
Nebukadnezars Traum
Im Jahre 605 v. Chr. kam im neubabylonischen Reich Nebukadnezar II. an die Macht und bereits im gleichen Jahr ließ er Juden aus Israel, unter anderem Daniel, in die Verbannung führen. Nachdem Jerusalem am 16. März 597 gefallen war, wurde die jüdische Oberschicht nach Babylon deportiert. Eine weitere Deportation fand im Jahre 586 statt. Schließlich wurde am 15. August 586 der Tempel, der für die Juden von zentraler Bedeutung war, zerstört. Widmen wir uns zunächst den “frühen Jahren” Nebukadnezars. Zwar wurde Daniel als Kriegsgefangener nach Babylon geführt, doch schon im zweiten Regierungsjahr Nebukadnezars wurde Daniel zum Statthalter von Babylon und zum ersten königlichen Ratgeber befördert! Wie es zu dieser steilen Karriere vom Gefangenen zum engsten Ratgeber des Königs kam, steht im 2. Kapitel im Buch Daniel in den Versen 1–6: (Gute Nachricht)
| In seinem zweiten Regierungsjahr hatte König Nebukadnezar einen Traum, der ihn so beunruhigte, dass er nicht wieder einschlafen konnte. Er ließ seine Ratgeber rufen, alle seine Gelehrten, Magier, Wahrsager und Sterndeuter, und er sagte: »Ich habe einen Traum gehabt, der mich sehr beunruhigt. Ich möchte wissen was er bedeutet.« Sie erwiderten: »Der König möge ewig leben! Er erzähle uns seinen Traum, dann werden wir ihm die Deutung sagen.« Der König erwiderte: »Nein, ihr müsst mir den Traum sagen! Ich bestehe darauf, sonst lasse ich euch in Stücke hauen und eure Häuser in Trümmer legen. Wenn ihr aber mir den Traum sagt und ihn deuten könnt, beschenke ich euch reich und erweise euch hohe Ehren. Also sagt ihn mir!« |
Den Traum zu deuten, ohne ihn zu kennen – das ist eine ziemliche Herausforderung! Nebukadnezar war offenbar überzeugt, dass es ein besonderer Traum war, und wollte unbedingt wissen, was der Traum wirklich bedeutete. Er wusste wohl, dass die Sterndeuter und Weissager nicht selten wilde Spekulationen machten und ihrer Fantasie freien Lauf ließen. Daher verlangte er Übernatürliches von seinen Weisen. Lasst uns weiterlesen und sehen, was die Weisen Babylons antworteten! Die Verse 7–11:
| Die Ratgeber des Königs wiederholten: »Wenn der König uns seinen Traum erzählt, werden wir ihm sagen können, was er bedeutet.« »Ihr macht Ausflüchte, um Zeit zu gewinnen!« fuhr der König sie an. »Ihr habt genau verstanden, das meine Drohung erst gemeint ist. Ich sehe schon, ihr habt euch verabredet mir eine lügenhafte Deutung aufzutischen, weil ihr hofft, dass ich es mir doch noch anders überlege. Es bleibt dabei: Sagt mir den Traum! Beweist mir damit, dass ihr fähig seid, ihn auch zu deuten!« Die Weisen Babylons antworteten: »Kein Mensch auf der ganzen Erde kann diese Forderung erfüllen. Und noch nie hat ein König, so groß und mächtig er auch war, etwas derartiges von seinen Gelehrten, Wahrsagern und Sterndeutern verlangt! Was der König fordert, ist unmöglich. Nur die Götter könnten seinen Traum sagen; aber sie wohnen nicht unter den Menschen.« |
Die Weisen versuchen sich noch irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Sie sagen, dass seine Forderungen unmöglich zu erfüllen seien und so etwas noch nie verlangt worden sei. Aber der König lässt keine Ausflüchte gelten. Verse 12–35:
| Da packte den König die Wut, und er befahl, alle Weisen Babyloniens umzubringen. Auch Daniel und seine Freunde sollten getötet werden. Als aber Arioch, der Befehlshaber der königlichen Leibwache, diesen Befehl ausführen wollte, sprach Daniel ruhig und überlegt zu ihm. Er ließ sich von ihm den Grund für den strengen Befehl des Königs sagen, ging zum König und bat sich eine Frist aus; dann wollte er ihm den Traum und seine Deutung sagen. Darauf ging er in sein Haus und erzählte alles seinen drei Freunden. Er forderte sie auf: »Fleht den Gott des Himmels um Erbarmen an! Bittet ihn, dass er mir das Geheimnis enthüllt, damit wir nicht mit den übrigen Weisen Babyloniens umgebracht werden.« In einer nächtlichen Vision wurde Daniel der Traum enthüllt. Da rühmte er dem Gott des Himmels und sagte: »Gepriesen seist Du in alle Ewigkeit! Du, Gott, besitzt Macht und Weisheit, du bist der Herr der Zeiten; du setzt Könige ein und setzt sie ab. Du gibst den Weisen ihre Weisheit und den klugen ihren Verstand. Du enthüllst, was tief verborgen ist, du siehst, was im Dunkeln ist; doch dich selbst umstrahlt reines Licht. Gott meiner Väter, dich rühme und preise ich! Du hast mir Weisheit und Kraft verliehen. Unser Gebet hast du erhört und hast mir den Traum des Königs enthüllt.« Darauf ging Daniel zu Arioch und sagte zu ihm: »Verschone die Weisen Babloniens! Führe mich zum König, ich werde ihm seinen Traum deuten.« Arioch brachte ihn sofort zum König und sagte: »Ich habe unter den Leuten aus Juda einen Mann gefunden, der dem König seinen Traum deuten will.« Der König fragte Daniel, der mit seinem babylonischen Namen Beltschazzar hieß: »Kannst du mir wirklich den Traum sagen und ihn deuten?« Daniel erwiderte: »Kein Gelehrter, Magier, Wahrsager oder Sterndeuter kann das vollbringen, was der König verlangt. Aber es gibt einen Gott des Himmels, der das Verborgene enthüllte, und dieser Gott hat dir, König Nebukadnezar, gezeigt was geschehen wird. Du machtest dir auf deinem Lager Gedanken über die künftigen Dinge, und der Gott, der alles weiß, hat dich im Traum einen Blick in die Zukunft tun lassen. Das, was ich dir jetzt sage, habe ich nicht durch eine besondere Begabung entdeckt, die ich anderen Menschen in voraus hätte, sondern Gott hat es mir enthüllt, damit du, König, es erfährst und deine Traumgedanken verstehen lernst. Du sahst im Traum ein riesiges Standbild vor dir stehen. Sein Anblick war zum Erschrecken, und blendender Glanz ging von ihm aus. Der Kopf war aus reinem Gold, Brust und Arme waren aus Silber, der Leib bis zu den Hüften war aus Bronze, die Beine waren aus Eisen und die Füße zum Teil aus Eisen und zum Teil aus Ton. Du blicktest wie gebannt auf das Standbild, da löste sich von einem Felsen ein Stein ohne Zutun eines Menschen, der traft die Füße aus Eisen und Ton und zerschmetterte sie. [Anmerkung: Man beachte ohne menschliches Zutun! Außerdem kann man sich über die Symbolik Fels und Stein Gedanken machen: Fels = Jesus!, Bibelstellen: 5 Mo.32,4;Ps. 62,8;Mt.16,18 – hier bezieht sich der Fels nicht auf Petrus, sondern auf Jesus. Das geht aus den beiden Formen für Fels (Petros/Petra) in dem Text hervor; 1 Ko.10,4.] Das ganze Standbild brach auf einen Schlag zusammen; Ton, Eisen, Bronze, Silber und Gold zerfielen zu Staub und wurden wie Spreu vom Wind davongeweht. Keine Spur blieb davon übrig. Der Stein aber, der das Bild zermalmt hatte, wurde zu einem großen Felsmassive, der die ganze Erde bedeckte.« |
Das ist also der Traum Nebukadnezars. Ohne göttliche Offenbarung konnte niemand den Traum deuten. Was mag dieses Standbild bedeuten? Was sind das für Metalle? – Wie am Anfang angemerkt: Die Bibel legt sich oft selbst aus. Wenn wir gleich weiterlesen, werden wir sehen, dass noch im selben Kapitel der Traum weitgehend gedeutet wird. Die folgenden Verse sind nach der Luther-Übersetzung angegeben (viele andere Übersetzungen geben das auch so wieder – die “Gute Nachricht” und die “Hoffnung für Alle” sind leider manchmal etwas zu frei übersetzt). Verse 36–49:
| Das ist der Traum. Nun wollen wir die Deutung vor dem König sagen. Du, König, König aller Könige, dem der Gott des Himmels Königreich, Macht, Stärke und Ehre gegeben hat und dem er alle Länder, in denen Leute wohnen, dazu die Tiere auf dem Felde und die Vögel unter dem Himmel in die Hände gegeben und dem er über alles Gewalt verliehen hat! Du bist das goldene Haupt. Nach dir wird ein anderes Königreich aufkommen, geringer als deines, und dann ein drittes Königreich, das aus Bronze ist und über alle Länder herrschen wird. Und das vierte Königreich wird hart sein wie Eisen; denn wie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, so wird es auch alles zermalmen und zerbrechen. Dass du aber die Füße und Zehen teils von Ton und teils von Eisen gesehen hast, bedeutet: Das wird ein zerteiltes Königreich sein; doch wird etwas von des Eisens Härte darin bleiben, wie du ja gesehen hast Eisen mit Ton vermengt. Und dass die Zehen an seinen Füßen teils von Eisen und teils von Ton sind, bedeutet: Zum Teil wird’s ein starkes und zum Teil ein schwaches Reich sein. Und dass du gesehen hast Eisen mit Ton vermengt, bedeutet: Sie werden sich zwar durch Heiraten miteinander vermischen, aber sie werden doch nicht aneinander festhalten, so wie sich Eisen mit Ton nicht mengen lässt. Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, wie du ja gesehen hast, dass ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Bronze, Ton, Silber und Gold zermalmte. Ein großer Gott hat dem König kundgetan, was dereinst geschehen wird. Der Traum ist zuverlässig und die Deutung ist richtig. Da fiel der König Nebukadnezar auf sein Angesicht und warf sich nieder vor Daniel und befahl, man sollte ihm Speisopfer und Räucheropfer darbringen. Und der König antwortete Daniel und sprach: Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können. Und der König erhöhte Daniel und gab ihm große und viele Geschenke und machte ihn zum Fürsten über das ganze Land Babel und setzte ihn zum Obersten über alle Weisen in Babel. Und Daniel bat den König, Schadrach, Meschach und Abed-Nego über die Ämter des Landes Babel zu setzen. Daniel aber blieb am Hof des Königs. |
Das goldene Haupt

Nun, der Anfang wurde von Daniel ganz klar ausgelegt: In Vers 38 steht „Du [Nebukadnezar] bist das goldene Haupt.” Da Nebukadnezar stellvertretend für sein Reich steht, kann man folgern, dass es hier nicht um den König Nebukadnezar persönlich geht, sondern um das Reich, das er repräsentiert.
Dies wird auch klar, wenn man Vers 39 betrachtet. Dort steht: „Auf dein Reich wird ein anderes folgen.” Und nicht: „Nach Dir wird ein anderer König kommen …” Wir werden später sehen, dass ein König ein Reich, eine weltliche Macht oder einen Staat symbolisiert. Halten wir also zunächst fest: In dem Traum geht es um Weltreiche.
Da das Ende des Traums bis heute nicht eingetreten ist, ist es sinnvoll, diesen Traum genauer zu betrachten. Möglicherweise gibt er Aufschluss über die weitere Zukunft!
Gehen wir noch mal zu Vers 39. Da sagt Daniel, dass nach Babylon ein weiteres Reich folgen wird. Nun kann man sich einfach fragen, welches Reich denn damit gemeint ist! Das neubabylonische Reich unter Nebukadnezar II. begann 605 v. Chr.. 1

Im Laufe der Jahre wurde Babylon zu einer der größten und schönsten Städte der damaligen Zeit. Nebukadnezar unterwarf nicht nur den Vorderen Orient, sondern schlug auch Ägypten. Babylon blühte auf. Die Ziegel der Mauern, Tore, Paläste und Tempel waren farbig glasiert. Die hängenden Gärten von Babylon zählen zu den sieben Weltwundern der Antike ( » mehr). Auch der 90 m hohe Turm „Etemenanki” (das heißt „Grundstein von Himmel und Erde”) wurde damals nur von den Pyramiden von Gizeh überragt.
Das beeindruckende Ischtartor ( » mehr) gehört zu den wenigen erhaltenen Bauwerken Babylons. Es wurde rekonstruiert und ist im Berliner Pergamonmuseum ausgestellt.
Auch die Stadtmauern waren beeindruckend: Mit 7 bis 8 Metern Dicke konnten zwei Gespanne auf der Mauer nebeneinander fahren. Die Stadt galt als uneinnehmbar. Der Fluss Euphrat teilte Babel in zwei Stadtteile, sodass selbst bei einer Belagerung die Bewohner mit Wasser versorgt werden konnten.2

Tatsächlich wurde Babylon ( » große Karte) erobert! Es ist übrigens erstaunlich, dass der Prophet Jesaja etwa 150 Jahre zuvor den Fall von Babylon vorausgesagt hatte und den Eroberer nannte (Jes 44,24–28 bis Jes 45,1–6).
Es war der persische Herrscher Kyros (Kores), der im Jahre 539 v. Chr. Babylon einnahm. Dazu hat er vermutlich das Wasser des Euphrats umgeleitet und konnte so die ungeschützten Wassertore angreifen.3 Auf jeden Fall erfüllte sich das Wort Jesajas, der voraussagte, dass Kyros kein Tor verschlossen bleiben sollte: Die Palasttore waren bei seinem Angriff nicht verschlossen. Die Bewohner fühlten sich so sicher in ihrer Stadt.

Archäologische Funde bestätigen, dass Kyros ohne nennenswerte Gegenwehr in Babylon einzog. Darüber hinaus berichtet ein Tonzylinder ( » großes Bild) davon, dass er von der Bevölkerung jubelnd empfangen wurde. Der letzte babylonische König Nabonid hatte mit seiner verfehlten Religionspolitik nicht nur die Marduk-Priesterschaft (Bel Marduk – später einfach Bel – war ein babylonischer Hauptgott) nachhaltig verärgert und ganz Babylon gegen sich aufgebracht, auch die zahlreichen verschleppten Ausländer wurden mehr und mehr zu einer Gefahr. Vermutlich ließ Kyros sie aus diesem Grund 538 v. Chr. in ihre Heimatländer zurückkehren.
In Daniel 5 wird zudem noch von dem Fest des Belschazzars (Belsazar) berichtet. Dieses Kapitel ist sehr empfehlenswert. Mehrere antike Historiker bestätigen dieses Fest: der griechische Geschichtsschreiber Xenophon4 (ca. 426–355 v. Chr., kurze Beschreibung), ebenso Herodot5 (484–425 v. Chr., kurze Beschreibung) und der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus6 (ca. 38–100 n.Chr., kurze Beschreibung). Aus archäologischen Funden weiß man, dass Belschazzar der Kronprinz Nabonids war.7
Nachdem das Reich der Perser und der Meder unter Kyros verschmolzen worden war, versuchte sich Nabonid durch eine Allianz mit Krösus, dem König von Lydien, und mit Sparta gegen die drohende medopersische Gefahr zu schützen. Doch vergebens… Nachdem Kyros die lydische Hauptstadt Sardes erobert hatte, war der Weg nach Babylon frei… und das goldene Haupt wurde überwunden!
Die silberne Brust

Wir wissen nun also, welches Reich die silberne Brust und die Arme symbolisieren: Es ist das Reich Medopersien, von dem Daniel sagt, dass es nicht ganz so mächtig sein wird wie das babylonische Reich. Dass es sich um das medopersische Reich handelt, ergibt sich aus den Schilderungen im folgenden Kapitel des Buches Daniel. Es ergeben sich zudem starke Parallelen, wenn man die Kapitel 2, 7 und 8 vergleicht, was diese Deutung zusätzlich bestätigt. Der letzte König über dieses Weltreich war Darius (Dareios) III., genannt Kodomannos.
Die Hüfte aus Bronze

Daniel sagt weiter, dass ein bronzenes Reich, das über die ganze Erde reichen würde, folgen wird. Diese Prophezeiung sollte sich erfüllen: Darius III., Herrscher über Medopersien, wurde zunehmend von einem jungen Mann aus dem Norden bedrängt. Mit nur 37.500 Mann schlug der 24-jährige Alexander das 200.000 Mann umfassende Heer des persischen Herrschers. Dies geschah bei Issus im Jahre 333 v. Chr. ( » mehr). Darius III. floh vor Alexander und wurde dabei von seinem eigenen Satrapen Bessos 330 v. Chr. ermordet.8

Alexander der Große – der größte Heeresführer und Stratege aller Zeiten. In nur acht Jahren eroberte er die ganze bekannte Welt.9 Medopersien, Ägypten… Nichts schien ihn aufhalten zu können. Schließlich stieß er bis nach Indien vor. Aber sein Heer war kriegsmüde geworden. Nur unwillig trat er den Rückzug an, um eine Meuterei zu verhindern.

Völlig unerwartet verstarb er im Juni 323 v. Chr. in Babylon am heftigen Fieber.10 Der 33-jährige Herrscher ernannte keinen Nachfolger. In Kürze entbrannten die sogenannten „Diadochenkämpfe” (Diadochen – von griechisch diádochos: Nachfolger). Die Heeresführer (Alexanders Generäle) ermordeten dabei ohne Skrupel Alexanders ganze Familie: den Halbbruder Philipp Arrhidaios, die Mutter Olympias, die Witwe Roxane und den nachgeborenen Sohn.
Nebenbei bemerkt: Roxane und Olympias waren beide genauso skrupellos wie offenbar viele der damaligen Herrscher. Roxane hat z. B. Alexanders erste Frau Barsine nach Babylon gelockt und umbringen lassen. Barsine war vermutlich auch schwanger gewesen.
Es entbrannte ein heftiger Streit um die Thronfolge, und das riesige Reich kam nicht zur Ruhe. Der Konflikt zwischen den Generälen Ptolemaios (Ptolemäus), Kassandros (Kassander), Lysimachos, Seleukos einerseits und Antigonos und seinem Sohn Demetrios andererseits gipfelte im vierten Diadochenkrieg. In der Schlacht bei Ipsus 301 v. Chr. fiel der 81-jährige Antigonos. Demetrios konnte fliehen.

Das Weltreich zerfiel: Kassandros regierte im makedonischen Reich und wurde dann sechs Jahre später von Demetrios verdrängt. Ptolemaios herrschte über das Ptolemäerreich, das die Gebiete Ägypten, Palästina und Teile Syriens umfasste. Zu dem Seleukidenreich gehörten Teile Kleinasiens, Mesopotamien und die Gebiete bis an die Grenzen Indiens. Das Reich des Lysimachos umfasste Thrakien und große Teile von Kleinasien. Mit dem Ende des vierten Diadochenkrieges und dem Tod Antigonos kam es zur endgültigen Aufgabe des Prinzips der Einheit im ehemaligen Alexanderreich. Das große Weltreich war in vier Teile zerbrochen ( » große Karte)).
20 Jahre später hatte Lysimachos seine Gebiete an Seleukos verloren, sodass schließlich Makedonien, das Seleukidenreich und das Ptolemäerreich übrigblieben. (In Geschichtsbüchern werden oft nur noch die letzten drei Reiche erwähnt!)
Auch bei der Zuordnung „Hüfte aus Bronze“ kann auf die Schilderungen in Daniel 7 und 8 verwiesen werden, welche die hier präsentierte Auslegung stützen.
Die eisernen Beine

Auch das bronzene Reich endete, und es folgte das eiserne Reich. Es war Rom, das nach und nach die Teilstaaten eroberte. Rom begann sich schon ab dem 4. Jh. v. Chr. deutlich auszubreiten. Makedonien wurde 148 v. Chr. zu einer römischen Provinz. Das Seleukidenreich wurde erst 63 v. Chr., nach dem Einzug der römischen Legionen in Jerusalem, vernichtet. Es war zu diesem Zeitpunkt längst nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe. Pompeius wandelte es zur römischen Provinz Syrien um.11 Das Ptolemäerreich konnte sich sogar bis 30 v. Chr. in Ägypten halten, bis römische Truppen Alexandria einnahmen und Ägypten ebenfalls zur römischen Provinz wurde.
In Vers 40 heißt es nach Luther:
| Und das vierte [Reich] wird hart sein wie Eisen; denn gleichwie Eisen alles zermalmt und zerschlägt, ja, wie Eisen alles zerbricht, also wird es auch diese alle zermalmen und zerbrechen. |
Welch passende Beschreibung für das römische Imperium: Mit eiserner Härte unterwarf es die damals bekannte Welt. Schließlich erstreckte sich das Reich von Gibraltar bis zum Euphrat und von Nordafrika bis England und bestand über ein halbes Jahrtausend! Obwohl es schon 395 n. Chr. zu einer Teilung in Ost- und Westrom kam, konnte sich Westrom bis 476 n. Chr. halten. Durch den sittlichen Verfall und den Ansturm der Völkerwanderung kam es schließlich zum Untergang Westroms, und der germanische Fürst Odoaker setzte den letzten römischen Kaiser, Romulus Augustulus, ab.12
Das oströmische Reich konnte sich zwar noch bis ins 15. Jahrhundert halten, war jedoch ständig in Grenzkonflikte verstrickt. Die Völkerwanderung machte auch diesem Reich zu schaffen. Muslimische Völker bedrohten es und eroberten wichtige Städte wie Jerusalem. Finanziell ruiniert und militärisch geschwächt wurde Konstantinopel 1453 von den Osmanen erobert. Doch die erhoffte Hilfe aus dem Westen blieb aus.
Kommen wir nun zu den Füßen des Standbilds! Die Füße symbolisieren das Reich, das von einem großen Stein getroffen und zerschlagen wird! Danach wird Gott sein ewiges Reich aufrichten! Es geht also hier um die Wiederkunft Jesu und das Ende dieser Welt!
Die Füße des Standbilds

Vorab sei gesagt, dass es bis jetzt keine einfache und verständliche Interpretation für die Füße gibt. Das Eisen in den Füßen ist ein Rest des vergangenen römischen Imperiums. Aber was für ein Rest soll es sein? Es stellt sich auch die Frage, was der Ton darstellt, der mit dem Eisen vermischt ist. Man kann sich auch die Frage stellen, warum alle anderen Reiche Metalle waren und jetzt plötzlich Ton auftaucht! Es gibt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, doch welche wirklich zutrifft, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Tragen wir einfach zusammen, was wir über den Ton und das Eisen wissen.
Zunächst muss ich noch auf die Übersetzung in der Gute Nachricht eingehen: Dort war die Rede von zwei Königreichen. Nun, wenn man beharrlich an den zwei Reichen festhalten will, kommt man in Schwierigkeiten, sich dieses Standbild richtig vorzustellen: Soll etwa ein Fuß aus Ton und einer aus Eisen sein? So steht es aber nicht geschrieben. Wie sollten sich dann auch Ton und Eisen vermischen? Man könnte einwenden: „So ist das doch nicht gemeint. Es sind ganz klar zwei Reiche: Eins aus Ton, eins aus Eisen! – Es geht nur um die zwei unterschiedlichen Stoffe!” Oder möglicherweise zwei unterschiedliche Machtformen?
Ist denn ein halber Fuß aus Eisen und die andere Hälfte aus Ton? Haben wir dann nicht schon vier Reiche?
Nun kann man schon sehen, dass es jetzt zur übermäßig detaillierten Auslegung kommt. Es ist eine komplexe Angelegenheit, aber vielleicht verlangen wir einfach zu viel von diesem Traum. Er zeigt den groben Verlauf der Geschichte. Lassen wir die Frage nach dem Ton und Eisen zunächst offen und betrachten, was der Text über sie sagt und was wir darüber sagen können (Verse 42 und 43):
| Ton und Eisen sind sehr unterschiedlich. Ton ist sehr zerbrechlich, also schwach – Eisen ist sehr fest, also stark. Dennoch versuchen sie sich durch “Heirat” zu verbinden. Man wird also nach Einheit streben. Aber ihre Bemühungen sind vergebens und sie fallen wieder auseinander. |
Wie sieht es denn aus? Das Streben nach Einheit ist heute überall zu finden: Die europäischen Staaten (darunter gibt es starke und schwache) streben nach engerer Zusammenarbeit. Die Kirchen setzen sich für die Ökumene ein und wollen sich einander annähern. Die Regierungen und der Vatikan arbeiten eng zusammen.
Auch wenn man gewisse Merkmale in der geistlichen und weltlichen Landschaft finden kann, muss ich zugeben, dass es immer noch sehr schwierig ist, genauere Aussagen zum Ton und zum Eisen zu machen. Doch sollten wir realistisch sein: Kann man aus ein paar Versen wirklich so viel herauslesen? Ich schrecke davor zurück, aus einigen wenigen Sätzen die ganze Geschichte ab Rom bis hin in die Zukunft genau zu deuten. Das erscheint mir als zu weitgehende Interpretation! Versuchen wir doch einfach, die Statue als Ganzes zu betrachten: Die Menschen errichten ein Reich nach dem anderen, aber ein jedes zerfällt wieder. Alle religiösen und politischen Herrschaftssysteme konnten auf Dauer keinen Frieden stiften. Auch konnten sie Leid und Hunger nicht beenden; dazu sind die Menschen trotz der hochentwickelten Technologie noch immer nicht fähig oder bereit!
Was bedeutet das für uns heute? Mir persönlich zeigt der Traum aus Daniel 2 etwas sehr deutlich: Weder die EU noch die Vereinten Nationen werden Bestand haben. Auch wird es keine Weltreligion geben, die halten wird. Alle menschlichen Systeme werden fallen – vom Stein getroffen. Es kommt der Tag, an dem Gott alle menschlichen Herrschaftsformen zertrümmert und ER (nicht der Mensch!) ein ewiges Reich errichten wird. ER wird Kriege, Zerstörung, Leid und Hunger beenden. Die Welt treibt nicht im sinnlosen Chaos dahin. Nebukadnezars Traum hat sich fast schon vollständig erfüllt. Die Geschichte zeigt uns deutlich, dass der Traum zuverlässig ist. Es gibt viele weitere biblische Prophezeiungen (» mehr dazu: Propheten und Prophezeiungen in der Bibel und in Hinblick auf Jesus), die sich erfüllt haben. Auch sie belegen, dass Gott die Zukunft kennt. Warum sollten wir also das Ende des Traumes anzweifeln?
Natürlich ist der Traum aus Daniel 2 nicht der einzige, der von der Endzeit berichtet. Daniel hatte noch weitere Träume und Visionen (Gesichte), die sich alle mit dem weiteren Verlauf der Geschichte beschäftigen. Insbesondere Daniel 7 & 8. Es ergeben sich dabei erstaunliche Parallelen zu der Offenbarung! Wenn man sich mit den anderen Prophezeiungen beschäftigt, könnte man vielleicht rückwärts darauf schließen, was mit dem Ton und dem Eisen gemeint ist.
Besonders zu Daniel 7 (und zu Offenbarung 13) gibt es eine interessante, historische Auslegung, die wir im nächsten Abschnitt betrachten werden. » Hier geht es weiter zu Daniel 7!
Youtube-Empfehlung
Es gibt verschiedene Videos, die das Thema ebenfalls behandeln. Hier eine Auswahl.
Denjenigen, die kein Problem damit haben, Filme auf Englisch zu sehen, empfehle ich zum Thema Daniel 2 die folgende Doku:
In der Doku tritt auch Michael Hasel auf, der von seinem Großvater Franz Hasel berichtet. Dessen Geschichte ist in dem Buch ” Mit Gott an unserer Seite. Eine Familie im Dritten Reich” niedergeschrieben. Wirklich beeindruckend! Die Kinder von Franz Hasel, Gerhard (leider viel zu früh gestorben!) und Kurt Hasel sind bekannte Theologen geworden.
Wer der englischen Sprache nicht so mächtig ist, kann sich zum Thema auch folgende Vorträge anhören:
Quelle: https://www.joelmedia.de/aufnahmen/zukunft-erde-1-der-sturm-beginnt
Oder:
Quelle: https://www.omega-konflikt.de/vortraege/
Anlage
Abbildungen
Abbildung 1: Die hängenden Gärten von Babylon ( » zeigen)
Abbildung 2: Das Ischtartor ( » zeigen) – Bildnachweis: Von LBM1948 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=88944304
Abbildung 3: Die Stadt Babylon ( » zeigen)
Abbildung 4: Der Kyros-Zylinder ( » zeigen)
Abbildung 5: Darius III. ( » zeigen)
Abbildung 6: Alexander der Große ( » zeigen)
Abbildung 7: Die Diadochenreiche ( » zeigen)
Literatur und Quellen
Anmerkung: Ich habe viele verschiedene Quellen benutzt. Leider kann ich nicht bei jedem Satz angeben, auf welche Quelle ich mich beziehe. Z. T. habe ich auch Quellen aus dem Internet verwendet. Das meiste müsste sich mit entsprechender Literatur bestätigen lassen. Ein Schulgeschichtsbuch reicht dabei in der Regel nicht aus! Selbst mein Geschichtsband ([a], [b], [c]) muss kapitulieren, wenn es um Details geht.
[a] “Weltgeschichte Band 1: Morgen der Menschheit”, H. Pleticha, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh 1996
[b] “Weltgeschichte Band 2: Im Schatten des Olymp”, H. Pleticha, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh 1996
[c] “Weltgeschichte Band 3: Rom und der Osten”, H. Pleticha, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh 1996
[d] The Perseus Project, University, http://www.perseus.tufts.edu, Dezember 1998 (Die verwendeten Quellen sind auch im Anhang zu finden.)
[e] “Und die Bibel hat doch recht”, W. Keller, ECON Verlag, Düsseldorf 1989
Anhang: Außerbiblische Quellen
1 [a] Seite 85 ( » Zurück)
2 [a] Seiten 181–186 ( » Zurück)
3 [d] Quelle 1: [7.5.7 – 7.5.33] ( » Zurück, » Zeigen)
4 [d] Quelle 1: [7.5.15] ( » Zurück, » Zeigen)
5 [d] Quelle 3: [1.191.6] ( » Zurück, » Zeigen)
6 [d] Quelle 2: (10 chap. 11.§2) [10.229] ( » Zurück, » Zeigen)
7 [e] Seite 282 ( » Zurück)
8 [b] Seite 291( » Zurück)
9 [b] Seite 279–293 ( » Zurück)
10 Die Berliner Morgenpost meldete am 12.06.1998, dass Wissenschaftler an der Universität von Maryland (USA) vermuten, dass Alexander an Salmonellen-Typhus gestorben ist. Ihre Ergebnisse veröffentlichte das Fachmagazin “New England Journal of Medicine”. ( » Zurück)
11 [e] Seite 300 ( » Zurück)
12 [c] Seiten 251–252 ( » Zurück)










