Fünfmal schlucken
Resümee einer Endzeitpredigt
Inhaltsverzeichnis
Worum geht es?
1. Die Entrückung
2. Das Gleichnis mit den Pfunden
3. Der Wiederaufbau des Tempel
4. Daniel 9, 24–27
5. Das Volk Israel
6. Abschlussbemerkungen
Fußnoten
Worum geht es?

Der folgende Text wurde vor über 30 Jahren nach dem Hören einer Endzeitpredigt verfasst. Die Bibelzitate stammen überwiegend aus der Lutherbibel 1984 (alte Rechtschreibung). Seit dem Abfassen des Textes hat sich die Relevanz nicht geändert. Besonders in evangelikalen Kreisen wird auch heute noch so wie früher gedacht. Die hier präsentierten Einwände sind weiterhin gültig und wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht entkräftet. Daher kann der Text mit gutem Gewissen weiterhin veröffentlicht bleiben. Eines steht fest: Die Sichtweisen sind so gegensätzlich und festgefahren, dass eine oder beide Seiten “ein Brett vor dem Kopf” haben müssen – oder gar beide Seiten. Aber was genau sind die konkurrierenden Ansichten?
Ursprüngliche Einleitung
Vor einiger Zeit war ich Hörer einer Endzeitpredigt und hatte große Schwierigkeiten damit. Ich weiß, dass das Thema „Endzeit” ein schwieriges Thema ist, das oft sehr emotional diskutiert wird. Auch ich zitiere manchmal beängstigende Bibelstellen, aber keineswegs als „Mittel zum Zweck”. Zweifellos gibt es einige heftige Bibelstellen, und Gott hat sicherlich keine Freude daran, uns einzuschüchtern. Vieles ist nur als wohlmeinende Warnung gemeint, damit wir uns nicht verführen lassen. Wenn wir uns treu am Herrn festhalten, brauchen wir uns nicht zu fürchten. Jesus sagte uns viele Dinge, um uns vorzubereiten und zu helfen:
Joh 16,1–4
Das habe ich zu euch geredet, damit ihr nicht abfallt. Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, daß, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen. Aber dies habe ich zu euch geredet, damit, wenn ihre Stunde kommen wird, ihr daran denkt, daß ich’s euch gesagt habe. Zu Anfang aber habe ich es euch nicht gesagt, denn ich war bei euch.
Jesu Jünger fragten ihn nach seiner Wiederkunft und der Zerstörung des Tempels. Dies sind zwei getrennte Ereignisse, aber Jesus gab eine Antwort auf beide Geschehen, und dadurch, dass er die Jünger warnte und ihnen Ratschläge gab, überlebten die meisten Christen eine der schlimmsten Belagerungen der Antike. Viele hunderttausende Menschen kamen bei der Belagerung Jerusalems um, und viele grausame Dinge ereigneten sich, die kaum beschreibbar sind. Die Christen entkamen der „Falle Jerusalem”, weil sie, als sich die Zeichen erfüllten, auf Jesu Worte hörten und in die Berge flohen.
Alles in der Bibel soll uns zum Besten dienen: zur Erbauung, zur Belehrung und zur Warnung. Obwohl Dinge geschehen werden, die uns Angst einflößen, so brauchen wir uns doch nicht zu fürchten: Der Herr ist unser Fels, unsere Burg, unser Erretter und unser Schild (Ps 18,3), und daher gilt uns der Aufruf: „Seid allezeit fröhlich” (1 Thess 5,16).
Die Zukunft lässt sich nur schwer vorhersagen, und die Auslegung verschiedener biblischer Vorhersagen ist schwierig. An ihnen haftet stets eine gewisse Ungewissheit, und umso verwunderter war ich, als verschiedene Theorien und Auslegungen so selbstverständlich vorgetragen wurden, als stünden sie wörtlich in der Bibel. Dass diese Dinge keine Selbstverständlichkeit sind und durchaus in Frage zu stellen sind, soll dieser Text deutlich machen. Im Folgenden sollen die Themen „Die Entrückung”, „Das Gleichnis mit den Pfunden”, „Wiederaufbau des Tempels”, „Daniel 9″ und „Das Volk Israel” im Zusammenhang mit der Predigt diskutiert werden.
1. Die Entrückung
Aussage der Predigt: Die Entrückung findet vor, während oder nach der großen Trübsal statt, die der Wiederkunft vorausgeht – laut Predigt aber wahrscheinlich davor. Als Begründung wird auf das Sendschreiben an die Gemeinde in Philadelphia (Offb 3,10) verwiesen: „Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.“ Da die Gemeinde hier vor der Versuchung bewahrt wird, wird geschlussfolgert, dass die gläubigen Christen vor der Trübsal und Bedrängnis entrückt werden.
Warum ich schlucken musste: Diese Auslegung widerspricht an mehreren Stellen meinem Bibelverständnis. Meines Erachtens gibt es zahlreiche Bibelstellen, die verdeutlichen, dass die Auferstehung der Toten, die Verwandlung der Gläubigen und die Entrückung zeitgleich am Ende, nämlich direkt bei der sichtbaren Wiederkunft Jesu, stattfinden werden. Dies lässt sich wie folgt begründen:
a) Die Entrückung ist mit der Auferstehung verbunden:
1.Kor 15,51–52
Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden.
1.Thess 4,16–17
Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.
Die erwähnte Posaune könnte im Zusammenhang mit der Wiederkunft stehen. (Mt 24,31 und Offb 11,15. Die Gerechten erwachen aus dem ‘Todesschlaf’ am Jüngsten Tag, wenn Jesus kommt (Vgl. Joh 11, 24).
b) Die Entrückung wird nicht vor der Wiederkunft (WK) und erst recht nicht vor der sogenannten ‘großen Trübsal’ stattfinden: In Offenbarung 13 lesen wir:
Offb 13,13–16
Und es [das Tier] tut große Zeichen, so daß es auch Feuer vom Himmel auf die Erde fallen lässt vor den Augen der Menschen; und es verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen, die zu tun vor den Augen des Tieres ihm Macht gegeben ist; und sagt denen, die auf Erden wohnen, daß sie ein Bild machen sollen dem Tier, das die Wunde vom Schwert hatte und lebendig geworden war. Und es wurde ihm Macht gegeben, Geist zu verleihen dem Bild des Tieres, damit das Bild des Tieres reden und machen könne, daß alle, die das Bild des Tieres nicht anbeteten, getötet würden. Und es macht, daß sie allesamt, die Kleinen und Großen, die Reichen und Armen, die Freien und Sklaven, sich ein Zeichen machen an ihre rechte Hand oder an ihre Stirn,
Lassen wir mal beiseite, was dieses Bild des Tieres und das Zeichen ist. Fest steht, dass es einen Zwang und eine Todesstrafe geben wird. Vor der Wiederkunft, vor der Auferstehung und vor der Entrückung.
In Offb 14,9 werden wir davor gewarnt, dieses Zeichen anzunehmen. Wenn wir schon entrückt wären, wäre die Warnung ziemlich sinnlos.
Noch viel deutlicher ist Mt 24, das Parallelkapitel zu Mk 13, welches in der Predigt verwendet wurde. In Vers 13 und 21–22 lesen wir von der ‘großen Trübsal’:
Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. Und wenn diese Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch selig werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.
Wenn nun eine Entrückung von der Trübsal stattfinden sollte, wie kann man bis ans Ende ausharren? Wenn die Auserwählten entrückt sind, warum sollten die Tage der Trübsal ihrer Willen verkürzt werden?
Die Theorie einer „vorzeitigen“ oder gar „heimlichen“ Entrückung, wie sie oft in Pfingstkirchen oder charismatischen Kreisen gelehrt wird, halte ich für exegetisch zweifelhaft. Bekannt sind die Autoaufkleber mit Aufschriften wie: „Wenn dieses Auto ohne Fahrer fährt, wurde er entrückt.“ Diese Vorstellung basiert oft auf einer Fehlinterpretation des lateinischen Wortes rapere (von dem sich „Rapture“ ableitet), was zwar „fortreißen“ bedeutet, aber nichts über den Zeitpunkt aussagt. Zudem wird die Metapher „wie ein Dieb in der Nacht“ missverstanden: Sie bezieht sich auf die Unvorhersehbarkeit des Zeitpunktes für die Unwachsamen, nicht auf eine Heimlichkeit des Ereignisses. Paulus schreibt in 1. Thessalonicher 4,16 unmissverständlich, dass ein Befehl ertönt, die Stimme des Erzengels schallt und die Posaune Gottes erschallt. Das klingt nach einem sehr öffentlichen und gewaltigen Ereignis, nicht nach einem lautlosen Verschwinden.
(Nur so am Rande: Die Zeugen Jehovas lehren, dass Jesus auch schon heimlich (“im Geiste”?) wiedergekommen und es sogar zu einer heimlichen Teil-Auferstehung gekommen sei.)
Hinter der Entrückungstheorie steht zu 99 % eh noch ein anderer Gedanke: Das 1000-jährige Friedensreich. Ich werde später darauf zu sprechen kommen.
2. Das Gleichnis mit den Pfunden
Aussage in der Predigt: Der Prediger bezog sich auf das Gleichnis von den Pfunden in Lk 19,11–28 und erklärte, dass diejenigen, die Gottes Gaben (er sprach in diesem Zusammenhang spezifisch von Geistesgaben) gut verwalten, im zukünftigen Friedensreich über zehn Städte gesetzt würden. Er warnte davor, diese Gaben zu „dämpfen“, und verwies auf 1Thess 5,19: „Den Geist dämpft nicht“. Dabei betonte er im Hinblick auf das Gleichnis, wie entscheidend es sei, die Geistesgaben aktiv einzusetzen.
Warum ich schlucken musste: Diese Aussagen sind in meinen Augen aus drei Gründen zweifelhaft: a) Elemente des Gleichnisses werden eins zu eins auf die Realität übertragen. b) Die erwähnte „Realität“ eines politischen Friedensreichs ist theologisch umstritten. c) Die „Pfunde“ werden ausschließlich als Geistesgaben gedeutet, was zusammen mit 1Thess 5,19 dazu genutzt wird, Skeptiker gegenüber gewissen charismatischen Erscheinungen „ruhigzustellen“.
Begründung zu a)
Es ist ein methodischer Fehler, Elemente eines Gleichnisses (symbolhafte Bildrede) unvermittelt auf die Wirklichkeit zu übertragen. Das Himmelreich ist nicht wortwörtlich ein Senfkorn oder Sauerteig. Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass einem treuen Gläubigen real die Herrschaft über zehn Städte zusteht. Viele Menschen haben beispielsweise eine sehr „feurige“ Vorstellung vom Totenreich (oder Fegefeuer) und berufen sich dabei auf das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,19–31). Dabei vergessen sie oft, dass es sich um eine bildhafte Erzählung handelt, die eine geistliche Wahrheit vermittelt, aber keine topografische Karte des Jenseits ist.
Begründung zu b)
Das erwähnte „Friedensreich“ (Millennium) ist in der Theologie ein umstrittenes Thema. Die populäre Auslegung, die der Prediger vertritt, bleibt unschlüssig und birgt die Gefahr, notwendige Entscheidungen und Veränderungen auf ein angebliches Friedensreich zu verschieben (siehe Punkt 3 meiner ersten Ausarbeitung).
Begründung zu c)
Ich habe den Eindruck, dass der Prediger die Geistesgaben gezielt hervorgehoben hat, um seine eigene Sichtweise und Praxis zu rechtfertigen. Seine exklusive Deutung der „Pfunde“ auf Geistesgaben ignoriert, dass ebenso gut andere anvertraute Güter gemeint sein könnten – etwa Intelligenz, soziale Beziehungen, Einflussmöglichkeiten oder schlichtweg materielles Vermögen, das für gute Zwecke eingesetzt werden kann.
Besonders kritisch sehe ich die Warnung, Geistesgaben zu verachten, unter Berufung auf 1Thess 5,19: „Den Geist dämpft nicht.“ Ich gestehe, dass ich bei diesem Thema vorsichtig reagiere. Nicht, weil ich Gottes Gaben geringschätze, sondern weil ich den Kontext des gesamten Kapitels betrachte. Liest man nur zwei Verse weiter, heißt es:
1.Thess 5,19–22
Den Geist dämpft nicht. Prophetische Rede verachtet nicht. Prüft aber alles, und das Gute behaltet. Meidet das Böse in jeder Gestalt.
Es stellt sich die Frage, warum der Prediger nur die Verse 19 und 20 zitiert hat. Im gleichen Kapitel (V. 1–11) ermahnt uns Paulus zur Wachsamkeit, und auch Jesus warnt in Mt 24,24: „Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so dass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten.“ Ich finde die Vorstellung beunruhigend: Wenn große Zeichen und Wunder geschehen, die scheinbar Gutes bewirken – wie könnte ich da zweifeln? Nichts ist überzeugender als das Übernatürliche. Selbst wenn ein „Engel des Lichts“ erschiene, fiele es schwer, seine Nachricht zu hinterfragen. Doch Paulus warnt uns ausdrücklich, dass Satan sich genau als ein solcher Engel des Lichts verstellen kann (2Kor 11,14).
Mein Umgang mit diesem Thema ist daher eine bewusste Vorsicht. Ich versuche, diesen Dingen ohne Panik, aber mit wachem Verstand zu begegnen, alles anhand der Bibel zu prüfen und die langfristigen Konsequenzen einer Bewegung zu beobachten. Dieses Problem der Unterscheidung ist nicht neu. Schon zur Zeit der Reformation gab es schwärmerische Bewegungen. Melanchthon, der Weggefährte Luthers, sagte treffend: „Diese Leute sind ungewöhnliche Geister, aber was für Geister? … Wir wollen den Geist nicht dämpfen, aber uns auch vom Teufel nicht verführen lassen.“ Dies ist auch mein Motto, selbst wenn meine Skepsis auf andere wie Ablehnung wirken mag.
3. Der Wiederaufbau des Tempel
Aussage in der Predigt: Der zerstörte Tempel in Jerusalem wird in der Zukunft wieder aufgebaut werden.
Hintergrund: Die (heimliche oder vorzeitige) Entrückung, die sogenannte „Israeltheorie“ (Dispensationalismus) und das 1000-jährige Friedensreich bilden einen verzahnten Komplex, wobei es zu unterschiedlichen Akzenten kommt. Um die Kernidee kurz zu umreißen: Das (fleischliche) Volk Israel soll in der Endzeit eine wichtige Rolle spielen und zum Missionsvolk auf der Erde werden. Dabei soll der Tempel neu gebaut werden, und Jesus wird mit ihnen als Hohepriester 1000 Jahre in einem Friedensreich leben, in dem alle bösen Einflüsse Satans unterbleiben. Die Christen werden vorher entrückt, umgewandelt und regieren mit Jesus zusammen. Ganz genau kenne ich diesen Komplex nicht, und das, was ich zum Teil höre, ist widersprüchlich: Einerseits sollen die Christen entrückt werden, weil sie auf der Erde überflüssig seien, wenn die Juden das Missionsvolk bilden; andererseits wird gesagt, die Christen würden zusammen mit Jesus 1000 Jahre auf der Erde herrschen.
Warum ich schlucken musste: Die Aussage, der Tempel würde wieder aufgebaut werden, basiert meines Wissens auf einer fragwürdigen Auslegung von Dan 9 (siehe Punkt 4) und der Vorstellung, dass der von Hesekiel beschriebene Tempel (Hes 40–48) auf jeden Fall noch gebaut werden muss, da jedes Wort, das Gott verheißen hat, sich auch exakt so erfüllen müsse.
Zum Tempel aus Hes 40–48: Verheißungen müssen nicht zwingend erfüllt werden, wenn sie an Bedingungen geknüpft waren. Zudem kann Gott Verheißungen so erfüllen, wie er es als richtig erachtet – das heißt, er kann sie auch in einer anderen Art und Weise erfüllen, als sie zunächst angekündigt waren. Oft gab es Verheißungen, die Gott nicht erfüllte, weil sein Volk schlicht nicht auf ihn hören wollte. Ich habe mich bereits mit einem Anhänger der „Israeltheorie“ unterhalten. Das Problem ist, dass man leicht aneinander vorbeiredet: Mir wurde vorgeworfen, ich würde alles „vergeistlichen“ und die absolute Treue Gottes infrage stellen. Ich hingegen ließe mich von der sogenannten Beweisführung nicht beeindrucken. Dabei ist die Argumentation teilweise schwer nachvollziehbar. Zitat: “Die Beweisführung muss ergeben, dass die Menschheit unter KEINEN UMSTÄNDEN selbst gerecht werden kann, auch nicht unter den bestmöglichen: Jesus als König und einen Haufen Heiliger, die sich genauso um das Volk kümmern. Diesen Beweis muss Gott bringen, ansonsten verstößt er gegen seine Gerechtigkeit.”- Nun, ich komme vom Thema ab: Zurück zum Tempel aus Hesekiel!
Ich glaube nicht, dass dieser Tempel gebaut werden MUSS, schon gar nicht so wie er beschrieben wurde. Ich habe bei dem Gedanken folgende Probleme:
- Hes 43,18f: Hier wird ein Opferdienst beschrieben. Der Tempel kann, wenn man ihn unbedingt in der Zukunft verortet sehen möchte, NIEMALS wörtlich verstanden werden. Jesus war ein für alle Mal DAS Opfer (Hebr 10,10 – am besten ganz Hebr 10 lesen!). Weiteres Opfern für jemanden, der an Jesus Christus glaubt, ist vollkommen widersprüchlich und bedeutet eine Ablehnung des Opfers Jesu. Das Opfern von Tieren ist seit Christus sinnlos, weshalb auch der Vorhang im Tempel bei der Kreuzigung zerriss (Mt 27,50–51).
- Hes 43,10–11: Diese Verse könnten ein Hinweis auf eine „Bedingung“ zur Erfüllung sein (die Umkehr des Volkes).
- Die Visionen in Hes 40–48 sind nicht unproblematisch und zum Teil schwer verständlich. Es ist unklar, ob Hesekiel von einem physikalischen oder symbolischen Tempel sprach. Fest steht nur, dass der Tempel nach der Rückkehr aus dem Exil (ab 538 v. Chr.) nicht so gebaut wurde, wie Hesekiel ihn beschrieb.
- Auch wenn man dies als „Vergeistlichung“ sehen kann, bin ich damit nicht allein; Petrus und Paulus stützen diese Sicht:
“Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.” (1Petr 2,5)
“So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.” (Eph 2,19–22)
Ich habe keine Probleme damit zu sagen, dass WIR der Tempel Gottes sind und Gott nicht zwingend einen physischen Tempel nach Hesekiel bauen lassen muss.
Anmerkung zum Friedensreich: Ich möchte nicht die gesamte Diskussion um das Friedensreich aufrollen und teile daher nur mein persönliches Resümee mit: Ich glaube, dass es kein 1000-jähriges Friedensreich auf Erden geben wird. Die Diskussion darum ist sehr anstrengend, weil es Bibelstellen gibt, die mal in die eine und mal in die andere Richtung zu deuten scheinen. Um es klar zu sagen: Es gibt Stellen, die ich nicht abschließend erklären kann und die für ein Friedensreich sprechen könnten, und es gibt Stellen, die mit einem irdischen Friedensreich unvereinbar sind. Sollte ich mich irren, dann gibt es auf der Erde 1000 Jahre „Sonderurlaub“. Sollten sich jedoch die Anhänger des Friedensreiches irren, kann das ein Problem darstellen.
Es wird behauptet, dass man sich noch während der 1000 Jahre (unter paradiesischen Umständen) bekehren könne. Ich halte dies für einen gefährlichen Gedanken, der Menschen dazu verführen kann, mit der Bekehrung zu lange zu warten. Hier und jetzt gilt es, mit Gott ernst zu machen! Erst auf große Wunder oder auf ein göttliches Friedensreich zu warten, kann ein fataler Fehler sein.
4. Daniel 9, 24–27
Aussage in der Predigt: In der letzten Jahrwoche – von Anhängern des Friedensreiches gelegentlich als „die sieben Jahre der Trübsal“ bezeichnet – werde nach dem Wiederaufbau des Tempels in der Mitte der Woche der Opferdienst unterbrochen. Verantwortlich für diese Tat sei der Antichrist, der sich laut 2Thess 2,4 „erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott“. Dies wird als das „Gräuelbild der Verwüstung“ aufgefasst.
Warum ich schlucken musste: Hinter dieser Aussage der Predigt steckt eine spezifische Auslegung, die ich für fragwürdig halte. Bevor ich diese Auslegung im Detail schildern kann, ist es hilfreich, einen Blick auf den zugehörigen Grundtext zu werfen.
Die Übersetzung des Buches Daniel ist anspruchsvoll, da der Grundtext sprachlich oft schwer zu fassen ist. Häufig fließt bereits in die Übersetzung eine bestimmte dogmatische Deutung ein. Ich möchte daher hier auf die Elberfelder Übersetzung zurückgreifen, da sie allgemein als die wortgetreueste deutsche Bibelübersetzung gilt.
Dan 9,24–27
24 Siebzig Wochen1 sind über dein Volk und über deine heilige Stadt bestimmt, um das Verbrechen zum Abschluss zu bringen und den Sünden ein Ende zu machen und die Schuld zu sühnen2 und eine ewige Gerechtigkeit einzuführen3 und Gesicht und Propheten zu versiegeln4, und ein Allerheiligstes zu salben5.
1das sind Jahrwochen; d. h. Abschnitte zu je 7 Jahren, also 70 * 7 = 490 Jahre nach dem biblischen Jahr-Tag-Prinzip, das von Hes 4,4–6 abgeleitet werden kann.
2Hebr 9,26
3Röm 3,22a
4Joh 19,30; z. B. Ps. 69, 22; & Mt. 27, 34
5 Die Stiftshütte (später Tempel) des AT hatte mehrere Abteilungen: Der Vorderhof (mit Brandopferaltar und Waschbecken), das Heilige (hinter dem ersten Vorhang mit Schaubrottisch, Leuchter und Räucheraltar) und das Allerheiligste (mit der Bundeslade mit dem Gnadenthron). Bevor der Priesterdienst in der Stiftshütte begann, wurde sie durch Mose gesalbt und geweiht (3Mo 8,10). Jesus ist heute der wahre Hohepriester im himmlischen Heiligtum (Heb 9,11), wo er ein Diener am Heiligtum ist und als unser Mittler und Fürsprecher dient (Heb 8,2.6; 1Joh 2,1). Evtl. spielt die Salbung in Vers 24 auf eine symbolische Heiligtumsweihe an, die stattfand, bevor Jesus seinen Priesterdienst begann.
25 So sollst du denn erkennen und verstehen: Von dem Zeitpunkt an, als das Wort erging, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen1, bis zu einem Gesalbten2, einem Fürsten3, sind es sieben Wochen. Und 62 Wochen4 lang werden Platz und Stadtgraben wiederhergestellt und gebaut sein, und zwar in der Bedrängnis der Zeiten5.
1 Es sollte ein Wort zum Wiederaufbau ergehen. In Wirklichkeit bedurfte es mehrerer “Befehle”: Darius um 520 v. Chr., Artahsasta 457 v. Chr. (Esras Rückkehr) und 445 v. Chr. (Nehemias Rückkehr).
2 im Grundtext ohne Artikel, daher ein Gesalbter. Laut Rabbi Naftali Herz Tur-Sinai kann aber auch (aus dem Kontext) mit der Gesalbte übersetzt werden (siehe “Die Heilige Schrift AT”, N. H. Tur-Sinai). Gleiches gilt auch für der Fürst, aber auch für das Allerheiligste (es gab nur ein Allerheiligste)
3 Jes 9,5; Mi 5,1
4 Eine griech. Üs. und Vulg: sieben Wochen und 62 Wochen. Und Platz und Stadtgraben werden… (Satzzeichen gab es in den antiken Sprach nicht.)
5 Neh 4,2–8
26 Und nach den 62 Wochen1 wird ein Gesalbter2 ausgerottet werden3 und wird keine Hilfe finden4. Und das Volk eines kommenden Fürsten wird die Stadt und das Heiligtum zerstören5, und sein Ende ist in einer Überflutung6; und bis zum Ende ist Krieg, fest beschlossene Verwüstungen7.
1 nach den 62 Wochen, d. h. nach 7 + 62 Wochen = 69 Wochen = 483 Jahren der 70 Jahrwochen. Vergl. Vers 25
2 oder der Gesalbte
3 Vergl. Jes 53,1–12, besonders Vers 8; ausgerottet kann wie in Jes 53.8 auch mit abgeschnitten übersetzt werden.
4 Mt 26,56 (Jesus wurde von allen verlassen)
5 Lk 19,43.44: Titus und das römische Heer belagerten Jerusalem und zerstörten den Tempel 70 n.Chr.
6 Jes 8,7.8; Jes 28, 2: die reißende Flut, als Symbol der Zerstörung
7 Jes 10,22.23
27 Und stark machen1 wird er2 einen Bund für die Vielen, eine Woche lang; und zur Hälfte3 der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen4. Und auf dem Flügel von Greueln kommt ein Verwüster5, bis festbeschlossene Vernichtung6 über den Verwüster ausgegossen wird.
1 andere Üs: er wird den Bund für viele schwer machen
2 der Messias (grammatisch wahrscheinlicher) oder der kommende Fürst aus Vers 26
3 d. h. in der Mitte der letzten Woche
4 Heb 7,27; Heb 9,10; Mk 15,38
5 Satz unklar. Fast jeder übersetzt diesen Satz anders. Luther übersetzte: Und bei den Flügeln werden stehen Greuel der Verwüstung, bis das Verderben, welches beschlossen ist, sich über die Verwüstung ergießen wird.. Die Schlachterübersetzung lautet: und auf der Zinne werden Greuel des Verwüsters aufgestellt, bis daß sich die bestimmte Vertilgung über die Verwüstung ergossen hat. Das Wort, welches mit Flügel bzw. Zinnen übersetzt wird, kann auch äußerste Ecke / Rand oder Kante heißen. Es scheint einen Zusammenhang, zu fest beschlossener Verwüstung in Vers 26 zu geben.
6 siehe fest beschlossene Verwüstung, Vers 26
Die von mir argwöhnisch betrachtete Auslegung besagt Folgendes: Gott gab den Juden 490 Jahre, bis er seine Versprechen an ihnen erfüllen wollte. Als der Messias in Vers 26 „ausgerottet“ wurde, wurde die „prophetische Uhr“ angehalten. Danach begann das Zeitalter der Kirche, das als „Zeit der Nationen“ (Lk 21,24) bezeichnet wird. Wann genau die Uhr weiterläuft, scheint auch den Anhängern dieser Theorie unklar zu sein: Manche sagen, sie liefe weiter, wenn der Tempel wiederaufgebaut wird oder wenn der Antichrist einen Friedensvertrag mit der Nation Israel schließt. Diese letzten sieben Jahre werden als „Große Trübsal“ oder als „Zeit der Angst für Jakob“ bezeichnet. Der Antichrist werde sich in der Mitte dieser Woche über den Gottesdienst (Opferdienst) erheben und schließlich bei der Wiederkunft Jesu getötet werden (2Thess 2,8). Danach begänne das tausendjährige Friedensreich.
Warum ich die Dinge anders sehe: Ich vertrete eine Auslegung, die zwar auch nicht in jedem Detail „wasserdicht“ ist (da der Urtext unterschiedliche Interpretationen zulässt), mich aber logisch mehr überzeugt. Was mich am meisten stört, ist die Vorstellung einer „gestoppten prophetischen Uhr“. Ich finde in der gesamten Bibel keinen Anhaltspunkt für ein solches „Einfrieren“ von Zeiträumen. Für mich bilden die 70 Jahrwochen eine geschlossene Einheit.
Hes 30,3
Denn der Tag ist nahe, ja, des HERRN Tag ist nahe, ein finsterer Tag; die Zeit der Heiden kommt.
Die Zeit der Heiden, scheint vielmehr ein Zeitalter zu sein, in dem Israel unterdrückt wurde. Wenn man genau ist, so steht bei Lk 21 auch nicht Zeit der Heiden, sondern Zeiten der Heiden. Diese Zeiten passen viel besser zu den Zeiten, in denen die Juden unter heidnischer Herrschaft standen. Diese Zeit begann, als Nebukadnezar Jerusalem (2Chr 36) einnahm, und dauerte bis in die Neuzeit, also bis zur Neugründung des Staates Israel. Die Stadt Jerusalem ist aber auch noch heute eine geteilte Stadt und wir alle kennen die Probleme, die es in Israel gibt. Nun, ich will mich nicht an den Behauptungen und Schlussfolgerungen hochziehen, sondern dir lieber schildern, wie ich Daniel 9, 24–27 verstehe. In meinen Augen ist dort nämlich eine erstaunliche, erfüllte Prophetie zu finden:
Eine bessere Auslegung? In Vers 24 erfahren wir, dass über das jüdische Volk und seine Stadt eine Zeitspanne von 7*70 = 490 Jahren bestimmt wurde. Dann wird ‘den Sünden ein Ende gemacht’ und ‘die Schuld gesühnt’ und ‘eine ewige Gerechtigkeit eingeführt’ sowie ‘Gesicht und Propheten zu versiegeln’ sein. In meinen Augen sind dies Dinge, die sich durch Jesus erfüllt haben: Er hat unsere Schuld gesühnt (Hebr 9,26) und so eine ewige Gerechtigkeit (Röm 3,22a) eingeführt. Was die Propheten von ihm vorhergesagt haben, hat sich erfüllt (Joh 19,30; z.B. Ps. 69, 22; & Mt. 27, 34 oder Jes 53 im Vergleich zum Leben Jesu). Daher ist der im Vers 25 erwähnte Gesalbte, Jesus Christus, der Messias. Die 490 Jahre sind also eine besondere Zeit gewesen, in der sich das jüdische Volk endgültig auf den Messias vorbereiten sollte, um ihn zu empfangen und anzunehmen.
Ab 609 v.Chr. hatte das babylonische Reich seine Vormachtstellung gesichert und das assyrische Reich erobert. Als Daniel Jahre später dieses prophetische Wort empfing, war Jerusalem durch Nebukadnezar erobert worden und viele Juden, wie auch Daniel, lebten im babylonischen Exil. Der Prophet Jeremia hatte zuvor verkündet, dass verschiedene Völker 70 Jahre lang unter der Herrschaft Babylons sein sollten, und danach sollten die Juden zurückkehren (Jer 29,10). Mit dem Erlass des Kyrus (538 v.Chr.) ging diese Verheißung in Erfüllung. Viele der fremden Völker, die in Babylon ‘gefangen gehalten’ wurden, durften zurück in ihre Heimat gehen. So ging auch ein Teil der Juden in ihre Heimat, um den Tempel wieder aufzubauen.
Auch der Zeitraum zwischen Tempelzerstörung (587 v.Chr.) und Tempelweihe (515 v.Chr.) beträgt fast 70 Jahre, aber die Stadt selbst wurde in dieser Zeitspanne nicht vollständig aufgebaut. Erst weitere 70 Jahre später (ab 445 v.Chr.) wurde der Mauerbau durchgeführt! Die in Dan 9, 1–3 erwähnte Prophetie erfüllte sich also mit Verzögerung. Eigentlich sollte nur ein Befehl, der Befehl des Kyrus (Jes 44,28), zum Wiederaufbau ergehen, doch durch den Widerstand der Feinde (Esra 4) und den daraus resultierenden Unglauben der Heimgekehrten und die Vernachlässigung ihrer Arbeiten wurden weitere Befehle nötig (Esra 6.14)! Gott konnte wegen des Unwillens und Unglaubens des Volkes (Hag 1,2) seine Prophezeiungen nicht so erfüllen, wie er es vorhatte.
Der genaue Zeitpunkt, an dem ‘das Wort’ erging, Jerusalem wiederherzustellen (Dan 9,25) ist nicht ganz klar zu bestimmen. ‘Das Wort’ muss im Zeitraum zwischen 538 und 445 v.Chr. gegeben worden sein. Zunächst wurde den Juden erlaubt, den Tempel wieder aufzubauen (Erlass des Kyrus 538, Befehl von Darius und Artahsasta: Esra 6, 14.15). In Esra 7,11–28 wird ein Erlass (letzter Befehl Artahsastas) beschrieben, der den Juden vollkommene finanzielle Unterstützung für den Tempel zusichert und ihnen ihre juristische Autonomie zurückgibt, und das Gesetz (Mose) sollte wieder gelehrt werden (V.25). Esra kehrte mit diesem Erlass und einer Schar von Juden aus Babylon nach Jerusalem zurück und ließ sich dort nieder. Leider waren einige der Israeliten in Jerusalem abgefallen und sind Mischehen mit Heiden eingegangen. Dieses Problem musste zunächst geregelt werden (Esra 8–10).
Es spricht einiges dafür, dass ab 457 v. Chr. (Esra 7) auch die Stadt aufgebaut wurde, auch wenn sie über zehn Jahre später noch immer keine Stadtmauern und Tore hatte. In Daniel 9,25 erfahren wir, dass ab dem Zeitpunkt, als ‚das Wort‘ erging, nach einer gewissen Zeitspanne der Gesalbte, der Fürst Jesus Christus, kommen sollte. Er wird in Micha 5,1 als Herrscher oder Fürst und in Jesaja 9,5 als Friede-Fürst genannt. Die Bibelstellen Apostelgeschichte 4,27; 10,38 und Lukas 4,18–21 zeigen, dass Jesus ein Gesalbter Gottes war.
Etwas problematisch ist der Satzteil mit den sieben und 62 Wochen. Im Hebräischen gibt es keine Kommata oder Punkte. Die Punktsetzung (der Atnach im Hebräischen nach den 7 Wochen) ist eine Entscheidung der Masoreten aus dem Mittelalter. Daher ist es zunächst nicht klar, ob der Satz “… sind es sieben Wochen. Und 62 Wochen lang …” oder “… sind es sieben Wochen und 62 Wochen. Und Platz und Stadtgraben werden wiederhergestellt und gebaut sein, und zwar in der Bedrängnis der Zeiten” lauten soll. Auch heute sind sich die Übersetzer nicht einig: Die Luther Bibel 1984 und die Elberfelder 1985 haben die erste Version und die revidierte Webster Bibel sowie die unrevidiert Elberfelder, die King James Bibel, die lateinische Vulgate Bibel und die griechische LXX übersetzten mit der zweiten Übersetzungsmöglichkeit.
Die entscheidende Frage ist, ob es ein x‑beliebiger Gesalbter oder Fürst ist oder der angekündigte Messias ist. Denn im nächsten Vers erfahren wir, dass nach den 62 Wochen (= 434 Jahren) ein Gesalbter ausgerottet (oder abgeschnitten) wird. Entweder ist der Gesalbte derselbe wie im vorigen Vers oder schon wieder ein anderer Gesalbter – denn kein Mensch lebt 434 Jahre lang! Es geistern verschiedene Erklärungsmöglichkeiten in den Kommentaren herum, wobei vermutet wird, dass die zwei Gesalbten die Hohepriester Jeschua und Onias III. sind. Diese Interpretationen sind höchst zweifelhaft, da Jerusalem und das Heiligtum nicht zur Zeit von Onias III. zerstört wurden, wie Vers 26 es ankündigt. Dieses Ereignis trat erst 70 n. Chr. ein, als Titus und das römische Heer Jerusalem belagerten und den Tempel zerstörten.
Daher ist es wahrscheinlicher, dass der Satz nach der zweiten Übersetzungsmöglichkeit zu verstehen ist. Es stellt sich die Frage, wieso die Aufspaltung in sieben und 62 Wochen erfolgt, wenn doch beide zusammengehören. Ich bin mir hier auch nicht sicher. Insgesamt werden die 70 Jahrwochen wie folgt aufgeteilt: 70×7=7×7+62×7+1×7. Die Zahl 7 ist eine ‚göttliche, vollkommene Zahl‘. Manche vermuten, dass in den ersten 7×7 Jahren Jerusalem vollständig aufgebaut werden sollte [1].
Halten wir fest: Von der Zeit an, als ‚das Wort‘ erging (vermutlich 457 v. Chr., Esra 7), bis zum Auftreten des Messias sind es sieben und 62 Wochen (69×7=483 Jahre). Das führt uns in das Jahr 27 n. Chr. (Das Jahr Null gibt es nicht!). Nun, geschah da etwas Besonderes? Jesus, der Messias, begann in dieser Zeit öffentlich zu wirken! Seine Taufe war vermutlich im Jahr 27 oder 28 n. Chr. Im Rahmen der Genauigkeit, mit der antike Daten bestimmt werden können, trifft die Prophezeiung auf Jesus zu!
Wie geht es weiter? Nach den 62 Wochen, also nach der 69. prophezeiten Woche, würde der Messias getötet und Jerusalem sowie das Heiligtum zerstört werden (Vers 26). Auch dies trifft zu: Einige Jahre später wurde zunächst Jesus getötet, und später rückte Titus mit seinem Heer an.
Der letzte Vers (Dan 9,27) beschreibt ausführlich, was in der letzten der 70 Jahrwochen geschehen sollte. Vor dem vollständigen Ablauf der Wochen sollte der Messias ein letztes Mal versuchen, den Bund mit dem auserwählten Volk zu festigen („stark“ zu machen). In der Mitte der Woche würde er Schlachtopfer und Speiseopfer (= Zeremonialgesetz des AT) aufhören lassen. Und tatsächlich: Nach etwa dreieinhalb Jahren, also um 30 n. Chr., zerriss der Vorhang im Tempel, als Jesus am Kreuz starb (Mk 15,38). Er gab sich selbst als „das Opfer“ für uns hin und machte somit den Opferdienst überflüssig (Hebr 7,27; 9,10). Jesus weinte, als er zum letzten Mal nach Jerusalem zog, weil die Juden nicht umkehren wollten und ihre Heimsuchung (Dan 9,26) über sie kommen würde (Lk 19,41–44 und Mt 23,37–38)!
Obwohl sie Jesus schließlich töten ließen, blieben ihnen noch weitere dreieinhalb Jahre, in denen sie ihren Irrtum einsehen und den auferstandenen Jesus als Messias annehmen sollten. Nach dem Tod Jesu bekehrten sich zwar einige Juden zu Christus (z. B. durch die Predigt des Petrus), aber der größte Teil des Volkes lehnte Jesus weiterhin ab, und der Hohe Rat verbot den Aposteln und Zeugen der Auferstehung, öffentlich davon zu sprechen (Apg 4,15–21; 5,27–33). Schließlich, als die 490 Jahre um waren, steinigten sie Stephanus ca. 34 n. Chr. (Apg 6,8–7,60).
Nach dieser Steinigung erweckte Gott wenig später Paulus als Apostel für die Heiden (Apg 9,15). Nachdem dieser wiederholt von den Juden abgelehnt worden war, begann er seine Mission unter den Nationen (Apg 13,46–47; 18,6; 28,23–28). Auch Petrus musste einsehen, dass Gott sich nicht mehr auf die Juden beschränkt, sondern auch den Heiden den Heiligen Geist gibt und sie so zu Zeugen Gottes macht (Apg 10,25–35). Die Juden hatten ihre Rolle als „auserwähltes Volk“ verspielt (siehe auch Mt 21,33–46, besonders Vers 43). Nicht mehr allein die Juden, sondern alle Menschen sind nun berufen (Röm 9,24). Dies zeigt sich auch darin, dass Petrus die bekehrten Heiden zum „auserwählten Geschlecht“ zählt (1Petr 2,9–10). Auf keinen Fall bedeutet das Ende der 490 Jahre, dass Gott die Juden verworfen hat, sondern sie und Jerusalem haben lediglich ihre exklusive Sonderrolle im Heilsplan verloren. Die Anhänger der „Israeltheorie“ hingegen behaupten, dass Gott weiterhin strikt zwischen Christen und Juden unterscheidet und letztere besondere Verheißungen haben, die noch buchstäblich erfüllt werden müssen (mehr dazu bei Punkt 5).
Für mich ergibt es mehr Sinn, die Prophezeiung aus Daniel 9 auf Jesus zu deuten als auf verschiedene, historisch eher unbedeutende Hohepriester. So ist es auch nicht notwendig, eine „prophetische Uhr“ anzuhalten, um die eigene Auslegung zu retten.
Wie der letzte Satz in Daniel 9 genau zu verstehen ist, lässt sich auch heute nicht mit letzter Sicherheit sagen, was man an den massiv voneinander abweichenden Übersetzungen moderner Bibeln sieht.
Noch ein Wort zum „Gräuel der Verwüstung“, das in Matthäus 24,15 (Mk 13,14) erwähnt wird: Viele Kommentatoren, vor allem jene, die der Israel- oder Friedensreichstheorie anhängen, sehen in dem „Gräuel“ etwas, das mit einem zukünftigen Tempel zu tun hat. In der Bibel finden wir jedoch, dass Götzenaltäre und heidnische Götzenbilder generell als Gräuel bezeichnet werden (z. B. 1Kön 11,16; Jer 7,30). Für die Juden galt alles Heidnische als Gräuel. Als das römische Heer Jerusalem belagerte und den Tempel angriff, führten die Soldaten Standarten mit sich, die von Kaiserbildern gekrönt waren und denen sie göttliche Ehre erwiesen. Die Römer im Lager beteten ihre Flaggen an und schworen bei ihnen. Dies war für die Juden der ultimative Gräuel. Das „Gräuel der Verwüstung“ kann also symbolisch für eine falsche kultische Handlung (Jes 66,3), ein heidnisches Idol oder eine abscheuliche Tat (Hes 22,11) stehen. Diese heidnischen Symbole wurden im Jahr 70 n. Chr. sogar am Osttor des Tempels aufgerichtet.
Daher scheint sich in meinen Augen der Hinweis auf das „Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,15) primär auf die Ereignisse um 70 n. Chr. zu beziehen. Sicher: Man ist sich einig, dass Jesus in Matthäus 24 sowohl von der Zerstörung Jerusalems als auch von seiner Wiederkunft gesprochen hat. Welche Ereignisse, die sich damals abspielten, sich vor der Wiederkunft wiederholen werden, kann niemand mit Gewissheit sagen. Auch ist unklar, ob sie sich dann exakt so wiederholen oder globaler bzw. im übertragenen Sinne zu verstehen sind. Diese Stelle als zwingenden Beweis für einen Neubau des Tempels und für ganz spezifische endzeitliche Abläufe zu nehmen, halte ich für fragwürdig. Zwar weisen Daniel 11,31 und 12,11 darauf hin, dass ein „verwüstender Gräuel“ auch eine Bedeutung hat, die über das Jahr 70 n. Chr. hinausgeht, aber wie genau diese Stellen zu interpretieren sind, ist ein komplexes Thema für sich.
5. Das Volk Israel
Aussage der Predigt: Das israelische Volk würde erneut zusammengeführt und als Ganzes gerettet werden. Diese Vorstellung wird im Zusammenhang mit dem sogenannten tausendjährigen Friedensreich und verschiedenen alttestamentlichen Bibelstellen gesehen. Als Beleg wurde in der Predigt auf den Feigenbaum in Mk 13,28 verwiesen. Da in Lk 13,6–9 der Feigenbaum als Symbol für Israel erscheint, wird daraus gefolgert, dass der Feigenbaum, der in Mk 13,28 Blätter treibt, Israel darstellt und der Baum, der voller Blätter wird, auf ein „voll“ werdendes Israel hinweist.
Zum Hintergrund: Die in den vergangenen Jahren vor allem in protestantischen, evangelischen und charismatischen Gemeinden verbreitete Israeltheorie geht davon aus, dass das Volk Israel in Gottes Heilsplan weiterhin eine besondere Rolle als Heilsvolk einnimmt. Insbesondere die Rückkehr zahlreicher Juden nach 1945 sowie die Staatsgründung Israels 1948 werden als Erfüllung alttestamentlicher Prophetien und zugleich als Hinweise auf die Endzeit interpretiert. Die Grundlage dieser Ansicht beruht unter anderem auf a) der Feigenbaum-Auslegung (siehe Predigt), b) der verbreiteten Vorstellung, dass Gott auch heute noch zwischen Juden und Nichtjuden unterscheide und sich alle Prophezeiungen des Alten Testaments an den „fleischlichen“ Israeliten erfüllen müssten, sowie c) der Auslegung zweier schwer verständlicher Bibelstellen im Römerbrief.
Warum ich schlucken musste:
Anmerkungen zu a)
Zwar wird unterstützend auf Lk 13,6–9 verwiesen, jedoch bleibt dabei die Aussage bei Lukas unberücksichtigt: In Vers 7 erfolgt der Befehl, den Feigenbaum umzuhauen, nachdem Jesus drei Jahre lang vergeblich nach den Früchten Israels gesucht hatte. Dies korrespondiert mit dem Gleichnis von den bösen Weingärtnern in Mt 21, wo es in Vers 43 heißt: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt.“ Trotz dieser harten Aussagen wird in der Predigt behauptet, Israel werde ein Heilsvolk werden. Weiterhin ist zweifelhaft, ob in Mk 13 mit dem Feigenbaum tatsächlich Israel gemeint ist. In der Parallelstelle bei Lk 21,29 ist ausdrücklich vom Feigenbaum und von allen Bäumen die Rede. Wenn der Feigenbaum Israel symbolisiert, was bedeuten dann die anderen Bäume? Aus meiner Sicht geht es hier nicht um ein bestimmtes Volk, sondern um ein Bild, das veranschaulichen soll, dass am äußeren Geschehen bzw. an den Zeichen der Umwelt das Kommen Christi erkannt werden kann. Mehr nicht.
Anmerkungen zu b)
Besonders in evangelikalen Kreisen wird dem Volk beziehungsweise dem Land Israel eine besondere Bedeutung, vor allem im Hinblick auf die Endzeit, zugeschrieben. So weist beispielsweise die Partei Bibeltreuer Christen vor einigen Jahren darauf hin, dass die Juden Anspruch auf verschiedene Gebiete (etwa die Golanhöhen) hätten, weil diese ihnen vor vielen tausend Jahren verheißen worden seien. Offenbar herrscht auch unter bibeltreuen Christen — also unter Menschen, die die Bibel eigentlich sehr genau studieren müssten — eine gewisse Verwirrung, wenn es um Begriffe wie „Verheißung“, „Bund“, „Volk Gottes“ oder „Israel“ geht. Viele Evangelikale vertreten die Auffassung, dass Gott mit den Juden durch Abraham (damals noch Abram) einen unbedingten Bund geschlossen habe, das heißt einen Bund, der nicht an Bedingungen wie etwa Glaube und Treue zu Gott gebunden sei. Ein Beispiel für einen unbedingten Bund finden wir in 1Mo 9,9–17, wo Gott mit allen Menschen und Tieren einen Bund schließt und verspricht, die Erde nicht mehr durch Wasser zu verderben.
Da das Land eine zentrale Bedeutung hat und Landkonflikte im Nahen Osten bis heute allgegenwärtig sind, ist es sinnvoll, die sogenannten „Landverheißungen“, auf die sich orthodoxe Juden berufen und auf die sich viele Evangelikale beziehen, genau zu betrachten. Weil viele den Bund mit Abraham als unbedingten Bund verstehen, gelten auch die darin enthaltenen Verheißungen als unbedingt — das heißt, die Zusage eines bestimmten Landes wird als dauerhaft gottgegeben und auch heute gültig angesehen; jegliches Bestreiten wird dann als Vergehen gegen Gottes Willen gewertet. In 1Mo 12,1–3.7 finden wir die erste Verheißung an Abram und die erste Landverheißung. Diese Verheißung wird im folgenden Kapitel in 1Mo 13,14–17 erneut aufgegriffen, wo es in den Versen 14–15 heißt:
Als sich nun Lot von Abram getrennt hatte, sprach der Herr zu Abram: Hebe deine Augen auf und sieh von der Stätte aus, wo du wohnst, nach Norden, nach Süden, nach Osten und nach Westen. Denn all das Land, das du siehst, will ich dir und deine Nachkommen geben für alle Zeit.
(Israel ist schon wesentlich größer, als die Fläche, die ein Mensch mit bloßem Auge (bei guter Sicht) erfassen kann!)
Auch wird oft 1Mo 17, 7.8 zitiert: “Und ich will aufrichten meinen Bund zwischen mir und dir und deinen Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht, daß es ein ewiger Bund sei, so daß ich dein und deiner Nachkommen Gott bin. Und ich will dir und deinem Geschlecht nach dir das Land geben, darin du ein Fremdling bist, das ganze Land Kanaan, zum ewigen Besitz, und will ihr Gott sein.”
Die hervorgehobenen Stellen werden gern betont, während andere, untrennbar damit verbundene Texte weggelassen werden. Es gilt jedoch: Wer Gott nicht hat, hat auch das Land nicht.
Welche Art von Bund wurde nun mit Abram beziehungsweise Abraham geschlossen? War es tatsächlich ein Bund ohne Bedingungen? Gleich im anschließenden Vers finden wir einen Hinweis: „Und Gott sprach zu Abraham: So haltet nun meinen Bund, du und deine Nachkommen von Geschlecht zu Geschlecht.“ Der Bund soll gehalten werden; das heißt, es gibt Anforderungen. In Vers 14 wird ausdrücklich angedeutet, dass der Bund gebrochen werden kann. „Halten“ und „Brechen“ sind typische Formulierungen für einen bedingten Bund. Auch im weiteren Verlauf wird dieser Charakter bestätigt.
Auch im folgenden Kapitel wird dieses unterstrichen. Wir lesen in 1Mo 18, 18.19:
“da er [Abraham] doch ein großes und mächtiges Volk werden soll und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen? Denn dazu habe ich ihn auserkoren, daß er seine Kindern befehle und seinem Hause nach ihm, daß sie des Herrn Wege halten und tun, was recht und gut ist, auf daß der Herr auf Abraham kommen lasse, was er ihm verheißen hat.”
Hier wird konkret gesagt, dass Gottes Anweisungen befolgt werden müssen „auf dass“ die Verheißungen erfüllt werden — die Erfüllung erfolgt demnach nicht automatisch. Es handelt sich also um einen bedingten Bund. In 1Mo 22,15–18 finden wir eine weitere Bestätigung dafür, dass das Tun wichtig für die Verheißungserfüllung ist:
“Und der Engel des Herrn rief Abraham abermals vom Himmel her und sprach: Ich habe bei mir selbst geschworen, spricht der Herr: Weil du solches getan hast und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont, will ich dein Geschlecht segnen und mehren wie die Sterne am Himmel und den Sand am Ufer des Meeres, und deine Nachkommen sollen die Tore ihrer Feinde besitzen; und durch dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.”
Wurde nun der bedingte Bund durch diesen Schwur Gottes unbedingt für Abraham und seine Nachkommen? In 1Mo 26, 1–5 lesen wir von Isaak: “… da erschien ihm [Isaak] der Herr und sprach: Zieh nicht hinab nach Ägypten, sondern bleibe in dem Lande, das ich dir sage. Bleibe als Fremdling in diesem Lande und ich will mit dir sein und dich segnen; denn dir und deinen Nachkommen will ich alle diese Länder geben und will meinen Eid [siehe 1Mo 22, 15–18] wahr machen, den ich deinem Vater Abraham geschworen habe, und will deine Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel und will deinen Nachkommen alle diese Länder geben. Und dein Geschlecht sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen ist und gehalten hat meine Rechte, meine Gebote, meine Weisungen und mein Gesetz.”
Man beachte die Begründung im letzten Vers: Der Glaube und die Treue führen zur Verheißungserfüllung! Unglaube und Abfall werden von Gott nicht durch Verheißungen “belohnt”. In Israel lebten 1994 ca. 5–15 % praktizierende Juden! Wird Gott seine Verheißungen heute erfüllen?
In 1Mo 32, 29 wird aus Jakob Israel. Ihm wurde nach dem Erlebnis von Gott dieser Name (Überwinder) gegeben, d. h. Israel war zunächst nur eine Person. Heute bezeichnet man mit Israel ein ganzes Volk – Wie kam es dazu?
Die Juden, die zur Zeit Moses in Ägypten lebten, wurden Israeliten genannt, weil sie von Israel abstammten. Aber wie an anderen Stellen deutlich wird, ging es nicht allein um rassische Abstammung; Fremde, die Jahwe als den wahren Gott anerkannten, konnten ebenfalls Teil des jüdischen Volkes werden. Durch die Annahme des Bundes, der schon mit Abraham geschlossen worden war — etwa durch die Beschneidung als Zeichen — zeigten sie, dass sie zu Gott gehören wollten, und wurden wie „Einheimische des Landes“ behandelt. Daher gibt es auch heute schwarze Juden in Afrika und chinesische Juden in China: Israel sind sowohl Nachkommen Jakobs als auch aufgenommene Fremde. Das konvertierte Fremdvolk wurde nicht weiter vom alten Volk unterschieden (vgl. 1Mo 12,37–38 und 1Mo 18,1).
Bei 2Mo 19, 18.19 lesen wir die interessanten Worte: “Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meine Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein…”
Auch hier zeigt sich erneut, dass der Bund charakteristisch bedingt war. Bedeutend ist zudem das hebräische Wort „am“ (Volk) — in manchen Kontexten wird auch das Wort „goy“ verwendet; letztere Wurzel wird heute mitunter irreführend als abwertende Bezeichnung für Heiden wiedergegeben. Die eigentliche Bedeutung beider Begriffe liegt eher im Bereich „Nation“ oder „Volk“; Nation und Volk sind nicht identisch. Eine Nation kann ein gemischtes Volk sein, das auch Nichtjuden einschließt. Übrigens verwendet 1Mo 12,1–3 bei der Anrede an Abram ebenfalls das Wort für „Nation“.
Die so bezeichneten Gläubigen — sowohl Juden als auch ehemalige Nichtjuden; im Folgenden zur Kürze „die Juden“ genannt — sollten ein Königreich von Priestern sein. Welche Aufgabe hatte ein Priester? Er vermittelte zwischen Gott und dem Sünder, insbesondere durch den Opferdienst. Daraus ergibt sich die Vorstellung, dass die Juden als Missionsvolk wirken sollten, durch das andere Völker zum Glauben kommen und gesegnet werden. Diese Idee knüpft an 1Pet 2,9 an und wird unter c) nochmals aufgegriffen. Da bereits im Alten Testament der Glaube zählte, ist es konsequent, dass Gott eine Gemeinschaft des Glaubens als sein Volk wollte — unabhängig von der physischen Abstammung des Einzelnen.
Dennoch vertreten einige Christen die Auffassung, es gebe zwei unterschiedliche Glaubenswege: einen für physische Israeliten und einen für den Rest der Menschheit. Was sagt Jesus dazu? „Ich bin der Weg … Niemand kommt zum Vater als durch mich“ (Joh 14,6). Ohne die Annahme und den Glauben an Jesus geht es nicht.
Dreht man die Perspektive um: Gehört jeder Israelit, der durch Geburt oder Bekehrung ins jüdische Volk aufgenommen wurde, automatisch zum Volk Gottes, zum heiligen Volk? Nein. Auch hier zählt der Glaube. In 1Kön 18 lesen wir vom Gericht Gottes auf dem Berg Karmel: Das israelitische Volk war überwiegend vom wahren Glauben abgefallen und hatte den heidnischen Baalkult übernommen, der durch Isebel in das Reich Ahab eingeführt worden war. In Vers 21 versucht Elia, das Volk zurückzuführen, und ruft: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten? Ist der HERR euer Gott, so wandelt ihm nach; ist’s aber Baal, so wandelt ihm nach.“ Das Volk antwortete ihm nicht. Elia glaubte, er sei allein übrig geblieben (1Kön 19,14), doch Gott versicherte ihm, dass 7 000 Mann in Israel übrig blieben, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt hatten (Vers 18). „Die Übrigen“ sind die Treuen, die auch in Zeiten des Unglaubens zu Gott hielten und in vielen Büchern des Alten und Neuen Testaments eine wichtige Rolle spielen. Obwohl das nationale Israel vielfach abgefallen war, blieb ein heiliger Rest erhalten; dieses Motiv begegnet unter anderem im Buch Jesaja.
Die wahren Nachkommen Abrahams sind die Gläubigen; sie müssen nicht notwendigerweise fleischlich von Abraham abstammen (vgl. Röm 9,6–8). Verheißungen, die Abraham und seinen Nachkommen zugesprochen wurden, erfüllen sich an den Gläubigen — oder bleiben infolge von Unglauben aus — wie bereits ausgeführt und wie Hebr 11 zeigt. Gott erfüllt seine Verheißungen nicht an ungläubige oder abgefallene Menschen, und er zwingt niemandem sein Schicksal auf. Besonders Jer 18,7f verdeutlicht, dass die Zukunft eines Volkes von der Treue zu Gott abhängt: Je nachdem, wie sich ein Volk verhält, kann Gott den Verlauf seiner Handlungen ändern; dies gilt gleichermaßen für Verheißungen wie für Strafgerichte (vgl. Jona und das Schicksal Ninives). Hesekiel 18 erweitert dieses Prinzip auf Einzelne. Die Unterscheidung zwischen dem Volk und dem treuen Rest findet sich mehrfach, zum Beispiel in Amos 5,14–15:
“Sucht das Gute und nicht das Böse, auf daß ihr leben könnt, so wird der HERR, der Gott Zebaoth, bei euch sein, wie ihr rühmt. Hasset das Böse und liebt das Gute, richtet das Recht auf im Tor, vielleicht wird der HERR, der Gott Zebaoth, doch gnädig sein denen, die von Josef übrigbleiben.” (Mit Josef ist das Nordreich der 12 Stämme gemeint.)
Es gibt keine automatische Erfüllung oder Rettung; wäre dies der Fall, wären Suchen und Tun sowie Ausdrücke wie „vielleicht“ sinnlos. Übrig bleiben sollen diejenigen, die Gott suchen und das Gute lieben.
Jesaja wird manchmal als “Prophet der Übrigen” bezeichnet. In Jes 10, 20–22 lesen wir, das der Rest Israels, die Übrigen, sich nicht mehr auf Assyrien und Babylon, sondern auf Gott verlassen werden. Ein Rest wird sich zu Gott bekehren! Zu den abgefallenen Juden spricht Gott:
“O daß du auf meine Gebote gemerkt hättest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen. Deine Kinder würden zahlreich sein wie Sand und deine Nachkommen wie Sandkörner. Dein Name würde nicht ausgerottet und nicht vertilgt werden vor mir.” (Jes 48, 18.19)
Nochmals: Gottes Verheißungen sind an Glauben und an das Tun seines Willens gebunden. Ohne beides zählen wir vor Gott nicht — unabhängig davon, ob wir Jude, Grieche oder sonstiges sind. Hebr 11,6 sagt es deutlich: „Aber ohne Glaube ist’s unmöglich, Gott zu gefallen.“
Gottes “Politik” wird auch besonders in 5Mo 26, 16–19 und 5Mo 28 deutlich, wo Gott sagt, dass er sein Volk groß machen, stärken und segnen will: Wie immer unter der Bedingung des Glaubens und der Treue (5Mo 28, 15f).
Wenden wir uns nun den Verheißungen zu: Wenn das bisher Geschriebene zutrifft — dass also Glaube und Treue zählen und nicht die bloße Abstammung — dann müssen die Verheißungen allen Gläubigen gelten. Lässt sich dies aus der Heiligen Schrift bestätigen? Wir, ehemals Heiden, sind adoptiert und erkaufte Kinder Gottes (vgl. Röm 8,16–17 und 1Kor 6,20).
Paulus schreibt in Gal 3,6–9.29:
“So war es mit Abraham: »Er hat Gott geglaubt, und des ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden« (1Mo 15, 6). Erkennt also: die aus dem Glauben sind, das sind Abrahams Kinder. Die Schrift aber hat es vorausgesehen, daß Gott die Heiden durch den Glauben gerecht macht. Darum verkündigte sie Abraham (1Mo 12, 3): »In dir sollen alle Heiden gesegnet werden.« So werden nun die, die aus Glauben sind gesegnet mit dem gläubigen Abraham. … Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Kinder und nach der Verheißung Erben. ”
Diese Aussage ist nichts anderes, als das, was ich bisher versucht habe, deutlich zu machen: Verheißungen erfüllen sich an den Gläubigen, an dem wahren Volk Gottes, am wahren Volk Israel und nicht an denen, die sich Gott widersetzen. Obwohl Paulus deutlich macht, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Heiden gibt (sofern sie sich zu Jesus bekehren), versuchen einige Ausleger z. B. Gal 6, 15.16 als Beweismittel gegen diese Aussage anzuführen:
Dort lesen wir:
“Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Kreatur. Und alle, die sich nach diesen Maßstab richten – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!”
Aus dem einfachen „und“ wird dann argumentiert, dass es zwei Gottesvölker gebe — Juden und Christen. Ein solcher Schluss ist nur haltbar, wenn man den Vers aus dem Zusammenhang reißt; er widerspricht jedoch Vers 15, denn „jeder in Christus“ ist Christ und nicht zugleich Jude. Auch eine Trennung in bekehrte Heiden und bekehrte Juden führt zu Widersprüchen mit zahlreichen Stellen. In Christus sind alle eins; das „und“ ist in diesem Zusammenhang besser als „das heißt“ zu verstehen, wenn man widerspruchsfreie Auslegung anstrebt.
In 2Kor 1,19–20 lesen wir: „…denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm [Jesus] das Ja…“ — dies weist in Richtung eines Weges, Jesu, für alle Menschen. Dasselbe wird in Eph 2,11–22 bekräftigt: Durch das Blut Jesu sind die Heiden nicht mehr Außenseiter; die trennenden Vorschriften und Satzungen, die Heiden von jüdischer Gemeinschaft ausschlossen (etwa Zeremonialvorschriften wie Beschneidung und bestimmte Festordnungen), wurden aufgehoben. Die Heiden hatten früher nur dann Anspruch auf die Verheißungen, wenn sie selbst zu Juden wurden; nun sind sie ohne Beschneidung, Opferdienst und Zeremonialgesetz Miterben und Mitgenossen der Verheißung in Christus (vgl. Eph 3,6). Diese Aussage war für viele Juden schockierend und für viele Heiden eine überaus frohe Botschaft.
Wir sollten uns von unserer menschlichen Neigung lösen, Menschen nach Abstammung zu unterscheiden. Gott sieht die Menschen anders; er wünscht, dass alle gerettet würden (vgl. 2Pet 3,9). Vor Gott gilt kein Ansehen der Person (Apg 10,34–35), weshalb Paulus an vielen Stellen betont:
“Denn nicht der ist Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht; sondern der ist ein Jude, der es inwendig verborgen ist, und das ist die Beschneidung des Herzens, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht…” (Röm 2, 28.29)
Die „Beschneidung des Herzens“ beschreibt Paulus als das Ablegen der alten fleischlichen Natur, also die Bekehrung und Wiedergeburt. Gottes Prinzip lautet: Das Innerliche zählt, nicht das Äußerliche oder Physische.
Manche Ausleger unterscheiden dennoch zwischen Juden und Nichtjuden. Die moderateren unter ihnen sagen, es gebe heute ein Volk Gottes, das aus Juden und Nichtjuden besteht, und für beide Gruppen würden unterschiedliche Verheißungen und Prophezeiungen gelten. Diese Vorstellung wird inkonsistent, sobald behauptet wird, die Juden bildeten ein besonderes „Heilsvolk“ mit separaten, endgültig zugesprochenen Verheißungen. Ich kann mich dieser Denkweise nicht anschließen: Paulus schreibt wiederholt, dass es keine Unterschiede mehr zwischen Juden und Nichtjuden gibt:
Röm 10,12
Es ist hier kein Unterschied zwischen Juden und Griechen; es ist über alle derselbe Herr, reich für alle, die ihn anrufen.
Gal 3,28
Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.
Kol 3,11
Da ist nicht mehr Grieche oder Jude, Beschnittener oder Unbeschnittener, Nichtgrieche, Skythe, Sklave, Freier, sondern alles und in allen Christus.
Bzw.
1Kor 7, 18
Beschnitten sein ist nichts, und unbeschnitten sein ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten.
In Röm 2,11 und Apg 10,34 wird klar gesagt, dass es vor Gott kein Ansehen der Person gibt. Es ist gleichgültig, ob jemand Heide oder Jude ist; alle Menschen müssen Christus annehmen und ihm nachfolgen, denn er ist der Weg. In meinen Augen sprechen nur wenige Argumente dafür, dass Gott je nach Abstammung unterschiedlich verfährt. Es gibt nur ein Volk Gottes, unabhängig von der „fleischlichen“ Abstammung. Jesus selbst sagt in Joh 10,16: „Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.“ Jesus ist der Hirte dieser Schafe (vgl. Joh 10,11; Hebr 13,20). Und Petrus sagt 1Pet 2,9 von “DEM auserwählte Geschlecht, DER königliche Priesterschaft, DEM heiligen Volk, DEM Volk des Eigentums”. Dabei bezieht er sich konkret auf die, die einst nicht zu Gottes Volk gehörten, aber jetzt dazu gehören. DAS Volk nicht ein Volk oder Teilvolk!
Vor diesem Hintergrund erscheinen alle Versuche, zwischen Juden und Nichtjuden dogmatisch zu trennen oder bestimmte Verheißungen ausschließlich den Juden zuzuerkennen, problematisch und theologisch fragwürdig.
Anmerkungen zu c)
Die Idee, dass Israel angeblich in Zukunft wieder eine wichtige Rolle spielen wird, wird nicht nur durch den Versuch aus a) oder die Theologie in b), sondern auch durch die Auslegung zweier anderer Bibelstellen unterstützt: I. Röm 11,12.15 und II. Röm 11,25.26 (eigentlich Röm 9–11). Ich halte diese Bibelstellen alle für sehr schwierig und bin mir bewusst, dass meine Auffassung Schwächen hat und ich verstehe leider auch nicht alles.
I. Röm 11,12.15
12 Wenn aber ihr Fall der Reichtum der Welt ist und ihr Verlust der Reichtum der Nationen [=Heiden], wieviel mehr ihre Vollzahl!
15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?
II. Röm 11,25.26
Denn ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen hineingekommen sein wird; und so wird ganz Israel errettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird aus Zion der Erretter kommen, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden;
Aus diesen beiden Bibelstellen wird abgeleitet, dass ganz Israel gerettet wird, sich also als Ganzes zu Jesus bekehren wird, sobald die Verstockung wegfällt, oder dass automatisch alle Juden gerettet werden. Zur weiteren Unterstützung wird auf Röm 11,1: „So frage ich nun: Hat denn Gott sein Volk verstoßen? Das sei ferne!” und Röm 11,2: „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor erwählt hat” verwiesen.
Zunächst zur ersten Aussage: Ich werde später zeigen, dass nicht ganz Israel (im Sinne „alle Israeliten”) gerettet werden wird. Selbst wenn dem so wäre, müsste man sich fragen, wie denn eine Annahme Jesu mit dem erwarteten Tempelbau und Opferdienst aus Hes 40–48 zu vereinbaren ist. Durch die Annahme Christi verbietet sich jegliches Opfern von selbst!
Zu Röm 11,1.2: Wenn Bibelstellen verwendet werden, dann sollte dies möglichst vollständig und im Kontext geschehen:
III. Röm 11,1–5
1 Ich sage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstoßen? Das ist ausgeschlossen! Denn auch ich bin ein Israelit aus der Nachkommenschaft Abrahams, vom Stamm Benjamin.
2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er vorher erkannt hat. Oder wißt ihr nicht, was die Schrift bei Elia sagt? Wie er vor Gott auftritt gegen Israel:
3 »Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich allein bin übriggeblieben, und sie trachten nach meinem Leben.«
4 Aber was sagt ihm die göttliche Antwort? »Ich habe mir siebentausend Mann übrigbleiben lassen, die vor Baal das Knie nicht gebeugt haben.«
5 So ist nun auch in der jetzigen Zeit ein Überrest nach Auswahl der Gnade entstanden.
Gott hat sein Volk nicht verstoßen (Vers 1)! Obwohl die Juden Jesus töten ließen, verdammt Gott nicht automatisch alle Juden. Paulus begründet dieses in zweifacher Weise:
1) Er verweist auf sich selbst, denn obwohl er Israelit ist, wurde er von Gott zum Apostel berufen (Röm 1,1)! Wären alle Juden verstoßen, dann hätte dies nicht geschehen können!
2) Auch als fast das ganze Volk abgefallen war (1 Kö 19), blieb doch ein kleiner Rest Gott treu, und genauso war es zur Zeit des Paulus (Vers 5). Ein kleiner Rest vertraute Gott und bekehrte sich zu Jesus (Paulus, Petrus und andere Juden!): So ist nun … ein Überrest nach Auswahl der Gnade entstanden. (Siehe auch Vers 7: Die Auserwählten haben es erlangt, der Rest Israels ist verstockt!) Gott ist nicht beleidigt wie ein Mensch und verstößt nicht gleich ein ganzes Volk!
In Röm 11,15 (siehe I. oben) schreibt Paulus: „Denn wenn ihre [der Juden] Verwerfung die Versöhnung der Welt ist…” Was nun? Einmal schreibt Paulus, dass Gott sein Volk nicht verstößt, und dann schreibt er, die Juden wurden verworfen? Nun, beides ist wahr, aber man darf sich nicht durch oberflächliches Lesen verwirren lassen. Pauli Worte sind, wie auch Petrus bemerkt (2 Petr 3,15–16), nicht immer leicht zu verstehen! Es steht fest, dass Gott die Juden nicht verwirft und verdammt (Röm 11,1) – die Verwerfung und der Fall des Volkes Israel, von der in Röm 11,12.15 die Rede ist, muss also etwas anderes bedeuten. Das Volk Israel hatte in der Vergangenheit einen Auftrag. Ellen G. White fasst diesen gut zusammen:
“Aus einem Sklavenvolk waren die Israeliten über alle Völker erhöht worden zum besonderen Eigentum des Königs der Könige1. Gott hatte sie von der Welt abgesondert, damit er ihnen heiliges Gut anvertrauen könnte2. Er machte sie zu Hütern seines Gesetzes und wollte durch sie die Gotteserkenntnis unter den Menschen bewahren3. Auf diese Weise sollte das Licht des Himmels in eine dunkle Welt scheinen und eine Stimme hörbar werden, die alle Völker aufforderte, sich vom Götzendienst abzuwenden und dem lebendigen Gott zu dienen4.” (EGW, ‘Patriarchen und Propheten’, S. 289)
Belegstellen zum Zitat:
1 2Mo 19,5–6; 5Mo 7,6; 5Mo 26,18–19
2 3Mo 20,26; Röm 3,1–2; Ps 147,19–20
3 5Mo 4,-5–8; Jes 51,7; Hab 2,14
4 Jes 42,6; Jes 60,1–3; 1Sam 12, 21; im NT: Apg 14,15
Der Auftrag wird auch hier deutlich:
5.Mose 4,5–8
Sieh, ich hab euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der HERR, mein Gott, geboten hat, daß ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten bei allen Völkern, daß, wenn sie alle diese Gebote hören, sie sagen müssen: Ei, was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem ein Gott so nahe ist wie uns der HERR, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?
Es gab einmal ein Sprichwort: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen! Dies galt eigentlich übertragen auf die Juden, denn durch sie sollten Menschen den wahren Gott kennenlernen! Doch Israel begriff nicht seine Vorbildfunktion, und durch Jesaja macht Gott ihnen den Vorwurf: „Das alles hast du gehört und siehst es, und verkündigst es doch nicht” (Jes 43,10).
Schließlich rief Jesus den Schriftgelehrten zu:
“Weh euch Schriftgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hinein wollten.” (Lk 11,52).
Die Israeliten haben als Botschafter Gottes versagt und weder Früchte gezeigt (Lk 13,6–9) noch das Weingut Gottes gut verwaltet (Mt 21,33–46). Daher sind es nun die Heiden, die als Nachfolger Jesu in die Welt hinausziehen, um den Menschen die „Frohe Botschaft”, das Evangelium, zu bringen. In dieser Hinsicht ist Israel „gefallen”, „verloren gegangen” und wurde „verworfen” (Röm 11,12.15), und dadurch sind die Heiden „reich geworden”: Sie, „die einst ‚nicht ein Volk’ waren, nun aber ‚Gottes Volk’ sind, und einst nicht in Gnaden waren, nun aber in Gnaden sind” (nach 1 Petr 2,10), sie sind nun „das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, berufen von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht, zu verkündigen die Wohltaten Gottes” (nach 1 Petr 2,9). Zum neuen Gottesvolk können natürlich auch Juden wie Paulus und Petrus gehören, aber das Wunderbare für die Nichtjuden ist, dass Gott nun auch sie auserwählt hat! Israel hat sein Privileg, das allein von Gott auserwählte Volk zu sein, verloren.
In Röm 11,11 lesen wir:
“So frage ich nun: Sind sie gestrauchelt, damit sie fallen? Das sei ferne! Sondern durch ihren Fall ist den Heiden das Heil widerfahren, damit Israel ihnen nacheifern sollte. ”
Es war nicht Gottes Wille, dass die Juden fallen sollten, aber sie sind dennoch gefallen. Die Annahme, dass alles so kam, weil Gott es so gewollt hat, wird verworfen[2], aber für Gott ist es möglich, auch aus schlechten Dingen etwas Gutes zu machen: Der Fall der Juden wurde zum Heil der Heiden!
Aufgrund dieser Texte fällt es mir schwer zu akzeptieren, wenn ich höre, dass Israel wieder zum Heils- oder Missionsvolk werden soll, denn dies ist ja mit der Annahme Jesu verbunden, und jeder bekehrte Jude gehört dadurch zum neuen Gottesvolk, in dem alle – egal ob Jude oder Nichtjude, Grieche oder Nichtgrieche – in Jesus vereint sind (Kol 3,11).
Kommen wir zurück auf Röm 11,12.15 (I. oben): Die Anhänger der sogenannten „Israeltheorie” (die Lehre, dass das nationale Israel in der Endzeit eine besondere Rolle spielen wird) verweisen gerne auf Vers 12: „… wieviel mehr ihre Vollzahl!” oder nach Luther 84: „… wenn ihre Zahl voll wird”. Da steht es doch! Ihre Zahl wird voll, das heißt, alle werden gerettet werden, und das wird noch größer sein als der Reichtum der Heiden!
Das Wort, welches in der Elberfelder Bibel als „Vollzahl” übersetzt wurde (griech. pleroma), kann einen passiven Sinn („das, was gefüllt wurde”, „die Fülle”, „die Vollzahl”) oder einen aktiven Sinn („das, was sich füllt”, „Erfüllung” usw.) haben und wird an verschiedenen Stellen unterschiedlich übersetzt. Die Kommentatoren sind sich über den exakten Sinn an dieser Stelle nicht einig. Der Kerngedanke ist aber: Wenn Gott aus dem Fall und Verlust der Juden Reichtum für die Heiden machen kann, dann wird – was immer pleroma hier bedeuten mag – noch mehr Reichtum (für alle) sein. Ich vermute, Paulus will damit ausdrücken, dass es umso großartiger ist, wenn ein verlorener Sohn (ein Jude) zu seinem Vater (Gott) zurückkehrt, als wenn ein fremder Sohn (ein Heide) „adoptiert” wird. Die Juden waren wirklich ein von Gott auserwähltes Volk: Zu ihnen sprach er durch seine Propheten und versuchte, sie immer wieder auf den rechten Weg zu führen, damit sie ein Vorbild für die anderen Völker werden sollten. Meine Vermutung wird durch Röm 11,24 unterstützt:
Denn wenn du [Heide] aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgeschnitten und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen <Zweige> [Die Juden, die wegen ihren Unglauben aus dem edlen Baum ausgebrochen wurden], in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!
Wieviel mehr werden also Juden, die sich bekehren, wieder angenommen werden! Wie wunderbar wäre es, wenn nicht nur ein kleiner Teil der Juden (Vers 5) den Messias annehmen würde. (Zum Ölbaum schreibe ich später mehr!)
Anhänger der Israeltheorie drängen natürlich darauf, Vers 12 so zu verstehen, dass gemeint ist, dass alle Juden (irgendwann) gerettet würden. Dies ist aber unmöglich, denn wenn „Vollzahl” „alle Israeliten” bedeuten würde, dann würde analog in Vers 25 (das gleiche Wort!) gesagt werden, dass alle Heiden gerettet würden! Wenn alle Israeliten und alle Heiden gerettet würden, dann würde Paulus „universelle Rettung” aller Menschen lehren, was im krassen Widerspruch zu seinen Worten steht (z. B. 2 Thess 1,7–10; Röm 1,18.32; Röm 2,1–11 usw.)! Dies kann also nicht gemeint sein!
Zu Vers 15:
15 Denn wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt ist, was wird die Annahme anders sein als Leben aus den Toten?
Wenn ein Mensch sich zu Jesus bekehrt (= mit Jesus gekreuzigt (Gal 2,19), begraben und auferweckt werden (Röm 6,4) = neue „Kreatur”), dann ist das etwas Besonderes. Vielleicht meint Paulus dies mit „Leben aus den Toten” in Vers 15. Tot ist, wer Jesus nicht hat:
Wer den Sohn hat, der hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht (1 Joh 5,12). Es bleibt ein offenes Problem, ob „die Annahme” sich auf alle Juden bezieht oder auf die Juden, die sich bekehren. Die Verwerfung bezieht sich auf die Sonderrolle der Juden, nicht auf die Juden selbst. Möglicherweise ist es auch wichtig, dass hier von „der Annahme” und nicht von „ihrer Annahme” (wie bei Luther) die Rede ist. Die Redewendung, die Paulus hier gebraucht, ist leider einmalig in der Bibel.
Lesen wir doch mal die Verse zwischen 12 und 15:
Röm 11,13.14
Denn ich sage euch, den Nationen: Insofern ich nun der Nationen Apostel bin, bringe ich meinen Dienst zu Ehren, ob ich auf irgendeine Weise sie, die mein Fleisch sind, zur Eifersucht reizen und einige aus ihnen erretten möge.
Das Anliegen des Paulus ist also, seine Brüder zur „Eifersucht” zu reizen und einige von ihnen zu retten. Er bezieht sich auf das, was er ein paar Zeilen zuvor geschrieben hatte:
Röm 10,19.20
Aber ich sage: Hat Israel es etwa nicht erkannt? Zuerst spricht Mose: »Ich will euch zur Eifersucht reizen über ein Nicht-Volk, über eine unverständige Nation will ich euch erbittern.«
Jesaja aber erkühnt sich und spricht: »Ich bin gefunden worden von denen, die mich nicht suchten, ich bin offenbar geworden denen, die nicht nach mir fragten.«
Das Nicht-Volk sind die Heiden. Israel soll also eifersüchtig auf sie gemacht werden, und so sollen einige – nicht alle – gerettet werden. Dadurch soll Israel erkennen, dass Jesus der Messias ist, und nur wenn auch sie Jesus annehmen, können sie gerettet werden. Wenn die Heiden Miterben der Verheißung geworden sind und Gott sie segnet, dann sollen die Juden eifersüchtig werden: Ihnen sollen dadurch die Augen aufgetan werden, und in Luther und in der Schlachterübersetzung ist daher in Röm 11,14 auch von „zum Nacheifern (reizen)” die Rede.
In Vers 15 sind Verwerfung und Annahme gegenübergestellt. Die Annahme von Gott ist mit der Annahme Jesu als Messias verbunden. Einige Kommentatoren meinen daher, dass Paulus hier auf einen Strom von bekehrten Juden in die christlichen Kirchen anspielt…
Ich bin mir mit der wirklichen Bedeutung von Vers 15 nicht sicher: Wenn Paulus mit der Annahme die Bekehrung einzelner Juden meint, dann macht der Abschnitt für mich Sinn. Sollte Paulus hier eine prophetische Zukunftsaussage machen, wobei er die Annahme des ganzen Volkes meint, dann wird es kompliziert, zumal er in Vers 14 davon ausgeht, dass er nur wenige (falls überhaupt) retten kann. Auch im Kapitel 9 schrieb er über Juden und Heiden:
Röm 9,24–28
“Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden. Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.« »Und es soll geschehen: Anstatt daß zu ihnen gesagt wurde: ‘Ihr seid nicht mein Volk’, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.« Jesaja aber ruft aus über Israel (Jesaja 10,22–23): »Wenn die Zahl der Israeliten wäre wie der Sand am Meer, so wird doch nur ein Rest gerettet werden; denn der Herr wird sein Wort, indem er vollendet und scheidet, ausrichten auf Erden.«”
Ein Rest wird gerettet werden… oder doch ganz Israel? Spricht Paulus hier wirklich prophetisch über die Zukunft Israels? Der Theologe Armin Krakolinig und die Übersetzer der Schlachterbibel glauben, dass Paulus eher davon spricht, was hätte sein können und was zukünftig noch sein könnte, wenn sich das nationale Israel als Gesamtheit bekehren würde. Das ist das Anliegen im gesamten Kontext!
Das Problem sei also, dass Paulus, was eigentlich konditional gemeint ist, im Futur schreibt. Entsprechend finden wir in der Schlachterbibel:
“Wenn ihre Verwerfung die Versöhnung der Welt geworden ist, was würde ihre Annahme anderes sein, als Leben aus den Toten?”
Auf der einen Seite ist diese Erklärungsmöglichkeit auch etwas unbefriedigend, da meines Wissens Vers 15 im Futur geschrieben wurde. Nun, es bleibt eine schwierige Stelle. Ich ziehe die Erklärungsmöglichkeit vor, dass „die Annahme” die Bekehrung einzelner Juden meint. Auf der anderen Seite will ich nicht ausschließen, dass es noch zu großen Massenbekehrungen bei Juden kommen kann, aber Gott wird keinen Menschen zwingen, auch nicht einen Juden. Wer nicht glauben will, der bleibt im Unglauben bis ans Ende!
Vers 15 wird erstaunlicherweise nicht von den Anhängern der Israeltheorie ausgeschlachtet wie die folgenden Verse:
Röm 11, 16–27
16 Wenn aber das Erstlingsbrot heilig ist, so auch der Teig; und wenn die Wurzel heilig ist, so auch die Zweige.
17 Wenn aber einige der Zweige herausgebrochen worden sind und du, der du ein wilder Ölbaum warst, unter sie eingepfropft und der Wurzel und der Fettigkeit des Ölbaumes mit teilhaftig geworden bist,
Anmerkung: Es geht hier um die Zweige eines edlen Ölbaums mit heiliger Wurzel und um die Zweige eines wilden Ölbaums. Mit dem edlen Ölbaum ist das Volk Gottes gemeint, und die Zweige des wilden Ölbaums sind die Heiden. Die heilige Wurzel ist entweder Jesus oder die Glaubensväter des AT, wie z. B. Abraham. Einige Juden-Zweige wurden herausgebrochen (siehe V. 20), weil sie Jesus ablehnen, und einige Heiden-Zweige wurden in das Volk Gottes aufgenommen: Es sind die bekehrten Heiden (siehe V. 20)! Paulus spricht hier die Heiden mit der zweiten Person an.
Ich persönlich halte das Sinnbild für genial: Gott hat sich im AT besonders um sein Volk gekümmert, so wie ein Bauer sich besonders um Zuchtpflanzen und ‑bäume kümmert: Er düngt sie, beschneidet sie usw. Der wilde Ölbaum sind die Heiden, die keine besondere Zuwendung fanden und daher „wild gewachsen” sind. Der eine Baum wurde veredelt, der andere nicht. Dennoch können die wilden Zweige (durch den Glauben) in den edlen Baum eingepfropft und die edlen Zweige durch den Unglauben herausgebrochen werden: Für Gott zählt der Glaube und nicht die Abstammung!
18 so rühme dich nicht gegen die Zweige! Wenn du dich aber gegen sie rühmst – du trägst nicht die Wurzel, sondern die Wurzel dich.
19 Du wirst nun sagen: Die Zweige sind herausgebrochen worden, damit ich eingepfropft würde.
20 Richtig; sie sind herausgebrochen worden durch den Unglauben; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich!
21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht geschont hat, wird er auch dich nicht schonen.
22 Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: gegen die, welche gefallen sind, Strenge; gegen dich aber Güte Gottes, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du herausgeschnitten werden.
23 Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben bleiben, werden eingepfropft werden; denn Gott ist imstande, sie wieder einzupfropfen.
Anmerkung: Es besteht auch für die ungläubigen Juden noch immer Hoffnung! Wenn sie nicht im Unglauben bleiben!
24 Denn wenn du aus dem von Natur wilden Ölbaum herausgeschnitten und gegen die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, wieviel mehr werden diese, die natürlichen <Zweige>, in ihren eigenen Ölbaum eingepfropft werden!
25 Denn ich will nicht, Brüder, daß euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren1, bis die Vollzahl der Nationen hineingekommen sein wird2;
26 und so3 wird ganz Israel errettet werden4, wie geschrieben steht5: »Es wird aus Zion der Erretter kommen6, er wird die Gottlosigkeiten von Jakob abwenden;
27 und dies ist für sie der Bund von mir, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde7.«
Für die Vertreter der Israeltheorie ist Vers 26 von zentraler Bedeutung! Da steht es doch schwarz auf weiß: ganz Israel wird gerettet!
Ist mit ganz Israel wirklich das nationale Israel gemeint? Gehen wir Schritt für Schritt vor:
1 Ein Teil Israels ist verstockt! Welcher Teil? Es sind die herausgebrochenen Juden-Zweige im eben geschilderten Sinnbild. Es sind die Juden, die Jesus nicht annehmen. Paulus setzt hier also den edlen Baum mit Israel gleich, wobei der Baum Juden- und Heiden-Zweige hat und ein Teil der edlen Zweige wegen ihres Unglaubens herausgebrochen wurde. So wie die Heiden-Zweige ein Teil des Ölbaumes geworden sind, so sind die bekehrten Heiden Teil des wahren Gottesvolkes geworden. (Siehe auch: hinterer Teil von Anmerkungen zu b)
2 Hier haben wir das gleiche Problem mit der „Vollzahl” wie in Vers 12. Noch einmal: Vollzahl kann nicht alle Heiden bzw. alle Juden heißen, da sonst Paulus universale Rettung verkünden würde: Alle Heiden + alle Juden = alle Menschen! Dies ist ausgeschlossen! Das Wörtchen „bis” (griech. achri) hat hier offenbar eine zeitliche Bedeutung: Die Verstockung wird andauern, bis die Vollzahl der Nationen hineingekommen sein wird, das heißt, bis zum (Welt-)Ende wird die Teilung andauern und ein Teil in Verstockung bleiben. Würde „bis” bedeuten, dass nach einer gewissen Zeit die Verstockung automatisch wegfallen würde, dann wäre das ein Widerspruch zu Vers 23 (siehe oben).
3 Griech. Kai houtos: Adverb der Art und Weise und nicht der Zeit, auch keine Konklusion.
4 ganz Israel = der ganze Ölbaum (mit gemischten Zweigen) soll gerettet werden.
5 Spezifizierung der Errettung anhand einer Bibelstelle.
6 Der Retter Israels (= bekehrte Juden + Heiden) kommt aus Zion! Gemeint ist Jesus (Bethlehem gehört zu Zion)! Eine andere Möglichkeit gibt es nicht: Es gibt nur einen Jesus, der auch bei der Wiederkunft derselbe sein wird wie damals (vgl. Apg 1,11; Joh 14,3: „Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin”)! Würde es einen anderen Messias geben, einen anderen Christus, dann wären alle Christen auf einen falschen Christus hereingefallen! Ich persönlich glaube, dass viele Menschen „in den letzten Tagen” auf Satan hereinfallen werden: Viele Menschen warten noch auf den Messias, auf den großen Meister, auf Buddha usw.!
7 Hier wird wieder auf Jesus verwiesen, denn er nimmt unsere Sünden auf sich.
Zu 3–7: Wenn man Vers 26 unter Berücksichtigung von Anmerkung 4 einfach liest, so ergibt sich ganz klar die Botschaft des Evangeliums:
„Und so wird Gottes Volk (Juden als auch Heiden) gerettet werden: Durch Jesus Christus, den verheißenen Retter, der die Sünden aller Menschen auf sich nimmt!” Die Juden sind nicht verstoßen oder gar verdammt (erneutes Aufgreifen der einleitenden Frage: Hat Gott sein Volk verstoßen? Röm 11,1!), denn auch sie haben noch die Möglichkeit, gerettet zu werden: „wenn sie nicht im Unglauben bleiben”.
Petrus spricht in Apg 3,22.23 von Jesus: “Mose hat schon gesagt: »Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken, gleich mir. Auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch reden wird! Es wird aber geschehen: jede Seele, die auf jenen Propheten nicht hören wird, soll aus dem Volk ausgerottet werden.« ”
Diese Stelle sagt nichts anderes aus als das, was das Sinnbild im Römerbrief ausdrücken will. Das wahre Volk Gottes besteht aus den bekehrten Juden und hinzugefügten bekehrten Heiden! Alle anderen werden aus dem heiligen Ölbaum geschnitten bzw. nicht hinzugezählt.
Lesen wir noch rasch den Rest des Kapitels:
28 Hinsichtlich des Evangeliums sind sie zwar Feinde um euretwillen, hinsichtlich der Auswahl [=Gnade] aber Geliebte um der Väter willen.
29 Denn die Gnadengaben und die Berufung Gottes sind unbereubar.
30 Denn wie ihr einst Gott nicht gehorcht habt, jetzt aber Erbarmen gefunden habt infolge ihres Unglaubens,
31 so sind jetzt auch sie dem euch <geschenkten> Erbarmen <gegenüber> ungehorsam gewesen, damit auch sie jetzt Erbarmen finden.
32 Denn Gott hat alle zusammen in den Ungehorsam eingeschlossen, damit er sich aller erbarmt.
Anmerkung: “aller” in Analogie zum Ölbaum (Juden + Heiden) oder zum wahren Gottesvolk oder zu “ganz Israel”.
Vers 31 macht es noch einmal klar: Jetzt sollen die Juden Erbarmen finden und nicht in der Endzeit! Jetzt gilt auch den Juden: “… Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht…” (Hebr 3,15)
Natürlich bin ich nicht in der Lage, diese schwierigen Stellen vollständig zu erfassen. Es gibt im Wesentlichen drei verschiedene Auslegungsmöglichkeiten, die mehr oder weniger problematisch sind:
- “ganz Israel” ist das ganze nationale “fleischliche” Israel, und dieses wird auf einen Sonderweg (durch Gottes Gnade) “am Evangelium vorbei” gerettet werden!
- “ganz Israel” ist wie oben zu verstehen, und wird durch eine Massenbekehrung zu Jesus hin bekehrt.
- “ganz Israel” ist das wahre Israel, das wahre Gottesvolk, das durch gläubige Menschen gebildet wird. Diese werden durch ihren Glauben gerettet.
Zu dem Thema sind schon unzählige Bücher erschienen, und unter Theologen ist man sich uneins darüber, wie besonders V. 25–27 zu verstehen ist. Ich würde mich hüten, auf dem Fundament dieser problematischen Auslegungen eine „Theologie” zu bauen oder gar zu behaupten, dass es für die Juden nicht nötig ist, Jesus als Messias anzunehmen!
Ich bevorzuge die dritte Auslegung, weil sie (in meinen Augen) besser zu Gottes Handeln passt und auch nicht in Konflikt mit anderen Bibelstellen steht.
6. Abschlussbemerkungen
Ich weiß, dass mein Verständnis der erwähnten Bibelstellen auch nicht perfekt ist, aber ich hoffe, es ist nachzuvollziehen, warum ich hinter dieser Predigt fünf große Fragezeichen gesetzt habe. Es zeigt sich immer wieder, dass man alles selbst prüfen muss und einem Prediger nicht einfach blind vertrauen kann. Das ist aber überall so und nicht nur in einer bestimmten Gemeinschaft oder Kirche! Jeder sollte sich die Zeit nehmen, Gottes Wort zu studieren und zu prüfen, was ein Prediger oder Theologe schreibt oder sagt!
Ich kann nur davor warnen, leichtfertig bestimmte Auslegungen anzunehmen, ohne selbst nachzudenken und ohne zu fragen, ob das jeweilige Argument wirklich das aussagt, was behauptet wird. Gottes Segen wünsche ich allen „Studentinnen” und „Studenten” der Heiligen Schrift!
Fußnoten
[1] Der Theologe Armin Krakolinig schreibt dazu (genaue Quelle verlegt): Den zwei Zeitangaben im Vers 26 stehen zwei Ereignisse gegenüber: 1) der Wiederaufbau der Stadt (nach 7 Wochen) und 2) das Kommen des Messias (nach 62 Wochen). Nach dieser Prophetie hatte Gott ursprünglich 7 Wochen = 49 Jahre für den Wiederaufbau vorgesehen. Doch durch den Ungehorsam des Volkes zog sich der Aufbau fast doppelt so lange, etwa 90 Jahre hinaus! (Von 536 – 445 v.Chr.) Das war auch der Grund, warum nicht nur ein Befehl zum Aufbau genügte, wie es laut Daniel vorgesehen war, sondern 3 bzw. 4 Befehle. In diesem Fall hätten die 7 + 62 Wochen nicht erst ab dem dritten Befehl, also ab 457 gezählt werden müssen, sondern schon ab dem ersten Befehl des Cyrus im Jahre 536. Das hätte bedeutet, dass auch das 1. Kommen des Messias um diese Zeit der Verzögerung schon früher stattfinden hätte können. Das stellt uns natürlich vor die Frage, ob auch die Erfüllung der Zeitweissagung der 70 Wochen unter Bedingungen gegeben wurde, oder als absolute Prophetie zu gelten hat. Die historischen Tatsachen und der gesamte biblische Befund sprechen deutlich für das Erstere. (» zurück zum Text)
[2] Armin Krakolinig schreibt in ‘Das Israel Gottes im Alten und Neuen Bund’: Der Fall oder die Verstockung der Juden wurde für das jüdische Volk nach der Zeit der Kreuzigung zum großen Fluch. Es kam tatsächlich der Fluch über sie, den sie in ihrer Blindheit vor Pilatus beschworen.
Der Fluch kam jedoch nicht über sie, weil Gott es so wollte, oder es sogar in seinem Plan so vorherbestimmte. Der Plan Gottes kann nur zum Fluch für jene werden, die nicht bei der Gnade Gottes bleiben (Röm.11,21–22). Zum Segen wird dieser Plan für Juden und auch für Heiden, die sich zu Gott kehren, und sich nach seinem Plan retten lassen.
Gott wollte nie, dass Israel sich verstockt, und er wollte auch nie, dass durch diese Verstockung der Juden die Heiden in Finsternis und fern von Gott bleiben. Durch die Annahme des Evangeliums unter den Heiden besteht aber nun weiter die Möglichkeit für die Juden, die sich unter den Heiden zerstreut finden, dass auch sie, dort wo sie sind, wieder zum Heil finden (Röm. 11,13–16).
Den auferstandenen Jesus kann man nämlich nicht nur in Jerusalem oder im Land Israel finden. Er hat verheißen, dass er mit seinen Jüngern überall sein werde, wo sie das Evangelium verkündigen. So wird er auch mit all jenen Juden überall dort sein, wo sie das Evangelium hören und annehmen, egal an welchem Ort sie gerade wohnen.
Diese Wahrheit hat Jesus schon damals der Samariterin vermittelt, die wissen wollte, an welchem Ort sie hingehen müsse, um richtige Anbetung zu üben. Die Antwort Jesu war: “Weib, glaube mir, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten. … Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, daß die wahrhaftigen Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater will solche, die ihn so anbeten. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.”(Joh.4,21–23)
Damit hat eigentlich Jesus ein für allemal allen jenen aus den Juden und Heiden, die Gott richtig anbeten und folgen wollen, keinen Ort dieser Erde mehr bestimmt, an den sie zu gehen hätten, um dort allein wahre Anbetung und Begegnung mit dem wahren Gott pflegen zu können.
Schon allein deswegen wäre es biblisch und neutestamentlich gesehen nicht nötig, Juden erst nach Jerusalem zu rufen, damit sie dort Jesus und dem Vater im Glauben begegnen können. Für sie gilt das Gleiche wie für alle Menschen, die sich aus allen anderen Nationen und Völkern zu Jesus bekehren und bekennen, dass “in einem jeglichen Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.” (Apg 10,35) (» zurück zum Text)









