Der Zustand der Toten
Relevanz des Themas

Was passiert nach dem Tod? Die Vorstellungen vom Zustand der Toten sind so vielfältig wie die Kulturen der Menschheit. Die alten Ägypter kannten ein göttliches Gericht und ein Weiterleben im Reich des Osiris. In der nordischen Mythologie erwartete tapfere Krieger das festliche Walhall, während andere in das düstere Helheim gingen.
Viele indigene Traditionen verehren die Toten als schützende Ahnen, die mit den Lebenden verbunden bleiben. Im Hinduismus und Buddhismus ist der Tod ein Übergang im Kreislauf der Wiedergeburt (Samsara), angetrieben vom Karma. Die alten Griechen fürchteten den schattenhaften Hades, und in einigen modernen, säkularen Gesellschaften gilt der Tod als das endgültige Erlöschen des Bewusstseins.
Die Frage, was nach dem Tod passiert, betrifft alle Menschen. Es gibt jedoch bestimmte Gruppen, für die das Thema „Zustand der Toten“ von besonderer Relevanz ist. In diesem Artikel wird vertreten, dass die Toten in einem Zustand der Bewusstlosigkeit verharren, und dies hat für folgende Gruppen besondere Implikationen:
- Geisterbeschwörer/Medien: Viele Menschen glauben, Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen zu können. Sollten die Toten jedoch bewusstlos sein, wäre eine solche Kontaktaufnahme kaum möglich. Sofern Medien tatsächlich auf übernatürlichem Weg Informationen erhalten, könnten ihre wahren Quellen kritisch hinterfragt werden.
- Glaübige, die Gebete an Verstorbene (z. B. Heilige) richten: Wenn Verstorbene tatsächlich in einem Bewusstseinsausschaltzustand ruhen, wären Fürbitten an sie wirkungslos und blieben unerhört.
- Trauernde, die mehr als die Hoffnung auf die Auferstehung brauchen: Kritiker des „Seelenschlafs“ argumentieren, ein bewusstloser Zustand biete keinen echten Trost. Erst die Vorstellung, der Verstorbene sei jetzt schon bei Christus und sehe ihn, vermittele „mütterliche Wärme“. Auch tröstende Worte am Grab wie „Jetzt blickt er/sie auf uns herab…“ müssten entfallen, wenn die Toten tatsächlich nicht bei Bewusstsein sind.
- Jene, denen es einfach um die Wahrheit geht: Natürlich kann jeder Irrtum ein Fallstrick sein. Das Streben nach Erkenntnis ist wichtig, darf aber nicht in Überheblichkeit umschlagen oder anderen aufgezwungen werden.
Der Tod in der Bibel
| “Denn wir wissen, dass der, der den Herrn Jesus auferweckt hat, wird uns auch auferwecken mit Jesus und wird uns vor sich stellen samt euch.” (2Kor 4, 14) |
In der Bibel wird der Tod vielfach mit Schlaf verglichen, und zahlreiche Stellen versichern, dass alle Menschen einst aus diesem „Todesschlaf“ auferweckt werden. Die Auferstehung der Toten war bereits im Judentum und in der frühen Kirche umstritten. Paulus schreibt dazu:
“Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.
Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen.
Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen.” (1Kor 15,12–19)
Für Paulus steht fest, dass es eine Auferstehung der Toten geben wird. Aber wann ist dieser Tag?
Wann ist der Jüngste Tag?
“Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tage.” (Joh 6,40 – Elberfelder)
“Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.” (Joh 6,44)
Wie diese Texte zeigen, sollen alle Entschlafenen, die an Jesus glauben, am „Jüngsten Tage“ auferweckt werden. Doch wann ist dieser Tag? Ist es der Tag, an dem man stirbt?
Wir lesen dazu, in Johannes 11 den Bericht über die Auferweckung des Lazarus. Jesus ist mit seinen Jüngern vier Tage, nachdem Lazarus begraben worden war, zu Maria und Marta gekommen.
“Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage.” (Joh 11,23–24)
Hier wird deutlich, dass der Jüngste Tag in der Zukunft liegt – auch für Lazarus, der bereits vier Tage begraben war. Alle Gläubigen erhalten ihren Lohn erst an diesem einen Tag, nicht an ihrem individuellen Todestag:
“Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten. Hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.” (2Tim 4,7–8)
| Der „Jüngste Tag“ ist nicht der Tag, an dem man stirbt! |
Alle Gläubigen bekommen ihren Lohn (vgl. 1.Tim 6,12) an einem Tag, also nicht jeder an seinem jeweiligen Todestag! So ist es nicht verwunderlich, dass die Bibel nur von einer einzigen Auferstehung der Gläubigen (1Kor 15,51–53; Offb 20,4–6; Dan 12,13, Joh 11,23–24) spricht. Sowohl gute als auch böse Menschen erhalten ihren Lohn erst nachdem Jesus auf die Erde wiederkommt – dieser Tag ist der Jüngste Tag:
“Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.” (Mt 16,27)
“Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind.” (Offb 22,12)
Der Prophet Daniel sollte bis ans Ende der Tage ruhen, um erst dann aufzuerstehen. Der Psalmist wird Gottes Antlitz erst sehen, wenn er (aus dem Todesschlaf) erwacht:
“Du aber, Daniel, geh hin, bis das Ende kommt, und ruhe, bis du auferstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!” (Dan 12,13)
“Ich aber will schauen dein Antlitz in Gerechtigkeit, ich will satt werden, wenn ich erwache, an deinem Bilde.” (Ps 17,15)
Hiob schreibt sogar, dass der Mensch nicht erwacht, solange der Himmel bleibt (also auch am Ende der Tage):
“so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.” (Hiob 14,12)
Auch David, ein Freund Gottes, ist viele Jahrhunderte später immer noch nicht in den Himmel aufgefahren, sondern ruht in seinem Grab:
“Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden von dem Erzvater David. Er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf diesen Tag. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren; sondern er sagt selbst (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.«” (Apg 2,29.34–35)
In vielen christlichen Kreisen ist die Idee verbreitet, dass Jesus nach oder bei seiner Auferstehung die “Seelen” der verstorbenen gläubigen Menschen aus dem Totenreich mit in den Himmel genommen hat. Dem ist nicht so, denn Petrus sagt, dass David nicht gen Himmel aufgefahren ist. Davon abgesehen, berichtet die Bibel nichts davon.
Jesu Wiederkunft
Jesus hat seinen Nachfolgern Wohnungen im Himmel verheißen. Würden die Gläubigen unmittelbar nach ihrem Tod in diese himmlischen Räume eintreten, müsste Christus sie dort nicht erst abholen. Im Johannesevangelium aber heißt es:
“Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, würde ich euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin.” (Joh 14,2–3)
| Wir treffen den Herren erst bei der Wiederkunft, wenn er kommt, seine Treuen zu sich zu holen! |
„Wohnungen“ kann kein Synonym für „beim Herren Jesus“ sein. Es betrifft etwas, was Vorbereitung bedarf und erst den Gläubigen zur Verfügung steht, wenn Christus kommt, um die Gläubigen zu sich zu nehmen.
Ähnlich Paulus: Weder die Entschlafenen noch die bei seiner Ankunft noch Lebenden erhalten einen Vorteil. Beide Gruppen werden zeitgleich mit Christus vereint:
“Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, dass wir, die wir leben und übrig bleiben bis zum Kommen des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Ruf ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und die Toten werden in Christus auferstehen zuerst. Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft. Und so werden wir beim Herrn sein allezeit.” (1Thes 4,15–17, Luther 2017)
Jesu Wiederkunft, die Auferstehung der Toten und die Verwandlung der lebenden Gläubigen bilden eine untrennbare, zeitliche Einheit..
Zwischenergebnis Tod
- Verstorbene Gläubige befinden sich bis zur Wiederkunft Christi nicht im Himmel.
- Erst mit seinem Kommen werden alle Verstorbenen und die noch Lebenden zugleich in seine Gegenwart entrückt.
Die These, dass gläubige Menschen unmittelbar nach dem Tod „in den Himmel“ gelangen, steht im Widerspruch zu den obigen Bibelstellen. Frage: Wo sind die Gläubigen zwischen Tod und Wiederkunft?
Eine unsterbliche Seele?

In der allgemeinen Diskussion zum Zwischenzustand spricht man oft von der „unsterblichen Seele“ – einem nichtkörperlichen Anteil des Menschen, der unabhängig vom Leib weiterexistiert. Dieses Bild entspricht jedoch nicht dem biblischen Verständnis.
Die Seele in der Bibel
Ein Problem dabei besteht darin, dass – biblisch gesehen – die Seele nicht das ist, was man volkstümlich darunter versteht. Jeder kennt Darstellungen, auf denen sich die Seele im Moment des Todes vom Körper trennt. Wie sieht das die Bibel?
Die eigentliche Bedeutung des Wortes Seele wird bereits auf den ersten Seiten der Bibel aufgezeigt:
“Da bildete Gott, der HERR, den Menschen, <aus> Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele” (1Mo 2,7 – Elberfelder)
Gott hat dem Menschen keine Seele gegeben, sondern der Mensch wurde eine Seele, nachdem Gott seinen Atem (Odem) in die Nase des Menschen hineinblies. “Seele” ist in der Bibel eine Bezeichnung nicht nur für den Menschen, sondern auch für Vieh (4Mo 31,28; Offb 16,3 – jeweils Elberfelder). Sie entspricht nicht der “unsterblichen Seele” etwa im Sinne der katholischen bzw. evangelischen Theologie, denn die Seelen in der Bibel können essen und trinken, haben Hunger, ja können sogar sterben (nach Elberfelder):
“Eine gute Botschaft aus fernen Landen ist wie kalt Wasser einer durstigen Seele.” (Spr 25,25)
“Faulheit versenkt in tiefen Schlaf, und eine lässige Seele wird hungern.” (Spr 19,15)
“Und welche Seele essen wird von dem Fleisch des Dankopfers, das dem HERRN zugehört, und hat eine Unreinheit an sich, die wird ausgerottet werden von ihrem Volk.” (3Mo 7,20)
“Und sie schlugen alle Seelen, die darin waren, mit der Schärfe des Schwerts und verbannten sie, und er ließ nichts übrig bleiben, das Odem hatte, und verbrannte Hazor mit Feuer.” (Jos 11,11)
“Denn siehe, alle Seelen sind mein; des Vaters Seele ist sowohl mein als des Sohnes Seele. Welche Seele sündigt, die soll sterben.” (ELB, Hes 18,4)
“Wo ist jemand, der da lebt und den Tod nicht sähe? Der seine Seele errette aus des Todes Hand?” (Ps 89,48)
“Seele” bezeichnet hier offenbar schlichtweg ein “lebendiges Wesen” (siehe 1Mo 6,17; 1Mo 7,22). Solche Wesen bestehen laut 1Mo 2,7 aus dem Staub der Erde und dem Atem (bzw. Odem) Gottes. Wenn ein Mensch oder ein Tier stirbt, dann zerfällt diese Einheit wieder, d. h. der Odem kehrt zu Gott zurück und der Körper zerfällt zu Staub.
“Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.” (Ps 104,29)
“Und nach diesen Geschichten wurde der Sohn seiner Hauswirtin krank, und seine Krankheit wurde so schwer, dass kein Odem mehr in ihm blieb.” (1Kö 17,17)
Besonders die alttestamentlichen Texte widersprechen der volkstümlichen Seelenlehre. Es ist dabei anzumerken, dass die Texte es nicht erlauben, den Odem (also eigentlich nach 1Mo 2,7 nur einen Teil der Seele) als die “unsterbliche Seele des Menschen” zu interpretieren, denn der Odem scheint eher eine Kraft bzw. eine Lebensenergie zu sein:
“Und wie kann der Knecht dieses meines Herrn mit diesem meinem Herrn reden? Und ich – von nun an bleibt keine Kraft mehr in mir, und kein Odem ist in mir übrig.” (Dan 10,17)
“Denn das Geschick der Menschenkinder und das Geschick des Viehs – sie haben ja ein [und dasselbe] Geschick – [ist dies]: wie diese sterben, so stirbt jenes, und einen Odem haben sie alle. Und einen Vorzug des Menschen vor dem Vieh gibt es nicht, denn alles ist Nichtigkeit. Alles geht an einen Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück.” (Pred 3,19–20 – Elberfelder)
Auch im Buch Hesekiel, Kapitel 37, wird von einem Odem gesprochen, der Menschen wiederbelebt:
“Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem, weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Odem: So spricht der Herr, HERR: Komm von den vier Winden her, du Odem, und hauche diese Erschlagenen an, dass sie [wieder] lebendig werden! Da weissagte ich, wie er mir befohlen hatte; und der Odem kam in sie, und sie wurden [wieder] lebendig und standen auf ihren Füßen, ein sehr, sehr großes Heer.” (Hes 37,9–10 – Elberfelder)
Die meisten Bibelübersetzungen geben den Vers 7 aus Prediger 12 folgendermaßen wieder:
“Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat.”
Die hebräischen Wörter für Geist, Odem und Seele
Das hebräische Wort ruach, das in manchen Bibelstellen mit „Geist“ übersetzt wird, erweckt den Eindruck, die „Seele“ gehe nach dem Tod zu Gott. An anderer Stelle (z. B. 1 Mo 7,22) wird dasselbe Wort jedoch im Sinne von „Odem“ wiedergegeben. Während die übrigen Übersetzungen von ruach im Zusammenhang mit sterbenden Menschen das Bild eines gottgegebenen Atems vermitteln, wich man an einigen Stellen bewusst von dieser Lesart ab und gab ruach stattdessen als „Geist“ wieder.
Betrachtet man den hebräischen Parallelismus in Hiob 27,3, wird deutlich, dass mit ruach im Blick auf das Leben des Menschen jene göttliche Lebenskraft gemeint ist, die Gott bei der Erschaffung einhauchte. (Im Parallelismus wiederholt der Schriftsteller einen Gedanken in veränderter Form, statt Reime zu verwenden). In Hiob 27,3 heißt es:
“solange noch mein Odem [neshamah] in mir ist und der Hauch von Gott [ruach] in meiner Nase”
Hier setzt der Parallelismus neshamah und ruach gleich. Demnach kann man ruach in Prediger 12,7 nicht pauschal als „Geist“ im Sinne einer unsterblichen Seelenkomponente verstehen, sondern sollte die Übersetzung „Odem“ oder „Lebensatem“ vorziehen. Neben der Bedeutung „lebendiges Wesen“ hat das Wort „Seele“ in der Bibel noch weitere Nuancen. So wird etwa Blut als „Seele“ bezeichnet:
“Denn [was] die Seele alles Fleisches [betrifft]: sein Blut, das ist seine Seele, – und ich habe zu den Söhnen Israel gesagt: Das Blut irgendwelches Fleisches sollt ihr nicht essen, denn die Seele alles Fleisches ist sein Blut; jeder, der es isst, soll ausgerottet werden.” (3Mo 17,14)
Berücksichtigung der griechischen Wörter im NT und der LXX
Je nachdem, ob ein Text im Alten oder Neuen Testament steht, begegnen wir im Urtext entweder näphäsch bzw. nephesh (hebräisch) oder psychē (griechisch). Vergleicht man die Hebräische Bibel mit der Septuaginta (LXX) und das AT mit dem NT, zeigt sich, dass diese Wörter ein weites Bedeutungsfeld abdecken. Im Folgenden eine grobe Gliederung anhand exemplarischer Bibelstellen:
1. Ein Lebewesen
Psychē/nephesh bezeichnen die Lebewesen in ihrer Gesamtheit. Das gilt nicht nur für das hebräische Wort nephesh, sondern auch für das griechische Wort psychē, wie folgende Texte zeigen:
“Wie geschrieben steht: Der erste Mensch, Adam, »wurde zu einem lebendigen Wesen [psychē]«, und der letzte Adam zum Geist, der lebendig macht.” (1Kor 15,45)
“und will sagen zu meiner Seele [psychē – hier als Fürwort ‘mir’]: Liebe Seele [psychē], du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!” (Lk 12,19)
2. Das Leben (Lebenskraft, Blut – im übertragenen Sinn als Lebensträger)
Relativ häufig werden psychē und näphäsch als Leben übersetzt (z. B. Ri 12,3; 1Sam 19,5; 20,1; 28,21) oder im NT:
“Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben [psychē]für die Schafe.” (Joh 10,11).
Entsprechend auch in Johannes 13,37 und Matthäus 6,25. Besonders interessant ist Markus 8,35; (bzw. Mt 10,39; Lk 17, 33 ): “Denn wer sein Leben [psychē] erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben [psychē] verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.”
In dieser Aussage zeigt sich, dass sich psychē sowohl auf das irdische als auch auf das ewige Leben beziehen kann. Dies ist auch der Schlüssel zu folgenden missverständlichen Bibelstellen:
“Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele [psychē]nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele [psychē]verderben kann in der Hölle [gehenna].” (Mt 10,28)
Dieser Text kann frei übersetzt werden mit: “Fürchtet euch nicht vor den Menschen, die euren Körper töten, aber euch nicht das ewige Leben nehmen können. Fürchtet aber Gott, der im Gerichtsfeuer beides zunichte machen kann.”
Dieser Text soll später ausführlicher diskutiert werden (siehe Die unsterbliche Seele des Menschen (Mt 28,10)).
3. Die Psyche (Gemüt, das Innere des Menschen, Sitz der Empfindungen)
Ein typisches Beispiel aus dem AT befindet sich in den Psalmen: “… mein Herz [näphäsch] vor dem Herrn ausschütten.” (Ps 42,5) oder im Buch Hiob: “Jetzt aber zerfließt meine Seele [näphäsch] in mir.” (Hiob 30,16).
Auch im Neuen Testament gibt es zahlreiche Stellen, an denen Seele gemäß dieser dritten Kategorie verstanden werden kann, z. B. Mt 26,38, Lk 2,35 oder Apg 14,22.
Eindrucksvoll ist auch 2Petr 2,8, wo es heißt, dass Lots gerechte Seele durch die bösen Werke der Bewohner Sodoms gequält wurde. Auch hier wurde Lot nicht äußerlich misshandelt, sondern litt innerlich.
Die Bedeutung von psychē überschneidet sich hier mit dem Bedeutungsfeld von ‘Geist’ (griech. pneuma), d. h. dieses Wort wird z. T. ähnlich wie psychē verwendet.
Die Bibel kennt keine „Seele“ als selbstständige, unsterbliche Einheit, losgelöst vom Leib und von Gottes lebensspendendem Odem. „Seele“ (nephesh/psychē) bezeichnet immer den Menschen oder das Lebewesen als Ganzes oder dessen innerstes Empfinden. Der hebräische Odem (ruach) und der griechische Pneuma (Geist) sind eher als göttlicher Lebenshauch zu verstehen, nicht als ein nach dem Tod selbstständig fortexistierendes Seelenprinzip. Dass Körper, Odem („Geist“) und Seele nicht getrennt überdauern, bekräftigt auch das Neue Testament in 1Thess 5,23:
“Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt, untadelig für die Ankunft unseres Herrn Jesus Christus.”.
Alle Teile des Menschen sind für die Errettung untadelig und rein zu bewahren. Sie bilden eine Einheit, die nicht teilweise vernachlässigt werden sollte. Daher ist ein Christ auch verpflichtet, darauf zu achten, wie er mit seinem Körper umgeht, der auch Tempel des Heiligen Geistes genannt wird (1Kor 3,16).
Unsterblichkeit
Obwohl die meisten biblischen Aussagen zum Zustand der Toten recht eindeutig sind, hält sich der Glaube an eine „unsterbliche Seele“ hartnäckig.
Das deutsche Wort „Seele“ (in der Lutherbibel) wird zwar über 1 600-mal verwendet, doch nie in Verbindung mit dem Attribut „unsterblich“. Dabei sagt Paulus unmissverständlich, dass Gott allein unsterblich ist (vgl. 1 Timotheus 6,15–16).
Gelegentlich wird eingewandt, Engel seien unsterblich und Menschen hätten von Natur her ebenfalls eine Gott verliehene Unsterblichkeit. Genauso seien alle Menschen – auch die nicht erlösten – unsterblich und müssten daher bis in alle Ewigkeit weiter existieren. Dabei wird aber übersehen, dass die biblische Lehre genau entgegengesetzt verläuft: Unsterblichkeit wird den Gläubigen erst bei Christi Wiederkunft zugesagt und verliehen. Außerdem wird übersehen, dass eine verliehene Unsterblichkeit auch wieder entzogen werden kann.
Von der Unsterblichkeit des Menschen wird nur im Zusammenhang mit der Wiederkunft Christi geschrieben.
“Und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen, unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche anziehen wird die Unverweslichkeit und dies Sterbliche anziehen wird die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht (Jesaja 25,8; Hosea 13,14): »Der Tod ist verschlungen vom Sieg.” (1Kor 15,52–54)
Zur weiteren Diskussion siehe: Die unsterbliche Seele des Menschen (Mt 28,10) und Versuche eine gewisse Seelenlehre mit der Bibel zu begründen.
Zwischenergebnis Seele
| “Seele” bezeichnet keinen autonomen Teil des Menschen, sondern ist untrennbar mit dem ganzen Menschen verbunden. |
In Hebräisch und Griechisch bezeichnet „Seele“ den belebten Menschen als Einheit von Leib und Odem/Gotteshauch.
– Entzieht Gott dem Menschen den Lebensodem, versiegt sein Leben und der Leib kehrt zum Staub zurück.
– Weder OT noch NT kennen eine autonome, unsterbliche Seelenkomponente, die selbstständig weiterexistiert.
– Unsterblich ist allein Gott (1 Timotheus 6,16); eine bleibende Lebensfähigkeit für Menschen wird biblisch erst bei der Auferstehung und Wiederkunft Christi verkündet. Der weit verbreitete Glaube an eine unsterbliche Seele fußt damit nicht auf den biblischen Texten, sondern auf späteren philosophischen und kirchlichen Traditionen. Mehr dazu siehe: Falsche Argumente für eine ewige Hölle und falsche Schlussfolgerungen.
Das harmonische Bild der Bibel
Der Todesschlaf
| Die Bibel vergleicht den Tod mit einem Schlaf. |
“Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.” (Dan 12,2)
“Wir wollen euch aber, liebe Brüder, nicht im Ungewissen lassen über die, die entschlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die andern, die keine Hoffnung haben.”(1Thess 4,13)
“Das sagte er [Jesus], und danach spricht er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, ihn aufzuwecken. Da sprachen seine Jünger: Herr, wenn er schläft, wird’s besser mit ihm. Jesus aber sprach von seinem Tode; sie meinten aber, er rede vom leiblichen Schlaf. Da sagte es ihnen Jesus frei heraus: Lazarus ist gestorben.” (Joh 11,11–14 – Elberfelder)
“Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die, die entschlafen sind, durch Jesus mit ihm einherführen.” (1Thess 4,14)
Die Bewusstlosigkeit
Wie ist dieser „Schlaf“ der Toten zu verstehen? Bezieht er sich allein auf das Ruhen des Leibes, oder meint er einen vollen Bewusstseinsverlust? Ein genauer Blick auf die Schrift ergibt:
- Die Toten sehen nicht, was auf der Welt passiert!
- “Darum will ich [Gott] dich [Josia] zu deinen Vätern versammeln, damit du mit Frieden in dein Grab kommst und deine Augen nicht sehen all das Unheil, das ich über diese Stätte bringen will. Und sie sagten es dem König wieder.” (2Kö 22,20)
- “Ich sprach: Nun muss ich zu des Totenreiches Pforten fahren in der Mitte meines Lebens, da ich doch gedachte, noch länger zu leben. Ich sprach: Nun werde ich den HERRN nicht mehr schauen im Lande der Lebendigen, nun werde ich die Menschen nicht mehr sehen mit denen, die auf der Welt sind.” (Jes 38,10.11)
- Die Toten gedenken Gott nicht und loben ihn nicht mehr! Sie sind still!
- “Denn im Tode gedenkt man deiner [gemeint ist Gott] nicht; wer wird dir bei den Toten danken?” (Ps 6,6)
- “Denn die Toten loben dich nicht, und der Tod rühmt dich nicht, und die in die Grube fahren, warten nicht auf deine Treue; sondern allein, die da leben, loben dich so wie ich heute. Der Vater macht den Kindern deine Treue kund.” (Jes 38,18.19)
- “Die Toten werden dich, HERR, nicht loben, keiner, der hinunterfährt in die Stille” (Ps 115,17)
- Die Toten hören auf zu handeln, ja sogar zu denken!
- “Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu; denn bei den Toten, zu denen du fährst, gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit.” (Pred 9,5.6.10)
| Der Tod ist mit einem traumlosen Schlaf zu vergleichen, ohne Fühlen, Planen und Denken. |
Tote Menschen sind nicht etwa halbtot, sodass sie zwar körperlich tot, aber geistlich lebendig sind. Ihr Zustand kann mit einem tiefen, traumlosen Schlaf verglichen werden. Sie fühlen nichts, sie planen nichts, sie beten nicht, sie wissen nicht, was auf der Erde passiert, sie denken nicht: Sie sind sich selbst und ihrer Umwelt völlig unbewusst.
Konflikt mit anderen Vorstellungen
Diese Feststellung ist höchst bedeutsam für den Okkultismus und Spiritismus: Dort werden nicht etwa tote Menschen beschworen, sondern Satans Verbündete, die Dämonen! Siehe Beschwörung von Geistern und Todeserfahrungen (1Sam 28).
Es ist verständlich, dass dieses Ergebnis sowohl von Spiritisten als auch von Katholiken negiert wird. Aber auch von anderen Christen wird diese Position abgelehnt. Die Ursache dafür liegt darin, dass es mehrere Bibelstellen gibt, die scheinbar dieser Sicht widersprechen. Einige dieser Bibelstellen werden im Kapitel „Stellungnahme zur Kritik an dieser Auslegung“ ausführlich erörtert.
Typische Entgegnungen auf die hier präsentierte Darstellung lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Der Begriff “Schlaf” bezieht sich nur auf den Körper, nicht auf den geistlichen Zustand.
- Die Schreiber der angegebenen Bibelstellen hatten nur eine beschränkte Einsicht. Insbesondere werden Stellen aus dem Buch Prediger (Kohelet) angegeben, um andere Bibelstellen in demselben Buch zu relativieren.
Die oben angegebenen Bibelstellen zeugen durchaus von einer vollkommenen Inaktivität des toten Menschen: Er sieht nicht, was in der Welt passiert; er denkt nicht an Gott und lobt ihn nicht mehr, sondern ist völlig still; er tut nichts und denkt nichts. Warum sollte sonst eine “Seele” Gott nicht mehr loben, wenn sie bewusst im Jenseits weiterleben würde?
Natürlich haben alle Schreiber der Bibel eine begrenzte Erkenntnis gehabt und der Autor des Buches Prediger neigt zu Extremen und präsentiert oft eine polarisierende Darstellung verschiedener Sachverhalte. Hier muss man bei der Auslegung besonders vorsichtig sein und versuchen herauszuarbeiten, was der Autor sagen will.
So wäre es z. B. falsch, Pred 7,26 absolut zu nehmen und somit Frauenfeindlichkeit und das Zölibat zu proklamieren. Gegen solch eine Auslegung spricht auch Pred 9,9.
Die Aussage in Pred 3,19, in der es heißt: “Der Mensch hat nichts voraus dem Vieh” kann auch nicht wörtlich verstanden werden, da der Mensch nach dem Ebenbild Gottes gemacht wurde. Hier muss also der Kontext berücksichtigt werden. Bei der eben genannten Bibelstelle geht es um Vergänglichkeit (Eitelkeit), also um Gleichheit im Angesicht des Todes.
Auch in Pred 9 geht es um das Sterben. Der Prediger rät, man solle das Leben genießen (Vers 9) und sich “rein” vor Gott halten (Vers 8). Weil mit dem Tod des Menschen sein Schicksal besiegelt ist, greift der Prediger zu diesen deutlichen Worten. Dies ist die primäre Botschaft, die er vermitteln will. Die Worte “bei den Toten … gibt es weder Tun noch Denken, weder Erkenntnis noch Weisheit” könnten eine Überspitzung sein, um die eigentliche Botschaft hervorzuheben. Allerdings passen sie auch wörtlich sehr gut zu den übrigen, oben angeführten Passagen (2Kö 22,20; Jes 38,10.11.18.19; Ps 6,6; 115,17).
An der Stelle sei noch angemerkt, dass es riskant ist, die Bibel gegen sich selbst auszuspielen, bestimmte Texte als nicht inspiriert abzutun oder eine innerbiblische Rangordnung aufzubauen. Immerhin werden viele Texte in den Psalmen als Prophezeiungen auf Jesus hingedeutet. Sollte man gleichzeitig andere Psalmen, wie Psalm 6,6 als weniger inspiriert betrachten oder einfach ignorieren, weil sie keine Prophezeiungen enthalten?
Ergebnis zum Zustand der Toten
- Die Entschlafenen verweilen in einem Zustand völligen Bewusstseinsverlusts, bis Jesus sie bei seiner Wiederkunft auferweckt.
- Da sie nichts wahrnehmen, spielt die Zeit für sie keine Rolle: Ob ein Tag oder tausend Jahre vergehen, bleibt ihnen unbekannt.
Auch Luther vertrat diese Sicht: Der Tod ist „Schlaf“; die Verstorbenen sind „Schläfer“ und ruhen in Christus und nehmen den Ablauf der Zeit bis zur Auferstehung nicht wahr.
In einer Predigt über Lukas 7,11–17 (Der Jüngling zu Nain, 1533) schrieb er:
„… So schlafen sie auf dem Kirchhof viel leiser als ich auf dem Bette; denn mich muß man wohl zehnmal rufen, und ich höre es doch nicht. Sie aber werden erweckt werden durch ein einziges Wort. Wir schlafen also viel fester als die auf dem Kirchhof; denn wenn da der Herr ruft: »Jüngling!« oder: »Lazarus!« oder: »Mägdlein!«, so hören sie es sofort. Vor unsrem Herrgott heißt ihr Zustand also nicht ›Tod‹, sondern nur für uns; vor Gott ist’s ein so leiser Schlaf, daß er nicht leiser sein könnte. Das will er uns einprägen.“ Und: „Wir sollen schlafen, bis er kommt, und an das Gräblein klopft und sagt: ›Doktor Martinus, stehe auf!‹ Dann werde ich in einem Augenblick aufstehen und werde ewig mit ihm fröhlich sein.“
Auch folgende Luther-Texte (zitiert aus dem Lutherlexikon von Kurt Aland, 1957) unterstützen diese Sicht:
„Der Tod in Christus ist wahrhaft nicht ein Tod, sondern ein feiner, süßer, kurzer Schlaf, wo wir ohne diesen Jammer der Sünde und des rechten Todes, ohne Not, Angst und alles Unglück dieses Lebens sicher und ohne alle Sorgen, süß und sanft einen kleinen Augenblick ruhen sollen wie in einem Ruhebettlein, bis die Zeit komme, daß er uns mit allen seinen lieben Kindern zu seiner ewigen Herrlichkeit und Freude aufwecken und rufen wird. Denn weil man den Tod einen Schlaf nennt, so wissen wir, daß wir nicht darin bleiben, sondern wieder aufwachen und leben sollen. Die Zeit, da wir schlafen, kann uns selbst nicht länger scheinen, als wären wir eben erst jetzt diese Stunde entschlafen. Dann werden wir auch uns selbst grämen, daß wir uns vor solchem feinen Schlaf in der Todesstunde entsetzt oder geängstigt haben, und so in einem Augenblick aus dem Grab und der Verwesung lebendig, ganz gesund, frisch, mit reinem, hellem, verklärtem Leib unserem Herrn und Heiland Christus in den Wolken entgegenkommen.“ (WA 22, Seite 402, Zeilen 21–35)
„Sobald die Augen sich schließen, wirst du auferweckt werden. Tausend Jahre werden sein, gleich als wenn du ein halbes Stündchen geschlafen hättest. Gleichwie wir, wenn wir des Nachts den Stundenschlag nicht hören, nicht wissen, wie lange wir geschlafen haben, so sind noch viel mehr im Tode tausend Jahre (schnell) hinweg. Ehe sich einer umsieht, ist er ein schöner Engel.“ (WA 36, Seite 349, Zeilen 8–12)
Luther vermied es, eine philosophische Lehre vom „Seelenschlaf“ dogmatisch festzulegen. In seiner Korrespondenz mit Nikolaus von Amsdorf in den 1520er Jahren des 16. Jahrhunderts erwog er zwar, den Seelenschlaf der Frommen bis zum Jüngsten Gericht anzunehmen. Gleichzeitig betonte er aber, dass diese Überlegung nicht als allgemeingültige, absolute Lehrformel verstanden werden dürfe. Er sah ansonsten einen Widerspruch zum Erscheinen von Mose und Elias auf dem Berg der Verklärung (Mt 17,3) ebenso wie zum Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus (Lk 16,19–31). In den weiteren Ausführungen dieser Ausarbeitung werden wir sehen, dass diese Bedenken nicht begründet sind.
Die Bibel enthält nur wenige direkte Aussagen darüber, was nach dem Tod mit dem Menschen geschieht. Es bleibt offen,
- auf welche Weise Gott den verstorbenen Menschen bei der Auferstehung wiederherstellt,
- wie „das, was den Menschen ausmacht“ bewahrt oder wieder eingespeichert wird.
Diese Fragen dürften für die biblischen Schreiber keine hohe Relevanz gehabt haben. Im Vordergrund standen stets die Hoffnung auf die Auferstehung und die Sehnsucht nach der Wiederkunft Jesu.
Eine kurze Ausführung darüber, wie die falschen Vorstellungen bzgl. des Zustandes der Toten sich historisch entwickelten, ist an anderer Stelle zu lesen. (Siehe “Babylonischer Wein” – “Fegefeuer und Höllenfeuer”)
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