Es gibt einige Schlüsselstellen, besonders bei Paulus, die häufig isoliert betrachtet werden und so den Eindruck erwecken, das Alte Testament habe für Christen keine ethische Relevanz mehr.

Dabei gehört die Frage nach dem Verhältnis zwischen christlichem Glauben und dem alttestamentlichen Gesetz mit zu den strittigsten Debatten der christlichen Theologie.
Die paulinische Formel, wir seien „nicht mehr unter dem Gesetz“ (Röm 6,14), klingt für manche wie der ultimative theologische Freifahrtschein: Das Alte Testament wird zur “moralischen Ausschussware” erklärt, die Freiheit in Christus als völlige Ungebundenheit missinterpretiert. Doch wer so argumentiert, übersieht meist eine entscheidende Unterscheidung.
Bedeutung vs. Funktion
Das Kernproblem dieser Sichtweise liegt meist in der Vermischung zweier Ebenen:
- Die heilsgeschichtliche Funktion: Hier hat Paulus recht – das Gesetz dient nicht mehr als (vorläufiges) Mittel zur Entsühnung oder Rechtfertigung vor Gott. Diese Aufgabe wurde durch Christus erfüllt.
- Die ethische Bedeutung: Die moralischen Werte und die Weisheit des Gesetzes bleiben als Ausdruck von Gottes Willen bestehen.
Kontinuität statt Bruch
Dass das Gesetz nicht einfach „vom Tisch“ ist, zeigt schon ein Blick auf Jesus selbst. Er zitiert die Gebote nicht nur, er radikalisiert sie sogar. Selbst das Doppelgebot der Liebe – oft als Inbegriff christlicher Modernität gefeiert – ist kein neutestamentliches Exklusivprodukt, sondern tief im Alten Testament verwurzelt (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18).
Es ist daher wenig schlüssig, von einer völligen Überflüssigkeit des AT-Gesetzes auszugehen. Vielmehr geht es darum, die bleibende ethische Orientierung von der überholten rituellen Funktion zu trennen, ohne dabei in eine gesetzlose Beliebigkeit zu verfallen.
Die typischen missverstandenen Bibelstellen
1. Römer 6,14 – „Nicht unter dem Gesetz“
„Denn die Sünde wird nicht herrschen können über euch, weil ihr nicht unter dem Gesetz seid, sondern unter der Gnade.“
- Das Missverständnis: Viele lesen dies als: „Die Gebote Gottes gelten für mich nicht mehr, ich kann tun, was ich will, weil die Gnade alles abdeckt.“ (Antinomismus).
- Die Klärung: Paulus spricht hier von der Funktion des Gesetzes als Herrschaftssystem. „Unter dem Gesetz sein“ bedeutet im paulinischen Kontext, unter der verurteilenden Macht des Gesetzes zu stehen, die den Sünder dem Tod ausliefert. Wer „unter der Gnade“ ist, ist von dieser verurteilenden Funktion befreit, aber nicht von der moralischen Bedeutung (dem Willen Gottes). Schon einen Vers weiter (Röm 6,15) stellt Paulus klar: „Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!“
2. Römer 10,4 – „Christus ist des Gesetzes Ende“
„Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.“
- Das Missverständnis: Das Wort „Ende“ wird oft als zeitlicher Abbruch oder Abschaffung interpretiert (wie ein abgelaufener Vertrag).
- Die Klärung: Das griechische Wort telos bedeutet primär „Ziel“, „Erfüllung“ oder „Endpunkt einer Entwicklung“. Christus ist das Ziel, auf das das Gesetz hingearbeitet hat. Er beendet die Funktion des Gesetzes als Weg zur Gerechtigkeit (da er diese Gerechtigkeit nun schenkt), aber er schafft nicht den moralischen Gehalt des Gesetzes ab. Er ist die Fleisch gewordene Erfüllung dessen, was das Gesetz in Worten beschrieb.
3. Galater 3,24–25 – Der „Zuchtmeister“
„So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin […] Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister.“
- Das Missverständnis: Da der „Lehrer“ oder „Aufseher“ (Pädagoge) weg ist, brauche man die Lektionen nicht mehr. Das Gesetz wird als eine Art „Kindergarten-Regelwerk“ betrachtet, das man als erwachsener Christ hinter sich lässt.
- Die Klärung: Die Funktion des Zuchtmeisters war es, den Menschen auf Christus vorzubereiten, indem er ihm seine Sündhaftigkeit aufzeigte. Wenn Christus da ist, ist diese pädagogische Überwachungsfunktion beendet. Die Bedeutung der moralischen Forderungen (Gott lieben, den Nächsten lieben, nicht stehlen etc.) bleibt jedoch bestehen, da sie den Charakter Gottes widerspiegeln, der sich nicht ändert.
4. Kolosser 2,14 – Der „Schuldschein“ am Kreuz
„Er hat den Schuldschein ausgelöscht, der gegen uns sprach […] und hat ihn aus dem Weg geräumt und an das Kreuz geheftet.“
- Das Missverständnis: Manche interpretieren dies so, dass Gott das Gesetz selbst ans Kreuz genagelt und damit vernichtet hat.
- Die Klärung: Es ist nicht das Gesetz, das ans Kreuz genagelt wurde, sondern der Schuldschein (cheirographon) . Dieser Vers wird auf dieser Webseite im Kontext des Sabbat-Gebotes an anderer Stelle vertieft.
Das korrigierende Gegenbeispiel: Matthäus 5,17
Um diese Missverständnisse zu vermeiden, wird in der Theologie oft das Wort Jesu selbst als Korrektiv herangezogen:
„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“
Hier wird deutlich: Erfüllung bedeutet nicht Abschaffung, sondern das Gesetz in seinem tiefsten Sinn (die Liebe) zur vollen Geltung zu bringen.
Zusammenfassend: Die genannten Verse werden oft missbraucht, um eine „Gesetzlosigkeit“ zu rechtfertigen, während sie eigentlich die Befreiung von der verurteilenden Kraft und dem rituellen Heilsweg des Alten Bundes beschreiben, nicht aber die Abkehr von Gottes moralischen Maßstäben.
Weitere empfohlene Beiträge: Kommentar zu Galater 3, Kommentar zu Römer 7 und 8a, Sabbat oder Sonntag?









