
Titus Vogt vertritt auf seiner Webseite die Ansicht, dass man den Sabbat nicht mehr beachten müsse. Dabei greift er auf typische Standardargumente zurück. Teilweise irrt er sich in seinen Ausführungen deutlich. Es folgt eine konkrete Gegenüberstellung der Argumente.
| Zur Sabbatfrage von Titus Vogt (Stand 01.02.2026) | Kommentar / Stellungnahme |
| Sobald man sich einmal etwas eingehender mit der Sabbatfrage befaßt, stellt man fest, daß man nicht so einfach sagen kann, daß jeder, der den Sonntag hält, willkürlich das Sabbatgebot geändert habe. Dafür ist die Problematik zu diffizil. | Strohmann: Wer behauptet, dass dieses willkürlich getan wurde oder wird? Geschichtliche Hintergründe findet man hier. |
| Natürlich ist es richtig, daß z.B. in den Zehn Geboten im Hebräischen steht: “Du sollt den Schabbat heiligen.” Aber dieses hebräische Wort bedeutet eben nicht nur “Sabbat” (als 7. Tag der Woche), sondern schlicht auch “Feiertag”. So wird z.B. auch der große Versöhnungstag “Jom Kippur” in 3Mose 16,31 “Sabbat” genannt, obgleich er ein festes Datum hatte (10. des siebten Monats; 3Mose 16,29) und somit immer durch die Woche rotierte und so nicht nur auf den siebten Tag der Woche, sondern eben auch auf jeden anderen Tag der Woche fallen konnte. | Das hebräische Wort שַׁבָּת (šabbāt / Schabbat) kommt etymologisch von der Wurzel ש‑ב-ת (š‑b-t), deren Grundbedeutung „aufhören / ruhen / aufhören zu arbeiten“ ist. Im Bibelhebräischen tritt die Wurzel sowohl als Verb (שָׁבַת „ruhen, aufhören“) als auch als Substantiv (שַׁבָּת „Ruhe; Ruhetag“) auf; im israelitischen Sprachgebrauch bezeichnet שַׁבָּת den regelmäßigen Ruhetag (den Sabbath/Shabbat). Es bedeutet NICHT einfach „Feiertag“, auch wenn Vogt hier womöglich eine Brücke zu den Zehn Geboten im Katechismus zu schlagen versucht, in dem das Sabbatgebot durch das Gebot „Du sollst den Feiertag heiligen“ ersetzt wurde. Der Kontext von 2Mo 20,8–11 lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass in den Zehn Geboten der wöchentliche Sabbat gemeint ist. Für andere Feiertage wurden meist Varianten verwendet: שַׁבָּתוֹן (šabbātôn) - ein davon abgeleitetes Substantiv mit der Bedeutung „feierlicher Ruhetag / strenge Ruhe“ oder auch: שַׁבַּת שַׁבָּתוֹן (šabbat šabbātôn) - eine Superlativ-/Verstärkungsform: wörtlich etwa „Sabbat völliger Ruhe“, also „allerstrengster Ruhetag“. Diese Bezeichnung wird etwa in 3Mo 16,31 für den Jom Kippur (Versöhnungstag) verwendet. |
| Die allermeisten Christen gehen davon aus, daß es das Sabbatgebot sowohl einen moralischen wie auch einen zeremonialen Aspekt hat, wobei der moralische ewig gültig ist und somit auch für Christen zu praktizieren ist, der zeremoniale dagegen durch Christus am Kreuz erfüllt wurde. Dr. Thomas Schirrmacher formuliert es sehr treffend, wenn er schreibt: “daß das Sabbatgebot im Alten Testament einen zeremonialen und einen moralischen Aspekt hatte. Der zeremoniale Aspekt ist in Christus erfüllt, auch wenn er nach Röm 14 ohne Zwang von einzelnen Gläubigen teilweise weiter beachtet werden durfte. | Das ist nur bedingt richtig. Der Sabbat wurde vor dem Sündenfall eingeführt und weist auch in 2Mo 20 auf die Schöpfung, in der alles sehr gut war, zurück, und kann nicht typologisch auf Christus, das wahre Opferlamm Gottes, bezogen werden. Gott hat den siebten Tag der Woche, den Sabbat, gesegnet und geheiligt (abgesondert) und ihn in 2Mo 20 als Ruhetag für alle Menschen (nicht nur Juden: 2Mo 20,10) bestimmt. Er wird ausdrücklich von Jesus als für den Menschen geschaffen bezeichnet (Mk 2,27). Lt. Jesaja 66,23 wird der Sabbat auf der neu geschaffenen Erde weiterhin Geltung haben. Wäre es nicht zum Sündenfall gekommen, gäbe es den Sabbat immer noch. Der einzige zeremonielle Aspekt des Sabbats sind die zusätzlichen Opfer, die neben dem täglichen Opfer vorgeschrieben waren. Diese Opfer haben sich, wie alle Übrigen, in Christus typologisch erfüllt. Die im Nebensatz erwähnte Bibelstelle in Römer 14 bezieht sich nicht auf den Sabbat, sondern auf Fastentage. |
| Der moralische Aspekt, der einen Siebentagesrhythmus mit einem Tag für Gottesdienst und erholsamen Rückblick auf die eigene Arbeit beinhaltet, strukturiert dagegen weiterhin die Zeit aus Gottes Sicht.“1 | Ausführungen ohne Begründung. |
| All die Opfer- und Reinheitsvorschriften sowie auch die Bestimmung, den siebten Tages [sic.] der Woche (= Samstag) zu heiligen, sind zeremoniale Vorschriften, die durch Jesus am Kreuz erfüllt wurden, so daß wir sie nicht mehr praktizieren müssen. | Eben nicht. Die Bestimmung des siebten Tages der Woche hat, wie oben dargelegt, nichts mit Jesu Opfertod zu tun. Der Sabbat ist eine ewig geltende Einrichtung für den Menschen. |
| Aber der Siebentagesrhythmus ist bereits Schöpfungsordnung, wird im Neuen Testament bestätigt und gehört – nicht zuletzt auch wegen seiner Stellung in den Zehn Geboten – selbstverständlich zum ewig gültigen Moralgesetz Gottes. | Der Autor bemerkt nicht die Widersprüchlichkeit seiner eigenen Ausführungen: Zum einen verweist er auf Römer 14 (im Sinne von: Alle Tage sind gleich) und bezeichnet die Bestimmung des siebten Tages als „zeremonielle Vorschrift“, die durch Jesu Tod erfüllt sei, allerdings unterstreicht er, dass der Siebentagerhythmus wegen seiner Stellung in den Zehn Geboten zum ewig gültigen Moralgesetz Gottes gehöre. |
| Daß das Sabbatgebot auch zeremoniale Aspekte haben muß, die in Christus erfüllt sind, machen m.E. völlig eindeutig Stellen wie Kol 2,8+16–17; Röm 14,5–6; Gal 4,9–10.2 Besonders die Erwähnung des “Sabbats” neben “Festen” und “Neumonden” in Kol 2,16 kann nichts anderes bedeuten, als daß hier mit “Sabbat” tatsächlich der Wochensabbat und nicht ein Festsabbat gemeint ist. Wenn wir uns aber “von niemanden ein schlechtes Gewissen” machen lassen sollen z.B. wegen des Sabbats, dann muß es bei aller grundsätzlichen Gültigkeit des Sabbatgebotes doch Aspekte geben, die nicht mehr notwendig zu praktizieren sind, die, wenn man sie hält aber auch nicht Sünde sind. Meines Erachtens fällt unter diesen Aspekt auch die Frage nach dem Wochentag. (Der oft gebrachte Hinweis, daß Jesus den Sabbat vollständig gehalten hat, ist für die Frage letztlich nicht entscheidend, denn Jesus hat eben auch das Zeremonialgesetz vollständig gehalten.) | Diese angeblich „völlig eindeutigen Stellen“ werden hier genauer betrachtet und sind mitnichten so eindeutig, wie der Autor meint. Auch auf Kol 2,16 wird dort ausführlich eingegangen. Hier räumt der Autor dem Sabbatgebot eine grundsätzliche Gültigkeit ein (vgl. Abschnitt zuvor). Das muss er tun, weil er sonst nicht das Gebot aus dem Katechismus „Du sollst den Feiertag heiligen“ aufrechterhalten kann. So sei die Wahl des Wochentages egal, man müsse aber irgendeinen Wochentag als “Sabbat“halten. Diese Annahme bleibt unbegründet. Selbst wenn Kol 2,16 wirklich den Wochensabbat einschließen sollte, kann sich die Stelle aufgrund des Kontextes lediglich auf die Opfergesetze beziehen. +++ Wahl eines beliebigen Wochentages wird in Kol 2, 16 nicht im Entferntesten suggeriert. |
| Daß Christen schon sehr früh den Sonntag gefeiert haben, ist für mich der positive Beweis, daß mein oben skizziertes Verständnis der Sabbatgesetzgebung biblisch ist. | Das frühe Auftreten von Sonntagsfeiern bei einigen Christen (historischer Hintergrund hier) ist kein gültiges Argument, sondern eine Behauptung. Man könnte genauso behaupten, die Sonntagsfeier bei frühen Christen zeige ihren Abfall von Gottes ewigem Gesetz. |
| Die meisten Verfechter der ‚Samstag-Heiligung’ lassen häufig die ganze neutestamentliche Diskussion außer acht und setzen mit ihrer Argumentation immer erst bei Kaiser Konstantin ein. Ich behaupte nicht, daß alles, was Konstantin gesagt und angeordnet hat, mit der Bibel übereinstimmt, nur die Frage nach Sabbat/Sonntag entscheidet sich nicht an meiner Stellung zu Konstantin, sondern schlicht und einfach am Neuen Testament. | Es gibt nicht einmal ansatzweise eine neutestamentliche Diskussion der Frage, ob der Sabbat oder der Sonntag Gottes heiliger, wöchentlicher Feiertag ist. Stattdessen diskutierten die Aposteln und Ältesten andere Vorschriften, die nicht Teil der Zehn Gebote waren: Müssen bekehrte Heiden sich beschneiden lassen? Darf man Fleisch kaufen, das Götzen geopfert wurde? Wie steht es um die (Tisch)Gemeinschaft von „Juden“ und „Heiden“? Wen n diese Fragestellungen heiße Debatten auslösten, wie viel mehr wäre eine Aussprache über die Änderung eines der Zehn Gebote notwendig gewesen? Davon ist aber im Neuen Testament keine Spur. |
| Aber nun zum Sonntag im Neuen Testament: Die Jünger Jesu versammelten sich bereits ganz zu Anfang an “dem ersten Tag der Woche” (Joh 20,19), als Jesus unter sie trat. Das nächste Mal trafen sie sich “nach acht Tagen” (Joh 20,26), also wieder am selben Wochentag, wieder am Sonntag3. Nach Apg 20,7 scheint es die regelmäßige Praxis der christlichen Gemeinde gewesen zu sein, sich am Sonntag zum Gottesdienst (mit Abendmahl) zu treffen: “Als wir aber am ersten Tag der Woche versammelt waren, um das Brot zu brechen …”. Und in diesem Gottesdienst predigte Paulus das erste Mal in Troas, obwohl er bereits seit Montag die ganze Woche über da war (also auch am Samstag). Sein Gottesdienst in dieser Woche fand eindeutig am Sonntag und nicht am Samstag statt.4 Aus adventistischer Sicht wird eingewandt, daß in Apg 20,7 fälschlich “predigen” übersetzt würde (so die Lutherübersetzung). An dieser Stelle steht im griechischen “dia-legomai”, was die Elberfelder sehr wörtlich mit “unterreden” übersetzt. Dieses Verb kommt im NT insgesamt 13x vor, davon allein 10x in der Apostelgeschichte. Gerade in den Kapiteln davor wird dieser Begriff für die Wortäußerung von Paulus in der Synagoge verwendet (Apg 17,2+17; 18,4+19; 19,8 [hier ist “dialegomai” das zweite Verb und steht inhaltlich parallel mit “parresimazomai”, Elb. “freimütig sprechen”, und “peitho”, “überzeugen”], 19,9 [jetzt nicht mehr in der Synagoge, sondern “Unterredung” mit den Jüngern in der Schule des Tyrannus]). Nun, was war das anderes als eine Predigt? Sicher war diese mal evangelistischer, mal lehrmäßiger, mal apologetischer, aber alles in allem doch eine Predigt, oder? Wie auch immer: Das, was Paulus am Sabbat in der Synagoge tat, tat er am Sonntag in der Gemeinde. Sogesehen ist gerade der Begriff “dialegomai” eher eine Bestätigung der hier vertretenen These. | Die Erwähnung des ersten Tages der Woche allein ist weder ein Zeichen einer Sonntagsfeier noch eine „Diskussion“ darüber, welcher der richtige Feiertag ist. Auf die vom Autor erwähnten Bibelstellen wird hier eingegangen. Ein paar Kurzantworten; Apg 20,7: Damals war es üblich, sich häufig zu treffen. Brotbrechen ist nicht automatisch einem Gottesdienst mit Abendmahl gleichzusetzen: siehe Apg 2,46; Apg 5,42. Apg 20,7. Auch ein Abschiedsmahl kann hier zutreffen, zumal Paulus am nächsten Tag abreisen wollte. Zur Frage, ob es Samstag-abend oder Sonntagabend war – siehe hier. Sollte das Treffen mit Paulus ein Samstagabend gewesen sein (nach jüdischer Zählweise schon der erste Tag der Woche), wäre dies für die Sonntagsfeierbefürworter fatal, weil Paulus dann den Sonntag tagsüber als Reisetag nutzte. Das Problem mit der Übersetzung „predigen“ liegt darin, dass Leser von heute, damit automatisch einen normalen Predigtgottesdienst assoziieren. Genau aus dem Grund – in Verbindung mit dem „ersten Tag“ der Woche, verwendeten die Übersetzer der Lutherbibel diese tendenziöse Übersetzung mit „predigen“, obwohl der Kontext genauso mit „unterreden“ übersetzt werden kann. „Predigen“ hat heute primär die Bedeutung einer (monologischen) Wortverkündigung. Das griechische Wort in Apg 20, steht aber vielmehr für ein Gespräch (Dialog), eine Auseinandersetzung oder auch Diskussion – die sogar einen Streitcharakter haben kann. In Apg 20,7 gab es sicherlich noch viel zu besprechen, bevor Paulus abreiste. Nichts deutet auf eine Predigt hin, außer dass man in Apg 20,7 unbedingt eine Predigt mit Abendmahlfeier sehen will. Von einer Bestätigung der These des Autors kann keine Rede sein. |
| Nach 1Kor 16,1–2 sollte “an jedem ersten Tag der Woche” die ‚Kollekte’ zusammengelegt werden (und dies galt nicht nur für Korinth, sondern Paulus erwähnt ausdrücklich auch die Gemeinden von Galatien, so daß es m.E. sicher ist, daß es sich hier um eine allgemeine apostolische Anordnung handelt). Aber die Anweisung des Paulus macht natürlich nur Sinn, wenn der wöchentliche Gemeindegottesdienst auch wirklich am ersten Tag der Woche, also am Sonntag, stattfindet. Es ist richtig, daß 1Kor 16,1–2 nicht mit letzter Sicherheit sagt, daß das Geld quasi im Gottesdienst zusammengelegt werden sollte. Formal könnte man das “bei sich selbst” auch so interpretieren, daß die Christen an jedem Sonntag zu Hause Geld zur Seite legen sollten. Allerdings würde ich fragen, ob das dem Begriff der “Sammlung” tatsächlich gerecht wird, die ja eben an jedem Sonntag bereits geschehen soll und nicht erst, wenn Paulus kommt. Das zu Hause Zurücklegen würde man wohl eher als “[zweckgebundenes] Sparen” bezeichnen, das Zusammentragen des Geldes in der Gemeinde dagegen durchaus als “Sammlung” bzw. “Sammlungen” (nämlich jeden Sonntag). Und: Wenn das Geld zu Hause gespart werden sollte, warum ausgerechnet am Sonntag? Warum nicht am Ende der Arbeitswoche? Der Sonntag macht gerade auch bei der Annahme des häuslichen Sparens eigentlich nur Sinn, wenn er eben schon an sich etwas besonderes war. Nimmt man dagegen an, daß die Sammlung in der Gemeinde vonstatten gehen sollte, würde man “bei sich selbst” inhaltlich am ehesten mit “diskret” wiedergeben. Oder anders formuliert: Wieviel jeder gab, sollte nicht der neben ihm Sitzende wissen, sondern nur er selbst – und Gott. Damit wäre diese Anweisung eine Parallele zu Mt 6,2–4. | 1Kor 16 wird ebenfalls hier besprochen. Die Worte „bei sich selbst“ müssen nicht „interpretiert“ werden, sondern sind klar. Paulus möchte, dass die Gläubigen regelmäßig sammeln. Nichts spricht für eine Sammlung im Gottesdienst oder dafür, dass jemand das gesammelte Geld verwalten müsse. Es ist logisch und legitim anzunehmen, dass Paulus die Gemeinde anwies, im Voraus zu sammeln und nicht dann erst, wenn er kommt (und die Gläubigen wenig spendabel sind, weil sie nichts angespart haben). Diese Begründung finden wir im Vers 2! |
| Auch wenn in Off 1,10 vom “Herrentag” (griech: “kyriake”) die Rede ist, so ist das die bis 450 n.Chr. ausschließlich von Christen gebrauchte Bezeichnung für den Sonntag. Warum sollten Christen eine besondere Bezeichnung für diesen Tag einführen, wenn dieser Tag keinerlei besondere Bedeutung für sie hatte? | Die Bedeutung vom „Tag des Herren“ in Offb 1,10 ist nicht so eindeutig, wie der Autor meint. Der Begriff kommt in der Bibel auch nur an dieser einzigen Stelle vor, was eher gegen eine Verbindung zu einem wöchentlichen Gottesdienst spricht. Von einigen wird vermutet, dass Johannes den Tag der Wiederkunft meint und nicht einen Wochentag. Andere argumentieren hingegen, dass Jesus gesagt habe, er sei Herr über den Sabbat, als sei der Tag des Herrn der Sabbat. Im Brief des Ignatius von Antiochien an die Magnesier gibt es eine grammatikalische Mehrdeutigkeit. Dort heißt es: „…nicht mehr den Sabbat haltend, sondern nach der kyriakēn lebend…“ – Das Begleitwort hēmera fehlt. Viele Gelehrte geben an, Ignatius meinte gar nicht „nach dem Sonntag leben“, sondern „nach dem Leben des Herrn“ (kyriakēn zōēn). Es gehe also um eine christliche Lebensführung im Gegensatz zur jüdischen Gesetzesobservanz, und nicht primär um einen Kalendertag. In der Didache (ca. 100 n. Chr.) findet sich die seltsame Formulierung: „An der kyriakē des Herrn kommt zusammen…“ Würde kyriakē bereits „Tag des Herrn“ bedeuten, hieße der Satz wörtlich: „Am Tag des Herrn des Herrn“ – eine Redundanz. Das deutet darauf hin, dass kyriakē zu diesem Zeitpunkt noch ein reines Adjektiv war, das ein Substantiv brauchte, oder es sich auf etwas anderes beziehen könnte (z. B. die „Lehre des Herrn“). Zur historischen Entwicklung der Sonntagsfeier und den Irrtümern der Kirchenväter sind weitere Informationen hier zu finden. |
| Wenn es aber seit den Tagen des Neuen Testaments ihr Gottesdiensttag war, macht die ganze Sache sehr wohl Sinn. | “Wenn … ” – doch dafür fehlen stichhaltige Belege. Die Wortwahl kann auch andere Gründe haben oder sogar für den Sabbat sprechen. |
| Mit diesen neutestamentlichen Gedanken sage ich nicht, daß es nun geradezu ein biblisches Gebot wäre, den Sonntag anstelle des Samstags zu “heiligen”. Ich meine aber, daß es sehr wohl legitim ist. | Hier kommt der Autor argumentativ wieder ins Schwimmen. Einerseits schreibt er zuvor, dass der Siebentagesrhythmus zum ewig gültigen Moralgesetz Gottes gehöre und lediglich die Wahl des Tages rituell / zeremoniell sei. Der Autor ändert eins der Zehn Gebote ab und stellt die Sonntagsheiligung hier als „legitim“ dar. Wenn diese aber optional sei, zerstört der Autor damit einen Teil des in seinen Augen ewig gültigen Moralgesetzes Gottes, nämlich den Siebtagesrhythmus. Entweder soll man sich an den rhythmisch wiederkehrenden Sonntag halten, wenn dies ewig gültig sei, oder man wählt willkürlich einen anderen Tag, dann gilt die Schöpfungsordnung nicht für den Wochenrhythmus. |
| Einer letzter Punkt, der noch angesprochen werden muß: Vertreter der ‚Samstag-Heiligung’ gehen durch die Bank weg stillschweigend davon aus, daß man von der Schöpfung an durchgängig sicher sein könne, daß es einen komplett durchlaufenden 7‑Tage-Wochenrhythmus gegeben habe. Wenn man sich aber ein bißchen mit dieser Materie aus kulturgeschichtlicher Perspektive befaßt, stellt man sehr schnell fest, daß die Rechnung so einfach nicht ist. Es hat in der Geschichte immer wieder große Kalenderreformen gegeben, so daß heute keiner antike Daten sicher datieren kann. Auch im Judentum hat es z.B. zur Zeit Jesu sogar mehrere konkurrierende Kalender gegeben, wobei (mindestens) einer davon – ausgerechnet der der extrem konservativen Qumrangemeinschaft – immer wieder beim Jahreswechsel nicht vollständige Wochen hatte, weil das Jahr immer mit einem bestimmten Wochentag anfangen mußte. Auch später hat es im Judentum Kalenderreformen gegeben. Im ‚dunklen Mittelalter’ (6.–8. Jh. n.Chr.) haben wir sowenige Zeugnisse der europäischen Geschichte, daß manche ernsthaft die These in Erwägung ziehen, daß es diese Jahrhunderte gar nicht gegeben habe. Wer will angesichts dieser Quellenlage etwas Sicheres über eine durchlaufende 7‑Tages-Woche sagen. Das ist völlig unmöglich. Wenn dies tatsächlich alles so unsicher ist, stellt sich die Frage, wer denn eigentlich festlegt, welches der erste oder der siebte Tag der Woche ist? In Deutschland jedenfalls (wie auch in anderen europäischen Ländern) hat der Gesetzgeber beschlossen, daß der Sonntag der siebte Tag der Woche ist. Wenn es denn biblisch notwendig wäre, tatsächlich den siebten Tag der Woche zu feiern, und es gleichzeitig aber nicht sicher ist, an welchem Wochentag wir uns seit der Schöpfung befinden, ist für mich die Entscheidung des Staates nicht unwichtig – dann bin ich meiner “Obrigkeit” einfach “untertan” (Röm 13,1). | Stillschweigend – naja. Überlegen wir doch einfach. Jesus wusste, welcher der richtige Sabbat war, denn Er hat ja das ganze Gesetz erfüllt. Damit ist schon mal bis ins 1. Jahrhundert geklärt, welcher der 7. Tag der Woche war. Die Juden haben bis in die heutige Zeit sehr gewissenhaft den Sabbat gehalten, sogar als sie in vielen Ländern zerstreut waren. Es ist unumstritten, dass der Sabbat schon immer der Dreh- und Angelpunkt der jüdischen Kultur gewesen ist. Bereits am Freitag, dem Rüsttag, galt es, zahlreiche Vorbereitungen zu treffen. Nie gab es den Fall, dass Juden in Jerusalem einen anderen Wochentag als Sabbat feierten als Juden in, sagen wir mal, Nordafrika. Es gab nie die Notwendigkeit, die im Laufe der Jahrhunderte hypothetisch entstandenen, verschiedenen Sabbattage wieder auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Es gibt absolut keine Hinweise darauf, dass sich für die Juden der Wochentagzyklus in den letzten 2000 Jahren geändert hätte. Wer so etwas behauptet, muss es beweisen. Kalenderreformen, Schalttage, Schaltmonate usw. brachten keine Änderung in den Wochenzyklus. Die Aussage bzgl. der Qumrangemeinschaft ist falsch. Die Qumran-Gemeinde war geradezu besessen von der Unverletzlichkeit der Sieben-Tage-Woche. Die weiteren Ausführungen des Autors sind spekulativ, zumal klar ist, welcher Tag der siebte Tag ist. Ein „Sabbat“-ähnlicher Name für Samstag findet sich in den meisten romanischen, fast allen slawischen, griechischen, semitischen und mehreren orientalischen Sprachen. Als Beispiele seien genannt: das armenische շաբաթ (šabat), das spanische sábado, das russische суббота (subbóta) oder das indonesische sabtut. Dies zeigt, wie stark der biblisch-jüdische Wochenrhythmus sprachlich in große Teile Europas, des Nahen Ostens und darüber hinaus eingewirkt hat. |
| Zum Schluß: In den meisten Fällen haben diese Kalenderreformen sicher keine Änderung des Wochenrhythmusses mit sich gebracht. Aber es hat eben auch das gegeben. Ich möchte ein konkretes Beispiel nennen: Kaiser Konstantin hat im Jahre 321 eine Kalenderreform durchgeführt, die mit einer Änderung des Wochenrhythmusses einherging. Ich zitiere: “Zu einem nicht näher bekannten Datum des Jahres 321 vertauschte er den Tag des römischen Reichsgottes Jupiter (Iovis dies), ursprünglich dem Donnerstag entsprechend (man vergleiche ‚jeudi’ im Französichen [sic!] und ‚giovedi’ im Italienischen), in den ‚Tag des Herrn’, (feria prima), den Sonntag. Lange Zeit war bei der Rückrechnung von Daten dieser Umstand nicht berücksichtigt worden. Sämtliche Wochentagsdaten vor 321 v. Chr. [sic!, muß n. Chr. heißen, TV] verschieben sich um drei Tage. … Diese Regelung, eigentlich eine ungeheure Unterschiebung der heidnischen Sonnenverehrung in den christlichen Glauben, fand Eingang in das von Konstantin einberufene Konzil von Nizäa im Jahre 325. Gläubige Christen, die das erkannten, hielten noch lange an der alten Zählweise fest, bis Kaiser Justinian (527–565) einen Schlußstrich zog.“5 – Einmal vorausgesetzt, daß dieses die einzige Kalenderreform dieser Art in der Menschheitsgeschichte wäre, dann müßten Adventisten (und alle anderen Sabbat-Vertreter) eigentlich am Mittwoch Sabbat feiern, alles andere wäre eigentlich nur der willkürlichen Kalenderänderung Konstantins gefolgt. | Die angebliche Kalenderreform am Schluss hat weder Hand noch Fuß, sondern geht auf nicht überzeugende Spekulationen eines Robert Sträuli zurück.Dieses wird ausführlich hier diskutiert. |
| Fußnoten: 1 Thomas Schirrmacher. Ethik (2 Bände). Hänssler-Verlag: Stuttgart, 1994. hier: Bd. 2, S. 146f (Hervorhebung im Original) 2 Zu diesen Texten vermisse ich leider eine detaillierte und überzeugende Auslegung der Adventisten. 3 Die Formulierung “nach acht Tagen” dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach identisch sein mit “am achten Tag”, wie eine Vielzahl von analogen Formulierungen erwarten läßt. Besonders in der Passionsgeschichte haben wir für die Angabe der Zeit, die Jesus im Grab war, verschiedene Ausdrücke: “nach drei Tagen”, “in drei Tagen”, “am dritten Tag”, die alle synonym im Sinne von “am dritten Tag” gebraucht werden (vgl. dazu im Detail den Artikel Drei_Tage.pdf). Der Hintergrund ist der, daß in der Antike der Ausgangstag häufig einfach mitgezählt wurde, was selbst in unserer Sprache z.T. noch gegeben ist. Wenn wir sagen “heute in acht Tagen” weiß jeder, daß “heute in einer Woche”, also genaugenommen “heute in sieben Tagen” gemeint ist. (Vgl. insgesamt dazu Theodor Zahn. Kommentar zum Neuen Testament. A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung: Leipzig, 1912, 4. Auflage. Bd. 4. Johannesevangelium. S. 680. Weitere ausführliche Details finden sich in: Theodor Zahn. Skizzen aus dem Leben der alten Kirche. A. Deichert’sche Verlagsbuchhandlung: Leipzig, 1898, 2. Auflage. S. 356f [= Fußnote 20 zum Kapitel “Geschichte des Sonntags vornehmlich in der alten Kirche”]; Theodor Zahn [1838–1933] gilt bis heute als einer der bedeutendsten Exegeten des Neuen Testementes und zugleich als einer der besten Kenner der alten Kirche. [Details unter www.bautz.de/bbkl/z/zahn_t.shtml]) 4 Natürlich ist Paulus häufig am Samstag in die Synagoge gegangen, um zu predigen. Dies würde ich aber eher unter seine Arbeit als Missionar rechnen. Einen Beleg für einen Gottesdienst der Gemeinde an einem Samstag gibt es m.W. nicht. 5 Hannes E. Schlag. Ein Tag zuviel – Aus der Geschichte des Kalenders. Verlag Königshausen & Neumann: Würzburg, 1998. S. 156 | Zu Fußnote 1: Zu den nicht weiter begründeten Ausführungen lässt sich so nichts sagen. Es wäre schön, würden die Aussagen begründet werden. Zu Fußnote 2: Detaillierte Auslegungen zu den benannten Bibelstellen existieren seit dem 19./20. Jahrhundert (in adventistischen Kreisen). Sie sind überzeugender als die teilweise widersprüchlichen und willkürlich wirkenden Erklärungsversuche von Vogt. Im Kern sind die Antworten: - Kolosser 2,16–17 (Schatten der Dinge, die kommen sollten): „Paulus spricht hier von den zeremoniellen Satzungen, die am Kreuz endeten… Der Sabbat des vierten Gebots ist jedoch in das Moralgesetz Gottes eingeschrieben und bleibt ewig bestehen.“ (Vgl. The Review and Herald, 1886). - Römer 14,5–6 (Der eine hält einen Tag vor dem anderen): Die frühen Adventisten erklärten, dass es in Römer 14 um Fastentage und jüdische Festtage ging, über die in der frühen Gemeinde (bestehend aus Juden und Heiden) gestritten wurde. Es ging nicht um die Frage: „Sabbat oder Sonntag?“. Die Adventisten sahen in diesem Text einen Aufruf zur Gewissensfreiheit in Fragen, die nicht das fundamentale Gesetz Gottes betreffen. Da der Sabbat ein Gebot Gottes ist, könne er nicht unter die Kategorie „Meinungssache“ fallen. Ihr Argument, zusätzlich zum Kontext, war: Wenn Paulus den Sabbat hier freigestellt hätte, hätte er das vierte Gebot für nichtig erklärt. Das würde seinem eigenen Statement in Römer 3,31 widersprechen: „Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.“ Galater 4,9–10 (Ihr haltet Tage und Monate und Zeiten und Jahre): Die adventistischen Pioniere betonten, dass die Galater Heidenchristen waren. Wenn sie zu „Tagen und Jahren“ zurückkehrten, meinten sie entweder heidnische Glückstage oder die Versuche judaisierender Lehrer, ihnen das gesamte jüdische Zeremonialsystem aufzuerlegen, um durch Werke gerechtfertigt zu werden. Für die Adventisten war das Halten des Sabbats kein „armseliges Element“, sondern ein Akt der Liebe und des Gehorsams. Die „Elemente“ in Gal 4 seien die Versuche, durch das Halten von rituellen Elementen das Heil zu verdienen. Dies ist nur eine knappe Zusammenfassung der seit Jahrhunderten bekannten Standpunkte. Sicher gibt es genügend Möglichkeiten, adventistische Darlegungen zu den benannten Bibelstellen kennenzulernen. Mir sind keine schlüssigen Darlegungen bekannt, dass diese falsch sind. Zu Fußnote 3: Wenig relevant. Zu Fußnote 4: Man beachte, dass die Heiden in Apg 13,42 den Apostel Paulus aufforderten, ihnen am nächsten Sabbat wieder zu verkündigen. Die perfekte Gelegenheit, ohne große Unruhe zu verursachen, den Heiden am “neuen Sabbat”, dem Sonntag, zu predigen, oder? Doch das tat Paulus nicht. Hier zeigt sich, dass zu damaliger Zeit der Sabbat von Juden und interessierten Heiden als Tag zum religiösen Austausch genutzt wurde. Zu Fußnote 5: Kann als widerlegt betrachtet werden. |









