Sabbat oder Sonntag?

Worum geht es überhaupt?
Was heißt hier Sabbat? Jeder Christ geht doch sonntags in die Kirche! Christen sind ja keine Juden! – Auch wenn es manche Leser verwundern wird: Es gibt tatsächlich auch Christen, die nicht sonntags, sondern am Sabbat ihren Gottesdienst feiern.
Diese Seite soll die Hintergründe zum Thema Samstag vs. Sonntag beleuchten.
Was soll das Sabbatgebot bzw. “Sonntagsgebot”?
Vom Sinn des Sabbats
Zunächst eine Warnung: Niemand sollte sich einbilden, er könne irgendetwas leisten, indem er den Sabbat hält. Gottes Gebote sind keine Checkliste, die man einfach abhakt. Sie können in Wirklichkeit nur durch die Liebe zu Gott und den Menschen erfüllt werden. Daher sagte Jesus:
“»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. ” (Mt 22,37–40)
Und Paulus formulierte dieses folgendermaßen:
“Denn was da gesagt ist (2. Mose 20,13–17): »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst (3. Mose 19,18): »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.” (Röm 13,9–10)
Es liegt völlig auf der Hand, dass, wenn jemand Gott und seinen Nächsten liebt, er oder sie gegen keines der Zehn Gebote mutwillig verstoßen wird.
Jesus hat in der Bergpredigt (Mt 5) versucht, den Menschen klarzumachen, was der Kern des Gesetzes ist: Es sind nicht die Buchstaben, sondern die innere Haltung. So nennt er jemanden, der über seinen Bruder zornig ist, einen Mörder, obgleich dieser seinen Bruder nicht wirklich tötet. Obwohl ein Mensch die Buchstaben des Gesetzes erfüllen mag, kann er doch zum Mörder werden (Mt 5,21f).
Die Menschen glauben oft, dass sie besser vor Gott stehen, wenn sie bestimmte Gebote oder menschliche Regelungen einhalten. Dies ist ein fataler Fehler, denn wenn Menschen die Gebote Gottes nur äußerlich halten, so sind sie wie „die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen voller Totengebeine und lauter Unrat sind!“ (Mt 23,27). Davon abgesehen ist kein Mensch von sich aus in der Lage, immer Gottes Willen zu tun, wie Paulus in Röm 7–8 darlegt.
Es ändert unsere Stellung in Gottes Augen nicht, wenn wir regelmäßig zum Gottesdienst gehen, viel spenden oder sogar unser Leben ganz in den Dienst Gottes stellen. Wir können nichts tun, damit wir gerettet werden. Wir werden allein durch die Gnade Gottes gerettet.
Nun darf man aber nicht daraus schließen, dass die Gebote Gottes unbedeutend geworden sind. Ganz und gar nicht! Diesen Fehler machten schon einige der ersten Christen. Darum ermahnt uns Johannes:
“Und daran merken wir, dass wir ihn kennen, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht.” (1.Joh 2,3.4)
“Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten.” (1.Joh 5,2)
Diese Stellen können jedoch missverstanden werden. Die Aussage lautet nicht: „Ich halte die Gebote Gottes, also liebe ich Gott.“ Paulus hat gegen den hartnäckigen Irrtum gekämpft, nach dem unsere Taten uns rechtfertigen könnten. Die Pharisäer haben aus ihrer Sicht auch Gottes Gebote gehalten, aber sie haben Gott weder gekannt noch erkannt. Die Aussage soll also heißen: „Ich liebe Gott, also halte ich seine Gebote!“
Jesus sagt in Johannes 15,5:
“Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.”
Natürlich können wir ganz viel selbst tun – Atheisten leben und arbeiten ja auch, ganz ohne Jesus – hier geht es Jesus aber um einen gottgefälligen Lebenswandel. Ohne Jesus können wir nichts – wirklich nichts – tun. Wenn wir uns aber mit Jesus verbinden und uns ganz von ihm abhängig machen, dann werden wir viel Frucht bringen. Paulus nennt die Frucht dieser geistigen Verbindung mit Jesus:
“Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit; gegen all dies ist das Gesetz nicht.” (Gal 5,22.23)
Schließlich werden wir, weil wir Gott lieben und unsere bösen Taten ablegen, auch seine Gebote erfüllen. Gott schenkt beides, „das Wollen und das Vollbringen“, und wir dürfen um beides bitten! Die Frucht, die wir bringen, ist keine Bedingung, sondern eine Verheißung, die Johannes niederschrieb:
“Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten.” (Joh 14,15)
Was hat das mit dem Sabbat zu tun?
Im Abschnitt „Wurde der Sabbat ans Kreuz genagelt?“ wird darauf hingewiesen, dass viele alttestamentliche Gesetze noch heute gelten. Gott ändert sich nie. Das, was er früher als Gräuel bezeichnete, wird heute nicht anders beurteilt. Die Frage ist nun, ob der Sabbat noch heute eine Bedeutung für uns hat. Dabei steht außer Frage, dass einige der alttestamentlichen Vorschriften für uns nicht mehr verbindlich sind, da sie lediglich als „Anschauungsunterricht“ für das Erlösungswerk Jesu dienten (z. B. der Opferdienst) oder weil sie durch den heutigen Wissensstand durch bessere bzw. zeitkonformere Vorschriften abgelöst wurden (z. B. Umgang mit Leprakranken, Hygienevorschriften etc.). Gilt das Gleiche für den Sabbat? War er eine temporäre Kulthandlung oder ist er, wie die anderen neun Gebote, als Ausdruck der Liebe Gottes ewig gültig?
Viele Christen haben kein Problem damit, wenigstens 60 % der Zehn Gebote anzuerkennen und als “verbindlich” zu betrachten.
Viele Christen haben kein Problem damit, wenigstens 60 % der Zehn Gebote anzuerkennen und als verbindlich zu betrachten. Sie sehen ein, dass es gut ist, die Eltern zu ehren, nicht zu töten oder zu stehlen oder in der Ehe treu zu sein. Auch Lügen und das Begehren des Eigentums unserer Mitmenschen werden klar abgelehnt. Diese sechs Gebote betreffen die Liebe zu unserem Nächsten. Wie steht es um die Liebe zu Gott? Die ersten vier Gebote betreffen unsere Beziehung zu Gott. So heißt es:
“Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” (2Mo 20, 3)
Das ist schon für viele eine Herausforderung. Hängt unser Herz nicht allzu oft an anderen Dingen wie Geld, Erfolg oder Ansehen? Beten wir wirklich nur Gott an?
Ferner heißt es:
“Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.” (2Mo 20, 4–6)
Leider gibt es heute ebenso wie damals viele Menschen, die etwas „zum Anfassen“ brauchen, um ihren Glauben zu praktizieren. Genauso wie früher Bildnisse gemacht wurden, um sie zu verehren, beten Menschen noch immer Statuen oder Symbole an. Sie knien vor ihnen nieder, nutzen Schutzamulette oder meditieren vor heiligen Bildern. Das zweite Gebot steht in solch einem deutlichen Widerspruch zu den Praktiken der römisch-katholischen Kirche, dass sie das zweite Gebot aus dem Dekalog des Katechismus entfernte. Leider hat sich die evangelische Kirche in ihrem Katechismus dem angeschlossen.
“Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.” (2Mo 20, 7)
Auch das dritte Gebot wird des Öfteren übertreten. Wie oft wird „Gott“ oder „Jesus“ in den Mund genommen, um lediglich Ärger oder Wut auszudrücken? Wie oft wird Gott ins Lächerliche gezogen?
Der Umgang mit dem vierten Gebot
Aber auch das vierte Gebot wird kaum beachtet. Es lautet:
“Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.” (2Mo 20, 8–11)
“Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest.” – Viele Christen leben in dem Irrtum, dass der Sonntag der Sabbat und der siebte Tag der Woche sei. In Deutschland wurde durch die DIN-Norm 1355 (1975) der Montag zum ersten Wochentag bestimmt, was den Sonntag zum siebten Tag macht. Biblisch und traditionell ist jedoch der Samstag (hebr. Schabbat) der siebte Tag.
Weil über die Jahrhunderte der Sonntag immer mehr ins Zentrum des christlichen Lebens gerückt ist, hat die römisch-katholische Kirche schließlich die Zehn Gebote so weit geändert, dass es heute im Katechismus heißt: „Du sollst den Feiertag heiligen“. Die Reformatoren hatten es leider versäumt, sich auch von diesem Irrtum frei zu machen, und ihre Nachfolger versuchen heute, die Sonntagsheiligung auf zweierlei Weise zu begründen: entweder durch Bibelstellen, die scheinbar eine Sonntagsheiligung rechtfertigen, oder indem behauptet wird, das Gesetz (oder nur der Sabbat) habe seine Bedeutung verloren. Wir seien vom Gesetz frei und somit seien auch Gottes Gebote überflüssig. Der Sabbat sei nur für die Juden bestimmt gewesen. Daher treffe man sich am Sonntag aus traditionellen und kulturellen Gründen.
Wenn man die Bibel nicht nur stellenweise liest, sondern den Kontext der jeweiligen Texte berücksichtigt, wird klar, dass Paulus nicht die Gesetzlosigkeit meint, wenn er von der Freiheit vom Gesetz spricht (siehe Anmerkungen zu Römer 7 und 8). Betrachtet man allein das Sabbatgebot, so wird ebenfalls deutlich, dass es nicht nur für Juden, sondern auch für Kinder, Angestellte, Fremde (= Heiden) und sogar für das Vieh gelten sollte. Jesus selbst bestätigt, dass der Sabbat für alle Menschen gedacht ist (Mk 2,27).
Dann wird wiederum behauptet, der Sabbat wäre Teil des alten Bundes und darum ohne Bedeutung für uns. Auch hier werden Wahrheit und Unwahrheit vermischt: Der Sabbat war selbstverständlich ein Teil des alten Bundes, aber das Gebot „Du sollst nicht töten“ war es ebenso, und niemand würde behaupten, dass wir jetzt töten dürfen, weil das Gebot ein Teil des alten Bundes war. Auch andere alttestamentliche Gesetze haben noch heute ihre Bedeutung. Übrigens ist die Summe aller Gesetze und Gebote, sprich das „wichtigste Gebot“ (Mt 22,37–40), nichts anderes als die Verbindung zweier Gebote aus dem Alten Testament.
Nur eine jüdische Kulthandlung?
Auf die Behauptung, dass der Sabbat „ans Kreuz genagelt“ wurde, wird an anderer Stelle eingegangen. Die eigentliche Frage lautet: Ist der Sabbat nur ein Sinnbild auf Jesus hin und genauso zu verstehen wie beispielsweise der Opferdienst, der lediglich eine kultische Lehrhandlung darstellte? Die rituellen Handlungen, d. h. Sinnbilder oder „Schatten“, wie Paulus sie in Kolosser 2 bezeichnet, sind in der Tat durch Jesus in Erfüllung gegangen und haben ihren Zweck erfüllt. Sie sind für uns nicht mehr bindend. Paulus schreibt in Bezug auf die Beschneidung, dass nicht die äußere, rituelle Beschneidung, sondern die innere Beschneidung zählt (Röm 2,28–29; Phil 3,3; Kol 2,11). Aber ist auch der Sabbat als eine rituelle Handlung zu verstehen?
Um die echte Bedeutung des Sabbats zu klären, müssen folgende Punkte untersucht werden:
1. Wann und warum wurde der Sabbat geschaffen?
2. Was ist Sabbatheiligung? Handelt es sich um eine Kulthandlung?
Ad 1: Wie wir in 2. Mose 20,8–11 lesen, wurde die besondere Rolle des siebten Wochentages am Ende der Schöpfungswoche erstmalig erwähnt. Allerdings findet sich im Alten Testament kein direkter Hinweis darauf, dass der Sabbat, wie er in 2. Mose 20 beschrieben wird, seit der Schöpfung von den Menschen tatsächlich gehalten wurde. Man findet keine Textstelle, die vor dem Exodus die Sabbatheiligung explizit beschreibt. Auf der anderen Seite ist zu betonen, dass die Sabbatheiligung schon vor dem Berg Sinai (2. Mo 19,1f) eingeführt wurde (siehe 2. Mo 16,23). Ferner kann die vorwurfsvolle Frage „Wie lange weigert ihr euch, meine Gebote und Weisungen zu halten?“ (2. Mo 16,28) in Bezug auf den Sabbat auch dahingehend interpretiert werden, dass Gott den Menschen schon früher über den Sabbat aufgeklärt hat. Zudem berichtet die Bibel, dass Abraham den Zehnten zahlte (Hebr 7,2), obgleich nicht berichtet wird, dass er von Gott explizit dazu aufgefordert wurde. Noch deutlicher ist die folgende Bibelstelle:
“… weil Abraham meiner Stimme gehorsam gewesen ist und gehalten hat meine Rechte, meine Gebote, meine Weisungen und mein Gesetz.” (1Mo 26,5)
Abraham hielt Gottes Rechte, Gebote, Weisungen und Gesetz(!), ohne dass uns überliefert wurde, wie und wann er oder seine Vorfahren sie empfangen haben. Nur weil die Bibel vor dem Berg Sinai keine Sabbatgebotsverkündigung explizit beschreibt, beweist dies nicht, dass das Gebot den Menschen unbekannt war, wie manche meinen. Es ist möglich, dass der Sabbat schon vor Sinai bekannt war, aber die Bibel dies genauso wenig berichtet, wie die Bekanntgabe der “Rechte, Geboten, Weisungen” und des “Gesetzes”, die in 1Mo 26,5 angesprochen wurden.
Es ist zu bezweifeln, dass der Sabbat nur für die Juden und eine bestimmte Zeit geschaffen wurde, denn dies widerspricht dem Segen, den der Sabbat für alle Menschen bereithält.
Ad 2: Es ist anzumerken, dass der Ruhetag Gottes vor dem Sündenfall des Menschen gegründet wurde. Er ist somit nicht Teil eines Anschauungsunterrichts für das Erlösungswerk Jesu. Um die wahre Funktion des Sabbats zu erkennen, ist es notwendig, verschiedene Bibelstellen genauer zu betrachten.
In der Bibel lesen wir, dass der Schöpfer am siebten Tag ruhte und ihn heiligte und segnete (1. Mo 2,3), und Jesus sagt in Markus 2,27: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht.“ – Gott hat den Sabbat nicht für sich (z. B. weil er selbst erschöpft war), sondern für die Menschen gemacht! Es ergibt sich daraus, dass Gott den Sabbat als einen besonderen Segen für den Menschen bestimmt hat. Der Ruhetag wurde also von Gott geheiligt (zur Ehre Gottes) und gesegnet (für den Menschen).
Es ergibt durchaus Sinn, über die Bedeutung des Wortes „heiligen“ (in 1. Mo 2 und 2. Mo 20) ein paar Worte zu verlieren. Das hebräische Pendant lautet קָדַשׁ (qadash) und kann auch mit „(ab)trennen (als heilig)“, „unterscheiden“ oder „widmen“ übersetzt werden. Der Sabbat wird also durch das Unterscheiden oder Abtrennen von den gewöhnlichen Wochentagen „heilig“. Halten wir fest: Gott hat einen Wochentag (vor dem Sündenfall und vor jeglichen Bünden und Nationen) von den übrigen Tagen abgetrennt („geheiligt“) und später von den Menschen ebenfalls eine „Heiligung“, also ein Unterscheiden der Wochentage, gefordert. Ist es nicht seltsam, dass – wie manche Christen behaupten – die Heiligung und der Segen, der auf diesen Tag gelegt wurde, irgendwann ein Ende gefunden haben sollen?
Die Heiligung des Sabbats im Alten Testament hat sich entsprechend dieser Bedeutung darin geäußert, dass die alltägliche Arbeit ruhte und der Tag für Gott abgetrennt und ihm gewidmet wurde. Daher traf man sich am Sabbat in der Synagoge. Das Sabbatgebot in 2. Mose 20 sagt explizit, dass alle Geschöpfe nicht arbeiten, sondern ruhen sollen, um den Sabbat zu heiligen. In diesem Sinne kann die Formulierung des Sabbatgebotes (also das „Verbot“ zu arbeiten) als Ausformulierung der wirklichen Sabbatheiligung gesehen werden. Das Nicht-Arbeiten, also das Ruhenlassen der weltlichen Dinge, ist jedoch nur ein Aspekt der Heiligung.
Die Frage nach dem „Sinn“ des Sabbats lässt sich wie folgt beantworten: Der Sabbat wurde als Segen für die Menschen geschaffen. Zudem fungiert er als Gedächtnistag, an dem der Mensch an seinen Schöpfer erinnert wird (2. Mo 20,8–11). Dadurch, dass die alltägliche Arbeit gemieden wird, bietet sich dem Menschen die Möglichkeit, Gott frei von anderen Sorgen und Verpflichtungen zu begegnen. Warum sollte Gott diesem Segensstag auf Golgatha ein Ende setzen?
Der Sabbat als Ruhetag passt perfekt zum natürlichen Bedürfnis nach Erholung: Es hat sich erwiesen, dass der 7‑Tage-Zyklus für den menschlichen Organismus sehr positiv ist. Versuche in den letzten Jahrhunderten, eine 10-Tage-Woche (Französische Revolution (1793–1805)) oder eine 5- oder 6‑Tage-Woche (Sowjetunion (1929–1931)) einzuführen, scheiterten kläglich. Natürlich ist das kein Beweis dafür, dass die Einhaltung des Sabbats noch heute von Gott gefordert wird, wohl aber ein Hinweis darauf, dass der wöchentliche Ruhetag auch heutzutage einen tiefen Sinn hat.
Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Sabbat eine rein rituelle Kulthandlung war. Natürlich kann der Sabbat rein formell, also äußerlich gehalten und dennoch nicht richtig geheiligt werden. Wenn man nur die Buchstaben des Gesetzes sieht und nicht ihren Sinn versteht, begeht man den gleichen Irrtum wie die Pharisäer zur Zeit Jesu. Genauso wie beispielsweise die Gebote „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht begehren …“ durch schlechte Gedanken und Mangel an Liebe gebrochen werden können (Mt 5), kann auch die Sabbatheiligung missverstanden werden – nämlich als eine reine Formsache.
Im Grunde hat die Feiertagsheiligung sehr viel mit unserer Beziehung zu Gott zu tun, und zwar in zweierlei Hinsicht: Durch die Heiligung des Tages, also dadurch, dass wir den Tag „abtrennen“ und ihn unserem Schöpfer und Erlöser widmen, setzen wir zumindest einmal pro Woche ganz bewusst Gott an die erste Stelle. Natürlich wäre es noch viel besser, wenn wir jeden Tag zu einem Sabbat machen könnten, doch leider sind die meisten von uns darauf angewiesen, ihr Brot „sauer zu verdienen“. Dennoch erwartet auch Gott von uns, dass wir Zeit mit ihm verbringen wollen. Übertragen wir unsere Beziehung zu Gott auf das Zwischenmenschliche, so erwartet ein Partner vom anderen, dass dieser eine feste Verabredung einhält – und erst recht, dass der andere ihn auch wirklich treffen will. Da wahre Sabbatheiligung keine rein formelle Handlung ist, wird auch dieses Gebot durch die Liebe (in diesem Falle zu Gott und unseren Mitmenschen) erfüllt. Die Liebe sollte uns motivieren, uns Zeit für Gott (oder unseren Partner) zu nehmen.
Dazu kommt ein weiterer Aspekt, der in unserem Kulturkreis und in unserer Zeit kaum Beachtung findet: der Gehorsam (z. B. gegenüber den Eltern oder Gott). Auch wenn uns Gehorsam und Liebe heute oft wie ein Widerspruch erscheinen, so kann – muss aber nicht – auch hier die Liebe gefunden werden: Die Liebe zu Gott besteht hierbei darin, dass wir auf das hören, was er uns sagt, und ihm ganz vertrauen – auch wenn wir es nicht ganz verstehen oder wenn es uns selbst gerade nicht gefällt. Er, der Vater, weiß, was gut für uns ist. Dadurch, dass die eigenen Wünsche zurückgestellt werden und – wie in Matthäus 21,28–29 beschrieben – ein Kind letztendlich doch den Willen des Vaters tut, zeigt sich die wahre Liebe zum Vater.
Von der Verbindlichkeit des Sabbats
Sollte man nicht selbst den Ruhetag bestimmen? Sind nicht “alle Tage gleich”?
Die Bibel kennt nur einen Wochentag, der für Gott abgesondert wurde: den siebten Tag der Woche. Auf diesen Tag legt Gott seinen Segen. Die Behauptung, dass alle Tage gleich seien und es egal sei, ob ich mir den Montag, Mittwoch oder Sonntag als Ruhetag aussuche, würde diesem besonderen Segen widersprechen. Gott hat den Menschen nicht geboten, „mal eine Pause zu machen, wenn sie Lust haben“, sondern er hat den Menschen einen konkreten Tag genannt, an dem sie den Alltag beiseitelegen sollen, um dem Schöpfer zu begegnen. Unsere Beziehung zu Gott basiert auf Liebe, die Gehorsam einschließt, und nicht auf dem Lustprinzip oder unserer persönlichen Meinung.
Natürlich ist es nicht so, dass in den ersten Jahrhunderten einige Christen einfach so dazu übergegangen sind, den Sonntag statt des Sabbats zu heiligen. Sie hatten auch ihre Gründe, die später erörtert werden sollen. Ein Blick in die Geschichte (und in die Bibel) zeigt jedoch, dass es viele Christen gab, die noch lange nach Jesu Kreuzigung den Sabbat feierten und keineswegs überzeugt waren, man könne sich den Feiertag einfach aussuchen. Ein klarer Hinweis darauf, dass weder Jesus noch die Apostel den Sonntag als Ersatz eingeführt hatten:
“Als die Portugiesen Afrika umsegelten, stellten sie erstaunt fest, dass die Äthiopier Christen waren. Es verwirrte die Portugiesen außerdem, dass dieses Volk nicht den Sonntag feierte, sondern den siebten Tag der Woche, den Sabbat (Samstag). Als eine äthiopische Gesandtschaft 1534 n. Chr. am Königshof von Lissabon darüber befragt wurde, gab sie folgende Antwort:
“Weil Gott, nachdem er die Schöpfung der Welt vollendet hatte, an demselben ruhte; da nun Gott diesen Tag den heiligen genannt haben will, so scheint die Nichtbeachtung desselben deutlich gegen Gottes Willen und Gebot, welcher eher Himmel und Erde vergehen lässt, als sein Wort, und dies besonders, da Christus nicht kam, das Gesetz zu zerstören, sondern zu erfüllen. Es geschieht deshalb nicht, um die Juden nachzuahmen, sondern aus Gehorsam gegen Christus und seine Apostel, dass wir diesen Tag feiern.” (Dr. Geddes, Church History of Ethiopia, S. 87, 88)” (Ausschnitt aus dem Infobrief der Stimme der Hoffnung, Februar 2001)
Es gibt auch verschiedene biblische Argumente, die für die Sabbatheiligung sprechen:
“Jesus hat diese Gebote (die Zehn Gebote) in der Bergpredigt nicht für aufgehoben erklärt, sondern ihre Gültigkeit bis zum Weltende bestätigt (Mt 5,17–20). Er hat sie sogar an zwei Beispielen noch verstärkt (Mt 5,21.22.27.28). Jesus besuchte regelmäßig den Gottesdienst am Sabbat (Lk 4,16). … Seine Nachfolger sollten darum beten, in schwierigen Zeiten nicht an diesem Tag fliehen zu müssen (Mt 24,20). Laut Jesaja werden die Gläubigen den Sabbat auch auf der neuen Erde feiern (Jes 66,22.23). So ist es kein Wunder, dass die Apostel am Sabbat predigten, während sie wochentags arbeiteten oder weiterzogen (Apg 18,1–4).” (eben da)
Dass Paulus den Sonntag als Arbeitstag und als Reisetag nutzte, wird aus Apg 18,1–4 und den Anmerkungen zu Apg 20,7f deutlich.
Zwar wird oft behauptet, dass sich Paulus mit den Juden am Sabbat nur unterhalten habe (Apg 16,13; 17,2; 18,4), um „den Juden ein Jude zu sein“ und nicht etwa, weil er den Sabbat halten wollte, doch diese Behauptung bleibt unbewiesen. Im Gegenteil: Da er sich mit Juden UND Griechen (also Heiden) am Sabbat getroffen und sie unterwiesen hat, ist es wahrscheinlich, dass er nach dem handelte, was Johannes wie folgt formulierte:
“Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat.” (1.Joh 2,6)
So wie Jesus am Sabbat in den Synagogen lehrte, ging auch später Paulus am Sabbat hin und lehrte das Volk.
Dass Jesus den Sabbat nicht aufgehoben hat, zeigt sich unter anderem auch daran, dass seine Nachfolger nach der Kreuzigung „nach dem Gesetz“ ruhten (Lk 23,56). Die bemerkenswerte Bibelstelle Mt 24,20, in der Jesus seinen Jüngern sagt, sie sollen beten, dass sie nicht am Sabbat fliehen müssen, ist ebenfalls ein deutlicher Hinweis. Interessanterweise hat selbst Jesus, als er gestorben war, am Sabbat geruht – nämlich im Grab! Es wäre sicherlich keine Schwierigkeit für ihn gewesen, gleich am Morgen nach seinem Tod aufzuerstehen, aber er tat es erst am dritten Tag.
Auch der Blick in die Zukunft (Jes 66,22.23) ist interessant, wo direkt oder indirekt auf den Sabbat angespielt wird. Außerdem wurden die Zehn Gebote in der Bundeslade aufbewahrt. Auch im Himmel steht eine solche Lade! (Offb 11,19) Ist diese Lade leer? Oder finden sich in ihr die gleichen moralischen Maßstäbe, die Gott den Menschen einst verkündet hat und nach denen er auch einmal richten wird? Der Prediger sagt in Pred 12,13–14:
“Das Endergebnis des Ganzen lasst uns hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote! Denn das soll jeder Mensch tun. Denn Gott wird jedes Werk, es sei gut oder böse, in ein Gericht über alles Verborgene bringen.”
Zum Abschluss will ich noch einmal betonen, dass das Einhalten des Sabbatgebotes keine rein äußere Handlung, sondern eine Herzenssache ist. So wie jedes Werk, das nicht aus Liebe geschieht, vor Gott nutzlos ist, ist auch das Sabbathalten wertlos, wenn es nicht von Herzen kommt. Dies darf nie vergessen werden.
Haben die ersten Christen in der Bibel den Sonntag geheiligt?
Die acht Bibelstellen im Neuen Testament, die vom Sonntag, dem ersten Tag der Woche, berichten … Liefern sie eine Grundlage für die Heiligung des Sonntags?
Mt 28, 1, Mk 16, 2, Mk 16, 9, Lk 24, 1 und Joh 20, 1
Diese Stellen berichten von dem großartigen Ereignis der Auferstehung Jesu – mehr nicht! Die Behauptung, dass die Zeitangabe in diesen Berichten den Sabbat abschaffen und den Sonntag einsetzen würde, ist nicht schlüssig.
Treffen der Jünger am Sonntag – Joh 20, 19
Hier haben sich die Jünger in der Tat am Sonntag versammelt, aber ist dies eine Versammlung im Sinne des Gottesdienstes und der Anbetung? Auf keinen Fall! Man beachte, dass die Jünger Angst hatten. Vor wenigen Tagen wurde ihr Meister verhaftet und umgebracht! Die Jünger versuchten sich zu verbergen und verschlossen die Türen. Dies dürften sie nicht lediglich an dem hier erwähnten Sonntag getan haben. Nichts weist darauf hin, dass es sich bei dieser Versammlung um einen Gottesdienst handelte. Völlig absurd ist die Behauptung, dass es sich hier um eine „Auferstehungsfeier“ handeln soll: Zu diesem Zeitpunkt glaubten die Jünger zum Großteil gar nicht an die Auferstehung (vgl. Mk 16,11–14).
Eine Sammlung am Sonntag – 1Kor 16,2
Ist es der Beweis? Eine Sammlung am Sonntag, so wie wir es in der Kirche kennen, oder? Worum geht es eigentlich? Paulus ordnet Sammlungen für die Gemeinde in Jerusalem an. Diese Sammlungen sollen nicht in der Gemeinde durchgeführt werden, sondern „ein jeder lege bei sich zurück und sammele“! Bereits nach dem Sabbat sollte jeder zu Hause etwas zur Seite legen. Diese Haltung hat eine jüdische Tradition. Rabbi Elazar ben Chananiah ermahnt (zitiert in Mekhilta von Rabbi Yishmael), bereits ab Sonntag – d. h. vom Beginn der Woche an – beständig an den Sabbat zu denken und Gelegenheiten zu nutzen, um alles, was lieb und teuer ist, rechtzeitig für den Sabbat beiseitezulegen.
Außerdem hat dieses Vorgehen einen praktischen Nutzen: Gott und sein Werk haben Vorrang. Legt man etwas am Anfang der Woche zur Seite, kommt man nicht in Verlegenheit, alles, was man hat, vorzeitig im Trubel der Woche auszugeben, sodass am Ende der Woche nichts mehr erübrigt werden kann. Zudem konnte verhindert werden, dass die Sammlung erst durchgeführt wird, wenn Paulus eintrifft, da dann viele andere Angelegenheiten auf der Tagesordnung stehen würden. Da es Paulus’ Gewohnheit war, am Sabbat zu predigen (siehe Apg 17,1–2) – und zwar auch den Heiden (siehe Apg 13,42–44 und 18,4) – und er hier offenbar „typisch jüdisch“ denkt, sprechen diese Stellen eindeutig gegen eine Sonntagsfeier!
Eine nächtliche Rede – Apg 20, 7–11
Diese Stelle bedarf einer sorgsamen Untersuchung! Betrachten wir zunächst Vers 7.8:
“Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus, und da er am nächsten Tag weiterreisen wollte, zog er die Rede hin bis Mitternacht. Und es waren viele Lampen in dem Obergemach, wo wir versammelt waren.”
Viele Christen wollen in der Zeitangabe in Vers 7 den Hinweis auf eine reguläre Sonntagsversammlung sehen. Betrachtet man die Zeit näher, so findet man heraus, dass an dem Versammlungsort Lampen brannten, es also Abend war. Zwei Möglichkeiten kommen dabei infrage: der Abend vor dem Sonntag (Samstagabend) oder nach dem Sonntag. Die Entscheidung hängt davon ab, ob Lukas die jüdische Zeitrechnung (der Tag fängt am Abend an) oder die römische (der Tag fängt um Mitternacht an) benutzte. Entsprechend würde es sich in Apg 20,7 um einen Samstagabend oder die Nacht von Sonntag auf Montag handeln. Da in Lukas 23,54 derselbe Autor die jüdische Zeitrechnung verwendet, ist es naheliegend, dass die Versammlung in Apg 20,7 am Samstagabend stattfand.
Wie dem auch sei, die Zeitangabe deutet auf jeden Fall auf eine Versammlung am Sonntag hin. Damit wird jedoch noch lange kein Beweis dafür erbracht, es handle sich hier um eine reguläre Sonntagsfeier. Wenn dem so wäre, müssten sich konsequenterweise die Sonntagsanbeter jeweils sonntagabends versammeln, was heutzutage keineswegs der Fall ist.
Andererseits könnte man annehmen, dass hier eine verlängerte Samstagsversammlung vorliegt, die in der Abreise von Paulus begründet war. Vielleicht war es auch ein zusätzliches Treffen nach dem Sabbat, um Paulus zu verabschieden. Man beachte, dass die Formulierung in Vers 7: „Am ersten Tag der Woche, als wir versammelt waren …“ eine solche Deutung zulässt (der Autor hätte es auch anders ausdrücken können, z. B. „Als wir uns am ersten Tag der Woche versammelten …“). Da die Müßigkeit solcher Überlegungen deutlich wird, sollte vielmehr untersucht werden, ob der Kontext die These bestätigen kann, dass Paulus eine Versammlung zusammenrief, weil es Sonntag war.
Wird die ganze Textpassage betrachtet, so findet man keinen Hinweis darauf, dass diese Versammlung ein Sonntagsgottesdienst war. Tatsächlich erfahren wir nur, dass an dem Abend eine lange Rede von Paulus stattfand, wobei auch Brot gebrochen wurde, und er am nächsten Tag weiterreisen wollte.
Eine kleine Anmerkung zur Luther-Übersetzung: In Vers 7 wird das griechische Wort dialegomai mit „predigen“ übersetzt. Dieses Wort heißt eigentlich: sich mit jemandem unterhalten, etwas besprechen, diskutieren, argumentieren oder ein Streitgespräch führen. Es taucht im Neuen Testament nur 13-mal auf und wird fast immer so übersetzt. Nur hier in Apg 20,7 wird es mit „predigen“ wiedergegeben. Diese Übersetzung ist jedoch fraglich, da Paulus eher eine Abschiedsrede als eine klassische Predigt gehalten hat.
Die Versammlung fand im Obergemach statt. Da es sich um eine Abschiedsversammlung für Paulus handelte, zog er die Rede bis Mitternacht hin. Es ist nicht verwunderlich, dass unter diesen Umständen Eutychus, ein junger Mann, der am Fenster saß, müde wurde, hinunterfiel und tot aufgefunden wurde. Die Geschichte fand allerdings ein glückliches Ende, da der Junge von Paulus zum Leben erweckt wurde (siehe Vers 10). Dieses Wunder dürfte auch ein Grund dafür sein, dass dieser Aufenthalt in Troas von Lukas in der Apostelgeschichte festgehalten wurde. Außerdem stellt er einen Zwischenstopp in dem chronologischen Bericht über Paulus’ Reise dar (siehe Apg 20,3.6.7.15.16; 21,1.4.5.7.8.10.15).
Nun zum Brotbrechen an diesem Abend. Viele Christen wollen auch hier einen Beweis dafür sehen, dass es sich um eine erste Sonntagsfeier handle. Das Brechen des Brotes allein kann aber noch lange keine „Ruhetagsfeier“ ausmachen, da das Brot von den frühen Christen täglich gebrochen wurde – im Tempel und zu Hause (siehe Apg 2,46; auch gepredigt wurde täglich, siehe Apg 5,42). Ferner deutet die Textpassage darauf hin, dass lediglich Paulus das Brot brach, und zwar sehr spät nachts (siehe Vers 11). Nehmen wir den Text als Vorbild für eine Sonntagsfeier, dann sollten wir uns konsequenterweise auch an die angegebene Zeit halten: Der Gottesdienst müsste spät nachts stattfinden. Aber ergibt es wirklich Sinn, mitten in der Nacht zu feiern, wenn die Hörer übermüdet sind? Viel logischer scheint es, dass mit dem Brotbrechen ein Abschiedsmahl gemeint ist, das vor allem von Paulus eingenommen wurde, der sich für die bevorstehende Reise stärken musste (siehe Vers 11).
Fassen wir zusammen: Höchstwahrscheinlich am späten Samstagabend fand eine Abschiedversammlung für Paulus, der am nächsten Tag Troas verlassen wollte, statt. Da Paulus seine Rede bis zur Mitternacht hinauszog, fiel Euthychus aus dem Fenster. Die Versammlung ging weiter, bis der Tag anbrach und Paulus sich verabschiedete/wegging. Wir wissen, dass Paulus in seiner Zeit drei Missionsreisen unternahm. Diese Missionsreise war seine letzte. Als er in Cäsarea war, traf er einen Propheten, durch welchen der Heilige Geist ihm zeigte, dass er in Jerusalem gefangengenommen und nach Rom gebracht werden würde (Apg 21,10–11). Paulus verließ Troas am nächsten Morgen, um in Assos das Schiff zu erreichen – eine Distanz von ungefähr dreißig Kilometern. Dies war auch der Grund, weshalb die Gemeinde die ganze Nacht aufblieb, um mit dem noch Gemeinschaft zu haben, den sie nie wiedersehen sollte.
Einer der anerkannten Kirchenhistoriker, Augustus Neander, schreibt über die Verwendbarkeit von Apg. 20 im Kontext eines Beweises für die frühchristliche Sonntagsfeier Folgendes:
“The passage is not entirely convincing, because the impending departure of the apostle may have united the little Church in a brotherly parting-meal, on occasion of which the apostle delivered his last address, although there was no particular celebration of a Sunday in the case. ” (The History of the Christian Religion and Church, tr. Henry John Rose, Band 1, S. 337)
Deutsche Übersetzung: “Der Abschnitt ist nicht völlig überzeugend, weil die bevorstehende Abreise des Apostels die kleine Kirche zu einem brüderlichen Abschiedsmahl vereint hat. Eine Gelegenheit, bei der der Apostel seine letzte Ansprache hielt, obgleich es in diesem Fall keine besondere Sonntagsfeier gab.” (Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche, Bd. 1, S. 337).
Es ist eigentlich erstaunlich, dass diese Bibelstelle immer wieder als “Beleg” für die Sonntagsfeier herangezogen wird, obwohl sie, wenn wir von der biblischen Zeitrechnung (siehe oben) ausgehen, GEGEN den Sonntag und FÜR den Sabbat spricht: Wenn die Versammlung am Samstagabend (Sabbatende/Beginn der neuen Woche) stattfand, dann benutzte Paulus offensichtlich den ersten Wochentag als REISETAG, sogar mit einem Schiff (Dienstleistung anderer), und nicht als Ruhetag! (Vers 11)
Weitere Gründe für die Sonntags- und gegen die Sabbatfeier?
Sind alle Tage gleich? (Röm 14,5)
Um die Aussage im Vers 5 eindeutig einordnen zu können, sollte zuerst Kontext studiert werden, der diese Stelle einbettet. Kapitel 14 handelt von einem Problem bezüglich der traditionellen Regelungen, mit dem sich auf das Christentum konvertierte Juden konfrontiert sahen, nämlich dem Verzehr von Fleisch, das in den heidnischen Tempeln nach der damaligen Sitte den Götzen geopfert und dann auf den Marktplätzen zum Verkauf freigegeben wurde. Dieses wird beim oberflächlichen Lesen nicht gleich klar, wohl aber, wenn man das NT als Ganzes untersucht:
Die Frage der bestehenden religiösen Gepflogenheiten war in der frühchristlichen Gemeinde äußerst brennend und wurde auf dem “Konzil zu Jerusalem” erörtert. Das Konzil war eine zur Klärung solcher Probleme einberufene Instanz (siehe Apg 15). Es sollte beschlossen werden, ob den alten Regelungen weiterhin Folge geleistet werden sollte. Zur Debatte standen u. a. die Frage nach der Beschneidung konvertierter Heiden. Diesbezüglich stimmte nicht mal Paulus mit Petrus überein. Am Konzil zu Jerusalem beschloss man nun, auf die Beschneidung der Heiden zu verzichten.
Ferner entschloss man sich einstimmig gegen den Verzehr von den Götzen geopfertem Fleisch. Als Erklärung hierfür führt Paulus (in Röm 15,1–3) an, dass man die Schwachen im Glauben in ihrer Verunsicherung schonen sollte. Sie könnten nämlich Anstoß daran nehmen, andere beim Essen vom„Götzenfleisch“ andern zusehen und folglich in ihrem Glauben ins Wanken kommen. (Nebenbemerkung: Apg 15,28 spricht ebenfalls davon, kein Blut und keine erstickten Tiere zu essen, d. h., Paulus kann dann unmöglich in Röm 14 seine Absolution für alle Speisen gegeben haben!)
Insgesamt wird beim Leser der Apg und der Briefe klar, dass Paulus sehr intensive Auseinandersetzungen geführt hat, und zwar um folgende Fragen:
- Sollen Heiden beschnitten werden? (Sie braucht es nicht!)
- Ist das Gesetz ein Weg zum Heil? (Kein Mensch kann durch das Gesetz zum Heil gelangen!)
- Darf Götzenfleisch gegessen werden? (Apostelkonzil: Nein. Paulus sieht diese Sache allerdings differenzierter: Zwar verbietet er ein gemeinsames Mahl im Götzentempel, aber den Verzehr von Götzenopferfleisch, das am Markt gekauft wurde, erlaubt er, solange es ohne Schaden für Dritte ist. Siehe 1Kor 8,1f.)
Paulus wollte es den zum Christentum bekehrten Juden nicht zumuten, dass sie plötzlich alle Gewohnheiten über Bord werfen, da daraus nur Verunsicherung und Verwirrung resultieren würden. Die religiösen Gepflogenheiten, die abseits des von Christus gelehrten Gesetzes standen (die Wichtigkeit der Gebote wird von Paulus in 1Kor 7,19 unterstrichen), sollten sich nach und nach herauskristallisieren. Paulus spricht in Kapitel 14 vor allem das Thema des Fleisches an, das von den heidnischen Priestern den Götzen geopfert wurde (siehe Röm 14,1–21 bis 15,3). Als Illustration des Sachverhaltes zieht er in V. 5–6 das Beispiel der alttestamentlichen Fest- und Feiertage heran (siehe 3Mo 23,1–44), wobei es noch naheliegender ist, dass er auf die damals üblichen Fastentage anspielt. Man beachte, dass die Frage nach dem Rang bestimmter Tage nicht den Kern der Erörterung darstellt, sondern lediglich als ein Hilfsargument dient!
Die These, dass es Paulus in Röm 14 nicht um die Abschaffung des (Wochen-)Sabbats gehen konnte, kann durch folgende Überlegungen untermauert werden:
- Man muss den Text im Zusammenhang mit anderen Aussagen Pauli bezüglich bestimmter Zeiten und Tage sehen, d.h. Eph 2,14–16 und Kol 2, 14–17. In beiden Texten bezieht sich der Apostel auf die nationalen, jüdischen Festtage, wie im mosaischen Gesetz beschrieben. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die Gläubigen es problematisch fanden, den Sabbat zu halten, da Jesus selbst und die Apostel ebenfalls diesbezüglich ein eindeutiges Beispiel gaben. Sie gingen nach ihrer Gewohnheit am Sabbat in die Synagoge, also zu einer religiösen Versammlung (siehe Lk 4,16; Apg 17,1.2). Jesus sagt in Mt 28,20: “Lehrt sie alles, was ich euch befohlen habe.” Über eine Verschiebung des Sabbats von 7. (Samstag) auf den 1. Tag der Woche (Sonntag) scheint er die Jünger nicht unterrichtet zu haben. An keiner Stelle hebt Jesus die Zehn Gebote auf! Für die frühen Christen bestand das Problem vielmehr darin, ob nun die vielen Fest- und Feiertage, die einen besonderen Teil der jüdischen Kultur ausmachten, weiter gefeiert werden sollten, zumal das alttestamentliche Opfersystem nun im Tod Jesu (“das perfekte Opfer”) ihre Erfüllung fand (siehe Typenlehre im AT). Paulus wollte verhindern, dass die “jüdischen” Christen eine abrupte kulturell-religiöse Revolution durchmachten, und sprach dementsprechend jedem Gläubigen die Freiheit zu, diese Frage für sich selbst zu beantworten: Röm 14,5–6 (nach Luther 84): “Der eine hält einen Tag für höher als den andern; der andere aber hält alle Tage für gleich. Ein jeder sei in seiner Meinung gewiss. Wer auf den Tag achtet, der tut’s im Blick auf den Herrn; wer isst, der isst im Blick auf den Herrn, denn er dankt Gott; und wer nicht isst, der isst im Blick auf den Herrn nicht und dankt Gott auch. ” Betrachtet man nicht nur den ersten Satz, sondern liest etwas weiter, dann wird klar, dass es sich hier um Fastentage handelt (“wer isst… und wer nicht isst.…”!) In manchen moderneren Übersetzungen steht aus diesem und anderen Gründen auch “Fastentage” statt “Tage”.
- Eine Verschiebung des Sabbats von Samstag auf Sonntag wäre gleichbedeutend mit einer Veränderung eines der Zehn Gebote und würde sicherlich von einer längeren theologischen Abhandlung seitens Paulus begleitet werden. Wenn Paulus die Frage des Heiligtums oder des neuen Bundes (Gesetz vs. Gnade) so detailliert im Römer- und Hebräerbrief behandelte, hätte er nicht genauso tiefgründig auf die Sabbatverschiebung eingehen sollen, und zwar in einem Extrakapitel.
- Die Sabbatheiligung ist eines der Zehn Gebote – dazu noch das längste und das einzig begründete. Man kann versuchen, sich vorzustellen, wie die neu bekehrten Juden aus Apg 15 (die sich wegen der Nichtbeschneidung der bekehrten Heiden mächtig aufregten) reagiert hätten, wenn man – in ihren Augen sicherlich – eine Sabbatentehrung zu unterstützen suchte. Siehe auch 2.
- Bei der Behandlung bestimmter religiöser Fragen unterstrich Paulus in 1. Kor 7,19 und vollkommender Harmonie zu Prediger 12, 13 “das Wichtigste”, nämlich das Halten der Gebote. Dadurch hat er den Sabbat in seiner Autorität gerade bestärkt, nicht angezweifelt oder gar abgeschafft. Paulus kann dann unmöglich in einem anderen Brief (ca. ein Jahr später) sich selbst widersprechen. Das tut nicht einmal der Papst in seinen Enzykliken, und die Bibel soll Gott selbst inspiriert haben.
- Sollte Röm 14,5 dem Sabbat seine Gültigkeit absprechen, da alle Tage gleich sein sollten, wird somit ebenfalls jegliche Grundlage der Sonntags- oder Feiertagsheiligung entzogen. Viele Kirchen haben aber ein Feiertagsgebot in ihrem Katechismus, d. h., sie fordern von ihren Gläubigen die Einhaltung eines Ruhetages. Wenn diese Christen auf Römer 14 verweisen, um gegen den Sabbat zu sprechen, aber zugleich die Einhaltung des Sonntags als Feiertag einfordern, dann ist das inkonsequent.
Fassen wir zusammen: Sind alle Tage gleich? Nein! Der Sabbat ist der einzige Wochentag, der von Gott besonders gesegnet und geheiligt (für die Anbetung separiert, von den anderen Tagen abgeschnitten – siehe 1Mo 2,3/3Mo 23,3) wurde. Kein Wort in der Bibel berichtet, dass der erste Tag der Woche oder ein anderer Wochentag von Gott gesegnet oder geheiligt wurde. Wenn behauptet wird, dass alle Tage gleich sind, dann heißt das, dass der Segen, den Gott einst auf den siebten Tag gelegt hat, der von Jesus bestätigt wurde (Mk 2,27), verschwunden ist. Für diese Behauptung fehlt jegliche biblische Grundlage.
Stehen wir unter dem Gesetz?
Knifflige Frage… Aber eigentlich kommt es nur darauf an, was man darunter versteht. Ganz grob ließe sich erst mal sagen: Nein, wir stehen nicht mehr unter dem Gesetz, aber das heißt nicht, dass Gottes Gebote für uns keine Bedeutung mehr haben und wir sie nicht mehr halten müssten.
Erklärung: Die Forderungen des Gesetzes, gegen welche Adam verstieß und wodurch er das Recht auf das “Paradies” verspielte, wurden von Jesus für uns erfüllt. Wir stehen deswegen nicht mehr unter dem uns verdammenden Gesetz, sondern unter Seiner Gnade.
Übertragen wir die Situation auf den Alltag. Angenommen, jemand begeht ein Verbrechen und wird dem Gesetz nach für 20 Jahre ins Gefängnis geworfen. Doch schon am 1. Tag kommt er unerwartet durch einen Gnadenakt frei. Der Gefangene bekommt also etwas, was er nicht verdient hat, nämlich die Freiheit durch Amnestie. Befreit ihn die empfangene Gnade von jeglicher Verpflichtung dem Gesetz gegenüber? Darf er etwa das Verbrechen nun ungestraft wiederholen? Nein! In Wirklichkeit hat er mehr denn je die Verpflichtung, das Gesetz zu befolgen.
Zurück zu unserer theologischen Überlegung: Wenn jemand seine Sünde bekennt und die Vergebung Jesu annimmt, steht er nicht mehr unter der Strafe des Gesetzes, sondern er ist frei aus Gnaden. Kann er jetzt sagen: “Ich stehe unter der Gnade, das alte Gesetz brauche ich nicht mehr zu halten!”? Wird ihn das Gesetz bei einer erneuten Übertretung nicht mehr schuldig sprechen?
Die Bibel sagt: Übertretung des Gesetzes ist Sünde. Gnade hebt nicht das Gesetz auf, SONDERN DIE STRAFE. Die Übertretung oder Ablehnung der Gebote Gottes bleibt nach wie vor eine Sünde, also eine Trennung von Gott! Zwar können wir uns an Jesus wenden und die Sünde bekennen, doch muss dies von Demut und Reue begleitet werden (= wahre Buße, siehe Ps 51, 1–14). Wird man von wahrer Reue erfasst, so schließt sich dem das Bedürfnis an, die begangene Sünde in Zukunft zu unterlassen. So wird ein Christ in seinem Leben nach und nach Frucht bringen.
Die Tatsache, dass wir unter der Gnade stehen, erlaubt es nicht, eines der Gebote zu missachten. Paulus fragt: “Wie nun? Sollen wir sündigen, weil wir nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade sind? Das sei ferne!” (Röm 6,15). Seit dem Sündenfall war es nicht das Gesetz, das die Menschen von Gott trennte. Die ersten Menschen sündigten nicht, weil das Gesetz schlecht oder unfair war, sondern weil sie ein gutes und faires Gesetz (Röm 7,12; Ps 19, 8; 119,142; Jes 42, 21;) übertreten haben, ein Gesetz, das nicht abgeschafft werden sollte, solange Himmel und Erde bestehen (Math 5, 17–19). Das Problem der Menschheit sind nicht die göttlichen Gebote, sondern die Sünde (Jak 1, 22–25). Durch den Erlösungsplan ist es den Menschen möglich geworden, durch Gnade Vergebung zu erlangen und das Gesetz aus einem innerlichen Drang zu halten (Hebr 10, 16; Jud 24; Phil 4, 13).
Da aber eine solche Nachfolge einen harten Kampf mit dem eigenen Ich bedeutet, wollen viele Christen die Gebote beiseiteschaffen oder sie ein klein wenig modifizieren. Fragen wir nun mal: Dürfen wir die Ehe brechen, können wir lügen, stehlen oder den Namen Gottes missbrauchen, … , nur weil wir unter der Gnade sind? Das wird wohl kein Christ gutheißen! Warum erscheint es aber vielen so logisch, dass die Gnade den Sabbat aufgehoben und den Sonntag eingesetzt haben sollte?
Vertiefende Studien zum Thema Gesetz sind auf der Zusatzseite zu finden!
Jesus ist am Sonntag auferstanden!
“Jesus ist am Sonntag auferstanden und darum feiern wir am Sonntag Gottesdienst!” – Dieses “Argument” hört man gelegentlich von Christen, die den Sabbat ablehnen und den Sonntag als Ruhetag gewählt haben. Aber im Grunde ist es gar kein echtes Argument, da die Tatsache, dass Jesus am Sonntag auferstanden ist, nichts darüber aussagt, dass der Sabbat seine Geltung verloren hat und an seiner Stelle der Sonntag getreten ist. Im Gegenteil: Man könnte argumentieren, dass Jesus gerade wegen des Sabbats im Grab ruhte und erst nach dem Sabbat auferstand. Aber diese Argumentation ist kaum weniger “dünn”.
Natürlich kann man niemandem vorwerfen, dass er, wenn er aus Ehrfurcht vor Gott und zu seinem Lobe sich den Sonntag als Erinnerungstag der Auferstehung wählt. Aber nochmals: Macht dieses den Sonntag zu einem Ruhetag – hebt dieses den von Gott eingesetzten Tag auf?
“H. Mayer greift in seinem Buch “22 Gründe für die Sonntagsfeier?” diesen Gedanken auf und führt ihn weiter: Sollte sich die Ehrfurcht vor Gott nicht im Glaubensgehorsam offenbaren, der sich am göttlichen Willen und Gebot offenbart? Sonst könnte man genauso gut den Freitag als Erinnerungstag für Jesu Kreuzigung wählen, denn am Karfreitag wurde “das Lamm Gottes” für uns geschlachtet. – Nun haben wir schon drei mögliche Feiertage! Können wir uns jetzt einen nach Belieben aussuchen? Im NT finden wir kein Wort, dass eine wöchentliche Gedächtnisfeier eingeführt wurde, wohl aber kannten die Jünger Jesu die Worte: “Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun.” (2Mo 20,10). Sollten sie diese schon vergessen haben?
H. Mayer begründet das Fehlen der Erwähnung einer wöchentlichen Gedächtnisfeier wie folgt: Die urchristliche Gemeinde hatte für Tod, Begräbnis und Auferstehung andere (nicht wöchentliche) Gedächtnisfeiern und Anlässe. Als Ersinnungsfeier an sein Leiden und seinen Tod setzte Jesus das Abendmahl (z. B. Lk 22,19.20) ein, das Paulus auch als ein missionarisches Bekenntnis verstand. Er schrieb den Christen in Korinth:
„Denn so oft ihr von diesem Brot esset und von diesem Kelch trinket, verkündigt ihr des Herrn Tod, bis dass er kommt.” (1Kor 11,26)
Jesu Begräbnis und Auferstehung sahen die Christen des ersten Jahrhunderts in der von ihnen geübten Taufpraxis (durch Untertauchen) nachvollzogen und vergegenwärtigt. Siehe z. B. Römer 6,3–5. Natürlich geht es bei der Taufe hauptsächlich um den Täufling, wohl aber wird sie oft mit Tod und Auferstehung in Verbindung gebracht. H. Mayer schreibt dazu:
“Wie sehr die Glaubenstaufe als eine Vergegenwärtigung von Jesu Tod und Auferstehung angesehen wurde, geht auch aus Kolosser 2, 12.13 hervor: “Mit ihm wurdet ihr begraben durch die Taufe, und mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben, den Gott wirkt, welcher ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, da ihr tot waret in den Sünden.“
Wenn wir Jesus als den Auferstandenen ehren wollen, müssen wir zunächst der Sünde absterben, d.h. wir müssen unseren alten, sündigen Menschen mit Jesus kreuzigen. Dann sollen wir in der Taufe, dem Bad der Wiedergeburt, mit ihm begraben werden, um anschließend mit Jesus ein neues Leben zu führen. Die urchristliche Gemeinde hat auf diese Weise die Auferstehung Jesu stets aufs Neue erlebt. Jedes Mal, wenn ein sündiger Mensch sich zu Jesus bekehrte und die Taufwiedergeburt erlebte, wurde der lebendige und auferstandene Herr in ihrer Mitte erkannt und erfahren. Ein toter Jesus kann unsere Herzen nicht verändern. Von dem auferweckten Herrn aber sagt die Bibel, dass er “nach dem Geist, der da heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten”. (Römer 1, 4) Die Auferstehung Jesu hat also den Sabbat, den Gedächtnistag der Schöpfung, nicht aufgelöst oder abgeschafft. Die urchristliche Gemeinde hat der Heilstat Gottes nicht wöchentlich mit einem neuen Feiertag gedacht, sondern mit einem neuen Leben die Herrschaft und Gegenwart des auferstandenen Christus täglich bezeugt und damit dem Willen ihres Erlösers entsprochen. Die Auferstehung Jesu brachte für sie keinen neuen Ruhetag, sondern ein neues Leben.
Jesus hat das Gesetz erfüllt!
“Jesus hat das Gesetz erfüllt! Wir brauchen es nicht mehr zu halten.” – Ist das wirklich war?
In Mt 5,17 sagt Jesus: “Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.”
Man kann sicherlich diese Aussage nicht dazu verwenden, um sich von der Verantwortung dem Gesetz gegenüber loszusagen. Sollte mit “erfüllen” die Aufhebung des Gesetzes angedeutet werden, so hätte sich Jesus selbst widersprochen, und zwar noch im selben Vers! Man kann ja auch nicht zu jemandem sagen: “Denke nicht, dass ich gekommen bin, deine Torte zu verspeisen; ich bin nicht gekommen, zu verspeisen, sondern aufzuessen.” – Das wäre genauso widersprüchlich!
Außerdem wird noch im Laufe desselben Kapitels davon berichtet, wie Jesus darauf hinweist, dass das Gesetz nicht verändert oder zerstört werden darf, und wie er diejenigen warnt, die versuchen sollten, auch nur eines der Gebote abzuschaffen (siehe auch seine Verdammung der Juden in Mt 15,3.9) !
Jesus hat in der Tat das Gesetz erfüllt. Er tat alles, was Gott von einem Menschen forderte, und blieb ohne Sünde! Wir hingegen tun allzu oft das, was Gott nicht will, und sündigen … Er hat uns gesagt, dass der Sabbat keine Last für uns sein soll, denn er wurde für den Menschen geschaffen! Er hat uns durch sein Leben die Güte Gottes gezeigt, die sich auch in den Zehn Geboten widerspiegelt. Jesus hat das Gesetz erfüllt, gleich wie Paulus sagt: “Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.” (Röm 3,31) – Das ganze Kapitel (Die Bergpredigt) untermauert diese Aussage: Jesus bezieht sich auf das alte Gesetz und zeigt, wie es gemeint ist! Er löst es nicht auf, sondern unterstreicht es!
Einwand:
Aber es heißt doch in Mt 5,18 “Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. – Wenn nicht alles geschehen ist, wie kann denn das Opfergesetz abgeschafft sein?
Antwort:
Gute Frage! Überlegen wir uns zunächst, ob sich wirklich schon alles erfüllt hat: Leben wir auf der neuen Erde? Nein! Wurde der Tod überwunden? Nein! Gibt es keine Tränen mehr? Nein! – Es steht fest, dass sich noch nicht alles erfüllt hat! Betrachten wir ferner die Parallelstelle in Lk 16,16–18:
“Das Gesetz und die Propheten reichen bis zu Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein.”
Heißt das jetzt, dass nun das Gesetz ungültig geworden ist? NEIN! Jesus sagt gleich im Anschluss: “Es ist aber leichter, dass Himmel und Erde vergehen, als dass ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt. Wer sich scheidet von seiner Frau und heiratet eine andere, der bricht die Ehe; und wer die von ihrem Mann Geschiedene heiratet, der bricht auch die Ehe. ”
Auch hier wehrt sich Jesus dagegen, dass das Gesetz seine Gültigkeit verloren hat, und bezieht sich dabei sogar auf eines der Zehn Gebote! Es gilt das Evangelium, die gute Nachricht! Wir werden allein durch den Glauben gerecht und nicht durch das Gesetz (Werke)! Dennoch gilt das Gesetz weiterhin als Maßstab. Es dient dazu, uns selbst zu erkennen und zu prüfen. Römer 7,7! Das Gesetz bleibt als moralischer Maßstab (bildlich gesprochen) gültig, “bis Himmel und Erde vergehen”.
Dieses ist der Schlüssel, der die Widersprüche aus dem Weg räumt. Auch ein Blick auf den Kontext der Bibelstelle in Mt 5 zeigt, dass es hier ausschließlich um moralische Dinge geht: Mt 5,21–43 – Vom Töten, vom Ehebrechen, vom Schwören, vom Vergelten, von der Feindesliebe! Eben diese moralischen Dinge sind “unvergänglich”. – Das Opfergesetz hat jedoch seine Gültigkeit verloren. Ich gebe zu, dass diese Antwort manchen vielleicht etwas schwammig vorkommen mag, aber sie löst die Widersprüche, denen man sonst zwangsläufig gegenübersteht.
Der Sabbat war/ist nur für die Juden!
- Der Sabbat wird schon in 1Mo 2,2.3 erwähnt und wurde von Gott gesegnet und geheiligt! – Damals gab es noch keine Juden! Auch Jesus weist darauf hin, dass der Sabbat für den Menschen (nicht für den Juden) gemacht wurde. Siehe Punkt 5.
- Falls man den 1. Punkt nicht als Sabbateinführung anerkennen will, so wird der Sabbat schon vor den Zehn Geboten indirekt “durch das Manna” eingeführt (2Mo 16) Die Juden sind damals auch mit viel “Mischvolk” ausgezogen, und offensichtlich gelten die Worte Gottes für ALLE, die mit in der Wüste waren!
- Direkt im Sabbatgebot (2Mo 20,9–11) steht, dass auch der Fremde an diesem Tag ruhen soll. (Sie dürfen auch mal eine „Schaumpause“ machen!)
- Jes 56,2–7: Der Fremde, der den Sabbat hält, ist BESSER als die Söhne und Töchter Gottes!
- Jesus sagt in Mk 2,27, dass der Sabbat für den Menschen gemacht sei! NICHT: Der Sabbat ist für den Juden gemacht!
- Joh 15,10: “Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.” – Wenn Jesus so mit den Juden gesprochen hat, dann gilt das auch für uns. Oder sollen wir nicht alles übernehmen, was Jesus den Juden sagte?
- Jesus (und später auch Paulus) gingen, wie es ihre “Gewohnheit” war, in die Synagoge (Lk 4,7; Apg 17,2), also nicht nur bei bestimmten Gelegenheiten, sondern regelmäßig! Dies tat Paulus, auch, als er mit den Heiden verkehrte (siehe Apg 18,4)!
Einwand:
Der Sabbat war doch nur für die Juden! Denn bei Hes 20,12 steht: “Ich gab ihnen auch meine Sabbate zum Zeichen zwischen mir und ihnen, damit sie erkannten, dass ich der HERR bin, der sie heiligt.
Antwort:
Paulus betont, dass Abraham unser aller Vater ist (Röm 4,16) und wir die “Kinder der Verheißung” (Gal 3,7) sind, ja auch Petrus schreibt, dass wir das neue Gottesvolk sind. Zusammengefasst: Alle Christen gehören zum neuen, geistlichen, wahren Israel! Auch wir zählen nun zum Volk Gottes… “beschnitten oder unbeschnitten”! Auch die Beschneidung war ein Zeichen (1Mo 17), aber was sagt Paulus? “In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschieht, als ihr nämlich euer fleischliches Wesen ablegtet in der Beschneidung durch Christus. (Kol 2,11)
Die Aufforderung aus Hes 20,12 kann man durchaus auf das neue Volk Gottes übertragen! Auch wir sollten erkennen, wer der HERR ist, unser Schöpfer!
Der Sabbat wurde ans Kreuz genagelt! (Kol 2,13–17)
(Parallelstellen sind auch Gal 4,9–11 und Eph 2,13–16)
Kol 2,13–17: “Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen (Satzungen) gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; leibhaftig aber ist es in Christus.”
Diese Bibelstelle wird oft zitiert, um sie als Einwand gegen das Sabbatgebot zu verwenden. Bei einer solchen Auslegung ergeben sich diverse Probleme.
Was steht hier genau und wie wird es gedeutet?
- Es ist von einem “Schuldbrief” die Rede mit “Forderungen, die gegen uns waren”. Dieser Schuldbrief sei “weggetan und ans Kreuz geheftet” worden.
- Ferne werden “Mächte und Gewalten” angesprochen, die ihrer Macht entkleidet und zur Schau gestellt wurden.
- Die besonders entscheidende Stelle besteht aus den Versen 16 und 17. Sie lautet nach der Elberfelder Übersetzung: “So richte euch nun niemand wegen Speise oder Trank oder betreffs eines Festes oder Neumondes oder Sabbats, die ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper ⟨selbst⟩ aber ist des Christus.”
Sehr schnell werden die Verse zur Behauptung zusammengefasst: Der Sabbat sei ans Kreuz genagelt worden. Versucht man nachzufragen, wie man zu dieser Behauptung käme, wird meist ausgeführt, dass Jesus das alttestamentliche Gesetz mit seinen Forderungen ans Kreuz geheftet hätte.
Ist das wahr? Steht der Schuldbrief für den Sabbat bzw. für das Gesetz? War der Wochensabbat ein Schatten der künftigen Dinge?
Wenn jemand behauptet, dass der Sabbat ans Kreuz genagelt wurde, muss das konsequenterweise bedeuten, dass die Zehn Gebote gegen uns gerichtet waren! Jesus selbst sagt in Mk 2, 27, dass der Sabbat für die Menschen gemacht wurde und nicht gegen sie!
Wenn sich der Schuldschein auf das gesamte Gesetz beziehen sollte, dann bestenfalls im Sinne, dass wir durch das Gesetz verurteilt werden (unseren Tod fordert) und wir nicht in der Lage sind, uns selbst zu erlösen (siehe dazu auch Kommentar zu Römer 7, Galater 3 und Extraseite Gesetz). Das Gesetz hatte unter anderem eine heilsgeschichtliche Funktion als (vorläufiges) Mittel zur Entsühnung oder Rechtfertigung vor Gott, besonders durch die zeremoniellen Opfergesetze. Oft wird schnell das ganze Gesetz abgelehnt. Aber die moralischen Werte und die Weisheit des Gesetzes bleiben als Ausdruck von Gottes Willen bestehen. Würde man das ganze Gesetz ablehnen, fände man sich schnell in Widersprüchen wieder, wie z. B. dass das Gesetz heilig und gut ist (Röm 3,20), der Sabbat für den Menschen geschaffen wurde (Mk 2,27) und Jesus das Gesetz in seiner moralischen Bedeutung sogar verschärft hat (Bergpredigt). Das passt ganz und gar nicht zum pauschalen “Wegtun” des Gesetzes.
Betrachten wir diese Verse genauer. Es gibt verschiedene Auslegungen dieser Passage. Die zwei wichtigsten werden hier vorgestellt, aber sie haben eins gemeinsam: In beiden Fällen ist nicht davon auszugehen, dass der Wochensabbat in diesen Versen abgeschafft wurde.
Die eine Auslegung geht davon aus, dass mit “Schuldschein” ( griech. cheirographon, „ein mit der Hand geschriebenes Dokument“) ein “Dokument” gemeint ist, auf dem unsere persönlichen Übertretungen verzeichnet sind. Es ist eventuell vergleichbar mit dem “Buch”, das beim Gericht eine Rolle spielt (Offb 20,12). Es ist unsere „Rechnung“ bei Gott, die wir nicht bezahlen konnten. Christus hat nicht das Gesetz Gottes abgeschafft, sondern die daraus resultierende Forderung gegen uns beglichen. Das Gesetz, einschließlich des Sabbatgebotes, bleibt als Maßstab, aber die Strafforderung ist weg.
Diese Auslegung ist harmonisch zu den Ausführungen von Paulus zum Gesetz an vielen anderen Stellen und passt gut zur Vergebung aller Sünden im vorigen Vers, also zu Vers 13. Der Vers 14 stellt demnach die Vergebung unserer Sünden und die rechtliche Wiederherstellung (Löschung des Schuldscheins) durch Jesu Tod dar. Auch könnte man Vers 15 damit verbinden, wenn man diesen Vers als Jesu Sieg über Satan und seine Engel durch seinen Kreuzestod versteht. Während wir vom Todesurteil freigesprochen und befreit wurden, wurde Satan die Maske vom Gesicht gerissen und das ganze Universum konnte die Wirkungsweise Satans und seiner Engel sehen, die zum Tode des Sohnes Gottes geführt hat. Auch die strittigen Verse 16–17 sind damit verträglich. Paulus ist voll fokussiert auf Jesu Opfertod und was dieser für uns bedeutet. Die beiden Verse greifen den Gedanken des einmaligen und vollkommenden Opfers auf, der im Hebräerbrief in Tiefe ausgebreitet wird. Alle zeremoniellen Handlungen und Festtage haben in Jesus ihre Erfüllung gefunden und weiteres Opfern ist nicht nötig, ja sogar falsch.
Die zweite Auslegung versteht unter dem Schuldbrief das mosaische Gesetz mit seinen rituellen Forderungen. Es trennte auch Juden und Heiden voneinander. Jesu Opfertod erfüllte alle Forderungen. Bei dieser Auslegung wird betont, dass die „Satzungen“ (dogmata) jene rituellen Vorschriften meinten, die wie eine Barriere zwischen Gott und Mensch (und zwischen Jude und Heide) standen (Eph 2,15) bzw. jene Vorschriften, die sich typologisch auf Christus als Opfer (“Lamm”) bezogen. Das Wort „Satzungen“ (dogmata) wird in der Bibel nie für die Zehn Gebote verwendet. Hätte Paulus das ganze Gesetz gemeint oder allgemein Gebote, so hätte er die Wörter nomos bzw. entolai verwendet.
Für diese Auslegung gibt es mehrere stichhaltige Gründe:
Die Bibel grenzt die Zehn Gebote von dem “Buch des Gesetzes” in 5Mo 31,26 ab: “Nehmt das Buch dieses Gesetzes und legt es neben die Lade des Bundes des HERRN, eures Gottes, dass es dort ein Zeuge sei wider dich. ” .
Die Gesetze dieses Buches, die die Leviten empfingen, sollten ein Zeuge gegen uns sein, was zu der Wortwahl in Kol 2, 14 passt.
Die Zehn Gebote wurden von Gott mit seinem Finger auf Stein geschrieben (siehe 2Mo 31,18). Man beachte, wie wichtig das ist. Als Moses vor Wut die ersten Steintafeln zerbrach (siehe 2Mo 32,19), hat Gott ihm nicht etwa den Befehl gegeben, das Gesetz von den zerbrochenen Stücken einfach abzuschreiben. Die Gesetzestafeln waren offenbar so wichtig, dass er Mose damit beauftragte, ein zweites Mal Steintafeln zurechtzuhauen, damit sie von Gott selbst nochmals beschriftet werden konnten (siehe 2Mo 34,1)! Die Zehn Gebote passen weniger zum Schuldschein, dem „mit der Hand geschriebenen Dokument“.
Andere Gesetze, die Mose aufgeschrieben hatte, wurden nicht wie die Zehn Gebote in die Bundeslade gelegt, sondern neben die Bundeslade (siehe 5Mo 31,26). Dies ist eine klare Abgrenzung.
Diese Unterscheidung “in” oder “neben” der Bundeslade mag etwas akademisch wirken. Versuchen wir also zu klären, welche Gesetze Paulus in Kol 2 meint: die Zehn Gebote, alle Gesetze oder nur bestimmte? Aus 5Mo 31,24–27 könnte man schließen, dass er alle Gesetze des Mose meint, doch waren alle Gesetze ein ‘Schatten Christi’ (Kol 2,17)? Gerade die Begründung, warum gewisse Festtage uns “kein schlechtes Gewissen” machen sollen, wird gerne übergangen. Diese Begründung ist der Schlüssel zum Verständnis dieser Passage.
Welche Gesetze wurden ans Kreuz genagelt? Eine wichtige Rolle spielten im AT die Opfer- und Zeremoniegesetze. Es gab darunter Speise- und Trankopfer. Alle diese Gesetze waren ein “Schatten des Zukünftigen”. Der Vers liefert die Begründung für das, was heute für uns nicht mehr verbindlich ist. Man kann sich lange darüber streiten, ob die Reihenfolge der Zeitangaben “Feiertag”, “Neumond”, “Sabbat” eine Rolle spielt oder wie entscheidend das Wort “Schuldschein” ist. Aber an der eigentlichen Begründung kommt niemand vorbei:
“Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; leibhaftig aber ist es in Christus.”
Das Passahlamm (Antitypus: Jesus, das Lamm Gottes) war ebenso ein Schatten des Künftigen, also ein Hinweis auf das große perfekte Opfer Jesu! Natürlich haben die Opfer ihre Bedeutung verloren, da Jesus bereits für uns gestorben ist. Darum brauchen wir keine Tiere mehr zu schlachten, etc. (siehe auch Hebr 10, 14.18!). Man beachte die fast identische Ausdrucksweise von Kol 2,17 und Hebr 10,1 im Hinblick auf Schatten.
Gehören aber auch die Zehn Gebote in die Kategorie der alttestamentlichen Typen, der Schatten des Zukünftigen? Sind sie lediglich ein Hinweis auf Jesus und sein Opfer gewesen? Nein! Ins Auge springt dabei besonders der Sabbat, der nie ein Schatten des Zukünftigen sein sollte, sondern immer auf die Vergangenheit wies, nämlich auf die Schöpfungswoche! Wir können also schließen, dass Kol 2, 13ff keinesfalls auf den Wochensabbat anzuwenden ist!
Nun kann man einwenden, dass doch Paulus klar von Sabbaten spricht. Wie ist dies zu erklären?
Es lässt sich grammatikalisch nicht eindeutig sagen, was mit Sabbaten gemeint ist. Die Pluralform wird in Mt 28,1 auch auf einen einzelnen Sabbat angewendet.
Die Juden hatten außer dem Wochensabbat noch andere Feiertage, die übrigens wiederum “Schatten” waren. Als Beispiel sei hier der Versöhnungstag genannt (siehe 3Mo 23f – w. Bsp.: Joh 13,19: Passah (15. Nisan)). Dieser Tag wurde u. a. ebenfalls als ein Sabbat bezeichnet (siehe Vers 32)! Es ist naheliegend, dass diese “Fest-Sabbate” in Kol 2,16 gemeint sind!
Selbst wenn in Kol 2,16 mit Sabbat auch der Wochensabbat gemeint sein sollte, so macht der Kontext deutlich, dass es Paulus um die rituellen Opfer am Sabbat und an den anderen Festtagen geht und nicht um den Sabbat aus 2Mo 20 bzw. aus 1Mo 2 an sich. Paulus zählt Beispiele auf, um klarzumachen, welche Satzungen er meint. (Vergl. Heb 9,1.10 und Heb 10!) In Kol 2,16.17 finden wir:
| Objekt | Zuordnung |
| Speise (-Opfer) | Opferdienst, erfüllt |
| Trank (-Opfer) | Opferdienst, erfüllt |
| bestimme Feiertag (z.B. Passah) | Opfer JESU!, erfüllt |
| Neumond | Opferdienst, erfüllt |
| Wochen-Sabbat | erfüllt? leibhaftig in Christus? |
| Fest-Sabbat (z. B. Versöhnungstag) (oder Opfer am Sabbat) | Opferdienst, erfüllt! |
Betrachtet man Kol 2, 14–17 zusammen mit Eph 2, 15 in Verbindung mit Heb 9,1.10 + Heb 10, dann wird klar, um welche Satzungen es in Kol 2 geht!
Hebr 9,1.10: “Es hatte zwar auch der erste Bund seine Satzungen für den Gottesdienst und sein irdisches Heiligtum. … Dies sind nur äußerliche Satzungen über Speise und Trank und verschiedene Waschungen, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt sind.“
Man beachte die Schlüsselwörter “Satzungen”, “Speise und Trank” im Vergleich zu Kol 2,16.
Eph 2,15: “In seinem Fleisch hat er die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, beseitigt, um die zwei – Frieden stiftend – in sich selbst zu einem neuen Menschen zu schaffen.”
Auch hier ist interessant, dass Paulus die Redewendung “das Gesetz der Gebote in Satzungen” verwendet. Natürlich meint Paulus auch hier nicht die Moralgesetze und daher nicht die Zehn Gebote! Schließlich schreibt Paulus einige Seiten weiter in Eph 4,25f, dass man nicht lügen oder stehlen soll. In Harmonie mit der Bergpredigt Jesu, die Zorn mit dem Gebot “Du sollst nicht töten.” verbindet, ermahnt Paulus seine Geschwister: “Zürnt ihr, so sündigt nicht: Laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.” – Ein sehr weiser Rat!
In Hebr 10 wird an den „äußerlichen Satzungen über Speise und Trank”, die zeremoniellen Satzungen, angeschlossen:
Hebr 10,1–18 “Denn das Gesetz hat nur einen Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das Wesen der Güter selbst. Deshalb kann es die, die opfern, nicht für immer vollkommen machen, da man alle Jahre die gleichen Opfer bringen muss. Hätte nicht sonst das Opfern aufgehört, wenn die, die den Gottesdienst ausrichten, ein für allemal rein geworden wären und sich kein Gewissen mehr gemacht hätten über ihre Sünden?”
— Kommen uns diese Schatten, die auf Christus hinwiesen, nicht bekannt vor? Lesen wir weiter:
“Vielmehr geschieht dadurch alle Jahre nur eine Erinnerung an die Sünden. Denn es ist unmöglich, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen. Darum spricht er, wenn er in die Welt kommt (Psalm 40,7–9): »Opfer und Gaben hast du nicht gewollt; einen Leib aber hast du mir geschaffen. Brandopfer und Sündopfer gefallen dir nicht. Da sprach ich: Siehe, ich komme – im Buch steht von mir geschrieben -, dass ich tue, Gott, deinen Willen.« Zuerst hatte er gesagt: »Opfer und Gaben, Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gewollt, sie gefallen dir auch nicht«, obwohl sie doch nach dem Gesetz geopfert werden. Dann aber sprach er: »Siehe, ich komme, zu tun deinen Willen.« Da hebt er das erste auf, damit er das zweite einsetze. Nach diesem Willen sind wir geheiligt ein für allemal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi. Und jeder Priester steht Tag für Tag da und versieht seinen Dienst und bringt oftmals die gleichen Opfer dar, die doch niemals die Sünden wegnehmen können. Dieser aber hat ein Opfer für die Sünden dargebracht, und sitzt nun für immer zur Rechten Gottes und wartet hinfort, bis seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht werden. Denn mit EINEM Opfer hat er für immer die vollendet, die geheiligt werden.”
— Jesus, das Lamm, das die Sünde der Welt trägt, war das EINE Opfer. Das Opfergesetz war ein Schatten von Jesus… Der Körper ist aber Christi! Von nichts anderem als von diesen Dingen spricht Paulus auch im Kolosserbrief! Damit sollte Kol 2,16 geklärt sein. Lesen wir noch den Rest von Hebr 10:
“Das bezeugt uns aber auch der heilige Geist. Denn nachdem der Herr gesagt hat (Jeremia 31,33–34): »Das ist der Bund, den ich mit ihnen schließen will nach diesen Tagen«, spricht er: »Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn will ich es schreiben, und ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeit will ich nicht mehr gedenken.« Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht kein Opfer mehr für die Sünde. (Siehe Hebr 8,12)“
Eine wunderbare Aussage, der NEUE BUND, der schon in Hebr 8,10 erwähnt wird:
“Denn das ist der Bund, den ich schließen will mit dem Haus Israel nach diesen Tagen, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz geben in ihren Sinn, und in ihr Herz will ich es schreiben und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“
Nun die Quizfrage: Welches Gesetz schreibt Gott in unsere Herzen und in unseren Sinn? Ist es nicht so, dass Gott die moralischen Werte, die Er einst mit den Fingern in Stein schrieb, nun in unsere Herzen schreibt? Haben sich der Gott und seine Werte geändert? Natürlich nicht! Gott war, ist und bleibt immer derselbe!
Weitere wichtige Bibelstellen zum Thema Gesetz:
1Kor 7,19 und Röm 2, 25–27
Weitere Stellen zum Gesetz:
Mt 7,12 und Apg 24,14; 25,8
1Tim 1,8.9
Nebenbei: Das Gesetz Gottes hatte offensichtlich für Paulus einen hohen Stellenwert, denn er schreibt, dass er dem Gesetz Gottes dient und sogar: “… ich habe meine Lust an Gottes Gesetz …” (Röm 7,22.25) – Sollten wir nicht das Gleiche sagen?
S. Wittwer gibt zu Bedenken: “Wenn sie ein Segen für die Menschen damals waren, können wir jedenfalls sie nicht einfach als “alttestamentlich” vom Tisch fegen. Wir sollten uns vielmehr fragen, welche Grundsätze dahinterstehen und welche Bedeutung diese Grundsätze für uns heute haben. Dafür ein paar Beispiele:
- 5Mo 23,13–14: Gott wünscht Hygiene und Sauberkeit. Sollte Jesus dieses Gebot etwa ans Kreuz genagelt haben?
- 5Mo 22,1: Ein weggelaufenes Tier sollte zum Besitzer zurückgebracht werden. Nur ein jüdisches Gebot, für Christen nicht verbindlich?
- 5Mo 18,9–11: Gott verbietet Spiritismus und okkulte Praktiken. Brauchen sich Christen nicht daran halten, weil es ein alttestamentliches Gebot ist?
- 3Mo 18,23: Gott verbietet geschlechtliche Verirrungen wie Sodomie (Geschlechtsverkehr mit Tieren). Ein mosaisches Gebot, das für Christen nicht mehr gilt?
Diese Beispiele zeigen, dass es keine pauschalen Ungültigkeitserklärungen bei der Frage alttestamentlicher Gebote gibt. Statt uns aber am Buchstaben festzuhalten, sollten wir über den Sinn eines Gesetzes nachdenken, um Ableitungen für unser heutiges Leben zu finden. Wenn etwas für die Menschen vor 3400 Jahren gut war, warum sollte es dann nicht auch für uns gut sein?”
Geschichtliches: Warum wird der Sonntag geheiligt?
Dass heute der Großteil der christlichen Welt den Sonntag feiert, ist nicht das Ergebnis eines biblischen Gebotes, sondern die Folge eines langen geschichtlichen Abweichungsprozesses von der biblischen Grundlage.
Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches und den jüdischen Aufständen gegen Rom (66–70 n. Chr.; 132–135 n. Chr.) verschärfte sich die gesellschaftliche Ablehnung des Judentums. In diesem antijüdischen Klima begannen viele Christen, sich bewusst von jüdischen Wurzeln zu distanzieren. Der Sabbat wurde dabei als „jüdisches Kennzeichen“ diffamiert, obwohl er biblisch weder ethnisch noch zeitlich begrenzt war.Dieser Wandel vom Sabbat zum Sonntag war kulturell und politisch motiviert.
Parallel dazu gewann der erste Tag der Woche als Auferstehungsgedenktag an Bedeutung. In den ersten Jahrhunderten existierten daher verschiedene Praxisformen nebeneinander: sabbathaltende Christen, Gemeinden mit Sabbatruhe und zusätzlicher Sonntagsversammlung sowie zunehmend Gemeinden, die sich ausschließlich am Sonntag orientierten.
Ab dem 2. Jahrhundert lassen sich in der kirchlichen Literatur deutliche antijüdische Tendenzen erkennen. Kirchenväter wie Ignatius von Antiochien, Justin der Märtyrer oder später Johannes Chrysostomos griffen jüdische Bräuche polemisch an und stellten den Sabbat als überholt oder geistlich minderwertig dar. Damit wurde der Boden bereitet für eine theologische Umdeutung: Der von Gott eingesetzte Sabbat wurde zunehmend entwertet, während der Sonntag als neues Identitätsmerkmal des Christentums propagiert wurde.
Es ist beim Verweis auf die Kirchenväter wichtig zu wissen, dass ihre Ansichten und Lehren nicht fehlerfrei waren und diese Schriften entsprechend zurückhaltend in Debatten zu verwenden sind.
- Der Barnabasbrief und der Antijudaismus: Der Verfasser des Barnabasbriefs war tief im Antijudaismus verwurzelt und behaubtete, die Juden hätten den Bund mit Gott durch das goldene Kalb endgültig verloren und die Gebote (wie den Sabbat) nie verstanden und betrachtete den Sabbat der Juden als “Irrtum”. Ferner lässt der Autor sich zu einem abstrusen Allegorismus hinreißen: Er behauptet, die Speisegebote (kein Schweinefleisch etc.) seien nie wörtlich gemeint gewesen. Man dürfe nur keine Menschen „essen“, die wie Schweine leben. Diese Ansichten wiedersprechen der Bibel deutlich, denn weder hat Gott die Juden durch das goldene Kalb verworfen noch waren die Speisegebote bizarren Zoologie-Metaphern über den Charakter von Nachbarn, sondern hatten einen konkreten Sinn und Nutzen.
- Die Schriften des Ignatius von Antiochien zeugen von einer Überhöhung des Bischofsamtes. Ignatius fordert absolute Unterordnung unter den Bischof: „Wo der Bischof ist, da sei die Gemeinde, so wie da, wo Jesus Christus ist, die katholische Kirche ist“ (Smyrn. 8,2). – Ohne die Anwensheit eines Bischofs waren Taufen und Liebesmahl ungültig. Er forderte: „Niemand tue ohne den Bischof etwas!“. Ein deutlicher Konfilkt zu Jesus Aussage (Mt 18,20) und der Praxis der ersten Christen: Das NT bindet das Heil an den Glauben an Christus (Eph 2,8–9), nicht an die Anwesenheit eines spezifischen Amtsträgers. Im NT sind die Begriffe „Ältester“ (presbyteros) und „Aufseher/Bischof“ (episkopos) austauschbar (siehe Apg 20,17+28 oder Tit 1,5–7). Es gab immer eine Pluralität von Leitern. Ignatius macht aus dem Diener-Dienst ein monarchisches Amt.
- Die Didache (Zwölfapostellehre) zeigt, wie aus dem lebendigen Geist des Evangeliums erste starre Regeln wurden. Den Gläubigen wurden Regeln auferlegt, die wir nicht in der Bibel finden, z. B. wo man nicht in fließendem Wasser taufen konnte, sollte man Wasser dreimal über den Kopf gießen – aber der Täufling müssen vorher ein bis zwei Tage fasten. Eine Vorschrift, vor der Taufe zu fasten oder Wasser über den Kopf zu gießen, ist biblisch nicht begründbar und wird auch nicht bei kurzfristigen Taufentscheidungen überliefert (der Kämmerer aus Äthiopien in Apg 8 oder der Kerkermeister in Apg 16). Die Didache verbindet den Gnadenakt mit einer rituellen Leistung. Auch das Fasten selbst unterliegt Vorschriften, die eine Distanzierung vom Judentum unterstreichen sollen. „Eure Fasten sollen nicht mit denen der Heuchler [die Juden] sein; denn sie fasten am Montag und Donnerstag; ihr aber sollt am Mittwoch und Freitag fasten“ (Kap. 8). Solche Vorschriften widersprechen dem Geist des Evangeliums, wie er in Römer 14 und Gal 4 zum Ausdruck kommt.
- Justin der Märtyrer lehrte den Logos Spermatikos – die Idee, dass göttliche Samen der Wahrheit auch in der heidnischen Philosophie (Sokrates, Platon) steckten. Wer nach der Vernunft lebte, sei quasi „Christ vor Christus“ gewesen. Während Paulus in Apg 17 Anknüpfungspunkte sucht, betont er in 1Kor 1,21–23, dass das Evangelium für die Griechen eine „Torheit“ ist. Justin riskierte, das Kreuz Christi zu einem bloßen philosophischen Upgrade zu machen. Es ist wahr, dass auch Paulus im Römerbrief von den Heiden schrieb, dass sie zwar das mosaische Gesetz (Tora) nicht hatten, dennoch „von Natur aus tun, was das Gesetz fordert“. Sie zeigen damit, dass das Gesetz in ihre Herzen geschrieben ist. Ihr Gewissen und ihre eigenen Gedanken klagen sie an oder verteidigen sie. Der eigentliche Gedanke Pauli war: Die Heiden werden nicht nach dem mosaischen Gesetz gerichtet, das sie nie hatten, sondern danach, wie sie dem „Gesetz des Herzens“ (dem natürlichen Sittengesetz) entsprochen haben. Damit werden sie genau wie die Juden vor Gott schuldig und können sich nicht mit Verweis auf die Unkenntnis des moseanischen Gesetzes entschuldigen. Justin geht hier deutlich über die Sichtweise Pauli hinaus.
Ferner behauptete Justin, die Beschneidung sei den Juden nur als „Strafe“ und „Kennzeichen“ gegeben worden, damit man sie bei Verfolgungen leichter erkennen könne. Ein deutlicher biblischer Konflikt, denn in Römer 4 erklärt Paulus, dass die Beschneidung ein „Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens“ war. Justins Sicht ist historisch und theologisch polemisch und verzerrt den Bund Gottes mit Abraham. - Chrysostomos (344–407 n. Chr.), Patriarch von Konstantinopel, gilt als einer der größten Prediger. Doch sein Erbe ist durch extremen Antijudaismus belastet: In seinen acht Predigten gegen die Juden bezeichnete er Synagogen als „Hurenhäuser“ und behauptete, Gott habe die Juden für immer verworfen, weil sie Christus getötet hätten. Er forderte Christen auf, jeden Kontakt zu vermeiden. Dies bricht radikal mit dem Gebot der Nächstenliebe und Jesu Worten am Kreuz: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Diese Haltung steht im deutlichen Gegensatz zu dem Bemühen, Juden für Christus zu gewinnen (Römer 9–11). Er verstärkte eine bereits vorhandene Idee, dass das Kaiserreich I. der irdische Arm Gottes sei – eine Vorstellung, die zuvor bei Konstantin und Eusebius von Cäsarea aufgetreten ist und später zu staatlichen Maßnahmen mit religiöser Motivation führte.”
- Die Abkehr von der Gewaltfreiheit und die Entwicklung des Konzepts des „gerechten Krieges“ und der „Bekehrung mit dem Schwert“ (Augustinus) sind allgemein bekannte Schattenseiten in der Geschichte der christlichen Kirche.
Wir sehen bei den Kirchenvätern ein Muster: Vom Geist zum Gesetz und Ritual (Didache), vom Dienst zum Amt (Ignatius), von der Gnade zur philosophischen Angleichung (Justin), vom Zeugnis zum Zwang (Chrysostomos, später Augustinus). Die Abkehr von den Juden, die doch an den gleichen Gott wie die Christen glauben und für die Paulus noch mit Herzblut warb, zieht sich durch die frühe Kirchengeschichte.
Die Rolle von Kaiser Konstantin und der institutionellen Kirche
Einen entscheidenden Wendepunkt markiert das Jahr 321 n. Chr., als Kaiser Konstantin der Große per Gesetz den „dies solis“ – den Tag der Sonne – zum allgemeinen Ruhetag erklärte. Dieses Gesetz hatte keinen biblischen Ursprung, sondern verband römisch-heidnische Sonnenverehrung mit einer politisch opportunen Form des Christentums. Damit trat staatliche Autorität an die Stelle göttlicher Anordnung.
Nur wenige Jahrzehnte später folgte die kirchliche Absicherung dieses Bruchs. Auf dem Konzil von Laodizea (ca. 363–364 n. Chr.) wurde Christen ausdrücklich verboten, den Sabbat zu halten; stattdessen sollten sie am Sabbat arbeiten und den Sonntag ehren. Hier zeigt sich klar, dass der Sabbat nicht „natürlich verblasste“, sondern aktiv bekämpft und verdrängt wurde. Der Vorwurf des „Judaisierens“ diente dabei als theologisches Druckmittel.
Im weiteren Verlauf der Kirchengeschichte wurde der Sonntag zunehmend mit heiliger Bedeutung aufgeladen, während die Autorität der Kirche offen über die der Heiligen Schrift gestellt wurde. Diese Entwicklung findet ihren Ausdruck bis in die Gegenwart: Im römisch-katholischen Katechismus wird das vierte Gebot nicht mehr wortgetreu wiedergegeben („Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst“), sondern allgemein formuliert als „Gedenke, dass du die Feiertage heiligst“. Damit wird der von Gott festgelegte siebente Tag durch kirchliche Festsetzung ersetzt. Wer sich heute nicht näher mit der Kirchengeschichte und mit dem Studium der Bibel beschäftigt, wird von sich aus, kaum über die Frage Sabbat oder Sonntag stolpern. Der Sonntag gilt für die meisten Christen als der „Feiertag“ aus den Zehn Geboten – ohne, dass es dafür eine solide biblische Grundlage gäbe.
Manchmal wird behauptet, dass keine Kirche beansprucht hätte, den Feiertag vom Sabbat auf den Sonntag verlegt zu haben. Auch wenn das Konzil von Laodizea diese Verlegung nur indirekt beschreibt, gibt es auf der römisch-katholischen Seite beachtliche Äußerungen.
In dem Werk “The Convert’s Catechism of Catholic Doctrine”,einem Katechismus für Konvertiten, schrieb Rev. Peter Geiermann:
Frage: „Warum halten wir den Sonntag statt des Sabbats?“
Antwort: „Wir halten den Sonntag anstelle des Sabbats, weil die katholische Kirche auf dem Konzil von Laodizea (336 n. Chr.) die Feierlichkeit von dem Samstag auf den Sonntag übertragen hat.“
Quelle: Rev. Peter Geiermann, The Convert’s Catechism of Catholic Doctrine, St.Louis: B Herder Book Company, 1957 ed., S. 50) – Es ist bemerkenswert, dass dieses Buch von Papst Pius X. am 25. Januar 1910 den „Apostolischen Segen“ erhielt.
Auch folgender Auszug, lässt keinen Zweifel am Selbstverständnis in römisch-katholischen Kreisen:
„Der heilige Tag, der Sabbat, wurde vom Samstag auf den Sonntag verlegt … nicht aufgrund irgendeines Hinweises in der Heiligen Schrift, sondern durch die Kirche im Bewusstsein ihrer Macht … Leute, die denken, dass die Heilige Schrift die einzig maßgebliche Autorität sein sollte, sollten logischerweise Siebenten-Tags-Adventisten werden und den Samstag heilig halten.“ (Kardinal Maida, Erzbischof von Detroit, Saint Cathrine Catholic Church Sentinel, Algonac, Michigan, 21. Mai 1995)
Der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) ist ein vom Vatikan herausgegebenes Lehrdokument, das in durchgehender Nummerierung theologische Lehre systematisch darlegt.
Dort lesen wir unter Abschnitt 2175:
“Der Sonntag unterscheidet sich ausdrücklich vom Sabbat, auf den er jede Woche chronologisch folgt; für Christen ersetzt seine zeremonielle Einhaltung die des Sabbats.”
In diesem Sinne äußerte sich auch Papst Johannes Paul II. (Dies Domini, 1998). Es steht außer Frage, dass seitens der römisch-katholischen Kirche eine Verschiebung und Ersetzung des Sabbats propagiert wird.
Eine umfassende katholische Zitatsammlung zum Thema befindet sich auf einer Unterseite.








