Kleine Auswahl heidnischer Feiertage
Einige christliche Feste liegen zeitlich auffällig nahe bei Festtagen anderer Religionen und teilweise gibt es ähnliche Bräuche. Das allein beweist jedoch keine direkte Übernahme. Gleichzeitig ist es in der Religionsgeschichte nicht ungewöhnlich, dass sich Festkalender und Bräuche gegenseitig beeinflussen oder dass ältere Elemente in neuen religiösen Deutungen weiterleben.
Weihnachten
In den meisten westlich geprägten christlichen Ländern wird Weihnachten am 25. Dezember gefeiert. Im Römischen Reich fiel auf dieses Datum auch ein Fest zu Ehren der unbesiegbaren Sonne (Sol Invictus, dies natalis Solis invicti).
Es ist zweifelhaft, dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde: Zacharias gehörte zur Priesterabteilung Abija (Lk 1,5). In 1Chr 24 wird eine Abfolge von 24 Priesterabteilungen beschrieben, die in der Forschung häufig als Grundlage für Rekonstruktionsversuche der Dienstwochen herangezogen wird. Nimmt man einen wöchentlichen Wechsel der Abteilungen an und berücksichtigt die Festdienste, ergeben sich – je nach gewähltem Startpunkt des Zyklus – verschiedene mögliche Zeitfenster für Zacharias’ Tempeldienst.Lukas berichtet, dass Elisabeth nach Zacharias’ Rückkehr schwanger wurde (Lk 1,23–24) und die Verkündigung an Maria „im sechsten Monat“ von Elisabeths Schwangerschaft erfolgte (Lk 1,26.36). Unter der Annahme einer regulären Schwangerschaftsdauer und einer etwa sechsmonatigen Altersdifferenz zwischen Johannes und Jesus ergeben sich als grobe Möglichkeiten für Jesu Geburt entweder ein Termin im Frühjahr oder im Herbst. Lukas 2 beschreibt Hirten, die nachts „auf dem Feld“ bei den Herden wachen; das wird oft als unüblich für die kalte Jahreszeit in Judäa gesehen.
Früheste sichere Belege für Weihnachten am 25. Dezember erscheinen erst im 4. Jahrhundert (spätrömische Zeit). Das spricht gegen eine durchgehende historische Erinnerung an dieses Datum aus dem 1. Jahrhundert. Die Evangelien nennen kein konkretes Datum für Jesu Geburt; ein exaktes Tagesdatum wie der 25. Dezember ist daher nicht biblisch belegt.
Der 25. Dezember lag im römischen Umfeld in einer Zeit markanter vor-/außerchristlicher Festtage (z. B. Sonnenkult/„Geburt der Sonne“). Diese Nähe liefert ein Argument, dass die Wahl des Datums kulturell-pastoral motiviert gewesen sein könnte – nicht historisch.
Einige Bräuche rund um Weihnachten haben eine deutliche Nähe zu älteren Winter- und Jahreswendfesten. Eine Überlagerung von religiösen Festen schon vorhandenen Kalenderdaten und Volksbräuchen ist in machen Fällen wahrscheinlich: So steht der Weihnachtsbaum (immergrüner Baum) plausibel in einer Reihe von Winterbräuchen, bei denen immergrüne Pflanzen als Zeichen von Leben und Hoffnung in der dunklen Jahreszeit genutzt wurden. Der Baum wurde in der Neuzeit zunehmend zum zentralen Weihnachtssymbol, und sein Schmuck (Lichter, Kugeln, Girlanden) entwickelte sich im Lauf der Zeit aus verschiedenen Traditionen.
![]() Yule Log (From MAURICE’s Indian Antiquities, vol. vi. p. 368.) | In England und anderen Ländern gab es zudem den Brauch des Yule log (Julklotz), bei dem ein großer Holzscheit im Winter feierlich verbrannt wurde. Auch hier liegt eine Deutung als Winter- und Lichtbrauch nahe: Wärme und Licht werden symbolisch in die dunkelste Zeit des Jahres hineingetragen. Ebenso typisch für die Weihnachtszeit sind Festmahle. |
![]() | In vielen Regionen Europas wurden im Winter traditionell Tiere geschlachtet, und aus dieser saisonalen Praxis entwickelten sich festliche Speisen. Daher sind Gerichte wie Gans (z. B. in Mitteleuropa) oder Schinken/Gammon (z. B. in England) als Weihnachtessen verbreitet. In anderen Ländern treten an die Stelle von Gans oder Schwein oft die jeweils regional verfügbaren Tiere oder traditionellen Speisen. |
Ostern und die Fastenzeit
Die Sonne spielt in vielen vorchristlichen Religionen als Lichtspenderin und Lebensquelle eine wichtige religiöse Rolle. In Europa sind zahlreiche Frühlingsbräuche – etwa Feuerbräuche und in einigen Regionen brennende Räder („Osterräder“) – als Volksbräuche belegt, die teilweise vorchristliche Wurzeln haben können und später mit dem Osterfest verbunden wurden.
Die Göttin Eostre (später oft „Ostara“ genannt) wird gelegentlich mit Morgenröte/„Osten“ und damit auch mit dem Frühling in Verbindung gebracht. Die einzige klare schriftliche Quelle für eine angelsächsische Göttin dieses Namens ist der christliche Gelehrte Beda Venerabilis (672/73–735). In seinem Werk De temporum ratione berichtet er, dass der angelsächsische Monat Eosturmonath nach einer Göttin Eostre benannt gewesen sei und dass der Name anschließend auch für das christliche Osterfest (Easter) verwendet wurde. Über Eigenschaften oder Mythen dieser Göttin (z. B. „Fruchtbarkeitsgöttin“ oder „große Mutter“) liefert Beda jedoch kaum Details. Daher gelten Ursprung und Hintergrund der Eostre/Ostara-Tradition sowie ihre Beziehung zum Wort Ostern/Easter in der heutigen Forschung als unsicher. Da Beda zeitlich relativ nahe an der heidnischen Vergangenheit Englands schreibt und dabei ein angelsächsisches Kalendersystem erläutert, gilt seine Notiz zumindest als ernst zu nehmendes Indiz. Hinzu kommt, dass Monatsnamen in vielen antiken Kulturen tatsächlich nach Gottheiten oder Festen benannt wurden, sodass eine solche Erklärung grundsätzlich plausibel ist. Auch sprachlich passt der Name gut in das germanische Wortfeld von „Osten/Morgen(licht)“ (urgermanisch), und Personifikationen der Morgenröte sind im indogermanischen Vergleich nicht ungewöhnlich.
Viele Kulturen kannten im Frühling wichtige Feste, die mit Fruchtbarkeit, Erneuerung und dem Beginn eines neuen Jahreszyklus verbunden waren, und dabei spielten weibliche Gottheiten häufig eine Rolle.
Das Osterfest, wie wir es in den Quellen der Alten Kirche finden, war liturgisch noch nicht in allen Einzelheiten so ausgestaltet wie heute. In den ersten Jahrhunderten wurde es meist Pascha genannt (von hebräisch Pesach / Passah) und als Gedächtnis an Tod und Auferstehung Christi gefeiert. Zugleich zeigen Autoren wie Socrates Scholasticus, dass es in der frühen Kirche bei Terminfragen und einzelnen Bräuchen unterschiedliche Traditionen gab und dass nicht jeder Brauch auf eine ausdrücklich formulierte neutestamentliche Anordnung zurückgeführt wurde. Unabhängig davon hatte Jesus das Abendmahl als Gedächtnishandlung eingesetzt („Tut dies zu meinem Gedächtnis“, Lk 22,19; vgl. 1Kor 11,24–25) – nicht ein Osterfest.
Im Laufe der Jahrhunderte verschwammen die Grenzen zwischen dem christlichen Osterfest und dem jüdischen Passahfest, sodass sich auch in Bibelübersetzungen kleine Fehler einschlichen, die auf mangelndes Wissen um das Passahfest hindeuteten (so übersetzte etwa die alte Luther-Bibel bis 1912 pascha mit „Ostern“). Ursprünglich wurde das Osterfest zeitgleich mit dem jüdischen Passahfest gefeiert und war nicht von einer 40-tägigen Fastenzeit umrahmt. Cassianus von Marseille (5. Jahrhundert) berichtet ausdrücklich, dass eine derartige Fastenpraxis in der frühen Kirche bis dahin nicht üblich gewesen sei.
Woher stammt die Tradition der 40-tägigen Fastenzeit? Möglicherweise wurzelt sie in vorchristlichen Ritualen. So wird berichtet, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein die Jesiden und andere Religionsgemeinschaften in Kurdistan jedes Frühjahr eine 40-tägige Fastenperiode einhielten. Auch in Mesoamerika kannten präkollumbianische Kulturen eine vergleichbare Praxis: Alexander von Humboldt beschreibt, wie dort eine 40-tägige Fastenzeit drei Tage nach der Frühlingstagundnachtgleiche (um den 21. März) zu Ehren der Sonne stattfand. Berichte aus Ägypten und benachbarten Regionen legen nahe, dass ähnliche Fastentraditionen weit verbreitet waren (vgl. Wilkinson, Landseer).
Im 4. Jahrhundert war in der westlichen Kirche bereits eine Vorbereitung auf Ostern etabliert, die sukzessive zur 40-tägigen Fastenzeit wurde. Das Konzil von Nicäa (325) beschloss, Ostern gemeinsam und unabhängig vom jüdischen Kalender zu feiern, legte jedoch keine präzise astronomische Berechnungsregel fest – die heute geläufige Formel vom ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlingstagundnachtgleiche entwickelte sich erst in den folgenden Jahrhunderten. Eine einheitliche 40-tägige Fastenpraxis war im 4. Jahrhundert noch nicht überall durchgesetzt. Um 525 führte der Mönch Dionysius Exiguus einen einflussreichen Oster-Computus ein und begründete zugleich die Jahreszählung „Anno Domini”. Der Streit mit den Quartodezimanern, die Ostern am 14. Nisan nach dem jüdischen Kalender begingen, war zu diesem Zeitpunkt in der Westkirche bereits weitgehend beigelegt. Der Streit hatte hatte seinen Höhepunkt im 2. und 3. Jahrhundert.
Einige österliche Bräuche haben Parallelen zu vorchristlichen Frühlings- und Fruchtbarkeitsriten und wurden im Lauf der Christianisierung teils in christliche Feiern integriert oder daneben als Volksbrauch weitergeführt. So beginnt die katholische Osternacht traditionell mit der Segnung eines „neuen Feuers“ und der Osterkerze. In der Literatur wird mitunter ein Zusammenhang mit älteren Feuerbräuchen vermutet. Die “Katholische Encyclopädie“ (The Catholic Encyclopedia) geht auf die Bräuche näher ein:
Zu den volkstümlichen Osterfeuern auf Bergen („Osterberg“), wird gesagt, dass diese teils mit “neuen Feuer” entzündet werden mussten. Dazu wurde Holz aneinandergerieben, bis es sich entzündete. Die Bräuche seien heidnischen Ursprungs und wurden als Zeichen des Sieges des Frühlings über den Winter gedeutet. Zugleich wird berichtet, dass Bischöfe solche Feuer zeitweise zu unterbinden versuchten, die Kirche die Beobachtung aber schließlich in die Osterzeremonien aufnahm und christlich deutete (Bezug zur Feuersäule in der Wüste und zur Auferstehung; das neue Feuer am Karsamstag werde in der Liturgie z. B. aus Feuerstein gewonnen). In einigen Gegenden wurde außerdem eine Figur ins Feuer geworfen – ursprünglich als Symbol des Winters, andernorts dann (christlich umgedeutet) als Judasfigur. Zu den Feuerbräuchen, die möglicherweise weit in die Vergangenheit zurückreichen, zählt es auch, gebündeltes brennendes Material (Osterrad, Sonnenrad, Feuerrad) den Berg hinunterrollen zu lassen. Solche Feuerräder wurden auch zu anderen Festtagen entzündet, z. B. zur Sommersonnenwende bzw. beim Johannisfeuer (24. Juni).
Die Ostereier können im Zusammenhang mit der Fastenzeit stehen, da diese in dem Zeitraum nicht gegessen werden durften. Die Theorie, dass man sie gekocht und bemalt hätte, um sie zu konservieren, erscheint unplausibel, da rohe, ungekühlte Eier sich länger halten, als gekochte ungekühlte Eier. Die Deutung des Eis als Symbol einer „neuen Schöpfung“ durch den auferstandenen Christus wird dabei als wahrscheinlich spätere Erklärung bezeichnet. Angesichts der breiten Verwendung der Eiersymbolik in anderen, älteren Religionen, ist es wahrscheinlicher, dass auch Eierbräuche genauso wie vorchristliche Frühlingsbräuche zu Ostern christlich umgedeutet aufgenommen wurden. Das Ei sei ein Sinnbild des keimenden Lebens des frühen Frühlings. Als weiterer Volksbrauch wird der Osterhase genannt: Er lege die Eier, die deshalb im Nest oder im Garten versteckt würden. Der Text bezeichnet den Hasen ausdrücklich als heidnisches Fruchtbarkeitssymbol. Dieses zeigt sich im griechisch-römischen Kulturraum (Aphrodite/Venus; Erotik/Fertilität als Symbolfeld), aber auch in der sprichwörtlichen hohen Vermehrungsrate von Hasen bzw. Kaninchen. Neben solchen Symbol- und Speisebräuchen erwähnt die Enzyklopädie auch besondere Wechselbräuche zwischen Männern und Frauen in der Osterzeit in verschiedensten Formen. Diese Bräuche werden dort als wahrscheinlich vorchristlichen Ursprungs eingeordnet und haben keinen erkennbaren Bezug zum “christlichen” Osterfest.
Die Kuchen, die zudem mit gleichseitigen Kreuzen verziert werden, sind bis auf den heutigen Tag als “Hot Cross Bun” (warme Kreuzsemmeln) bekannt und eine Osterdelikatesse.
Die alten Israeliten erlagen ebenfalls fremden Bräuchen. In Jeremia 7,18 lesen wir:
“Die Kinder lesen Holz, die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, dass sie der Himmelskönigin Kuchen backen, und fremden Göttern spenden sie Trankopfer mir zum Verdruss.”

Zwei heidnische Eier
(The Mundane Egg of Heliopolis / Das kosmische Ei)
Übersicht – Feiertage
| Christlicher Festtag (Konfession) | Datum (greg./jul.) | Andere Religion/Kultur (Datum) | Art der Beziehung | Hinweise |
| Theotokos/Fest der Gottesmutter (1. Jan. im Westen) / Beschneidung des Herrn | 1. Jan. | Römisches Neujahr (Kalenden) | Datumsüberlagerung (Neujahr) | Kirche setzt bewusste Akzente gegen/zu Neujahrsbräuchen; 1. Jan. als röm. Neujahr sehr alt |
| Theophanie/Epiphanie (Taufe des Herrn) (orth. Schwerpunkt) | 6. Jan. (greg./jul.) | Ägypten/Orient: regional Wasser-/Lichtriten um Jahresbeginn | Teilweise Überlagerung regionaler Bräuche | Frühes Fest im Osten; Wasserbezug passt (Taufe) |
| Mariä Lichtmess / Darstellung des Herrn (kath./orth.) | 2. Feb. | Keltisch: Imbolc (um 1. Feb.); Rom: Februa/Lupercalia (Feb.) | Datumsnähe, evtl. Umdeutung von Lichtriten | Kerzenbrauch gut belegt |
| Verkündigung des Herrn (kath./orth.) | 25. März | Nähe zur Frühlings-Tagundnachtgleiche (ca. 20./21. März) | Astronomische Nähe | |
| Ostern / Pascha (kath./orth.) | beweglich | Jüdisches Pessach | Direkte historische Anknüpfung | Sehr gut belegt (NT und Frühkirche) / später: Übernahme von heidnischen Frühlingsbräuchen und christliche Neuinterpretation. |
| Johannistag (Geburt Johannes des Täufers) (kath./orth.) | 24. Juni | Sommersonnenwende (um 21. Juni), Feuerbräuche | Überlagerung/Christianisierung von Brauchformen | Johannisfeuer regional verbreitet |
| Verklärung des Herrn (orth. sehr wichtig; auch kath.) | 6. Aug. | Ernte-/Traubenfeste (regional) | Brauchüberlagerung (Traubensegnung v. a. im Osten) | Traubensegnung/Themenfeld „Erstlingsfrüchte“ ist liturgisch belegt. |
| Mariä Himmelfahrt / Entschlafung der Gottesgebärerin (kath./orth.) | 15. Aug. | Rom: Feriae Augusti (ab 13. Aug.), Ernte-/Sommerfeste | Datumsnähe/ mögliche Festüberlagerung im römischen Raum | 15. Aug. ist früh als Marienfest im Osten/Westen belegt; August ist römischer Festmonat |
| Kreuzerhöhung (kath./orth.) | 14. Sept. | Spätsommer/Herbstfeste vieler Kulturen | Datumsnähe | |
| Allerheiligen (kath.; in der Orth. „Allerheiligen“ meist 1. Sonntag nach Pfingsten) | kath.: 1. Nov.; orth.: beweglich | Keltisch: Samhain (um 1. Nov.) | Datumsnähe (kath.) / keine Datumsnähe (orth.) | 1. Nov. im Westen frühmittelalterlich |
| Allerseelen (kath.) | 2. Nov. | Totengedenken weltweit (Herbst) | Funktionale Parallele | Entstehung in Cluny (10./11. Jh.) gut belegt |
| Nikolaus (kath./orth) | 6. Dez. | Regionale Winterbräuche | Brauchüberlagerung | Heiligenkult gut belegt; Volksbräuche später stark ausgeprägt |
| Weihnachten (kath./westl.) | 25. Dez. | Rom: Sol Invictus (25. Dez.), Nähe zu Saturnalien | Kalender-Koinzidenz/evtl. bewusste Terminwahl | 25. Dez. als Weihnachtsdatum in Rom im 4. Jh. belegt; 25. Dez. als Sonnenfest belegt |
| Sonntag (kath./orth.) | wöchentlich | röm. dies Solis als Planetentag | Ersetzung des Sabbats, Namens-/Kalenderkonvergenz | parallel römische Wochentagsnamen |
Weiteres heidnisches Gedankengut
Gerechtigkeit durch Werke
Auch die Idee der Werksgerechtigkeit findet sich in vielen antiken wie modernen Religionen. Bei den alten Ägyptern nahm man an, das Herz zeichne alle guten und bösen Taten eines Menschen auf und spiele daher beim Totengericht die zentrale Rolle. Es galt als Sitz der Persönlichkeit und wurde – anders als etwa das Gehirn – bei der Mumifizierung im Körper belassen. Nach dem Tod legte man das Herz des Verstorbenen auf die Waage der Maat, deren Feder das Symbol von Wahrheit und Gerechtigkeit war.

Das Totengericht
Das Bild zeigt die standardisierte Neureich-Darstellung des Totengerichts: Das Herz (altägypt. ib) des Verstorbenen wird gegen die Feder der Maat gewogen. Anubis, der Schützer der Toten, richtet die Waage aus, während Thot das Urteil protokolliert. Ist das Herzgewicht nicht größer als die Feder, gelangt die Seele in das Aaru (Reich des Osiris). Schlägt die Waage jedoch zugunsten des Herzens aus, wird es von Ammit – dem krokodilköpfigen ‚Fresser der Toten‘ – verschlungen und der Verstorbene verliert seine Existenz im Jenseits.
Zwar ist für Babylon kein Totengericht nach ägyptischem Muster (Herzwaage gegen Maat-Feder) nachweisbar. Gleichwohl diente die Waage im alten Mesopotamien als allgemeinverständliches Symbol göttlicher Gerechtigkeit. Wenn in Dan 5,27 mit dem Wort tekel ‚du bist gewogen worden‘ gerichtet wird, bedient sich die Erzählung bewusst dieser Gerichtsmetapher, um Gottes Urteil über Belsazar dramatisch zu betonen.
Im christlichen Glauben wird der Mensch nicht durch eigene Werke gerechtgesprochen, sondern allein aus Gnade durch den Glauben an Jesus Christus. Die Schrift führt diese Wahrheit von Abraham im Alten Bund bis zu Paulus im Neuen Bund fort:
- Bereits Abraham empfing Gottes Verheißung und Gerechtsprechung aufgrund seines Glaubens (vgl. Röm 4,1–5; Gen 15).
- Paulus betont in Röm 3,21–26, dass Gottes Gerechtigkeit ohne Gesetz durch den Glauben an Christus offenbart und allen zugänglich gemacht ist.
- Daraus folgt jedoch keineswegs eine Erlaubnis zur Sünde (vgl. Röm 6,1–2); vielmehr bewirkt heiliger Glaube eine innere Erneuerung, die zur Liebe und zu guten Werken führt (vgl. Röm 12,1–2).
Auch Jakobus mahnt: „Der Glaube … ohne Werke ist tot“ (Jak 2,17.24), und Johannes warnt eindringlich: „Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, ist ein Lügner“ (1 Joh 2,4–6). Ein Leben in gesetzloser Sünde ist ebenso verfehlt wie der Versuch, durch eigene Werke Gottes Anerkennung zu erkaufen. Echte Rechtfertigung ist allein das Werk Gottes – und doch trägt sie reife Frucht im Leben der Gläubigen.
Auch in vielen Religionen bis hinein in Teile des Katholizismus spielt die Werkgerechtigkeit eine zentrale Rolle: Das zukünftige Heil hängt dort vorwiegend von Taten ab, nicht vom persönlichen Vertrauen auf Gott. Im traditionellen Katholizismus zeigt sich dies etwa in Ablässen und Bußübungen, die Vergebung oder Erleichterung im Fegefeuer versprechen. Es ist ein Irrweg, Gott durch Werke gnädig stimmen zu wollen und Rettung dadurch erwirken zu wollen.
Das sieht man auch im Alten Testament bei: Jes 58,5–6: “Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt, wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!” Oder bei Jes 1,11.16–18 lesen wir:
“Was soll mir die Menge eurer Opfer? spricht der HERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke… Wascht euch, reinigt euch, tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht, führet der Witwen Sache! So kommt denn und lasst uns miteinander rechten, spricht der HERR. Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.” – Gott möchte keine leeren Handlungen, sondern aufrichtige Buße und Umkehr von Sünde! Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen, und wir brauchen keine Angst vor ihm zu haben. David erkannte dieses und schrieb das Loblied Ps 103! Verse 2–3: “Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen…”
Die Bibel hingegen macht deutlich, dass weder großzügige Spenden noch Wallfahrten und selbst im Namen Christi vollbrachte Wunder uns in Gottes Gegenwart retten können, wenn keine lebendige Beziehung zu Jesus besteht (vgl. Mt 7,22–23). Wahre Umkehr und innere Erneuerung erwachsen allein aus glaubendem Vertrauen, nicht aus äußerlichen Leistungen. Aus Liebe schenkt uns Gott Vergebung, sobald wir uns aufrichtig zu ihm umkehren und unsere Sünden bereuen; er selbst gibt uns sowohl das Wollen als auch das Vollbringen des Guten. Selbst wenn wir einmal versagen, dürfen wir sofort zu Christus zurückkehren. Johannes schreibt:
“Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist.” (1Joh 1,2)
Jesus ist unser Mittler – er ist der EINZIGE Mittler! Durch ihn ALLEIN können wir Vergebung erhalten (1.Tim 2,5) und wir brauchen für die Vergebung unserer Sünden weder Priester, noch Papst, noch Heilige, noch Maria. Auch Werke machen unsere Sünden nicht ungeschehen.
Der Rosenkranz und das Gebet
Jesus mahnt in Mt 6,7, im Gebet nicht inhaltsleer zu „plappern wie die Heiden” (battalogéō), die glauben, allein durch viele Worte gehört zu werden. Der Vorwurf richtet sich gegen eine bestimmte Gebetshaltung: das Vertrauen darauf, dass Worte durch ihre bloße Häufung oder formale Vollständigkeit wirksam werden – unabhängig davon, ob es sich um lange Reden oder um mechanisch wiederholte Formeln handelt. Jedem jüdischen Hörer Jesu war dabei die Episode der Baalspropheten (1. Kön 18,26–29) vor Augen: Diese riefen stundenlang immer wieder dieselbe kurze Formel – „Baal, erhöre uns!” –, schrien, tanzten und schnitten sich, ohne Antwort zu erhalten. Das ist kein langes rhetorisches Gebet, sondern rituelles Wiederholen einer kurzen Anrufung in der Erwartung, Gott durch die Wiederholung selbst herbeirufen oder zwingen zu können. Dieser Text dürfte den semantischen Horizont von battalogéō für Jesu Hörer entscheidend mitgeprägt haben.
Dass solche Praktiken im antiken Heidentum verbreitet waren, zeigen weitere Beispiele: Im griechisch-römischen Ritual mussten Gebetsformeln exakt korrekt und vollständig gesprochen werden – Fehler machten eine Wiederholung (instauratio) nötig, weil die Wirksamkeit an der formalen Korrektheit hing, nicht am inneren Gehalt. Mesopotamische Beschwörungsformeln (šiptu) mussten mehrfach rezitiert werden, um wirksam zu sein, und ägyptische Schutzformeln wurden in festgelegten Zahlen (3, 4 oder 7 Mal) wiederholt, weil der Wiederholung selbst magische Kraft zugesprochen wurde.
Im unmittelbaren Kontext (Mt 6,5–15) stellt Jesus dem die knappe, herzliche Haltung des Vaterunsers gegenüber, das kein magisches Rezitieren sein soll, sondern geistliches Grundmuster einer persönlichen Gebetsbeziehung. Die Begründung in V. 8 macht das Prinzip deutlich: „Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr ihn bittet.” Das Gebet ist damit keine Technik der Einwirkung auf Gott, sondern Ausdruck einer bereits bestehenden Beziehung. Auch in Lk 11,1–4 bittet ein Jünger um genau diese Lehrform – nicht um eine Vorschrift für mechanisches Aufsagen.
Gebetsketten sind in erstaunlich vielen Religionen unabhängig voneinander entstanden oder wurden übernommen. Hier ein Überblick:
Christentum (Katholizismus, Orthodoxie) Der römisch-katholische Rosenkranz besteht aus 59 Perlen (53 Ave-Maria-Perlen + 6 Vaterunser-Perlen) und strukturiert das wiederholte Beten von Ave Maria und Vaterunser. Ziel ist die meditative Betrachtung von Geheimnissen aus dem Leben Jesu und Marias. Die orthodoxe Chotki (Gebetsschnur aus Knoten) dient dem Jesusgebet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.” Beide Traditionen entstanden im Mittelalter, wobei eine Beeinflussung durch östliche Praktiken diskutiert wird.
Hinduismus Die Mala besteht traditionell aus 108 Perlen und dient dem Japa – dem wiederholten Aufsagen eines Mantras oder Gottesnamens. Die Zahl 108 hat kosmologische Bedeutung. Ziel ist meditative Konzentration, das Sammeln des Geistes und die Verbindung mit der Gottheit. Verschiedene Materialien (Tulsi-Holz, Rudraksha-Samen, Kristall) sind verschiedenen Gottheiten zugeordnet.
Buddhismus Die buddhistische Gebetskette (Mala, tibetisch Trengwa) hat ebenfalls meist 108 Perlen und dient dem Zählen von Mantra-Wiederholungen, etwa Om mani padme hum. Im tibetischen Buddhismus ergänzen Gebetsmühlen diese Praxis – das Drehen gilt als äquivalent zum Sprechen der Formel. Ziel ist Verdiensterwerb, Läuterung und Meditation.
Islam Der Subha (auch Misbaha) besteht meist aus 33 oder 99 Perlen und dient dem Dhikr – dem wiederholten Gedenken Gottes durch seine 99 Namen oder durch Formeln wie Subhanallah, Alhamdulillah, Allahu Akbar (je 33 Mal). Ziel ist die Vergegenwärtigung Gottes und spirituelle Sammlung. Der Gebrauch ist unter Gelehrten historisch umstritten, da er im Koran nicht erwähnt wird.
Gebetsketten, im Sanskrit als mālā bezeichnet, dienen seit alters her der systematischen Rezitation heiliger Formeln (Japa). Die ältesten schriftlichen Belege für die Verwendung von Rudrākṣa-Perlen als Mala finden sich in den Puranas und tantrischen Texten. So berichtet das Skandapurāṇa (Kapitel 1.68.12–15), wie der Gott Śiva seiner Gefährtin Pārvatī eine Kette aus Rudrākṣa-Samen übergibt und sie auffordert, mit dieser Mala Mantras zu wiederholen. | ![]() Typischer Rosenkranz im Buddhismus |
Das unbefleckte Herz (Immaculated Heart)
Seit längerer Zeit gewinnt die Verehrung des unbefleckten Herzens Mariä beziehungsweise Jesu immer mehr Beachtung. Die Bilder auf der rechten Seite zeigen die jeweils übliche Darstellung dieser Hintergrundidee.
Es ist kaum verwunderlich, dass die Herzverehrung bereits seit Jahrtausenden in anderen Religionen belegt ist.
Vermutlich ist vielen der blutige Herzkult der Azteken bekannt. Die hier gezeigte „Life-Death Figure“ aus der Huasteken-Kultur (etwa 1000–1500 n. Chr.) wird manchmal mit Quetzalcoatl in Verbindung gebracht, einer Gottheit von Wind, Weisheit und Kultur. Im aztekischen Pantheon galten Menschenopfer vor allem dem Kriegsgott Huitzilopochtli und dem Sonnengott Tonatiuh. Dabei wurde dem auf den Tempelstufen Geopferten das Herz entnommen und als lebensspendenden Gabe dem Gott dargebracht.
![]() Leben-Tod-Figur (Foto: Brooklyn Museum ) | ![]() Das heilige und das unbefleckte Herz (Jesus und Maria) – Eine Zeichnung einer populären Darstellung. |
Das flammende Herz wird gelegentlich auch als Amulett getragen – entweder als entsprechendes Herz oder als Ikonenbild. Früher trugen römische Jugendliche Schutzamulette um den Hals, so wie heute manche Christen Amulette mit Heiligenbildern, Kruzifixe und Ähnliches mit dieser Funktion verbinden und nicht nur persönlich um den Hals tragen, sondern auch in Fahrzeugen aufhängen und auf Schutz hoffen.
Eine Herzverehrung findet sich zudem in anderen Kulten, etwa bei Osiris, Vishnu und Bel u. a. Der Heilige Stuhl hat vier Enzykliken zum Heiligen Herzen herausgegeben: Annum Sacrum (1899) von Leo XIII, Miserentissimus Redemptor (1928) von Pius XI, Caritate Christi Compulsi (1932) von Pius XI, Haurietis Aquas (1956) von Pius XII.
Interessanterweise räumt Haurietis Aquas ein, dass die besondere Herzverehrung in der Heiligen Schrift nicht erwähnt wird. Angesichts der Tatsache, dass Pius XII. ihren nicht biblisch fundierten Ursprung bestätigt hat, stellt sich die Frage, woher dieser Kult ursprünglich stammt.
![]() Gertrud von Helfta (Wellcome Collection Gallery, CC BY 4.0) | Möglicherweise steht das flammende Herz im Zusammenhang mit der feurig brennenden Sonne, jedoch scheint sich diese Motivkombination erst spät entwickelt zu haben. Die frühesten Belege in unserem Kulturkreis finden wir bei Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen, Mechthild von Magdeburg oder Gertrud von Helfta. In bildlichen Handschriften oder Andachtsbüchern des 14. – 15. Jh. tauchen vereinzelt Herzmotive mit Strahlen oder Flammen auf. |
Fegefeuer und Höllenfeuer
“Das Alte Testament lehrt kein sofortiges Weiterleben nach dem Tode. Auch Jesus vertrat keine neue Lehre über die Natur des Menschen. Wie kam es dazu, dass schon sehr früh falsche Vorstellungen in die christlichen Kirchen eindrangen?
Schon in der frühesten Geschichte unternahmen Menschen Versuche, dem Grauen des Todes auszuweichen. Die Vorstellung vom Versinken ins Nichts war für die Menschen ein unheimlicher, kaum zu ertragender Gedanke. Deshalb wurde immer wieder versucht, der letzten Konsequenz auszuweichen und sich an die verschiedensten Vorstellungen eines Fonlebens nach dem Tode zu klammern.
Beinahe bis zum Beginn der Menschheitsgeschichte kann die Idee zurückverfolgt werden, der verstorbene Mensch sei in Wirklichkeit nicht tot, das Leben sei nicht erloschen. Begründet wird diese Annahme mit der Vorstellung, es gebe eine vom Körper unabhängige Seele, die vom Tod nicht betroffen werde. Grundlage für dieses Denken ist die Weigerung des Menschen, den Tod als Ende des Lebens zu akzeptieren.
Die babylonische Literatur ist voll von Spekulationen über das Sein im Tode und über die Erlangung des ewigen Lebens. Bei den Babyloniern verbindet sich ein unstoffliches Element mit dem Körper, und diesem Element wird Unsterblichkeit zugeschrieben.
Bei den alten Ägyptern herrschte anfänglich nicht der Gedanke an das Weiterleben einer vom Körper getrennten Seele, sondern der ganze Mensch blieb nach ihrer Vorstellung trotz des Sterbens am Leben. Aus dieser Vorstellung heraus entwickelte sich bei den Ägyptern die bekannte Sitte, die Körper der Verstorbenen durch Einbalsamieren zu erhalten. Auf diese Weise sollten sie vor der Verwesung geschützt werden. Das wiederum machte die Aufbewahrung der Mumien in so genannten Totenkammern notwendig. Später veränderten sich die Vorstellungen bei den Ägyptern und der Totenkult wurde immer komplexer.
Unter den Völkern Persiens und Indiens fand die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele früh Eingang, wobei die Seele, das Lebensprinzip des Menschen, als Feuer gedacht wurde. Aus diesem Grunde bevorzugte man die Feuerbestattung, damit die Seele wieder zu ihrem eigentlichen Element zurückkehren könne. Mit dem Brahmanismus kam dann die Lehre von der Seelenwanderung dazu.
Bei den Griechen fand der Gedanke an die Unsterblichkeit der Seele seine klassische Ausprägung. In der zweiten Hälfte des 5. Jh. v. Chr. hielt der Glaube an die menschliche Unsterblichkeit seinen Einzug in die griechische Welt. Besonders Plato, der sich unter dem Einfluss von Sokrates der Philosophie zuwandte, wurde zweifellos zum berühmtesten Vertreter dieser Lehre. Bei ihm fand ein Gedanke besondere Betonung: Der Leib ist der Kerker der Seele, darum ist der Tod die Befreiung der Seele aus diesem Gefängnis.
Der griechische Philosoph Aristoteles (384 bis 321 v. Chr.) war ein Schüler Platos. Kein Wunder, dass auch er – besonders in seinen frühen Werken – im Menschen nicht eine Einheit sah, sondern, wie sein Meister, die Seele als Gefangene des Körpers betrachtete. Er hat in seiner “Mahnrede zur Philosophie” das Verhältnis zwischen dem vergänglichen Leib und der unsterblichen Seele anhand eines Vergleichs sehr krass dargestellt. Die Gebundenheit der Seele an den Leib verglich er mit dem Schicksal von Menschen, die in Gefangenschaft etruskischer Seeräuber geraten waren. Von letzteren wird erzählt, sie hätten ihre Gefangenen lebendigen Leibes an Leichen gebunden. Mit dem Gesicht gegen die Leiche gewandt, mussten diese armen Menschen elend zugrunde gehen. Aristoteles verglich nun diese Gefangenen in ihrem so unerträglichen Zustand mit der Seele und die Leichen mit dem Leib des Menschen.
Es lässt sich leicht ausmalen, mit welcher Verachtung der so verglichene Leib betrachtet wurde und wie sehnsüchtig man dem Augenblick der Befreiung der Seele von dessen Banden entgegensah. So betrachtet, wurde der Tod als wahrer Erlöser, als Durchgangstor zu einem erst mit dem Sterben beginnenden wahren Leben, angesehen. Eine bezaubernde Philosophie hatte ihre Formulierung gefunden und trat nun ihre Reise in die ganze Welt an.
Von all diesen heidnischen Einflüssen blieb die christliche Gemeinde nicht verschont. Schon bevor sich die Reihen der Auferstehungszeugen lichteten, gab es in der Gemeinde etliche Leute, welche sagten, es gebe keine Auferstehung der Toten (1. Korinther 15,12). Andere wiederum behaupteten, dass die verheißene Auferstehung der Toten schon stattgefunden habe (2. Timotheus 2,16–18).
Obschon da und dort Christen von der Botschaft Jesu und der Apostel abwichen, blieben viele auf der ursprünglichen Linie. Gemäß ihren Aussagen bleibt ewiges Leben das ausschließliche Vorrecht der Erlösten.
Clemens von Rom, Ignatius von Antiochien und der Verfasser des sogenannten Barnabasbriefes sind, was die Lehre über die Natur des Menschen anbetrifft, noch bibeltreu. Von Justin dem Märtyrer (um 110 n. Chr. geboren) heißt es in seinem berühmten Gespräch mit dem Juden Tryphon im 50. Kapitel: “Wenn ihr mit solchen Leuten bekannt geworden seid, die sich Christen nennen und die Auferstehung der Toten leugnen und behaupten: ihre Seelen werden sogleich nach dem Tode in den Himmel aufgenommen, so haltet sie nicht für Christen.”
Pfarrer L. Reinhardt, der dieses Zitat anführt, sagt dazu: “Also noch um die Mitte des zweiten Jahrhunderts galt die platonische Unsterblichkeitslehre den wirklichen Christen für eine widergöttliche, antichristliche Lehre, welche man nur bei fälschlich sich Christen nennenden Leuten treffe.” CL. Reinhardt: “Kennt die Bibel das Jenseits?”, Seite 149+150. Ernst Reinhardt-Verlag, München, 1925.)
Mit der Zeit bekannten sich immer mehr ehemalige heidnische Philosophen zum Christentum. Einige dieser Männer versuchten, philosophisches Gedankengut mit der christlichen Hoffnung in Einklang zu bringen. Die Zahl jener war ja nicht gering, die wohl das Christentum annahmen, dabei aber den Philosophenmantel nicht ablegten.
Schon Athenagoras (ca. 127–190) ließ sich in der Frage der christlichen Auferstehungshoffnung auf Kompromisse ein. Er gilt als der vielseitigste und gewandteste Verteidiger der christlichen Glaubenslehre des 2. Jahrhunderts. Aus seinem Leben ist nur wenig bekannt. Er hat ein Buch über die Auferstehung geschrieben. In diesem Werk vermengte er den Auferstehungsglauben mit der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Er versuchte aber, die Unsterblichkeit der Seele nicht mit der Bibel, sondern mit philosophischen Argumenten, mit griechischer Weisheitslehre zu begründen.
Tertullian (geboren 150 n. Chr.) ist der erste Christ, der Fegfeuer, Hölle, ewige Qualen und das Gebet für die Toten in sein Lehrgebäude aufgenommen hat. Seiner Ansicht nach gehen die Seelen der Märtyrer in den Himmel, jene der anderen Menschen in die Unterwelt, wo sie auf das Gericht warten.
Wir stehen also mit den beiden letztgenannten Männern am Beginn einer Abkehr von der biblischen Hoffnung. Mehr und mehr wird die Unsterblichkeit der Seele ins Blickfeld gerückt und die Auferstehungshoffnung in den Hintergrund gedrängt. Dieser Prozess ging vor allem in Alexandria im großen Stil vor sich. Alexandria war der Ort, an dem dieses Verschmelzungswerk in großem Maße betrieben wurde. Clemens von Alexandrien (ca. 150–220 n. Chr.) übte diesbezüglich einen mächtigen Einfluss aus. Dies gilt besonders auch für die uns hier beschäftigende Frage der christlichen Hoffnung. In seinen frühen Schriften lehrte Clemens noch nicht die natürliche Unsterblichkeit der Seele, er betrachtete aber das Christentum als den Zusammenfluss zweier Ströme: des Judentums und des Heidentums. Durch seine Beschäftigung mit griechischer Philosophie und mit der Gnosis war er allmählich dahin gekommen, seinen Standpunkt zu ändern.
Schließlich lehrte er, die Seele habe die gleiche Substanz wie Gott. Er widerspricht sich aber in verschiedenen Punkten; einerseits lehrt er die Vernichtung der Seelen der Gottlosen, andererseits glaubte er doch an die Unsterblichkeit der Seele. Er lehrt wohl das Fegefeuer, lehnt aber die ewigen Höllenqualen ab.
Origenes war ein Schiller des Clemens von Alexandrien, der die Lehren seines Meisters vervollständigte, wenn auch in einer anderen Richtung. Origenes hat die Lehren der Heiligen Schrift gänzlich vergeistigt. “Der Einzelne steigt in allmählicher Vervollkommnung, das Materielle immer mehr hinter sich lassend, zu Gott empor. Nach dem Tode warten seine Läuterungsfeuer und Seligkeit oder Hölle und neue Welten zu neuer Bewährung; zuletzt werden alle, auch der Teufel, der Seligkeit teilhaftig werden.“ ‘ Später wurde Origenes als Häretiker betrachtet, aber nicht wenige seiner Theorien beeinflussten die Glaubenssätze der Kirche.
Nachdem die Vermischung in einer tragischen Weise fortgeschritten war, formulierte Augustinus (354–430 n. Chr.) die Lehre der Kirche in dieser Frage. Sie wurde bis heute nur wenig verändert. Augustinus hatte bereits vor seiner Bekehrung zum Christentum ein Buch geschrieben, worin er sechzehn Gründe für die Unsterblichkeit der Seele angab. So war er bereits diesen heidnischen Voraussetzungen ergeben, bevor er ein Christ wurde. Christlicher Neuplatonismus bildete einfach die Brücke. Mit Augustinus erreichte die Idee von der Unsterblichkeit der Seele den Höhepunkt der nachnizäsehen Zeit.
Es war dann Thomas von Aquin (geb. 1226), welcher der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele in der Kirche ihre endgültige Form verlieh; und an der achten Sitzung des fünften Laterankonzils im Dezember 1513 proklamierte Papst Leo X. offiziell das Dogma von der natürlichen Unsterblichkeit der Seele.
Die Lehre von einer sogenannten unsterblichen Seele fand ihren Ursprung weder im Judentum noch bei Christus. Sie ist ein Kind des Heidentums, ganz besonders der griechischen Philosophie. Das Zusammenfließen von christlichem und heidnischem Gedankengut hatte für die Christenheit verheerende Folgen; denn wenn zwei Flüsse zusammenfließen, der eine mit schmutzigem und der andere mit klarem, reinem Wasser, so wird das schmutzige Wasser nicht sauber, sondern das saubere Wasser schmutzig. Genauso erging es der reinen biblischen Botschaft über Tod und Auferstehung in der Kirche. Von der Lehre Jesu blieb nur noch wenig übrig. Wäre es nicht an der Zeit, sich wieder ernsthaft darum zu bemühen, die beiden Strömungen klar auseinander zuhalten?”
(Zitat aus “Gereimtes und Ungereimtes über Tod und Auferstehung, Himmel und Hölle”)
Zur Vertiefung der Thematik sei auf den Beitrag Tod, Himmel und Hölle – Was sagt die Bibel dazu? verwiesen.
Ende

“Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Gräuel und Unreinheit ihrer Hurerei.” (Offb 17,4)
Und Jeremia schreibt in Jer 51,7: “Ein goldener Kelch, der alle Welt trunken gemacht hat, war Babel in der Hand des HERRN. Alle Völker haben von seinem Wein getrunken; darum sind die Völker so toll geworden.”
Symbolik ist eindeutig:
Welche Frau – sprich Kirche – ist in Purpur und Scharlach gekleidet und geschmückt mit Gold, Edelsteinen und Perlen?
Es handelt sich um eine abgefallene Kirche, die sich durch heidnische und falsche Lehren sowie sittenwidrige Praktiken verunreinigt.
| Möglicherweise sind auch mehrere Kirchen gemeint. Von der Hure Babylon heißt es: Sie ist eine Mutter der Hurerei! (Offb 17,5) Hat sie auch Töchter? Die Bezeichnung „Babylon“, die vom hebräischen Wort für „Verwirrung“ herrührt, ist überaus treffend. Durch Prunk und äußerliche Schau werden Menschen in die Irre geführt. Millionen von ihnen werden, ohne es zu merken, dazu verleitet, heidnische Praktiken auszuüben. Wir Christen sind fast alle trunken geworden von einem Wein, den man nicht trinken kann: dem Wein Babylons. Der Engel aus Offenbarung 18, 4 spricht: “Geht hinaus aus ihr, mein Volk, dass ihr nicht teilhabt an ihren [Babylons] Sünden und nichts empfangt von ihren Plagen!” | ![]() Die Tiara, die dreifache Krone, zeigt die dreifache Macht des Papstes (Lehre, Heiligung, Regierung) – manche sehen darin auch die Macht über die Erlösung (Himmel und Hölle) und auf der Erde. |
Gilt dieser Aufruf nicht auch uns? Wollen wir weiter heidnische Bräuche hochhalten – und wozu? Die Entscheidung liegt bei jedem von uns. Gott selbst hat vor den Götzen gewarnt:
– Sie sind nur von Menschenhand gemacht (Psalm 115,4–7).
– Sie sind ein Nichts, nicht mehr wert als eine Vogelscheuche.
– Sie können uns weder helfen noch schaden (Jeremia 10,3–5). Es ist vergeblich, sie anzurufen, ihnen Opfer zu bringen oder Rituale abzuhalten. Nicht die geschnitzten Holz- und Steingestalten, nicht Symbole oder Kulthandlungen können uns retten. Wer auf solche Dinge hofft, enttäuscht Gott, und vergebens hofft er auf unsere Treue.
Gott aber möchte unser Herz und nicht nur formale Rituale. Selbst die sinnvollsten Feste und Gebete stoßen ihn ab, wenn sie ohne aufrichtiges Vertrauen, sondern formal dargebracht werden. Er wünscht sich, dass wir ihm glauben, auf ihn hoffen und uns von ihm führen lassen. Und wer sein Vertrauen auf ihn setzt, wird nicht enttäuscht.
















