
- Adonis war ein Gott des Wachstums und der Natur (wie Baal, Tammuz, Dumuzi).
- Venus ahnt den Tod Adonis’ (wie Frigg den Tod von Balder).
- Adonis stirbt (gewaltsam) und wird wiederbelebt (wie Osirs, u.a.) – zumindest saisonal.
- Adonis wird im Hochsommer durch Klagelieder geehrt (Analogie zu Tammuz).
Dieselbe Urgeschichte wurde sogar bis Skandinavien weitergetragen, wenn gleich mit stärkeren Abänderungen.
Frigg und Balder in Skandinavien

Frigg (auch Frigga) ist in der altnordischen Mythologie die Gemahlin Odins und Königin der Asen. Sie gilt als Schutzgöttin von Ehe, Mutterschaft und Haushalt, ist mit Spinnen und Weben verbunden und verfügt über die Gabe der Weissagung. In der vergleichenden Forschung wird sie bisweilen mit Liebes- und Fruchtbarkeitsgöttinnen anderer Kulturen – etwa Freyja – in Beziehung gesetzt. Balder (Baldr, Baldur), Sohn Odins und Friggs, ist der Gott des Lichts, der Freude, Reinheit und Schönheit. Sein Bruder Höðr (Hod) ist blind. Balders strahlende Erscheinung und sein tragischer Tod nach Lokis List zählen zu den zentralen Erzählungen der nordischen Mythologie.
Frigg und die Asen erschraken, als Balder Unheil träumte. Darauf nahm Frigg von allem in der Welt Eid, Balder keinen Schaden zuzufügen, nur die junge Mistel ließ sie aus. Loki[2], der listenreiche Gefährte der Asen von jotunischer Abstammung, fertigte aus der Mistel einen Wurfspieß und lenkte den blinden Höðr (Hod), ihn beim Thing auf Balder zu schleudern[3]. Der Zweig traf Balder, und er sank tot zu Boden. Die Götter trauerten. Hermóðr, Odins Sohn, ritt auf Sleipnir nach Hel, um Balders Freigabe zu erbitten. Hel willigte ein unter der Bedingung, dass alles in der Welt um Balder weine. Alles weinte – bis auf die Riesin Þökk (Thokk), die sich verweigerte; man hielt sie für Loki in Verkleidung. So musste Balder in Hel verbleiben. Die Asen setzten Balder auf sein Schiff Hringhorni und verbrannten ihn mit seinen Beigaben, darunter sein Pferd; auch Nanna, Balders Gattin, wurde dem Scheiterhaufen beigegeben. Balders Tod gilt als Vorzeichen des Ragnarök. Nach dem Weltuntergang kehren Balder und Höðr aus Hel zurück und wohnen mit den überlebenden Göttern in der neuentstandenen Welt.
Wichtige Punkte:
- Frigg / Freyja ist Göttin der Liebe (wie Hathor, Ischtar, usw.).
- Balder wurde u. a. als Gott des Lichts bezeichnet, auch wenn es eine Extragottheit für die Sonne gab[4].
- In manchen Erzählungen sieht (träumt) Frigg von Balders Tod (ähnlich wie Venus).
- Hödr, sein Bruder, tötet Balder, wenn auch versehentlich. (Tötung des Bruders – ähnlich wie Osiris und Seth).
- Balder wird beweint (wie Tammus, Adonis, Dumuzi), wenn auch ohne “Erfolg”.
Gibt es einen Ursprung und wo liegt er?
Die oben aufgeführten Mythen zeigen deutlich ihre Verwandtschaft/Ähnlichkeit, auch wenn nicht alle Details analysiert/betrachtet werden konnten. So lässt sich noch sehr viel z. B. über Bacchus (Dionysos) sagen. Auch die Aspekte der Sonnenanbetung sind bis jetzt fast völlig unbeachtet geblieben … ebenso die Rolle des Kindes.
Diese Analogien beweisen streng genommen nichts. Es könnte sich in allen Fällen um unabhängige Parallelentwicklungen in verschiedenen Kulturen handeln. Der Zyklus der Jahreszeiten, die Abhängigkeit von der Fruchtbarkeit der Natur, die Fortpflanzung, Liebe, Sexualität und Krieg – diese Grundthemen können zu ähnlichen Vorstellungen geführt haben. Auf der anderen Seite ist es Fakt, dass Kulturen sich gegenseitig beeinflusst haben und es zur Übernahme von Vorstellungen, Riten und religiösen Konzepten gekommen ist. Die Bibel zeugt davon, wie das Volk Gottes sich immer wieder den heidnischen Bräuchen und Göttern zugewendet hat. Warum sollte es in anderen Kulturen anders gewesen sein? Und warum sollte es im Christentum anders gewesen sein?
![]() | Die Zeichnung links soll veranschaulichen, wie sich aus einer wirklichen Geschichte, ein Mythos entwickelt haben könnte: Die einzelnen Mythen in den Ländern sind miteinander durch übereinstimmende Merkmale verbunden. Die ursprüngliche Geschichte hat sich durch die verschiedenen Länder immer weiter ausgebreitet, wobei die eigentlichen Begebenheiten immer mehr verzerrt und anders ausgeschmückt wurden. Natürlich ist diese Skizze nur eine grobe Zusammenstellung. Die tatsächliche Entwicklung war keineswegs so linear (von Station zu Station), wie die Skizze suggeriert. Sie soll nur einen groben Überblick und die Verknüpfung der verschiedenen Mythen darstellen. Hislop zeigt in seinem Buch noch viele Parallelen zu Nimrod, Semiramis und Kusch (Nimrods Vater) … |
Wirft man einen zweiten Blick auf die Götter und denkt daran, dass es nur normale Menschen waren, die mit Fantasie ausgeschmückt wurden, dann machen Hislops Vermutungen Sinn: Wer könnte sich anders hinter Adonis, dem berühmten Jäger, als Nimrod verbergen, den gewaltigen Jäger, um dessen Tod Venus (Nimrods Frau) so bitterlich weinte?
Auch wenn vieles von Hislop Spekulationen sind, sollen diese hier im Kern auch angesprochen werden.
Die Legende von Nimrod und “Semiramis”
Viele Sagen umgeben Nimrod und “Semiramis”[1]. Einmal wird Nimrod vom Turm zu Babel erschlagen, dann heißt es wiederum, dass der Turm noch nach Nimrods Tod stand. Was ist wirklich passiert? Veith und Hislop kommen bei ihrem Versuch der Rekonstruktion in etwa zum folgenden Ergebnis:
Das System der Anbetung, das sich in den vielen Religionen widerspiegelt, hat vermutlich seinen Ursprung in der Legende des Nimrod (hebräisch = Rebellion) und seiner Frau “Semiramis” (ihr echter Name war vermutlich ein anderer). Nimrod war ein Abtrünniger und rebellierte gegen Gott (wie sein Vater Kusch zuvor?). Schließlich wurde er wegen seiner bösen Taten getötet. Nach dem alten patriarchalischen System wurden die Teile seines Körpers als Abschreckung zu verschiedenen Städten geschickt. (Große Trauer um Nimrod?). Seine Frau “Semiramis” verbreitete das Gerücht, dass er zum Himmel aufgestiegen war, wo er eins mit der Sonne wurde. Dort regiert er am Himmel und in der Nacht in der Unterwelt. Als “Semiramis” später einen Sohn gebar, behauptete sie, es wäre die Reinkarnation ihres vergöttlichten Mannes, und dass er als Retter der Menschheit zurückgekommen wäre. Ferner wird “Semiramis” zugeschrieben, Babylon aufgebaut zu haben. Sie wurde später selbst eine Göttin (als die Mutter Gottes), die zum Himmel auffuhr und daher als die Königin des Himmels bezeichnet wurde. Von dort an regierte sie zusammen mit dem Sonnengott im Himmel. Evtl. kam auch der Sohn tragisch (Jagdunfall?) ums Leben (große Trauer um den Sohn?).
Analogien und Spekulationen – na und?
Das hier Präsentierte ist spekulativ und mag uns nicht sonderlich beeindrucken. Ähnlichkeiten gibt es – schön und gut, aber wozu die Aufregung? Selbst wenn die vielen Mythen auf Nimrod und Semiramis zurückgehen, was soll es? Geht es uns Christen überhaupt etwas an?
Ja, denn besonders die “Mutter-und-Kind-Verehrung” muss skeptisch beurteilt werden. In der Bibel finden wir diese nicht, wohl aber in zahlreichen heidnischen Religionen. Schlimmer: Teilweise laufen manche Bräuche konträr zu dem, was die Bibel lehrt. Anstatt sich an “unseren himmlischen Vater” zu wenden, werden bis heute Gebete und Bitten an Maria gerichtet. Sie wird als Mittlerin und manchmal sogar als Miterlöserin bezeichnet, auch wenn dieses nicht als Dogma von der römisch-katholischen Kirche eingeführt wurde. Entsprechende Tendenzen haben sich auch in der Kunst niedergeschlagen:
![]() Marias zertritt der Schlange den Kopf (Foto: Wolfgang Sauber, CC BY-SA 3.0) | Das Bild links zeigt ein ehemaliges Altargemälde aus dem Jahr 1728 von Martino Altomonte. Dieses Gemälde zeigt, wie typisch für Maria-Immaculata-Darstellungen, wie Maria der Schlage den Kopf zertritt. Diese symbolische Darstellung geht auf eine Verheißung aus dem 1. Buch Mose sich auf Jesus bezieht, aber traditionell von der röm-kath. Kirche durch die Vulgata‑Lesart[5] auf Maria gedeutet wurde. Rechts: Maria mit Wundmalen der Kreuzigung und mit “Flammen-Herz”. Stolz wird sie als Miterlöserin, Vermittlerin aller Gnade und Fürsprecherin bezeichnet! Äußerungen, die im deutlichen Widerspruch zur Bibel stehen. | ![]() Maria mit Wundmalen |
Das meiste war bis jetzt nur Theorie, aber was sind die praktischen Konsequenzen? Wie genau sieht der heidnische Einfluss auf uns aus?
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Fußnoten
[1] Historisch belegt ist eine assyrische Königin Šammu-ramat (Ŝammurāmat), regierend um 811–808 v. Chr. Semiramis sei eine griechische Abwandlung des ursprünglichen Namens. Es ist nicht auszuschließen, dass der Name auch von Nimrods Frau getragen wurde, aber dies bleibt unbelegt.
[2] Die klassische Überlieferung (Gylfaginning 50) gibt Loki als Drahtzieher an, der Höðr zur Tat verleitet. Hinweise auf eine alleinige Verantwortung Höðrs entstammen spätmittelalterlichen oder neuzeitlichen Deutungen.
[3] In Gylfaginning 50 und Skáldskaparmál 36 heißt es, die Asen hätten zum Zeitvertreib Waffen auf Baldr geworfen, da sie glaubten, er sei unverwundbar.
[4] Die Bezeichnungen orientieren sich an Planeten und Göttern:
- Sonntag: Sunndagr („Tag der Sonne“, nord. Sól)
- Montag: Mánadagr („Tag des Mondes“, nord. Máni)
- Dienstag: Týsdagr (Týr)
- Mittwoch: Óðinsdagr (Odin/Wodan)
- Donnerstag: Þórsdagr (Thor)
- Freitag: Frjádagr (Freyja bzw. im Englischen Frigg)
- Samstag: Laugardagr („Badetag“) bzw. im Althochdeutschen sabbat tag (Sabbattag);
[5] Hieronymus’ lateinische Übersetzung (Ende 4. Jh.) wurde 1546 vom Konzil von Trient als „authentische“ Bibelausgabe anerkannt. Heute liegt sie überarbeitet vor, da sie mit den hebräischen, älteren Quellen, abgeglichen wurde.




























