Die Götter der alten Welt

Die­ser Abschnitt ist als kur­ze Zusam­men­fas­sung zu ver­ste­hen. Eine detail­lier­te Unter­su­chung der ein­zel­nen Mythen und deren Zusam­men­hän­ge kann hier lei­der nicht gebo­ten wer­den. Wer sich nicht so sehr für die alten Göt­ter­vor­stel­lun­gen inter­es­siert, kann die­sen Abschnitt über­sprin­gen und direkt zum nächs­ten Kapi­tel wech­seln: Der heid­ni­sche Ein­fluss aufs Chris­ten­tum

Die The­ma­tik ist den­noch auch für Chris­ten rele­vant, da alte Moti­ve sich auch in christ­li­chen Kir­chen wider­spie­geln.

Es ist unwahr­schein­lich, dass sich all die­se Ele­men­te unab­hän­gig von­ein­an­der ent­wi­ckelt haben.


Isis und Osiris in Ägypten



Aus­schnitt des ägyp­ti­schen Stamm­baums
Isis ist in der ägyp­ti­schen Mytho­lo­gie vor allem Göt­tin von Magie, Mut­ter­schaft und Schutz. Sie ist die Toch­ter von Geb (Erde) und Nut (Him­mel) und Schwes­ter-Gemah­lin des Osi­ris.
Osi­ris wur­de von ihrem Bru­der Seth ermor­det und spä­ter zer­stü­ckelt. Eini­ge Inschrif­ten wei­sen dar­auf hin, dass Isis den Tod ihres Man­nes vor­her­ge­se­hen hat. (Dies ist eine Par­al­le­le zu Venus.)
Isis gelang es jedoch, die meis­ten Kör­per­tei­le wie­der ein­zu­sam­meln.

Nach­dem Osi­ris für kur­ze Zeit wie­der­be­lebt war, konn­te sie Horus emp­fan­gen. Osi­ris wur­de zum Herr­scher der Unter­welt (Duat), und Horus bekämpf­te spä­ter Seth, um sei­nen Vater zu rächen.


Die Göt­tin Isis
mit Son­nen­schei­be
(Tem­pel von Aby­dos)
Isis und Hathor sind eigen­stän­di­ge, aber eng ver­wand­te Göt­tin­nen. Hathor („Haus des Horus“, Ḥwt-Ḥr) ist eine sehr alte Him­mels- und Lie­bes­göt­tin, auch mit Musik, Fest­kul­tur und dem „Auge des Ra“ ver­bun­den. Durch Syn­kre­tis­mus, beson­ders in spä­te­rer Zeit, erscheint Isis häu­fig mit dem Hathor-Head­dress (Son­nen­schei­be zwi­schen Kuh­hör­nern). Lokal­theo­lo­gien nen­nen Hathor teils Mut­ter, teils Gemah­lin des Horus. Horus tritt in zahl­rei­chen For­men auf. Zu unter­schei­den sind u. a. Horus der Älte­re (Haroe­ris) und Horus das Kind (Har­po­kra­tes), der Sohn von Isis und Osi­ris.

Die Göt­tin Isis mit Kind
(ca. 664–525 v. Chr.)

Horus ist eng mit König­tum, Him­mel und Son­ne ver­bun­den; in der Son­nen-Theo­lo­gie erscheint die Ver­schmel­zung Ra-Harach­te („Ra-Horus am Hori­zont“).

Der Isis-Kult ver­brei­te­te sich im Mit­tel­meer­raum und ist in Ita­li­en seit dem 2. Jahr­hun­dert v. Chr. nach­weis­bar. In der spä­ten Repu­blik kam es zu zeit­wei­li­gen Ver­bo­ten; in der Kai­ser­zeit ent­stan­den offi­zi­el­le Isis-Tem­pel in Rom. Die Kult­pra­xis blieb bis in die Spät­an­ti­ke leben­dig.

Nach dem Auf­stieg des Chris­ten­tums in Rom ver­schwand der Kult all­mäh­lich, was ja auch kein Wun­der war. Gleich­zei­tig ent­wi­ckel­te sich bei Chris­ten die Ver­eh­rung der Jung­frau mit Kind. wie sie in ande­ren Reli­gio­nen und bei den Isis-Ver­eh­rern bekannt war.

Es herrscht eine gewis­se Ver­wir­rung bezüg­lich des Kin­des in den Armen der Isis. Einer­seits liegt es nahe, dass es sich um Horus han­delt, aber ande­rer­seits wur­de Isis auch mit Son­nen­schei­be und Kind dar­ge­stellt. Man beach­te, dass Isis mit Son­nen­schei­be bereits eine Ver­schmel­zung mit Hathor, also der Gat­tin Horus, dar­stellt!


Isis mit Kind
(1. Jahr­hun­dert n. Chr.)
Wie kann man die­ses erklären?Hathor (Ḥwt‑Ḥr „Haus des Horus“) ist eine seit der Früh­zeit bezeug­te ägyp­ti­sche Göt­tin die u. a. als Him­mels­göt­tin betrach­tet wur­de; sie fun­giert häu­fig als „Auge des Ra“. In helio­po­li­ta­ni­schen Tra­di­tio­nen kann sie mit Ras Gefähr­tin in Bezie­hung gesetzt wer­den. In der frü­hen ägyp­ti­schen Geschich­te wird Ra (der Son­nen­gott) mit Horus iden­ti­fi­ziert, der als Fal­ke oder Fal­ken-Gott dar­ge­stellt wur­de.
Hathor ist eine sehr umfas­sen­de, stark syn­kre­ti­sche Göt­tin und hat­te vie­le Attri­bu­te von ande­ren Göt­tin­nen, z. B. Mut­ter­aspek­te. Man­che gehen so weit, von einer Urform der “Gro­ßen Mut­ter” zu spre­chen.
Horus erscheint in meh­re­ren Gestal­ten: u. a. Horus das Kind (griech. Har­po­kra­tes), Sohn von Isis und Osi­ris, und Horus der Älte­re (Haroe­ris). Früh ist Horus beson­ders mit Ober­ägyp­ten (Süden) ver­bun­den; ins­ge­samt exis­tie­ren zahl­rei­che loka­le und theo­lo­gi­sche For­men (z. B. Ra‑Harachte), die teils ver­schmel­zen. Horus wur­de auch der gött­li­che Pro­to­typ der Pha­rao­nen.

Horus exis­tiert in meh­re­ren Gestal­ten. Horus der Älte­re (Haroe­ris) ist in Ober­ägyp­ten wich­tig; Horus, der Sohn der Isis (Har­po­kra­tes), ist der Thron­er­be und Geg­ner des Seth. Die Gegen­über­stel­lung Horus–Seth spie­gelt oft die „Zwei Län­der“; übli­cher ist die Paa­rung Horus = Nor­den (Unter­ägyp­ten) und Seth = Süden (Ober­ägyp­ten), mit Vari­an­ten. Der Mythos vom Königs­streit endet in vie­len Fas­sun­gen mit dem Sieg oder der Aus­glei­chung zuguns­ten Horus und steht sinn­bild­lich für die Reichs­ein­heit.
Osi­ris ist eng mit dem untergehenden/verborgenen Son­nen­aspekt; Horus wird in der Son­nen-Theo­lo­gie mit Ra ver­schmol­zen.

Hal­ten wir fol­gen­de Punk­te fest:

Wich­ti­ge Punk­te:

  • Osi­ris (Gat­te) kommt gewalt­sam ums Leben; Zer­stü­cke­lung des Kör­pers.
  • Osi­ris wird mit der unter­ge­hen­den Son­ne gleich­ge­setzt.
  • Isis wird spä­ter schwan­ger (dadurch, dass sie Osi­ris kurz zusam­men­ge­flickt hat) und gebärt einen Sohn (Horus).
  • Osi­ris geht als Herr­scher in die Unter­welt
  • Anbe­tung von Hathor/Isis und Horus/Osi­ris (Mut­ter-/Kind(Ehemann)-Verehrung)

Als der grie­chi­sche Geschichts­schrei­ber Hero­dot die dama­li­ge Welt bereis­te, kam er auch mit den ägyp­ti­schen Göt­tern in Kon­takt. Hero­dot leb­te 484–425 v. Chr. und wur­de von Cice­ro als den “Vater der Geschichts­schrei­bung” bezeich­net. Er unter­nahm spä­ter aus­ge­dehn­te Rei­sen durch Klein­asi­en, Baby­lo­ni­en, Ägyp­ten und Grie­chen­land. Sei­ne letz­ten Lebens­jah­re ver­brach­te er mit der Fer­tig­stel­lung sei­nes gro­ßen Geschichts­wer­kes “His­to­ries Apo­de­i­xis” (For­schungs­be­richt), das zu den wich­tigs­ten Quel­len für die Geschich­te der Alten Welt und der Per­ser­krie­ge zählt. Obwohl sei­ne Dar­stel­lun­gen nicht immer ganz genau sind, wur­den sei­ne Anga­ben spä­ter oft durch die For­schung bestä­tigt. Auch Dio­do­rus Sicu­lus war ein grie­chi­scher His­to­ri­ker, der etwa zur Zeit Juli­us Cäsars leb­te. Obwohl er zu den alten Exper­ten für anti­ke Geschich­te gehört. Er ist ein Kom­pi­la­tor, der stark von älte­ren Quel­len (z. B. Heka­tai­os, Hero­dot, Kte­si­as) abhängt und teils para­phra­siert. Die Semi­ra­mis-Pas­sa­gen gehen wohl v. a. auf Kte­si­as zurück.

Bei­de schrie­ben, dass Isis der Göt­tin Ceres (Deme­ter) ent­spricht. Manch­mal wird Hathor mit der Aphro­di­te (Venus) gleich­ge­setzt (sie­he Venus/Ado­nis).


Demeter und Persephone in Griechenland (auch Rom)

Die Sage von Deme­ter und ihrer Toch­ter Per­se­pho­ne (griech. Kore; röm. Pro­ser­pi­na) – wobei Ceres der römi­schen Ent­spre­chung der Deme­ter ent­spricht – nimmt inso­fern eine Aus­nah­me unter den Vege­ta­ti­ons­my­then ein, als hier nicht ein Sohn (etwa Plu­tus), son­dern die Mut­ter ihre Toch­ter ver­liert. Ent­spre­chend blei­ben die Par­al­le­len zu ande­ren Mythen weni­ger augen­fäl­lig.



Aus­schnitt des griech. Stamm­baums
Deme­ter, in der grie­chi­schen Mytho­lo­gie die Göt­tin von Acker­bau und Frucht­bar­keit, ist eine Schwes­ter des Zeus. Damit ent­steht eine Ana­lo­gie zu Isis und Osi­ris – Geschwis­ter­ver­bin­dun­gen kom­men in Mythen häu­fig vor (etwa Kro­nos und Rhea). Aus der Ver­bin­dung mit Zeus geht die Toch­ter Per­se­pho­ne her­vor. Wie in der ägyp­ti­schen Sage tritt auch hier ein Geschwis­ter­gott als Ant­ago­nist auf: Hades, Gott der Unter­welt, ent­führt Per­se­pho­ne.

Deme­ter ist über die Ent­füh­rung ihrer Toch­ter so sehr bestürzt, dass sie die Erde ver­fal­len lässt: Fel­der lie­gen brach, Pflan­zen wel­ken, und die Men­schen lei­den Hun­ger.

Schließ­lich zwingt Zeus Hades zur Her­aus­ga­be Per­se­pho­nes, doch zuvor hat­te sie von ihm Gra­nat­ap­fel­ker­ne erhal­ten und muss daher jähr­lich die Hälf­te des Jah­res (in man­chen Ver­sio­nen sechs Mona­te) in der Unter­welt ver­brin­gen. Mit Rück­kehr Per­se­pho­nes im Früh­ling erwacht die Natur zum Leben, im Herbst, wenn sie wie­der hin­ab­steigt, ver­fällt sie erneut in Trau­er. Die­ser Mut­ter-Toch­ter-Zyklus steht in Ana­lo­gie zu den Mythen vom „ster­ben­den“ Vege­ta­ti­ons­gott (z. B. Ischtar/Tammus, Venus/Adonis), bleibt gegen­über den ägyp­ti­schen Erzäh­lun­gen in Figu­ren und Details jedoch eigen­stän­dig.
Demeter/Ceres

Den­noch berich­tet Dio­do­rus Sicu­lus (Biblio­the­ca his­to­ri­ca 1,14) über den Ceres-Kult in Rom: „Orpheus führ­te die meis­ten mys­ti­schen Zere­mo­nien ein – die orgi­as­ti­schen Fei­ern zur Pro­zes­si­on der Ceres und die gan­ze Fabel von den Unter­welts­rei­sen aus Ägyp­ten. Die Riten des Osi­ris und des Bac­chus sind die­sel­ben, und die der Isis und der Ceres glei­chen sich bis auf den Namen.“ Am Ran­de sei ange­merkt, dass die berühm­te Sta­tue des Kephisó­do­tos des Älte­ren (um 380 v. Chr.) nicht Ceres mit Plu­tus, son­dern die Frie­dens­göt­tin Eire­ne zeigt, wie sie den Kna­ben Plou­tos in den Armen hält. In den home­ri­schen Hym­nen ist Plou­tos der Sohn der Deme­ter und des Iasi­on.

Hal­ten wir die wich­tigs­ten Punk­te fest:

  • Dio­do­rus Sicu­lus ver­gleicht in sei­nen Berich­ten (Biblio­the­ca his­to­ri­ca 1, 14) aus­drück­lich die Mys­te­ri­en-Riten: Die Zere­mo­nien von Isis und Ceres stim­men bis auf den Namen in Ablauf, Pro­zes­si­on und Kla­ge­lie­dern weit­ge­hend über­ein.
  • Deme­ter ist als Göt­tin der Land­wirt­schaft und Feld­früch­te eine klas­si­sche Vege­ta­ti­ons­göt­tin; Par­al­le­len fin­den sich in Mythen zu Inanna/Ishtar, Tam­muz oder Ado­nis.
  • Ihren Bru­der Zeus hei­ra­tet sie (im mythi­schen Sinn) und gebiert Per­se­pho­ne, wie die Geschwis­ter Isis und Osi­ris Nach­wuchs zeug­ten.
  • Der Bru­der Hades (Ana­lo­gie zu Seth: Bru­der als Ant­ago­nist) berei­tet Deme­ter gro­ßen Kum­mer, indem er Per­se­pho­ne ent­führt.
  • Per­se­pho­ne darf unter einer bestimm­ten Bedin­gung (Ana­lo­gie zu Isch­tar, Inan­na, Bal­der) die Unter­welt ver­las­sen.
  • Regel­mä­ßi­ge Trau­er von Deme­ter um Per­se­pho­ne (Ana­lo­gie zu Isch­tar/Tam­mus, Venus/Ado­nis – „ster­ben­den und wie­der­keh­ren­den“ Frucht­bar­keits­my­then).

Ishtar und Tammus, Astarte und Baal in Babylon, Assyrien


Ishtar of Mari
(18. Jahr­hun­dert v. Chr.)
Auch hier tref­fen wir auf ein gewis­ses Sche­ma: Isch­tar, eine der baby­lo­ni­schen Haupt­göt­ter, galt unter ande­rem als “die gro­ße Mut­ter”, Lie­bes- und Frucht­bar­keits­göt­tin und als Him­mels­kö­ni­gin. Sol­che Frucht­bar­keits­göt­tin­nen wur­den in der gan­zen alten Welt unter vie­len ver­schie­de­nen Namen ver­ehrt: Isch­tar, Athtar, Astar, Asht­art, Asch­to­ret, Eost­re, East­re, Ost­are, Ost­ara, usw. Aus alt­ba­by­lo­ni­schen Zei­ten gibt es Abbil­dun­gen von Göt­tin­nen als Mut­ter mit einem Kind an der Brust.
Bei den Assy­rern wur­de sie (unter dem Namen Astar­te auch als Göt­tin der Jagd und des Krie­ges ver­ehrt und wur­de mit Schwert, Bogen und Pfei­len im Köcher dar­ge­stellt.
Das Bild links zeigt die “Ishtar of Mari”. Man beach­te, dass sie ein Gefäß in den Hän­den hält! – Wie ich am Anfang erwähn­te: Die­ses Motiv (Frau mit Gefäß) ist fast über­all zu fin­den: in Baby­lon, Grie­chen­land, Rom und auf päpst­li­chen Mün­zen…

Asche­ra

Links: Asche­ra und Astar­te sind zwei wich­ti­ge weib­li­che Gott­hei­ten des alten Vor­de­ren Ori­ents, deren Figu­ren in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren vor­kom­men und im Lau­fe der Jahr­tau­sen­de viel­fach syn­kre­ti­siert wur­den. In schrift­li­chen Quel­len ver­schwim­men die Gren­zen, wenn etwa Inschrif­ten sowohl Asche­ra als auch Astar­te nen­nen oder Sym­bo­le (z. B. Ster­ne) aus­tausch­bar ein­ge­setzt wer­den.
Astar­te (Aštart) war in phö­ni­zi­schen Städ­ten eine der wich­tigs­ten Göt­tin­nen. Sie wur­de vor allem mit Lie­be, Sexualität/Fruchtbarkeit und teils auch mit Krieg in Ver­bin­dung gebracht. Sie sym­bo­li­sier­te das weib­li­che Prin­zip in vie­len Aspek­ten, so wie Baal (=“Herr”, Ana­lo­gie zu Ado­nis!) die Männ­lich­keit per­so­ni­fi­zier­te.

Baal

Baal“ (‚Herr‘) ist ein Titel, der ver­schie­de­ne Gott­hei­ten bezeich­net; in Syrien/Phönizien ist damit meist der Sturm- und Regen­gott Baal Hadad gemeint, der durch Regen die Frucht­bar­keit des Lan­des sicher­te und daher für die Frucht­bar­keit wich­tig war.

In der Geschich­te Isra­els kam es immer wie­der zum trau­ri­gen Abfall von Gott, wo die Israe­li­ten Baal oder Astar­te anbe­te­ten: sie­he z. B. 1.Kön 16,31; 1.Kön 18,21; Jer 2,8; 1.Kön 11,5f; 2.Kön 23,13, usw.

Isch­tar und Tam­muz sind Lie­ben­de bzw. ritu­el­le Gemah­lin und Gemahl (hie­ros gamos), Manch­mal wird Tam­muz auch als die Lie­be ihrer Jugend bezeich­net (Ana­lo­gie zu Venus/Ado­nis). Er wird manch­mal als „treu­er Hir­te des Him­mels“ und manch­mal als ein Gott der Unter­welt bezeich­net, obwohl er eigent­lich dort fest­ge­hal­ten wird bzw. mit sei­ner Schwes­ter im Wech­sel dort auf­hält.

Tam­muz ist ein Hir­ten- und Vege­ta­ti­ons­gott, des­sen Abwe­sen­heit und Rück­kehr den jah­res­zeit­li­chen Wech­sel der Frucht­bar­keit sym­bo­li­siert – oft wird hier eine Par­al­le­le zu Ado­nis gezo­gen. Inanna/Ishtar wird aus der Unter­welt durch die Inter­ven­ti­on Enkis/Eas befreit und muss dafür einen Ersatz bestim­men; sie trifft die Wahl auf Tam­muz, der spä­ter im Wech­sel mit sei­ner Schwes­ter einen Teil des Jah­res in der Unter­welt ver­bringt. An die­se Vor­stel­lung knüp­fen die jähr­li­chen Klagri­ten im Monat Tam­muz (Juni/Juli) an; auch die Bibel erwähnt das „Wei­nen um Tam­muz“ (Hes 8,14).

Isht­ars Him­mels­zei­chen ist die Venus; ihr typi­sches Tier ist der Löwe. Manch­mal wer­den auch die Venus und ein Dra­che mit ihr ver­bun­den.

Wich­ti­ge Punk­te:

  • Ishtar/Inanna und Tammuz/Dumuzi sind ein Lie­bes­paar bzw. ritu­el­le Gemah­lin und Gemahl.
  • Tam­muz = Dumu­zi (Vege­ta­ti­ons­gott); Baal war vor allem ein Sturm‑, Regen- und Vege­ta­ti­ons­gott. Sein Name bedeu­tet “Herr” (Ana­lo­gie zu Ado­nis).
  • Tam­muz und Ishtar gin­gen zeit­wei­se in die Unter­welt (Ana­lo­gie zu Isis & Osi­ris – wobei Osi­ris jedoch um Gott der Unter­welt wur­de).
  • Kla­ge um Tammuz/Dumuzi ist belegt; sie kann moti­visch mit Deme­ters bzw. Venus’/Demeters Trau­er um den ver­lo­re­nen Geliebten/Angehörigen ver­gli­chen wer­den
  • Ishtar/Inanna ver­eint Attri­bu­te von Lie­be und Sexua­li­tät, Frucht­bar­keit und – je nach Tra­di­ti­on – auch Krieg; häu­fig trägt sie den Titel „Köni­gin des Him­mels“ und ist mit der Venus ver­bun­den. Moti­vi­sche Par­al­le­len fin­den sich daher zu Aphrodite/Venus (Lie­be), zu Deme­ter (Frucht­bar­keit) und in ein­zel­nen Aspek­ten zu Hathor.

Es gibt einen inter­es­san­ten Ver­gleich zur Arte­mis von Ephe­sos (römisch: Dia­na), einer eigen­stän­di­gen Kult­ge­stalt der Arte­mis in Klein­asi­en. In ver­schie­de­nen Reli­gio­nen des Alten Ori­ents und des Mit­tel­meer­raums fin­den sich mäch­ti­ge weib­li­che Gott­hei­ten mit Him­mels- und Herr­schafts­ti­teln; Ishtar/Inanna wird bei­spiels­wei­se als „Köni­gin des Him­mels“ bezeich­net, und auch Isis erhält in spä­te­rer Zeit ver­gleich­ba­re Hoheits­ti­tel. Der Mari­en­ti­tel Köni­gin des Him­mels“ (Regi­na cae­li) ist in der christ­li­chen Tra­di­ti­on eben­falls ver­brei­tet.

Arte­mis war in Grie­chen­land vor allem Göt­tin der Wild­nis, der Jagd und der Tie­re; zugleich galt sie als Schutz­göt­tin von Schwan­ger­schaft und Geburt. Die Römer setz­ten sie mit Dia­na gleich. In Ephe­sos wur­de Arte­mis in einer eigen­stän­di­gen Kult­form ver­ehrt (Arte­mis Ephe­sia), deren iko­no­gra­fi­sche „Brust“-Appliken häu­fig als Frucht­bar­keits­sym­bol gedeu­tet wer­den.


Arte­mis
Der Arte­mi­si­on-Tem­pel gehör­te zu den anti­ken Welt­wun­dern und war ein bedeu­ten­des Pil­ger­zen­trum; er wur­de im 3. Jahr­hun­dert n. Chr. bei goti­schen Ein­fäl­len schwer zer­stört. Ephe­sos wur­de spä­ter auch ein wich­ti­ger Ort der Mari­en­ver­eh­rung (u. a. durch das Kon­zil von Ephe­sos 431); die Tra­di­ti­on, Maria habe in der Regi­on Ephe­sos gelebt und sei dort gestor­ben, ist kirch­lich über­lie­fert. Zugleich gibt es eine Legen­de, dass Maria, die Mut­ter Jesus Chris­tus, in den Him­mel auf­ge­fah­ren ist. Die­se Legen­de wur­de 1950 zum Glau­bens­dog­ma, obwohl die Bibel nichts der­glei­chen berich­tet. Links Arte­mis / rechts Dia­na von Ephe­sus: Man beach­te die Son­nen­schei­ben hin­ter den Köp­fen. Die­se Schei­be ist der Ursprung der heu­ti­gen “Hei­li­gen­schei­ne”.
Dia­na von
Ephe­sus

His­lop geht auf den Turm auf den Kopf Dia­nas ein und iden­ti­fi­ziert sie als Semi­ra­mis, die laut Legen­den die ers­ten Mau­ern von Baby­lon bau­en ließ. Dies ist aber sehr umstrit­ten. Es gibt übri­gens auch Isis-Bil­der mit turm­ar­ti­gem Kopf­schmuck.

Da die Kul­tu­ren Meso­po­ta­mi­ens (Sumer, Akkad, Baby­lo­ni­en, Assy­ri­en) reli­gi­ös eng mit­ein­an­der ver­bun­den sind, begeg­nen Ishtar/Inanna und Dumuzi/Tammuz in unter­schied­li­chen Regio­nen und Sprach­stu­fen unter ver­schie­de­nen Namens­for­men und loka­len Aus­prä­gun­gen.


Inanna und Dumuzi in Mesopotamien

Dumu­zi (sume­risch) bzw. Tam­muz (akka­disch) ist eine früh bezeug­te Vege­ta­ti­ons- und Hirten­gottheit. In Inan­nas/mythischem Unterwelts­gang (Hym­nus Inanna’s Des­cent) steigt die Göt­tin frei­wil­lig in die Unter­welt hin­ab, wo sie von ihrer Schwes­ter Eresh­ki­gal getö­tet und drei Tage im Jen­seits fest­ge­hal­ten wird. Der Gott Enki/Ea sen­det hei­li­ges Was­ser („lebens­spen­den­des Was­ser“), mit des­sen Hil­fe Inan­na wie­der leben­dig wird. Weil sie ohne Ersatz nicht dau­er­haft in die Ober­welt zurück­keh­ren kann, muss sie einen Stell­ver­tre­ter bestim­men: Dumu­zi muss dar­auf­hin einen Teil des Jah­res im Toten­reich (spä­ter im Wech­sel mit sei­ner Schwes­ter Geš­tin­an­na) ver­brin­gen, was im Kult durch jähr­li­che Klag- und Trau­er­ri­ten im Monat Duʾū­zu (Tam­muz) began­gen wird.


Inan­na von Susa
(ca. 1500–1100 v. Chr)
Im sume­ri­schen Kalen­der begann das Jahr im Früh­ling mit dem Monat Nis­an­nu (etwa März/April). Dumu­zi (akka­disch Tam­muz), der Hir­ten- und Vege­ta­ti­ons­gott, zog sich dage­gen in den hei­ßen Som­mer­mo­na­ten in die Unter­welt zurück. Im Monat Duʾū­zu (Tam­muz) gedenkt man sei­ner Abwe­sen­heit mit Trauer­zeremonien; sei­ne Rück­kehr im Herbst ließ dann Fel­der und Her­den wie­der auf­blü­hen. Par­al­lel dazu fei­er­ten die Tem­pel­fes­te in Uruk, Eri­du und ande­ren Kult­zen­tren das soge­nann­te „hei­li­ge Ehe­paar“ (hie­ros gamos). Dabei nahm eine Pries­te­rin die Rol­le der Inanna/Ishtar ein, ein Pries­ter fun­gier­te als Dumu­zi.
Ein Inanna/Ishtar zuge­schrie­be­nes Reli­ef – es fehlt aber eine text­li­che Iden­ti­fi­ka­ti­on.
(Foto: Babel­S­tone, CC0)

Die ritu­el­le Ver­bin­dung der bei­den sicher­te sym­bo­lisch die Frucht­bar­keit von Land und Volk. Inan­na, sume­risch I‑ninna („Dame des Him­mels“), im Akka­di­schen Ištar, ist die per­so­ni­fi­zier­te Venus und eine der mäch­tigs­ten Gott­hei­ten Meso­po­ta­mi­ens. Sie herrscht über Lie­be, Sexua­li­tät, Frucht­bar­keit und Krieg, trägt den Ehren­ti­tel nin-nan­na („Her­rin des Him­mels“) und wird iko­no­gra­fisch durch Zep­ter, den acht­strah­li­gen Venus­stern und oft durch Löwen dar­ge­stellt. Sie wur­de ent­we­der als reich geklei­de­te, teils bewaff­ne­te Göt­tin oder als nack­te Frau dar­ge­stellt (als Ishtar).

Wich­ti­ge Punk­te:

  • Inan­na (sume­risch) und Ishtar (akka­disch) sind ein und die­sel­be Venus­göt­tin von Lie­be, Frucht­bar­keit und Krieg.
  • In ihrem Unter­welts­my­thos wird sie getö­tet, von Enki/Ea wie­der­be­lebt und bestimmt Dumuzi/Tammuz als Ersatz.
  • Dumuzi/Tammuz, ihr gemahl­ter Vege­ta­ti­ons- und Hirten­gott, wech­selt zwi­schen Unter- und Ober­welt und sym­bo­li­siert so Dür­re und Frucht­bar­keit.
  • Klagri­ten im Monat Duʾū­zu und hie­ros gamos-Tem­pel­fes­te fei­er­ten ritu­ell die Wie­der­ver­ei­ni­gung von Ishtar und Tam­muz zur Siche­rung der Frucht­bar­keit.
  • Iko­no­gra­fisch zeigt man sie durch den acht­strah­li­gen Venus­stern, die Hör­ner­kro­ne, Ring-und-Stab-Insi­gni­en und den Löwen.

Venus und Adonis in Rom (auch Griechenland)


Venus und Ado­nis
Venus ist die römi­sche Göt­tin der Lie­be und Schön­heit und ent­spricht der grie­chi­schen Aphro­di­te. In eini­gen Legen­den erhebt sie sich aus dem Schaum des Mee­res oder aus einer Muschel, und ihr Name kann mit “die Schaum­ge­bo­re­ne” über­setzt wer­den. In vie­len Dar­stel­lun­gen ist Aphro­di­te mit dem Schmie­de­gott Hephais­tos (römisch Vul­kan) ver­hei­ra­tet. Sowohl Venus als auch Aphro­di­te zei­gen sich jedoch ihren Göt­ter­gat­ten gegen­über wenig treu. Berühmt ist vor allem die Lie­bes­ge­schich­te mit dem schö­nen Jüng­ling Ado­nis (grie­chisch Ἄδωνις). Sein Name geht auf das semi­ti­sche adon („Herr“ – Ana­lo­gie zu Baal) zurück. In der klas­si­schen Legen­de wird Ado­nis nach sei­ner Geburt in die Obhut der Unter­welt­göt­tin Per­se­pho­ne, der Toch­ter der Deme­ter, gege­ben. Aphro­di­te und Per­se­pho­ne gera­ten des­halb in Streit um das Sor­ge­recht für den jun­gen Mann. Zeus ver­mit­telt und bestimmt, dass Ado­nis ein Drit­tel des Jah­res bei Per­se­pho­ne und zwei Drit­tel bei Aphro­di­te ver­brin­gen soll.

Trotz der ein­dring­li­chen War­nung der Göt­tin stürzt sich Ado­nis spä­ter in die gefähr­li­che Wild­schwein­jagd und wird dabei töd­lich von einem Eber ver­letzt. In grie­chi­schen Erzäh­lun­gen (u. a. Ovid, Meta­mor­pho­sen 10,506 ff.) wird der töd­li­che Eber teils als von Ares (in Eber­ge­stalt), teils als von Arte­mis gesandt dar­ge­stellt.

Der Gott Zeus ruft ihn aber für Aphro­di­te ins Leben zurück und ent­schei­det, dass Ado­nis die Win­ter­mo­na­te bei Per­se­pho­ne und die Som­mer­mo­na­te bei Aphro­di­te ver­brin­gen soll­te. Im Hoch­som­mer wur­de Ado­nis, meist von Frau­en mit Kla­ge­lie­dern geehrt. Dies ist eine deut­li­che Ana­lo­gie zu Tam­muz, der jähr­lich Juni/Juli starb und um den auch die Frau­en wein­ten.

Die Geschich­te von Ado­nis ist trotz eini­ger Varia­tio­nen ein wei­te­res Bei­spiel für die Geschich­te vom ster­ben­den Vege­ta­ti­ons­gott. Die nahe Ver­bin­dung mit Venus oder Per­se­pho­ne weist sei­nen Mythos der glei­chen Grup­pe von Mythen zu, in denen der männ­li­che Part­ner eines Paa­res stirbt und wie­der­ge­bo­ren wird.

Wich­ti­ge Punk­te:

  • Ado­nis heißt wie Baal Herr.
  • Ado­nis war ein Gott des Wachs­tums und der Natur (wie Baal, Tam­muz, Dumu­zi).
  • Venus ahnt den Tod Ado­nis’ (wie Frigg den Tod von Bal­der).
  • Ado­nis stirbt (gewalt­sam) und wird wie­der­be­lebt (wie Osirs, u.a.) – zumin­dest sai­so­nal.
  • Ado­nis wird im Hoch­som­mer durch Kla­ge­lie­der geehrt (Ana­lo­gie zu Tam­muz).

Die­sel­be Urge­schich­te wur­de sogar bis Skan­di­na­vi­en wei­ter­ge­tra­gen, wenn gleich mit stär­ke­ren Abän­de­run­gen.


Frigg und Balder in Skandinavien

Frigg (auch Frig­ga) ist in der alt­nor­di­schen Mytho­lo­gie die Gemah­lin Odins und Köni­gin der Asen. Sie gilt als Schutz­göt­tin von Ehe, Mut­ter­schaft und Haus­halt, ist mit Spin­nen und Weben ver­bun­den und ver­fügt über die Gabe der Weis­sa­gung. In der ver­glei­chen­den For­schung wird sie bis­wei­len mit Lie­bes- und Frucht­bar­keits­göt­tin­nen ande­rer Kul­tu­ren – etwa Frey­ja – in Bezie­hung gesetzt. Bal­der (Bal­dr, Bal­dur), Sohn Odins und Friggs, ist der Gott des Lichts, der Freu­de, Rein­heit und Schön­heit. Sein Bru­der Höðr (Hod) ist blind. Bal­ders strah­len­de Erschei­nung und sein tra­gi­scher Tod nach Lokis List zäh­len zu den zen­tra­len Erzäh­lun­gen der nor­di­schen Mytho­lo­gie.

Frigg und die Asen erschra­ken, als Bal­der Unheil träum­te. Dar­auf nahm Frigg von allem in der Welt Eid, Bal­der kei­nen Scha­den zuzu­fü­gen, nur die jun­ge Mis­tel ließ sie aus. Loki[2], der lis­ten­rei­che Gefähr­te der Asen von jotu­ni­scher Abstam­mung, fer­tig­te aus der Mis­tel einen Wurf­spieß und lenk­te den blin­den Höðr (Hod), ihn beim Thing auf Bal­der zu schleu­dern[3]. Der Zweig traf Bal­der, und er sank tot zu Boden. Die Göt­ter trau­er­ten. Her­móðr, Odins Sohn, ritt auf Sleip­nir nach Hel, um Bal­ders Frei­ga­be zu erbit­ten. Hel wil­lig­te ein unter der Bedin­gung, dass alles in der Welt um Bal­der wei­ne. Alles wein­te – bis auf die Rie­sin Þökk (Thokk), die sich ver­wei­ger­te; man hielt sie für Loki in Ver­klei­dung. So muss­te Bal­der in Hel ver­blei­ben. Die Asen setz­ten Bal­der auf sein Schiff Hring­hor­ni und ver­brann­ten ihn mit sei­nen Bei­ga­ben, dar­un­ter sein Pferd; auch Nan­na, Bal­ders Gat­tin, wur­de dem Schei­ter­hau­fen bei­gege­ben. Bal­ders Tod gilt als Vor­zei­chen des Rag­na­r­ök. Nach dem Welt­un­ter­gang keh­ren Bal­der und Höðr aus Hel zurück und woh­nen mit den über­le­ben­den Göt­tern in der neu­ent­stan­de­nen Welt.

Wich­ti­ge Punk­te:

  • Frigg / Frey­ja ist Göt­tin der Lie­be (wie Hathor, Isch­tar, usw.).
  • Bal­der wur­de u. a. als Gott des Lichts bezeich­net, auch wenn es eine Extra­gott­heit für die Son­ne gab[4].
  • In man­chen Erzäh­lun­gen sieht (träumt) Frigg von Bal­ders Tod (ähn­lich wie Venus).
  • Hödr, sein Bru­der, tötet Bal­der, wenn auch ver­se­hent­lich. (Tötung des Bru­ders – ähn­lich wie Osi­ris und Seth).
  • Bal­der wird beweint (wie Tam­mus, Ado­nis, Dumu­zi), wenn auch ohne “Erfolg”.

Gibt es einen Ursprung und wo liegt er?

Die oben auf­ge­führ­ten Mythen zei­gen deut­lich ihre Verwandtschaft/Ähnlichkeit, auch wenn nicht alle Details analysiert/betrachtet wer­den konn­ten. So lässt sich noch sehr viel z. B. über Bac­chus (Dio­ny­sos) sagen. Auch die Aspek­te der Son­nen­an­be­tung sind bis jetzt fast völ­lig unbe­ach­tet geblie­ben … eben­so die Rol­le des Kin­des.

Die­se Ana­lo­gien bewei­sen streng genom­men nichts. Es könn­te sich in allen Fäl­len um unab­hän­gi­ge Par­al­lel­ent­wick­lun­gen in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren han­deln. Der Zyklus der Jah­res­zei­ten, die Abhän­gig­keit von der Frucht­bar­keit der Natur, die Fort­pflan­zung, Lie­be, Sexua­li­tät und Krieg – die­se Grund­the­men kön­nen zu ähn­li­chen Vor­stel­lun­gen geführt haben. Auf der ande­ren Sei­te ist es Fakt, dass Kul­tu­ren sich gegen­sei­tig beein­flusst haben und es zur Über­nah­me von Vor­stel­lun­gen, Riten und reli­giö­sen Kon­zep­ten gekom­men ist. Die Bibel zeugt davon, wie das Volk Got­tes sich immer wie­der den heid­ni­schen Bräu­chen und Göt­tern zuge­wen­det hat. War­um soll­te es in ande­ren Kul­tu­ren anders gewe­sen sein? Und war­um soll­te es im Chris­ten­tum anders gewe­sen sein?

Die Zeich­nung links soll ver­an­schau­li­chen, wie sich aus einer wirk­li­chen Geschich­te, ein Mythos ent­wi­ckelt haben könn­te: Die ein­zel­nen Mythen in den Län­dern sind mit­ein­an­der durch über­ein­stim­men­de Merk­ma­le ver­bun­den. Die ursprüng­li­che Geschich­te hat sich durch die ver­schie­de­nen Län­der immer wei­ter aus­ge­brei­tet, wobei die eigent­li­chen Bege­ben­hei­ten immer mehr ver­zerrt und anders aus­ge­schmückt wur­den. Natür­lich ist die­se Skiz­ze nur eine gro­be Zusam­men­stel­lung. Die tat­säch­li­che Ent­wick­lung war kei­nes­wegs so line­ar (von Sta­ti­on zu Sta­ti­on), wie die Skiz­ze sug­ge­riert. Sie soll nur einen gro­ben Über­blick und die Ver­knüp­fung der ver­schie­de­nen Mythen dar­stel­len. His­lop zeigt in sei­nem Buch noch vie­le Par­al­le­len zu Nim­rod, Semi­ra­mis und Kusch (Nim­rods Vater) …

Wirft man einen zwei­ten Blick auf die Göt­ter und denkt dar­an, dass es nur nor­ma­le Men­schen waren, die mit Fan­ta­sie aus­ge­schmückt wur­den, dann machen His­lops Ver­mu­tun­gen Sinn: Wer könn­te sich anders hin­ter Ado­nis, dem berühm­ten Jäger, als Nim­rod ver­ber­gen, den gewal­ti­gen Jäger, um des­sen Tod Venus (Nim­rods Frau) so bit­ter­lich wein­te?

Auch wenn vie­les von His­lop Spe­ku­la­tio­nen sind, sol­len die­se hier im Kern auch ange­spro­chen wer­den.


Die Legende von Nimrod und “Semiramis”

Vie­le Sagen umge­ben Nim­rod und “Semi­ra­mis”[1]. Ein­mal wird Nim­rod vom Turm zu Babel erschla­gen, dann heißt es wie­der­um, dass der Turm noch nach Nim­rods Tod stand. Was ist wirk­lich pas­siert? Veith und His­lop kom­men bei ihrem Ver­such der Rekon­struk­ti­on in etwa zum fol­gen­den Ergeb­nis:

Das Sys­tem der Anbe­tung, das sich in den vie­len Reli­gio­nen wider­spie­gelt, hat ver­mut­lich sei­nen Ursprung in der Legen­de des Nim­rod (hebrä­isch = Rebel­li­on) und sei­ner Frau “Semi­ra­mis” (ihr ech­ter Name war ver­mut­lich ein ande­rer). Nim­rod war ein Abtrün­ni­ger und rebel­lier­te gegen Gott (wie sein Vater Kusch zuvor?). Schließ­lich wur­de er wegen sei­ner bösen Taten getö­tet. Nach dem alten patri­ar­cha­li­schen Sys­tem wur­den die Tei­le sei­nes Kör­pers als Abschre­ckung zu ver­schie­de­nen Städ­ten geschickt. (Gro­ße Trau­er um Nim­rod?). Sei­ne Frau “Semi­ra­mis” ver­brei­te­te das Gerücht, dass er zum Him­mel auf­ge­stie­gen war, wo er eins mit der Son­ne wur­de. Dort regiert er am Him­mel und in der Nacht in der Unter­welt. Als “Semi­ra­mis” spä­ter einen Sohn gebar, behaup­te­te sie, es wäre die Reinkar­na­ti­on ihres ver­gött­lich­ten Man­nes, und dass er als Ret­ter der Mensch­heit zurück­ge­kom­men wäre. Fer­ner wird “Semi­ra­mis” zuge­schrie­ben, Baby­lon auf­ge­baut zu haben. Sie wur­de spä­ter selbst eine Göt­tin (als die Mut­ter Got­tes), die zum Him­mel auf­fuhr und daher als die Köni­gin des Him­mels bezeich­net wur­de. Von dort an regier­te sie zusam­men mit dem Son­nen­gott im Him­mel. Evtl. kam auch der Sohn tra­gisch (Jagd­un­fall?) ums Leben (gro­ße Trau­er um den Sohn?).


Analogien und Spekulationen – na und?

Das hier Prä­sen­tier­te ist spe­ku­la­tiv und mag uns nicht son­der­lich beein­dru­cken. Ähn­lich­kei­ten gibt es – schön und gut, aber wozu die Auf­re­gung? Selbst wenn die vie­len Mythen auf Nim­rod und Semi­ra­mis zurück­ge­hen, was soll es? Geht es uns Chris­ten über­haupt etwas an?

Ja, denn beson­ders die “Mut­ter-und-Kind-Ver­eh­rung” muss skep­tisch beur­teilt wer­den. In der Bibel fin­den wir die­se nicht, wohl aber in zahl­rei­chen heid­ni­schen Reli­gio­nen. Schlim­mer: Teil­wei­se lau­fen man­che Bräu­che kon­trär zu dem, was die Bibel lehrt. Anstatt sich an “unse­ren himm­li­schen Vater” zu wen­den, wer­den bis heu­te Gebe­te und Bit­ten an Maria gerich­tet. Sie wird als Mitt­le­rin und manch­mal sogar als Mit­erlö­se­rin bezeich­net, auch wenn die­ses nicht als Dog­ma von der römisch-katho­li­schen Kir­che ein­ge­führt wur­de. Ent­spre­chen­de Ten­den­zen haben sich auch in der Kunst nie­der­ge­schla­gen:


Mari­as zer­tritt der Schlan­ge den Kopf
(Foto: Wolf­gang Sau­ber, CC BY-SA 3.0)
Das Bild links zeigt ein ehe­ma­li­ges Altar­ge­mäl­de aus dem Jahr 1728 von Mar­ti­no Alto­mon­te. Die­ses Gemäl­de zeigt, wie typisch für Maria-Imma­cu­la­ta-Dar­stel­lun­gen, wie Maria der Schla­ge den Kopf zer­tritt. Die­se sym­bo­li­sche Dar­stel­lung geht auf eine Ver­hei­ßung aus dem 1. Buch Mose sich auf Jesus bezieht, aber tra­di­tio­nell von der röm-kath. Kir­che durch die Vulgata‑Lesart[5] auf Maria gedeu­tet wur­de.
Rechts: Maria mit Wund­ma­len der Kreu­zi­gung und mit “Flam­men-Herz”. Stolz wird sie als Mit­erlö­se­rin, Ver­mitt­le­rin aller Gna­de und Für­spre­che­rin bezeich­net! Äuße­run­gen, die im deut­li­chen Wider­spruch zur Bibel ste­hen.

Maria mit Wund­ma­len ­

Das meis­te war bis jetzt nur Theo­rie, aber was sind die prak­ti­schen Kon­se­quen­zen? Wie genau sieht der heid­ni­sche Ein­fluss auf uns aus?

» Wei­ter zum Kapi­tel “Die heid­ni­schen Ein­flüs­se auf das Chris­ten­tum


Fußnoten


[1] His­to­risch belegt ist eine assy­ri­sche Köni­gin Šam­mu-ramat (Ŝam­murā­mat), regie­rend um 811–808 v. Chr. Semi­ra­mis sei eine grie­chi­sche Abwand­lung des ursprüng­li­chen Namens. Es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass der Name auch von Nim­rods Frau getra­gen wur­de, aber dies bleibt unbe­legt.

[2] Die klas­si­sche Über­lie­fe­rung (Gyl­fa­g­in­ning 50) gibt Loki als Draht­zie­her an, der Höðr zur Tat ver­lei­tet. Hin­wei­se auf eine allei­ni­ge Ver­ant­wor­tung Höðrs ent­stam­men spät­mit­tel­al­ter­li­chen oder neu­zeit­li­chen Deu­tun­gen.

[3] In Gyl­fa­g­in­ning 50 und Skálds­kapar­mál 36 heißt es, die Asen hät­ten zum Zeit­ver­treib Waf­fen auf Bal­dr gewor­fen, da sie glaub­ten, er sei unver­wund­bar.

[4] Die Bezeich­nun­gen ori­en­tie­ren sich an Pla­ne­ten und Göt­tern:

  • Sonn­tag: Sunn­da­gr („Tag der Son­ne“, nord. Sól)
  • Mon­tag: Mána­da­gr („Tag des Mon­des“, nord. Máni)
  • Diens­tag: Týs­da­gr (Týr)
  • Mitt­woch: Óðins­da­gr (Odin/Wodan)
  • Don­ners­tag: Þórs­da­gr (Thor)
  • Frei­tag: Frjá­d­a­gr (Frey­ja bzw. im Eng­li­schen Frigg)
  • Sams­tag: Lau­gar­d­a­gr („Bade­tag“) bzw. im Alt­hoch­deut­schen sab­bat tag (Sab­bat­tag);

[5] Hie­ro­ny­mus’ latei­ni­sche Über­set­zung (Ende 4. Jh.) wur­de 1546 vom Kon­zil von Tri­ent als „authen­ti­sche“ Bibel­aus­ga­be aner­kannt. Heu­te liegt sie über­ar­bei­tet vor, da sie mit den hebräi­schen, älte­ren Quel­len, abge­gli­chen wur­de.


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gut er Hirte
Jahwe
Gott der Liebe
Ich bin
gut er Hirte
Adonai
Brot des Lebens
Leben
Löwe aus dem Stamm Juda
Schöpfer
Quelle des Lebens
Sieht
Ein Licht in der Finsternis
Herr, unsere Gerechtigkeit
voller Güte und Gnade
Gott des Heils
Sohn des Menschen
Herr
Ewiger
Gott der Götter
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