– Ein Problem für den Sabbat?

Frage: Wird im Galaterbrief nicht gesagt, dass das Gesetz in der Vergangenheit ein Zuchtmeister war und nun für uns unbedeutend geworden ist? Ist nicht somit auch der Sabbat überflüssig geworden?
Antwort: Die Aussagen in der Frage (bis auf die letzte) sind bedingt richtig. Bevor wir Galater 3 und 4 auf die Sabbat-Debatte übertragen, müssen wir den Galaterbrief als Ganzes betrachten.
Das Ziel des Galaterbriefes ergibt sich aus seinem Inhalt: Es droht der Abfall in der Gemeinde, und in dieser Hinsicht ist der Brief natürlich kontroverser. Der Abfall resultierte aus den Aktivitäten der Lehrer, die noch dem Judentum anhingen. Möglicherweise handelt es sich hierbei um dieselbe Gruppe, die Probleme in der Gemeinde in Antiochien hervorrief (vgl. Apg 15,1).
In Anschluss an die dortigen Unruhen wurde das erste Konzil in Jerusalem einberufen. Dort widerstand Paulus den Judaisten, welche von den bekehrten Christen das Befolgen jüdischer Gesetze verlangten. Sie forderten die Beschneidung Titus’ (Gal 2,3–4).
Die falschen Lehrer hatten offenbar großen Erfolg und verführten einen großen Teil der Gemeindeglieder in Galatien (vgl. Gal 1,6). Es ist nicht klar, wie weit die Gemeinde in den legalistischen Praktiken gegangen ist, bevor sie den Brief Pauli empfing, aber der Ton des Briefes zeigt deutlich die unmittelbare Gefahr des Abfalls. Die Lehrer handelten entgegen den Beschlüssen des Konzils in Jerusalem. Sie untergruben die Autorität Pauli als Apostel und verwarfen sein Evangelium. Dabei stützten sie sich auf die Tatsache, dass Paulus keiner der von Christus berufenen zwölf Apostel war.
Um den Galatern ihren Fehler vor Augen zu führen, wiederholte Paulus die einst von ihm dargestellten Prinzipien des Evangeliums. Da die falschen Lehrer Paulus beschuldigten, ein falsches Evangelium zu verkündigen, und ihm das Lehramt absprachen, fühlte sich Paulus gezwungen, sein Apostelamt zu begründen. Daher finden sich auch autobiografische Anteile im Brief (vgl. Gal 1,11–2,14). Er unterstrich dabei die Tatsache, dass seine Lehren, die er auch im Konzil in Jerusalem den Aposteln darlegte, im Einklang damit waren, was die anderen Führer, die mit Jesus eng verbunden waren, verkündigten.
Das Thema des Galaterbriefes ist Gerechtigkeit aus Glauben an Jesus Christus. Dies steht im Kontrast zu der im Judentum verbreiteten Idee der Gerechtigkeit aus den Werken, die das jüdische Gesetz vorschrieb. Der Brief hebt hervor, was Gott durch Christus für die Erlösung der Menschen getan hat, und verwirft damit das zuvor genannte Konzept der Erlösung. Paulus stellt das freie Geschenk Gottes den menschlichen Versuchen, sich selbst zu erlösen, gegenüber.
Die Frage, durch die, die Auseinandersetzung zwischen Paulus und den Lehrern in Galatien entbrannte, lautet: Berechtigt die Befolgung von Gesetzen und Zeremonien des Judaismus den Menschen zur göttlichen Gunst und Annahme?
Die kategorische Antwort lautet: Nein! “Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus.” (Gal 2,16).
Ganz im Gegenteil: Solche, die selbst Erlösung durch Werke herbeisehnen, verwerfen und verlieren die Gnade Christi (vgl. Gal 2,21; 5,4).
Als Kinder der Verheißung sind Christen Erben (vgl. Gal 4,28; 3,6.7.14.29). Als neue Kreaturen in Christus, geistgeführt und mit Christus und Gott Gesetz in ihren Herzen, ermöglicht durch den Glauben, sind sie nicht mehr unreife Kinder, die einen “Lehrmeister” bedürfen (vgl. Gal 2, 20; 3, 23–26; 4,1–7; 5, 18; 6, 15; Hebr 8,10).
Während die Juden sich ihrer Gerechtigkeit rühmten, waren sie der Meinung, dass sie durch eigene Anstrengungen das Gesetz hielten und somit gerecht wurden (vgl. Röm 2,17; 9,4). Dagegen erkennen Christen an, dass sie sich nichts rühmen können, außer der erlösenden Kraft des Kreuzes, unseren Herrn Jesus Christus (vgl. Gal 6,14).
Der Ausdruck “Gesetz” steht im Galaterbrief für die Gesamtheit (Moral‑, Zivil- und Zeremonialgesetze) der Gesetze Gottes für seine Kinder, die am Sinai offenbart wurden. Später fügten die Juden eine Vielzahl von menschlichen Gesetzen hinzu. Irrtümlicherweise glaubten sie, dass sie aus sich selbst diese Gesetze befolgen und dadurch erlöst werden könnten. Der Galaterbrief befasst sich nicht so sehr mit diesen Gesetzen, sondern vielmehr mit der falschen Vorstellung, dass man sich selbst durch die strikte Befolgung der Gesetze die Erlösung erarbeiten kann. Somit werden zwei Konzepte gegenübergestellt: Erlösung durch den Glauben vs. Erlösung durch Werke.
Paulus erklärt, dass die Verheißungen des Evangeliums (die Erlösung der Menschen durch Christus; der Erlösungsplan) im Bund mit Abraham bestätigt wurden, und durch die Offenbarung der göttlichen Gesetze 430 Jahre später nicht aufgehoben wurden (vgl. Gal 3,6–9.14–18). Das Gesetz war nicht dazu da, den Bund zu ersetzen oder andere Mittel der Erlösung einzuführen, sondern dazu, den Menschen zu helfen, die Bedingungen des Bundes mit Gott zu verstehen und wertzuschätzen. Das Gesetz war nicht dazu vorgesehen, ein Ziel in sich zu sein, wie die Juden glaubten, sondern sollte im Einklang mit den Verheißungen des Bundes als Lehrmeister die Menschen zur Erlösung in Christus führen.
Der Zweck des Gesetzes war also, den Menschen zu Christus zu führen (Röm 10, 4) und nicht, einen anderen Weg zur Erlösung zu eröffnen. Die meisten Juden blieben jedoch in Unwissenheit des Erlösungsplanes durch Christus und glaubten an ihre eigene Gerechtigkeit durch die Erfüllung der Werke des Gesetzes (vgl. Gal 2,16; Röm 10,3).
Paulus erklärt weiterhin, dass der Bund mit Abraham die Erlösung für die Heiden gewährleistet, während das Gesetz dies nicht tat, und die Heiden somit ihre Erlösung durch den Glauben an die Verheißungen für Abraham und nicht durch das Gesetz finden würden (vgl. Gal 3,8.9.14.27–29).
Der große Irrtum, der durch die falschen Lehrer bei den Galatern verbreitet wurde, bestand darin, die neu bekehrten Heiden dazu zu zwingen, sich den zeremoniellen Vorschriften wie z. B. der Beschneidung oder dem Befolgen von bestimmten “Tagen, Monaten, Zeiten und Jahren” (vgl. Gal 4,10; 5,2) zu beugen.
Heute ist dieses Problem nicht mehr relevant, da die Christen nicht mehr in Gefahr stehen, den rituellen Vorschriften des Judentums zu huldigen (vgl. Gal 4,9; 5,1). Man kann darauf jedoch nicht schließen, dass der Galaterbrief lediglich von historischem Interesse sei und keinerlei belehrende Funktion für den modernen Christen habe. Zitate dieses Briefes in anderen Schriften des biblischen Kanons zeugen davon, dass dieser für unsere Tage von großem Wert und Bedeutung ist (vgl. Röm 15,4; 1Kor 10,11; 2Tim 3,16f).
Wie bereits angedeutet bedeutet der Begriff “Gesetz” im Galaterbrief sowohl das zeremonielle als auch das Moralgesetz. Es ist zweifelhaft, dass mit “Gesetz” stets die Gesamtheit aller Gesetze aus der Thora gemeint ist. Das Zeremonialgesetz endete aus christlicher Perspektive mit dem Tod Jesu am Kreuz (siehe Anmerkungen zu Kolosser 2), jedoch blieb das Moralgesetz, wie der Dekalog es aufzeigt, voll in Kraft (vgl. Mt 5,17.18; Lk 16,17).
Natürlich besteht auch heute die Gefahr, dem Buchstaben des Dekalogs zu folgen, ohne sich über dessen “Geist” Gedanken zu machen (vgl. Mt 19,16–22), genau wie die Juden zu den Zeiten des Paulus. Diese folgten dem Opfersystem, ohne realisiert zu haben, dass es auf Christus hinwies. Gleich wie sich der moderne Christ in Gefahr begibt, durch eigene Anstrengungen die Gebote Gottes zu halten, um sich so zu erlösen, so entfernt auch er sich von der Gnade Gottes und wird eingefangen durch das “Joch der Sklaverei” (vgl. Gal 5,1–4). Für ihn ist Christus umsonst gestorben (vgl. Gal 2,21). Die Warnung des Briefs an die Galater bleibt weiter ein aktuelles Thema. Die wahren Christen halten die Gebote Gottes, nicht, um sich selbst zu erlösen, sondern weil sie erlöst sind. Tatsächlich können nur solche Menschen die Gebote halten, in denen Christus wohnt.
Diese Warnung ist auch für solche von uns relevant, die glauben, eine “höhere Stufe der Gerechtigkeit” vor Gott zu erlangen, indem sie genauestens die Gesetze bzgl. des christlichen Lebensstils, wie z. B. Kleidung oder Ernährung, befolgen. Somit verfallen sie denselben Fehlern wie die Juden zu Lebzeiten Jesu (vgl. Röm 14,17; Mk 7,1–14).
Andere zahlen den Zehnten, gehen wöchentlich in die Kirche oder zeigen soziales Engagement und geben sich dabei der Illusion hin, sich dadurch eine Gunst in den Augen Gottes zu erwerben. Es ist wahr, dass Christen den göttlichen Gesetzen treu folgen sollen, doch tun sie dies nicht in der Hoffnung, bei Gott etwas zu gewinnen, sondern weil sie durch den Glauben Freude und Glück empfinden, wenn sie in Einklang mit dem Willen Gottes leben.
Die wichtigste Lektion des Briefes an die Galater für die Christen heute, deckt sich mit der in den Tagen Pauli. Die Erlösung kann nicht anders durch den Glauben an die Verdienste Jesu erworben werden (vgl. Gal 2,16; 3,2; 5,1). Weiterhin kann der Mensch absolut nichts tun, wodurch er sich in ein besseres Licht vor Gott stellen kann, um Vergebung und Erlösung zu bekommen. Das Gesetz, sei es Moral- oder Zeremonialgesetz, hat keinerlei Macht, den Menschen von seinem sündhaften Zustand zu befreien (vgl. Röm 3,20; 7,7). Dies ist auch das Evangelium Pauli im Gegensatz zu dem, der abgefallenen Lehrer (vgl. Gal 1,6–12; 2,2; 5,7.14).
Der Brief schließt mit dem Appell, die neugefundene Freiheit des Evangeliums nicht zu missbrauchen, sondern ein heiliges Leben zu führen (vgl. Gal 6). Christliche Liebe sollte die Galater dazu führen, sich vor einem falschen Geist zu schützen und denjenigen, die dem Irrtum verfallen sind, freundlich zu begegnen. Die Gemeinde in Galatien sollte für ihre guten Werke, d. h. die Frucht des Geistes, bekannt sein und sollte nicht versuchen, durch gute Werke ihren Glauben an die erlösenden Verdienste Jesu Christi zu ersetzen.
Nochmals zusammengefasst: Paulus versucht seinen Lesern / Hörern klarzumachen, dass wir nicht durch Taten, auch nicht durch die „Gesetzeswerke“, das ewige Leben empfangen werden, sondern durch den Glauben an Jesus Christus. Er verweist dabei als Begründung auf Abraham, dessen Glaube ihn vor Gott gerecht machte (Gal 3,6f). Das gilt auch für uns, die Kinder Abrahams (Gal 3, 7–9, etc.). Streng genommen war es schon immer seit dem Sündenfall so. Als z. B. Abel opferte, so tat er es im Glauben. Die Opfer waren ja das Symbol für das große einmalige Opfer Jesu Christi. Nicht die Handlung, sondern der Glaube war für Gott stets der entscheidende Maßstab. Die Verheißung des Retters und Erlösers wurde unseren ersten Eltern schon im Paradies verkündet (1Mo 3, 15) und nur durch den Glauben an IHN ist es möglich, vor Gott zu bestehen.
Leider gab es immer wieder Menschen, die glaubten, durch Werke gerecht zu werden. Scheinbar vergeblich predigte Jesus in der Bergpredigt davon, dass nicht das Äußere, sondern vielmehr das Innere zähle. – Die Menschen klammerten sich allzu gern an das Äußere und glaubten: Wenn sie dies und dies täten, dann wären sie vor Gott gerecht, egal, wie es in ihrem Herzen aussähe. Tatsächlich kann man die Aussage im Jakobusbrief (Glaube ohne Werke ist tot) umkehren zu: Werke ohne Glaube sind tot – sie bringen nichts, denn nur der Glaube an den Erlöser kann uns retten.
Paulus unterstreicht, dass das Gesetz nicht die Verheißung Christi beiseite stellen sollte. Interessanterweise sagt Paulus, dass das Gesetz vierhundertdreißig Jahre nach der Verheißung gegeben wurde. Dieses wird indirekt in Gal 3,19 wiederholt, wo er schreibt, dass es durch Engel und durch die Hand eines Mittlers verordnet wurde. Ich meine, dass mit diesem Mittler hier Mose gemeint ist (vgl. 5. Mose 5,5).
Wozu das Gesetz?
Die Frage “Was soll dann das Gesetz?” ist vermutlich eine an Paulus gestellte Frage, die er im Folgenden diskutieren will – und auch tut. Diese Frage ist auch nur logisch: Wenn nicht das Gesetz gerecht machen kann, was soll es dann überhaupt? Er sagt: “Es ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt.” (Vers 19)
Das erste interessante Wort, das näher untersucht werden muss, ist “hinzugekommen” oder “hinzugefügt”:
Hinzugefügt, griech. prostithēmi, wörtlich: begleitend an das vorhandene an die Seite stellen, anhängen. Warum war das Gesetz “hinzugefügt”, wenn der Bund mit Abraham für die Erlösung maßgeblich war? Die Antwort lautet: „Es wurde der Übertretungen wegen hinzugefügt”. Diese Worte erinnern stark an Jesu Antwort bzgl. der Scheidungsgesetze. Die Menschen fragten in Mt 19,7: “Warum hat dann Mose geboten, ihr einen Scheidebrief zu geben und sich von ihr [Frauen] zu scheiden?” Und Jesus antwortete: “Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, eures Herzens Härte wegen; von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen.”
Wäre der Mensch so gesinnt, wie Gott, so bräuchten wir keine Gesetze. Es wäre unsere Natur, zu lieben, niemandem Unrecht zu tun, selbstlos und gütig zu sein. So wie die Scheidungsgesetze eingeführt wurden, “wegen der Härte der Herzen”, wurde letztendlich das ganze Gesetz gegeben, “um der Sünde willen”. Könnten wir das Doppelgebot der Liebe jederzeit erfüllen, würden wir das ganze Gesetz erfüllen. Jesus sagte in Mt 22,37–40:
“Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.”
Zurück zu Galater 3. Das Gesetz “ist hinzugekommen um der Sünden willen, bis der Nachkomme da sei, dem die Verheißung gilt.” – Gerade im Hinblick auf das, was Paulus an anderen Stellen schreibt und was wir insbesondere im Hebräerbrief lesen, wird deutlich, dass Paulus hier besonders Jesus vor Augen hat: Er ist der verheißene Nachkomme, der wahre Erlösung wirkt, während die Opfergesetze zwar eine sühnende, reinigende und damit rechtlich-wiederherstellende („rechtfertigende“) Funktion hatten, doch nur vorläufig und typologisch: Sie fand ihre ultimative Erfüllung im einmaligen, vollkommenen Opfer Jesu Christi, das nicht nur rituell reinigt, sondern das Gewissen von der Sünde befreit und ewige Erlösung bewirkt (Hebräer 9,12–14). Weiteres Opfern ist nicht nur unnötig, sondern würde eine Ablehnung des Opfers Jesu bedeuten. Kein Wunder, dass Paulus mit Nachdruck gegen die im Judentum verhafteten Christen vorgegangen ist.
In Römer 7 und 8 führt Paulus sogar weiter aus, dass der Mensch jedoch nicht in der Lage ist, von sich aus, das Gesetz zu erfüllen. Das bedeutet zugleich, dass wir nicht so gesinnt sind, wie Gott und das Gesetz benötigen (z. B. um Sünde als solche überhaupt zu erkennen). Ohne Jesus, gäbe es nur das Todesurteil für uns.
Wenn wir vom Gesetz Gottes sprechen, müssen wir unterscheiden zwischen jenen Vorschriften, die als typologischer Vorschatten von Jesus zu sehen sind, und jenen, die Gottes Charakter widerspiegeln. Der Unterschied zwischen der Zeit vor dem Sinai und der danach bestand nicht darin, dass vor dem Sinai die großen Gesetze Gottes nicht existierten, sondern darin, dass sie nicht explizit offenbart wurden – am Sinai wurde das Moralgesetz im Wesentlichen auf zwei steinernen Tafeln und die übrigen Gesetze im Buch des Gesetzes präsentiert. In den Jahrhunderten vor Sinai hatten die Patriarchen das Moralgesetz in ihr Herz geschrieben und waren sich somit des hohen moralischen Standards Gottes bewusst (1Mo 17,9; 18,19; 26,5). Sie besaßen weiterhin die Grundzüge der Opfergesetze. Während der langen dunklen Periode der Sklaverei in Ägypten, wo die Israeliten inmitten der Unmoral und des Götzendienstes des Heidentums lebten, verloren sie nahezu vollständig das Bewusstsein für die göttliche Moral und das Verständnis für die Opfervorschriften. Wenn der Mensch einen solchen Zustand erreicht, verliert er das Gespür für Sünde, denn nur durch das “Gesetz” kann die Sünde erkannt werden. “Aber die Sünde erkannte ich nicht außer durchs Gesetz.” (Röm 7,7). Als Gott Israel aus Ägypten befreite, zeigte er ihm als Erstes das Moralgesetz, das die Grundlage seiner Regierung bildete. Er zeigte den Israeliten auch Zeremonialgesetze, durch die er sie auf das große Opfer Jesu Christi aufmerksam machen wollte. “Das Gesetz wurde hinzugefügt wegen der Übertretung” (Gal 3,19), “damit die Sünde überaus sündig werde durchs Gebot.” (Röm 7,13). Nur durch eine scharfe Gegenüberstellung der Israeliten mit dem Gesetz Gottes, konnte ihnen bewusst gemacht werden, dass sie sich in einem sündhaften Zustand befanden und einen Erlöser nötig hatten, da sie sich traurigerweise an die moralischen Standards der Ägypter angepasst hatten. Durch die Opfergesetze sollte ihnen im Detail veranschaulicht werden, in welcher Weise Gott sie von ihrer Sünde befreien sollte.
Manche Ausleger glauben, dass es in der Bibel zwei unterschiedliche Heilswege gäbe, nämlich den einen durch das Gesetz und den anderen durch den Glauben. Tatsächlich gibt es nur den einen, den durch Christus, wie Paulus hier zum Ausdruck bringt: Das Gesetz wurde hinzugegeben, damit die Sünde als Sünde erkannt werden kann (vgl. Röm 7). Ohne die typologische Erfüllung aller Opfer durch Jesus Christus, wäre auch keine Vergebung möglich. Denn nie war es wirklich das Blut von Tieren, das rein gemacht hat, sondern der Glaube und die Herzenshaltung (vgl. Hebräer 10,4; Psalm 51,18–19)
Aber auch der Ausdruck “bis der Nachkomme da sei” muss näher diskutiert werden. Dieser Satzteil steht im unmittelbaren Zusammenhang mit Gal 3,23–27:
“Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister auf Christus hin geworden, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden. Nachdem aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Zuchtmeister; denn ihr alle seid Söhne Gottes durch den Glauben an Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, ihr habt Christus angezogen.”
Bevor der Glaube kam. Das war bevor den Menschen unverkennbar deutlich gemacht wurde, wie Gott die Menschen allein durch den Glauben retten kann, nämlich durch Jesu ersten Advent, sein perfektes Leben, seinen stellvertretenden Tod und seine herrliche Auferstehung (Joh 3, 16f, 1Tim 3, 16; Joh 1, 17).
Unter dem Gesetz verwahrt. Das Gesetz sollte uns “bewachen”, damit wir nicht der Sünde verfallen, ohne diese überhaupt zu wissen bzw. zu empfinden.
Auf den Glauben hin. Vor Jesu Offenbarung als Lamm Gottes gab es nur die Verheißung des kommenden Erlösers. Die Menschen mussten glauben, dass Gott dieses Versprechen erfüllen würde. Durch Jesu Advent, wurde das Versprechen erfüllt und der Glaube wurde Realität.
Das Gesetz, unser Zuchtmeister. Das Gesetz meint das gesamte offenbarte Gesetz Gottes, in allen Facetten. Paulus versucht hier bildlich dessen Funktion zu beschreiben. Es ist ein Zuchtmeister, griech. paidagōgos, also ein Pädagoge, wörtlich: ein Führer für Kinder (nicht Lehrer = didaskalos). Im griechischen Haushalt gab es oft einen paidagōgos, der Jungen zur Schule begleitete und sie vor Schaden und Gefahren schützte. Er hatte das Recht, sie zu disziplinieren, und sie werden in der griechischen Kunst oft mit einem Stab in der Hand dargestellt. Wenn sie qualifiziert waren, durften sie evtl. den Kindern bei den Schularbeiten helfen. Überträgt man dieses Bild auf das Gesetz, so diente das Gesetz als Aufseher oder Bewacher der Menschen des AT, gleich wie paidagōgos mit moralischer Ausbildung beauftragt war.
Auf Christus hin. Dies schließt wieder Verse 19 und 23 an: “Das Gesetz wurde hinzugefügt … bis der Nachkomme (Jesus) da sei.”. Oder anders gesagt: Die Menschen waren ” verwahrt, eingeschlossen” bis Gottes Erlösungsplan durch Jesu Kommen offenbart wurde. Dabei sei angemerkt, dass besonders die Opfergesetze auf Christus hinweisen sollten. Aber anderseits ist es auch wahr, dass das Moralgesetz dazu dient, Menschen zu Christus zu führen, da es ihre Sünden offenbart und ihnen zeigt, dass sie Reinigung durch Christus bedürfen.
Nachdem aber der Glaube gekommen ist. Nachdem also die Erlösung allein durch den Glauben an Jesus Christus in ihrer Klarheit offenbar wurde. Dieses ist zentral, denn es unterstreicht nochmals den Kern des Anliegens Pauli. Die Frage: Erlösung durch das Gesetz (wie einige meinten) oder durch den Glauben.
Nicht mehr unter einem Zuchtmeister. Das ist “nicht mehr unter dem Gesetz”. Einige interpretieren diese Aussage als “nicht mehr unter der Verurteilung des Gesetzes”. Es ist wahr, dass diese Worte an sich so erklärt werden können, aber eine solche Auffassung ist nicht nur unverträglich mit dem Kontext, sondern entspricht in keiner Weise dem, was Paulus hier ausdrücken möchte. Es war nicht die Funktion des “Zuchtmeisters” zu verurteilen, sondern Gerechtigkeit zu üben und dabei zu bewachen und zu beschützen. Paulus bezieht sich hier nicht auf die Verurteilung, die aus der Gesetzlosigkeit (Sünde) resultiert, sondern diskutiert die Vorstellung, dass Gerechtigkeit durch das Befolgen des Gesetzes kommen könne.
Wir erinnern uns daran, dass verschiedene Gesetze (Moral‑, Zeremonial‑, Gesundheits- und Zivilgesetz) “430 Jahre nach Abraham” den Menschen offenbart wurden. Als Gott die Israeliten aus Ägypten befreite, veranschaulichte er ihnen u. a. durch Gesetze die Art und Weise, wie er sie erlösen würde (Zeremonialgesetze als Schatten von Christus). Die Gesetze zeugten von dem verlorenen Zustand der Menschen (weil es notwendig wurde, ihnen auf diese Art und Weise zu vermitteln, was gut und böse ist) und davon, dass Gott für ihre Erlösung einen Plan hatte. Diese Gesetze “schlossen die Menschen gewissermaßen ein”, grenzten sie in ihrem Zustand aus bis zum Tag ihrer Erlösung. Paulus beschreibt die Menschen, die vor dem ersten Advent Christi lebten, als solche, die sich, bildhaft gesprochen, unter einem “Vormund und Pfleger” befanden, “bis zu der Zeit, die der Vater bestimmt hat” (vgl. Gal 4,2). “Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan” (vgl. Vers 4).
Und was hat sich für ein Kind Gottes getan, als Christus gekommen ist, bezüglich des Gesetzes, das unser “Vormund und Pfleger” war? Die Zeremonialgesetze hörten auf, wirksam zu sein. Sie wurden auf die Zeit vor dem Kommen des Messias begrenzt und verloren mit dem Kreuz ihre Wirkung. Der sterbende Erlöser nahm auf Golgatha den Platz der geopferten Tiere ein, wodurch weiteres Opfern seinen Sinn verlor.
Die Zivilgesetze, welche das Zusammenleben der Israeliten regelten (Regelungen bei Strafentaten, Unfällen, etc.), verloren ihre Gültigkeit mit dem Zusammenbruch von Israel als Staat, und Gesetze, die die Gesundheit betrafen, sind heute zum Großteil überholt, ohne dabei den eigentlichen Sinn der ursprünglichen Gesetze zu verlieren.
Die Moralgesetze, wie die Zehn Gebote, befinden sich nicht mehr auf zwei Steintafeln – sozusagen außerhalb des Menschen. Stattdessen werden diejenigen, welche durch ihren Glauben an Christus gerecht geworden sind (vgl. Vers 24), zu neuen Kreaturen in Jesus Christus (vgl. 2Kor 5, 17), denen das Gesetz ins Herz geschrieben worden ist (vgl. Heb 8, 10).
“Damit die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde” (vgl. Röm 8, 4a). Paulus beseitigt hier keineswegs die Zehn Gebote! Er sagt: Wir sind nicht mehr einem Vormund unterstellt, der uns “von außen her” beaufsichtigt. Wir handeln nach dem Geist, nach dem Gesetz in unserem Herzen, das zu unserer zweiten Natur geworden ist. Solange die neuen Herzen und Sinne der Kinder Gottes Bestand haben, wird das göttliche Gesetz in ihren Charakteren eingraviert bleiben.
Ihr habt Christus angezogen. Gerade diejenigen, die sich eng mit Christus verbunden haben, benötigen den Zuchtmeister nicht mehr. Wenn Christus in uns wohnt, entspricht es unserer Natur, den Willen Gottes zu tun und nicht zu sündigen, d. h., nicht Gottes Gesetz zu verletzen.
Im Zentrum der Ausführungen von Paulus steht die Frage, welche Funktion das Gesetz im Hinblick auf die Erlösung hat, und er versucht deutlich zu machen, dass das eigentliche “Ziel” stets Jesus Christus ist. In Diskussionen bzgl. der Frage, ob der Sabbat als Ruhetag für Christen noch relevant ist, wird teilweise auf Galater 3 und 4 verwiesen. Dieses ist jedoch für die Diskussion nicht hilfreich. Auch sabbathaltende Christen glauben, dass sie nicht durch das Gesetz erlöst werden. Das Halten des Sabbats ist kein Erlösungsweg, sondern nur durch Christus können wir gerechtfertigt werden – durch den Glauben an ihn und sein Opfer. Die Fragen, die Paulus hier diskutiert, nämlich die nach dem rechten Heilsweg, haben nichts mit der eigentlichen Sabbatdebatte zu tun. Weder das Sabbatgebot noch das ganze Gesetz machen uns vor Gott gerecht. Das gilt auch für alle anderen 10 Gebote: Niemand wird dadurch gerecht, dass er nie gemordet oder gestohlen hat.
Es gibt immer wieder Versuche, die Ausführungen Pauli bzgl. der Funktion des Gesetzes in Hinblick auf die Erlösung, die am Ende immer auf Jesus Christus hinausläuft, auf andere Fragen umzulenken, die Paulus oft gar nicht im Sinn hat. Paulus diskutiert hier nicht, ob dieses oder jenes Gebot heute noch sinnvoll ist oder von Gott gefordert wird. Er diskutiert Fragen bzgl. der Erlösung – was ist hier notwendig? Welche Funktion hat das Gesetz dabei?
Nicht nur, dass dabei Galater 3 unangemessen in die Sabbatdebatte hineingezogen wird, auch die spezifischen Probleme der Gemeinde, werden unzulässig auf die Sabbatfrage übertragen.
Galater 4
Das Kapitel 4 schließt auch gedanklich an Kapitel 3 an. In der Gemeinde in Galatien haben sich Vorstellungen verbreitet, gegen die Paulus vorgehen muss. Oft steht die Frage im Vordergrund, was man tun muss, um zu “Volk Gottes” zu zählen, bzw. um errettet zu werden. Streitthemen waren besonders:
- Rechtfertigung durch Gesetzeswerke / Sohnschaft als Ergebnis von Leistung
- Notwendigkeit der Beschneidung für Heidenchristen
- Gesetz als Heilsweg statt als vorläufige Ordnung
- Festhalten an Ritualen, die sich jedoch auch durch Christus erfüllt haben
Christen, die den Sabbat als Ruhetag ablehnen, versuchen nun, diverse Passagen so auszulegen, dass sie vermeintlich gegen den Sabbat sprechen würden. Wir lesen dazu in Gal 4,8–11:
“8 Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die ihrer Natur nach nicht Götter sind. 9 Nun aber, da ihr Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von Neuem dienen wollt? 10 Ihr beachtet bestimmte Tage und Monate und Zeiten und Jahre. 11 Ich fürchte für euch, dass ich vielleicht vergeblich an euch gearbeitet habe.”
Die Galater waren keine Juden, sondern Heiden, die sich zum Christentum bekehrt haben. Bevor ihnen das Evangelium verkündet wurde, waren sie Götzendiener: Sie dienten “denen, die ihrer Natur nach nicht Götter sind”. Paulus kritisiert die Galater dafür, dass sie sich nach ihrer Bekehrung wieder “den schwachen und dürftigen Mächten” zuwenden und diesen “von Neuem dienen” wollen. Ganz offensichtlich bestand die Gefahr, dass die Galater zurück ins Heidentum abrutschen konnten oder alte, heidnische Elemente mit christlichen vermischen. Paulus spricht von den „schwachen und dürftigen Elementen“ (stoicheia) der Welt, unter die man sich nicht knechten lassen soll. Kritiker ordnen den Sabbat diesen “Elementen” zu. Doch die Übertragung des Sabbats auf diese “schwachen und dürftigen Mächte (Elemente)” ist unpassend. Die Galater waren ja keine Juden, sondern Heiden gewesen. Wenn sie den alten Dingen “von Neuem dienen” wollten, kann sich dieses kaum auf den Sabbat beziehen, denn dieser war nicht heidnisch. “Von Neuem dienen” können die Galater nur Dingen, die sie zuvor im Heidentum praktiziert haben. Viel plausibler ist, dass es hier um heidnische Elemente geht, die sie mit ihrem christlichen Glauben vermischten. Die „Elemente“ bezogen sich im antiken Kontext oft auf Astrologie oder heidnische Naturmächte. Auch der Vers 10 dürfte sich eher auf ihren alten heidnischen Festkalender beziehen, als auf jüdische Festtage.
Es ist wahr, dass Paulus sich auch gegen die Judaisierer ausgesprochen hat, die von den Heiden eine Beschneidung forderten oder lehrten, dass man aus dem Gesetz durch Werke erlöst werden könnte. Der unmittelbare Kontext von Vers 10 weist hier aber auf die heidnische Vergangenheit der Galater hin.
Erst nachdem Paulus mit emotionalen Worten seine Zeit unter den Galatern beschrieben und seine Sorgen und Verbundenheit ausgedrückt hat, greift er ab Vers 21 erneut die Irrtümer bzgl. Rechtfertigung durch Gesetzeswerke. In deutlichen Worten führt er auch in Galater 5 seine Warnung aus und sagt: “Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen.” (Gal 5,4) – Dabei schließt auch die Beschneidung in Vers 3 mit ein.
Abschließend kann festgestellt werden, dass weder Galater 3 noch Galater 4 überzeugend als Texte gegen den Sabbat angeführt werden können, sofern nicht behauptet wird, durch das Gesetz oder sogar durch ein einzelnes Gebot, wie das Sabbatgebot, würde man gerechtfertigt werden. Mir sind aber keine Sabbat-Halter bekannt, die eine solche gesetzliche Sicht vertreten.









