Verteidigung der Ergebnisse 2

Auch gegen die Auslegung, dass die Unerlösten am Ende aufhören zu existieren, werden diverse Bibelstellen als Einwände vorgetragen. In diesem Abschnitt sollen die typischen Einwände diskutiert werden.
Antwort auf typische Einwände
Die unsterbliche Seele des Menschen (Mt 10,28)
“Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle.” (Mt 10,28)
Anhand dieser Bibelstelle versuchen viele, die Existenz einer unsterblichen Seele zu beweisen, die von sich aus unsterblich, d. h. unzerstörbar ist. Wenn die Seele unsterblich sei, dann “lebt” sie auch in der Hölle ewig weiter. Damit hätte man bewiesen, dass Menschen ewig in der Hölle leiden würden.
Die Argumentation wirkt an mehreren Stellen unvollständig und teilweise zirkulär (d. h. aus A folgt B und aus B folgt A. Ein Beispiel: Man versucht etwas zu beweisen, indem man das, was man beweisen will, als (Teil-)Beweis verwendet).
Im Internet findet man folgende Argumentation zur Unsterblichkeit:
Unser Herr hat gesagt: “Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen” (Matthäus 10, 28). Er gebraucht hier ein Wort, das mit Nachdruck bedeutet “etwas ganz und gar töten”. Ein schwacher Mensch mag also den Körper eines anderen umbringen, aber die Seele ist unsterblich und entzieht sich ihm. Doch der Herr hat hinzugefügt: “Fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle.” Hier wechselt Er den Ausdruck und benutzt ein Wort, das bedeutet “etwas hinsichtlich des Zwecks, für den es existiert, verderben oder ruinieren”. Dasselbe Wort wird in Johannes 3, 16 mit “verlorengehen” übersetzt und bezeichnet in Matthäus 9, 17 das Verderben der Schläuche. Wir finden es auch in Matthäus 27, 20, wo die Führer das Volk überreden, um den Barabbas zu bitten, Jesus aber umzubringen. Das alles beweist klar, dass “Verderben” nicht totale Vernichtung bedeutet.
Der ganze Vers zeigt uns erstens, dass die Seele nicht wie der Körper sterblich ist, und zweitens, dass Gott in der Hölle nicht vernichten, sondern den ganzen Menschen – Seele und Leib – verderben wird.
Die Seele ist also unsterblich, denn der Mensch besitzt sie in Verbindung mit dem Geist, den er, wie 1. Mose 2, 7 berichtet, durch Gottes Einhauchen empfangen hat. Indem er so “eine lebendige Seele” wurde, ist er nicht wie die Tiere, die vergehen.
Der Text ist vermutlich eine Übersetzung aus Text dem Werk “Future Punishment: Its Character and Duration” von F. B. Hole, erschienen in “Foundations of the Faith” im Verlag Central Bible Hammond Trust, Wooler, Northumberland, NE71 6SP Great Britain – auch online verfügbar.
Das fragliche Wort hier lautet apoktéino und ist eine Wortkette von apo und ktéino und bedeutet wörtlich “vollends-verwunden”, also töten. In den Wörterbüchern wird es daher mit “jemanden auf die eine oder andere Weise töten”, “umbringen”, “zerstören”, “umkommen”, “jemanden schlachten”, “abtöten”, etc. übersetzt. Die übliche Übersetzung lautet “töten” und tritt im NT 71-mal auf. Die Verwendung dieses Wortes impliziert keine Bedeutung, die über das Wort “töten” hinausgeht.
Die Argumentation wird wie folgt fortgesetzt:
“Ein schwacher Mensch mag also den Körper eines anderen umbringen, aber die Seele ist unsterblich und entzieht sich ihm.”
Die Aussage ist nur teilweise richtig. Es stimmt, dass ein Mensch nur den Körper eines anderen Menschen töten kann, d. h. er kann seine irdische Existenz beenden. Liegt dies aber daran, dass die “Seele” unsterblich ist, oder liegt es daran, dass Gott und nicht der Mensch über das ewige Schicksal der Menschen entscheidet?

Jesus hat seinen Nachfolgern gesagt, dass sie verfolgt und auch getötet werden (Mt 23,34; Lk 11,49). Eben weil die Nachfolge sehr hart sein kann, finden sich auch tröstende Worte in der Bibel. Unmittelbar nach Jesu Worten in Mt 10,28 folgt eine Ermutigung (Mt 10,29–31) aber auch die Aufforderung, sich stets zu Jesus zu bekennen. In diesem Kontext steht der ganze Abschnitt: Fürchtet euch nicht vor den Menschen, denn sie können nur den Körper töten.
Aus Mt 10,28 folgt nicht zwingend, dass Menschen eine unsterbliche Seele besitzen.
Viele Christen, die von der Lehre der ewigen Qual ausgehen, verstehen Mt 10,28 leider primär als Warnung an die Menschen und nicht als Trostwort. So auch M. Basilea Schlink in ihrem Werk Himmel, Hölle, Wirklichkeiten (Evangelische Marienschwesternschaft, Darmstadt):
“…Fürchtet euch aber vor dem, der Macht hat, Leib und Seele zu verdammen in die Hölle, nämlich vor dem heiligen Gott. Wer diese Furcht noch nicht hat, muss sie sich erbitten.”
Diese Deutung lässt sich m. E. durch Kontext und Wortlaut nicht stützen. Sie bildet zudem einen frappierenden Gegensatz zu Johannes’ Worten in 1Joh 4,18: “Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.”
Jesus sagt wenig später: “Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden!” (Mt 10,39). – An dieser Stelle wird für Leben im Grundtext das gleiche Wort benutzt, welches in Mt 10,28 als Seele übersetzt wurde, nämlich psyche. – Heute sagen wir Psyche, und meinen damit die Seele, die Identität, die Persönlichkeit, den Charakter, den Menschen an sich:
Lk 9,25 lesen wir: “Denn welchen Nutzen hätte der Mensch, wenn er die ganze Welt gewönne und verlöre sich selbst (psyche) oder nähme Schaden an sich selbst (psyche)?”
Das griechische Wort bedeutet eigentlich “Atem”, “Hauch”, “Leben(skraft)”, “Sitz der Gefühle”, usw. und entspricht dem hebräischen nephesh. Das Wort “Seele” wird auch für die Beschreibung des ganzen Menschen verwendet (siehe Eine unsterbliche Seele?).
Hier in Mt 10,28 werden “Seele” und Körper (soma) getrennt voneinander erwähnt. Muss das nicht bedeuten, dass hier mit Seele (psyche) etwas Geistliches gemeint ist und sie daher unzerstörbar ist?
Antwort: Diese Annahme findet in der Bibel keine Grundlage. Erstens: Auch wenn hier Seele/psyche etwas bezeichnen sollte, das nicht-materiell ist, macht sie das nicht automatisch unzerstörbar. Engel sind geistliche Wesen, dennoch spricht die Bibel davon, dass Engel vernichtet werden können.Das ergibt sich zumindest, wenn man Ps 82,6–7 und Hes 28,18–19 auf Engel bzw. (typologisch) auf den Widersacher/Satan – traditionell ‘Luzifer’ aus Jes 14,12 – deutet. Diese Auslegung findet sich in Teilen der patristischen Tradition (Kirchenväter) und bei späteren Auslegern wie C. I. Scofield, John MacArthur und Gleason Archer. (Viele Exegeten sehen den Primärsinn weiterhin im historischen König von Tyrus, während andere argumentieren, dass einzelne beschriebene Merkmale schwer ausschließlich auf einen menschlichen Herrscher zu beziehen sind.) Zweitens: Die Bibel lehrt explizit, dass Seelen sterben können (Hes 18,4.20). Drittens: Nur Gott besitzt Unsterblichkeit als Wesensmerkmal (1Tim 6,16) – Der Text ist hier sehr klar formuliert und absolut formuliert. Alle anderen Wesen, ob körperlich oder geistlich, existieren nur, weil und solange Gott sie erhält.
Halten wir die Aussage in Mt 10,28a fest: Ein Mensch kann nur den Körper eines anderen töten – mehr nicht. Der Autor fährt fort mit:
“Doch der Herr hat hinzugefügt: “Fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle.” Hier wechselt Er den Ausdruck und benutzt ein Wort, das bedeutet “etwas hinsichtlich des Zwecks, für den es existiert, verderben oder ruinieren”. Dasselbe Wort wird in Johannes 3, 16 mit “verlorengehen” übersetzt und bezeichnet in Matthäus 9, 17 das Verderben der Schläuche. Wir finden es auch in Matthäus 27, 20, wo die Führer das Volk überreden, um den Barabbas zu bitten, Jesus aber umzubringen. Das alles beweist klar, dass “Verderben” nicht totale Vernichtung bedeutet.”
Im zweiten Teil wird weiter argumentiert: Fürchte nicht die Menschen – fürchtet vielmehr Gott, denn er kann mehr als die Menschen. Er kann den ganzen Menschen (die Seele) “in der Hölle verderben”.
Die These von Hole ist also, dass die Seele unsterblich sei, weil apollymi nur “verderben oder ruinieren” bedeuten würde und nicht töten, wie “apokteino” und auf keinen Fall “vernichten”.
Wiederlegung
Der Ausleger gibt richtig an, dass das Wort apollymi mit verderben, etwas verlieren, verloren gehen (vgl. Lk 15) oder einbüßen übersetzt werden kann. Auch “umbringen” führt der Autor an, worauf ich gleich zu sprechen komme. Gängige NT‑Lexika verzeichnen für apollymi u. a.: “(völlig) zerstören, vernichten; zunichte machen, ins Verderben stürzen, ruinieren, töten, ein Ende machen”. Der Autor berücksichtigt weitere Bedeutungen von apollymi nicht. Warum nicht?
Auch in der LXX wird apollymi für ‘vernichten’ und ‘zerstören’ verwendet, so etwa in:
- Jer 18,7: ‘ein Volk auszureißen und zu vernichten’
- Jer 23,1: ‘die die Herde meiner Weide vernichten’
- 5Mo 8,20: ‘Wie die Heidenvölker, die der HERR vernichtet’
- Hiob 9,22: ‘Es ist eins; darum spreche ich: Er vernichtet Fromme und Gottlose’
- Hiob 12,23: ‘Er macht Völker groß und vernichtet sie’
Diese Belege zeigen eindeutig: apollymi kann und wird auch für eine absolute Vernichtung verwendet, nicht nur für ‚Verderben im Sinne von Ruinierung‘. Die Verwendung zweier verschiedener Wörter (z. B. apoktéino und apollymi ) muss nicht unbedingt bedeuten, dass hier zwei völlig unterschiedliche Dinge gemeint sind. Beide können in zahlreichen Kontexten mit ‘töten/umbringen’ wiedergegeben werden.
Ebenso zeugen folgende Bibelstellen aus dem NT davon, dass mit apollymi bzw. mit dessen grammatikalischen Varianten auch “umbringen” bzw. “töten” im eigentlichen Sinne gemeint sein kann und nicht automatisch „ruinieren“ bedeutet:
- Mt 2,13: “… denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.”
- Mt 12,14: “Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, dass sie ihn umbrächten.”
- 1 Kor 10,9–10; “… Murrt auch nicht, wie etliche von ihnen murrten und wurden umgebracht durch den Verderber.”
- Lk 17,27: “… bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um.”
- 2Pet 3,6: “dadurch wurde damals die Welt in der Sintflut vernichtet (apōleto).”
Besonders das zweite Wort, das angeblich auf keinen Fall “totale Vernichtung” bedeuten kann, wird in der Bibel gerade als Gegensatz zur Unvergänglichkeit verwendet:
“damit euer Glaube als echt und viel kostbarer befunden werde als das vergängliche [apollymi ]Gold, das durchs Feuer geläutert wird, zu Lob, Preis und Ehre, wenn offenbart wird Jesus Christus.” (1Petr 1,7)
“Sie werden vergehen [apollymi ], du aber bleibst. Sie werden alle veralten wie ein Gewand” (Hebr 1,11)
Davon abgesehen steht in Mt 10,28 nicht die Bedeutung von “verderben” im Vordergrund. Die Parallelstelle bei Lukas lautet (nach Elberfelder):
“Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und nach diesen nichts weiter zu tun vermögen! Ich will euch aber sagen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, der nach dem Töten Macht hat, in die Hölle zu werfen; ja, sage ich euch, diesen fürchtet!” (Lk 12,4–5)
Hier ist von “verderben” gar nicht mehr die Rede. Vielmehr wird auch hier der Kontrast zwischen den beschränkten Möglichkeiten der Menschen und der Macht Gottes gezeigt. Gott allein entscheidet über das ewige Schicksal seiner Geschöpfe. Jesus sagt in der Offenbarung von sich:
“Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.” (Offb 1, 18)
Wie kommt der Autor zu der Ansicht, dass das alles klar beweist, dass “Verderben” nicht totale Vernichtung bedeutet? Die Argumentation ist zirkulär: Weil der Mensch eine unsterbliche Seele habe, bedeute “verderben”, “umbringen”, “töten”, usw. nicht “Vernichtung” oder “richtig umbringen”. Da nun die Seele auch in der Hölle nur verdorben und nicht vernichtet werden könne, sei sie unsterblich.
Diese fehlerhafte Argumentation findet man auch in neueren Veröffentlichungen, wie z. B. in “Und die Toten leben doch” von Hans-Jörg Ronsdorf – erschienen bei CLV. Hier heißt es auf S. 205:
“Wenn der Mensch wirklich vernichtet wird, wie kann dann der Rauch seiner Qual und Pein von Ewigkeit zu Ewigkeit aufsteigen (Offb 14,11; 20,10)? Wofür gibt es die Strafe des ewigen Feuers, wenn es niemanden mehr gibt, für den dieses Feuer »brennt« (Jud 7)? Warum ist das Feuer des Gerichts unauslöschlich (Mk 9,43)? Diese Schriftworte machen deutlich, dass Verderben nicht die Bedeutung von Vernichtung haben kann.”
Ronsdrof hat eine bestimmte Auffassung bzgl. der genannten Bibelstellen, über die man trefflich streiten kann. Apollymi darf nicht “vernichten” heißen, weil dann die eigene Auslegung von Jud 7 usw. keinen Sinn macht. Also wird der Mensch “verdorben” und auf keinen Fall völlig ausgelöscht. So wird die eigene Auslegung von Mt 10, 28 und der übrigen Bibelstellen gestützt und die andere Auslegung verworfen. Der Gedankengang wirkt hier von der Ausgangsthese her gesteuert.
Wenn Hole und andere nicht versuchen würden, das, was sie beweisen möchten, durch das zu beweisen, was eigentlich noch zu beweisen ist, dann würde ihnen wohl auch auffallen, dass apollymi auch “töten” und “vernichten” heißen kann. Gott kann – im Gegensatz zum Menschen – den ganzen Menschen (= Seele) in der “Hölle” vernichten, töten, etc., gleich wie ein Mensch einen anderen Menschen ganz umbringen kann. Ferner kann man fragen: Im Rahmen göttlicher Allmacht (1Mo 17,1; Offb 21,22) wäre auch die Vernichtung immaterieller Wesen denkbar. Beachte dazu:
“Siehe, alle Seelen gehören mir; wie die Seele des Vaters, so auch die Seele des Sohnes. Sie gehören mir. Die Seele, die sündigt, sie ⟨allein⟩ soll sterben.” (Hes 18,4 (Elberfelder))
Der Autor schlussfolgert:
“Der ganze Vers zeigt uns erstens, dass die Seele nicht wie der Körper sterblich ist, und zweitens, dass Gott in der Hölle nicht vernichten, sondern den ganzen Menschen – Seele und Leib – verderben wird.”
Dieser Deutung wird im Vers klar widersprochen. Es zeigt sich vielmehr, dass Gott mehr kann als die Menschen. Er kann ihn voll und ganz “apollymi “, verderben, vergehen lassen, vernichten. Auch die anschließende Argumentation von Hole ist mangelhaft:
“Die Seele ist also unsterblich, denn der Mensch besitzt sie in Verbindung mit dem Geist, den er, wie 1. Mose 2,7 berichtet, durch Gottes Einhauchen empfangen hat. Indem er so “eine lebendige Seele” wurde, ist er nicht wie die Tiere, die vergehen.”
Im angegebenen Vers steht:
“Da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens; so wurde der Mensch eine lebende Seele.” (1Mo 2,7, ELB)
In diesem Vers wird gesagt, dass der Mensch aus Erde und dem eingeblasenen Odem zu einer lebendigen Seele wurde. Hier wird nichts über “den Geist” oder die Tiere ausgesagt. Will man darüber etwas sagen, so muss man andere Bibelstellen betrachten. Dort erfährt man z. B., dass der Mensch ohne göttlichen Odem wieder zu Staub wird (Ps 104,29). Man kann sogar die obige Aussage direkt widerlegen, denn es steht geschrieben:
“Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel.” (Pred 3,19)
Diese ist nicht die einzige Bibelstelle, die nahelegt, dass der Mensch von Natur aus sterblich ist. Liest man die Bibel aufmerksam, so erkennt man, dass der Mensch nicht von sich aus lebt, sondern durch Gott bzw. durch Gottes Werke. Schon auf den ersten Seiten der Bibel wird gesagt, dass der Mensch (nach der Sünde) durch den Baum des Lebens ewig leben könne:
“Und Gott, der HERR, sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses. Und nun, dass er nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch noch von dem Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe!” (1Mo 3,22)
Um dieses den gefallenen Menschen zu verwehren, vertrieb ihn Gott aus dem Garten Eden und ließ den Weg zum Baum des Lebens von Engeln bewachen (1Mo 3,24). Wozu, wenn der Mensch von sich aus unsterblich wäre? Das ergibt keinen Sinn!
Ergebnis:
Mt 10,28 lehrt nicht die Existenz einer unsterblichen Seele, die ewig in der Hölle leiden würde. Vielmehr zeigt der Vers:
- Kontextuell: Es ist ein Trostwort für verfolgte Jünger, keine Höllenlehre
- Sprachlich: ‘apollymi ’ kann und bedeutet oft ‘vernichten’ (1Petr 1,7; Hebr 1,11; LXX)
- Theologisch: Nur Gott ist unsterblich (1Tim 6,16), nicht der Mensch
- Biblisch konsistent: Der Mensch wurde vom Baum des Lebens ferngehalten (1Mo 3,22–24), also ist er sterblich
Die Lehre von der totalen Vernichtung erklärt Mt 10,28 widerspruchsfrei: Menschen können nur den Körper töten; Gott kann den ganzen Menschen (Leib und Seele) in der Gehenna völlig vernichten – ein endgültiger, irreversibler Tod.”
Apologetik kompakt: Zwei auf einen Streich? (Joh 3,36)

Genauso mangelhaft wie die obige Auslegung sind die Versuche, die hier angebotene Auslegung zu widerlegen. Statt Argumenten werden rhetorische Mittel zur Unterstützung des eigenen Standpunktes und zur Herabspielung anderer Standpunkte verwendet. So lesen wir (online):
Trotz allen Scharfsinns, der dafür verwandt und verschwendet worden ist, hat man sich doch immer nur zwei Alternativen für die ewige Verdammnis vorstellen können. Die erste lautet, daß auf die eine oder andere Weise schließlich doch alle gerettet würden; diese Lehre ist als „Universalismus“ oder „Allversöhnungslehre“ bekannt. Die andere behauptet, daß der Mensch von Natur gerade so sterbe wie die Tiere, die vergehen, und daß unendliches Sein und ewige Existenz nur die hätten, die von neuem geboren und in Christus seien; diese Lehre ist bekannt als „Annihilationismus“ oder „Vernichtungslehre“ oder als die Lehre von der „bedingten Unsterblichkeit“.
Es ist bedauerlich, dass der Verfasser die unterschiedlichen Lehren nicht klar voneinander abgrenzen kann. Wir lesen weiter:
Nun macht schon ein Vers der Schrift – Johannes 3, 36 – beide Theorien zunichte: „Wer dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen.“ Die Allversöhner meinen, daß auch die Ungläubigen letztlich, wie entfernt dieser Zeitpunkt auch sein mag, doch das Leben sehen werden. Der Herr Jesus erklärt, daß sie es nicht sehen werden, und fügt hinzu:“ sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“ Nach der Vernichtungslehre haben die Ungläubigen dann aufgehört zu bestehen, danach gäbe es nichts, worauf der Zorn Gottes bleiben könne. Nach dem Wort des Herrn werden sie aber noch existieren, und der Zorn wird auf ihnen bleiben, ohne die geringste Hoffnung auf ein Ende dieses Zustands.
Die Argumentation wirkt auf den ersten Blick bestechend elegant: Ein einziger Vers widerlegt angeblich zwei gegensätzliche „Irrlehren“. Doch genau diese Eleganz sollte uns vorsichtig machen. Komplexe theologische Fragen lassen sich selten mit einem einzigen Vers ‘erledigen’ – wie wir gleich sehen werden.
Das gilt auch für die Lehre der ewigen Qual (im Folgenden LdeQ): Sie lässt sich nicht mit einem einzigen Vers beweisen, sondern erfordert eine umfassende Exegese vieler Bibelstellen. Andernfalls hätte man diese ganze Ausführung auf wenige Verse komprimieren können:
„Gott allein ist unsterblich (1Tim 6,15.16) und die Hölle wird nicht ewiglich brennen, da die Bösen zu Asche und Staub werden (Mal 3,19–21) und da es auf der neuen Erde kein Leid und Schmerz geben wird (Offb 21,1f). – Damit wäre alles gesagt! Fertig!“
Wer also mit einem einzigen Vers alle anderen Auslegungen widerlegen will, vereinfacht unzulässig.
Was bedeutet „der Zorn Gottes“?
Bevor wir die Argumentation bewerten, müssen wir klären: Was ist der „Zorn Gottes“ biblisch? Was wissen wir aus der Bibel über „Gottes Gerechtigkeit“? Das sind wichtige Fragen, die bereits in den Exkursen „Zorn Gottes“ und „Gerechtigkeit Gottes“ geklärt worden sind.
Es zeigt sich in der Schrift, dass Gottes Zorn nicht primär eine Emotion ist, sondern stets mit einem Ziel verbunden ist – oft, um den Sünder oder gar ein ganzes Volk wieder zurück auf den rechten Pfad zu führen. Wo dieses nicht mehr möglich war, drohte jedoch auch die Vernichtung, um die übrigen Menschen zu schützen. Entscheidend für uns ist: Führt dieser Zorn am Ende der Zeit zur ewigen Qual oder zur endgültigen Vernichtung? Ohne die ganzen Ausführungen aus den ersten beiden Teilen zu wiederholen, seien exemplarisch zwei Bibelverse genannt:
- Ps 37,20: „Die Gottlosen vergehen, und die Feinde des HERRN sind wie die Pracht der Auen; sie verschwinden, wie Rauch verschwinden sie“ – Ein klares Bild für völlige Vernichtung.
- Nah 1,2–6: „Der HERR ist ein eifernder Gott und ein Rächer… Sein Grimm brennt wie Feuer, und Felsen zerspringen vor ihm. Wer kann vor seinem Grimm bestehen?“ Die Antwort: Niemand – sie werden vernichtet.
Der Zorn Gottes ist also die gerechte Verurteilung, die zur Vernichtung führen kann – nicht ein ewiger Prozess des Quälens.
Der Kontext von Johannes 3,36 widerspricht der Interpretation der ewigen Qual. Betrachten wir den unmittelbaren Zusammenhang:
„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe [apollymi - ἀπόλλυμι], sondern ewiges Leben habe.“ (Johannes 3,16)
Der Gegensatz ist „verloren gehen/vernichtet werden“ vs. „ewiges Leben“. Es ist zu beachten, dass der Tod der Gegensatz vom Leben ist. Der Gegensatz vom ewigen Leben ist der ewige Tod – nicht ein ewiges Weiterleben in einer feurigen Hölle unter unendlichen Qualen.
„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes geglaubt hat.“ (Johannes 3,17–18)
Der Unglaube führt dazu, dass das Todesurteil bereits gefällt ist, noch nicht vollstreckt.
„Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm.“ (Johannes 3,36)
Der Zustand der Verurteilung bleibt bestehen. Johannes verwendet hier eine klare Parallelstruktur:
- Glauben → ewiges Leben
- Nicht glauben → apollymi (verloren gehen, vernichtet werden, Joh 3,16)
- Nicht glauben → „das Leben nicht sehen“ + „Zorn bleibt“ (Joh 3,36)
Beide Aussagen beschreiben dasselbe Schicksal: Die endgültige Vernichtung, das Gegenteil des ewigen Lebens.
Was bedeutet „der Zorn bleibt auf ihm“?
Das griechische Wort für „bleibt“ ist menō (μένω) und bedeutet „bleiben“, „verharren“, „verweilen“, „fortdauern“. Es beschreibt nicht notwendig einen ewigen Zustand, sondern einen anhaltenden Zustand bis zu einem bestimmten Punkt (vgl. Joh 12,46; Joh 15,4; Joh 9,41)
Die Aussage „der Zorn bleibt auf ihm“ bedeutet also: Der Ungläubige verharrt im Zustand der Verurteilung. Das Todesurteil (der Zorn Gottes) ist über ihm gefällt und bleibt bestehen – im Gegensatz zum Gläubigen, bei dem das Urteil durch Christus aufgehoben wurde. Wer also umkehrt, der wird gerettet. Paulus schreibt:
„So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.“ (Röm 8,1)
Die Texte implizieren also nicht, dass die Person ewig existieren muss, sondern dass das Urteil bestehen bleibt, bis es vollstreckt wird – durch den zweiten Tod:
„Und der Tod und die Hölle wurden geworfen in den feurigen Pfuhl. Das ist der zweite Tod.“ (Offb 20,14)
Widerlegt Joh 3,36 wirklich „beide Theorien auf einen Streich“?
Die Argumentation ist prägnant formuliert, überzeugt exegetisch jedoch nicht. Prüfen wir beide Teile der Doppelwiderlegung:
Gegen den Universalismus:
- Die Widerlegung funktioniert: „Wer dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen.“
Die Schrift lehrt klar, dass nicht alle gerettet werden. Der Universalismus widerspricht dieser und vielen anderen Aussagen der Bibel.
Gegen die Vernichtungslehre:
- Die Widerlegung funktioniert nicht, weil sie auf einem Missverständnis beruht:
Der Autor setzt voraus: „Wenn der Zorn auf jemandem bleibt, muss diese Person ewig existieren, damit der Zorn auf ihr bleiben kann.“
Aber wir hatten gesehen, dass es hier um das Todesurteil des Menschen geht – mehr nicht.
Analogie: Wenn ein Richter sagt: „Das Todesurteil bleibt bestehen“, bedeutet das nicht, dass der Verurteilte ewig in der Todeszelle sitzt und ewig hingerichtet wird, sondern dass das Urteil nicht aufgehoben wird und vollstreckt werden wird.
Die Argumentation des Autors verwechselt den Zustand der Verurteilung (der bleibt bis zur Vollstreckung bestehen) mit dem Prozess der Bestrafung (der nicht ewig sein muss).
Ergebnis
Die vermeintliche „Doppelwiderlegung“ von Universalismus und Vernichtungslehre in einem einzigen Vers überzeugt exegetisch nicht.
- „Der Zorn bleibt“ bedeutet nicht „die Person leidet ewig“, sondern „das Urteil bleibt bestehen bis zur Vollstreckung“.
- Der Kontext (Joh 3,16) zeigt: Der Gegensatz ist „ewiges Leben“ vs. „apollymi “ (verloren gehen, vernichtet werden).
- Der biblische Begriff „Zorn Gottes“ führt gemäß zahlreicher Bibelstellen zur Vernichtung (apōleia), nicht zur ewigen Qual.
- Die Parallelstruktur bei Johannes zeigt: Wer nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen – er wird vernichtet.
- Das griechische Wort menō („bleibt“) beschreibt einen fortbestehenden Zustand, nicht notwendig einen ewigen Prozess.
Joh 3,36 widerlegt den Universalismus, aber nicht die Vernichtungslehre. Der Vers ist vollkommen vereinbar mit der Lehre, dass der Ungläubige unter dem Zorn Gottes (dem Todesurteil) bleibt, bis dieses Urteil durch den zweiten Tod vollstreckt wird – die endgültige, totale Vernichtung.
Antwort auf „Spurgeons Einwand“ (Mt 25,46)
„Und diese werden hingehen zur ewigen [aiōnios] Strafe [kolasis], die Gerechten aber in das ewige [aiōnios] Leben [zōē].“ (Mt 25,46)

In beiden Fällen steht das Wort aiōnios (αἰώνιος) im Grundtext. Es kann einen unendlichen Zeitraum oder eine endliche, aber stetige (ununterbrochene) Zeitspanne oder etwas fest Beschlossenes oder Endgültiges beschreiben. Als Beispiele wären der „aiōnios“ Gott (Röm 16,26) und die „aiōnios“ Amtsdauer einiger Cäsaren zu nennen. Dieses wurde bereits den vorigen Teilen der Ausarbeitung ausführlich thematisiert.
Spurgeon argumentierte theologisch für die Gleichwertigkeit von „ewigem Leben“ und „ewiger Strafe“ in Matthäus 25,46. Verschiedene moderne Ausleger zitieren diese Position als Teil seiner Exegese (vgl. Precept Austin: Matthew 25 Commentary – Spurgeon, siehe hier online). Diese genaue Formulierung findet sich jedoch nicht direkt im frei verfügbaren Originalpredigttext. Es ist nicht ganz sicher, ob Spurgeon wirklich so argumentiert hat, aber allgemein wird dieses Argument Spurgeon zugeschrieben:
„Spurgeons Einwand“: Das stärkste Argument für die ewige Qual
Es wird eingewendet, dass das gleiche Wort im gleichen Vers nicht zwei unterschiedliche Bedeutungen haben könne: Wenn die ewige, „aiōnios“, Strafe nur endliche Zeit(alter) (Äonen) dauern würde, dann gälte das gleiche für das „aiōnios“ Leben der Gerechten.
Das vollständiges Argument:
„Der Lohn der Gerechten hält nicht länger an als die Strafe der Bösen. Beides wird von den gleichen heiligen Lippen in dem gleichen Vers als ‘ewig’ bezeichnet (Matth. 25,46). Und wenn die ‘Pein’ nur bestimmte Äonen dauert, dann das ‘Leben’ ebenfalls.“
Dieser Einwand ist eines der stärksten Argumente für die Lehre der ewigen Qual. Auf den ersten Blick erscheint es unwiderlegbar: Wie kann dasselbe Wort im gleichen Vers zwei verschiedene Bedeutungen haben? Wenn aiōnios bei „Leben“ „ewig ohne Ende“ bedeutet, muss es doch auch bei „Strafe“ „ewig ohne Ende“ bedeuten!
Erklärung
Dieser Einwand verdient eine ernsthafte und gründliche Antwort. Wir werden zeigen, dass:
- Aiōnios kann im gleichen Satz unterschiedliche Bedeutungen haben (Röm 16,25–27)
- „Ewige Strafe“ bedeutet nicht „ewiges Bestrafen“ (grammatische Analyse)
- Der biblische Kontext zeigt: Der Gegensatz ist „ewiges Leben“ vs. „Tod/Vernichtung“
- Aiōnios unterstreicht bei „Leben“ und „Strafe“ verschiedene Aspekte
- Die hier vertretene Auslegung ist konsistent mit dem Rest der Schrift
1. Aiōnios kann im gleichen Vers verschiedene Bedeutungen haben
Die Prämisse lautet: „Beides wird von den gleichen heiligen Lippen in dem gleichen Vers als ‘ewig’ bezeichnet. Wenn die Pein nur bestimmte Äonen dauert, dann das Leben ebenfalls.“
Diese Prämisse ist falsch. Es gibt biblische Beispiele, wo aiōnios im gleichen Vers unterschiedliche Bedeutungen hat:
Römer 16,25–27
„Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen[aiōnios] Zeiten verschwiegen war, nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen [aiōnios] Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen.“
Analyse:
„Der ewige Gott“: Gott ist ohne Anfang und ohne Ende – aiōnios bedeutet hier: unendlich, ewig im absoluten Sinne (vgl. 1Tim 6,16: „der allein Unsterblichkeit hat“).
„Ewige Zeiten“: Die Zeiten, in denen das Geheimnis verschwiegen war, können NICHT ohne Anfang und Ende sein. Warum?
- Weil das Geheimnis „nun offenbart“ wurde (Röm 16,26)
- Wenn die „ewigen Zeiten“ ohne Ende wären, könnte das Geheimnis niemals offenbart werden
- Die „ewigen Zeiten“ müssen also ein Ende haben
Schlussfolgerung:
Im gleichen Vers bezieht sich aiōnios:
- Beim ewigen Gott → auf absolute Ewigkeit (ohne Anfang und Ende)
- Bei den „ewigen Zeiten“ → auf eine lange, aber begrenzte Zeitspanne (mit Ende)
Wenn aiōnios im gleichen Vers bei zwei verschiedenen Subjekten unterschiedliche Bedeutungen haben kann (Röm 16,26), warum sollte das in Mt 25,46 nicht möglich sein?
Die entscheidende Frage ist nicht, ob aiōnios immer genau das Gleiche bedeutet, sondern was es im jeweiligen Kontext bei jedem spezifischen Subjekt bedeutet:
- Bei „ewigem Leben“: Endloses, unaufhörliches Leben mit Gott
- Bei „ewiger Strafe“: Endgültige, unwiderrufliche Strafe (der Tod ohne Wiederkehr)
Die Prämisse – „gleiches Wort muss gleiche Bedeutung haben“ – ist damit widerlegt.
2. „Ewige Strafe“ bedeutet nicht „ewiges Bestrafen“
Ein entscheidender Punkt: Die Bibelstelle spricht von einer ewigen Strafe (Substantiv), nicht vom ewigen Bestrafen (Verb). Diese grammatische Struktur ist bedeutsam und zeigt, worauf der Schwerpunkt liegt.
Im Griechischen:
- Mt 25,46: „eis kolasin aiōnion“ (εἰς κόλασιν αἰώνιον) = „zur ewigen Strafe“
- Kolasis (κόλασις) ist ein Substantiv (Bestrafung, Strafe, Züchtigung)
- Aiōnios (αἰώνιος) ist ein Adjektiv (ewig, immerwährend)
- Die Konstruktion: Präposition + Substantiv + Adjektiv
Zum Vergleich – 2. Petrus 2,9:
- „…die Ungerechten aufbewahren, um bestraft zu werden [kolazomenous]“
- Hier steht ein Partizip Präsens Passiv (kolazomenous = „bestraft werdend“)
- Dies betont stärker den Prozess des Bestraftwerdens
Der Unterschied:
- Substantiv (kolasis): Betont primär das Resultat der Bestrafung
- Partizip/Verb (kolazomenous): Betont stärker den Prozess des Bestraftwerdens
Das Muster: Aiōnios + Substantiv in der Schrift
Die Konstruktion aiōnios + Substantiv betont in der biblischen Verwendung typischerweise das endgültige Resultat oder den abgeschlossenen Zustand, nicht primär den andauernden Prozess:
Beispiel 1: „Ewige Erlösung“ (Hebr 9,12)
„Er ist… durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung [aiōnios lytrōsis] erworben.“
- Lytrōsis (λύτρωσις) = Substantiv: Erlösung, Loskauf, Befreiung
- Betont: Eine Erlösung, die endgültig vollbracht ist, nicht rückgängig gemacht werden kann
- Nicht primär: Ein fortlaufender Prozess des „Erlöstwerdens“
Beispiel 2: „Ewiges Heil“ (Hebr 5,9)
„…und ist allen, die ihm gehorsam sind, der Urheber des ewigen Heils [aiōnios sōtēria] geworden“
- Sōtēria (σωτηρία) = Substantiv: Rettung, Heil
- Betont: Ein Heil, das vollständig und endgültig erworben ist
- Nicht primär: Ein andauernder Prozess des „Gerettetwerdens“
Beispiel 3: „Ewiges Gericht“ (Hebr 6,2)
„…von der Auferstehung der Toten und von dem ewigen Gericht [aiōnios krima]“
- Krima (κρίμα) = Substantiv: Urteil, Gerichtsurteil, Verurteilung
- Betont: Ein Gerichtsurteil, das endgültig und unwiderruflich ist
- Nicht primär: Ein fortlaufender Prozess des „Gerichtetwerdens“
Niemand würde behaupten, dass Gottes Gericht als Prozess ewig andauern würde, obwohl es „ewiges Gericht“ genannt wird:
„Darum wollen wir jetzt lassen, was am Anfang über Christus zu lehren ist, und uns zum Vollkommenen wenden; wir wollen nicht abermals den Grund legen mit der Umkehr von den toten Werken, mit dem Glauben an Gott, von der Taufe, von der Lehre, vom Händeauflegen, von der Toten Auferstehung und vom ewigen [aiōnios] Gericht.“ (Hebr 6,1–2)
Beispiel 4: „Ewiger Bund“ (Hebr 13,20)
„Der Gott des Friedens… durch das Blut des ewigen Bundes [aiōnios diathēkē]“
- Diathēkē (διαθήκη) = Substantiv: Bund, Testament, Vereinbarung
- Betont: Ein Bund, der dauerhaft gültig und unauflöslich ist
- Nicht primär: Ein fortlaufender Prozess des „Bund-Schließens“
Anwendung auf Matthäus 25,46
Nach diesem konsistenten Muster betont „ewige Strafe“ [aiōnios kolasis]:
- Primär: Eine Strafe, die endgültig und unwiderruflich ist (der zweite Tod)
- Nicht primär: Ein andauernder, endloser Prozess des Bestraftwerdens
Dies bedeutet nicht, dass ein Substantiv niemals einen Prozess beschreiben kann, sondern dass die grammatische Konstruktion hier den Schwerpunkt auf das Resultat legt, ähnlich wie bei den anderen Beispielen.
Zusammenfassung dieses Punktes
Die grammatische Struktur von Mt 25,46 legt den Schwerpunkt auf:
- Das endgültige, unwiderrufliche Resultat der Bestrafung
- Nicht primär auf den andauernden, endlosen Prozess des Bestraftwerdens
Dies wird gestützt durch:
- Die Verwendung eines Substantivs (kolasis) statt eines Verbs oder Partizips
- Das konsistente Muster anderer aiōnios + Substantiv Konstruktionen (Hebr 9,12; 5,9; 6,2; 13,20)
Fazit: Die grammatische Analyse spricht dafür, dass Mt 25,46 eine endgültige, unwiderrufliche Strafe (den zweiten Tod) beschreibt, nicht notwendig einen endlosen Prozess des Quälens.
3. Der biblische Gegensatz: Leben vs. Tod, nicht Leben vs. ewiges Leiden
Dieser biblische Gegensatz wurde bereits in den Ausführungen zu Johannes 3,16 angesprochen (siehe oben). Dieselben Gedanken gelten auch hier:
Mt 25,46 stellt „ewige Strafe“ und „ewiges Leben“ einander gegenüber. Um diesen Gegensatz richtig zu verstehen, müssen wir fragen: Was ist biblisch gesehen das Gegenteil von „Leben“? Die Schrift zeigt durchgängig, dass der Gegensatz zu „Leben“ nicht „Leben in Qual“ ist, sondern schlicht „Tod“.
In Johannes 3,16 heißt es: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“ Das griechische Wort für „verloren gehen“ ist apollymi (ἀπόλλυμι), das „vernichtet werden“, „zugrunde gehen“ oder „umkommen“ bedeutet. Hier wird „ewiges Leben“ direkt der Vernichtung gegenübergestellt.
Noch deutlicher wird dies in Römer 6,23: „Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“ Der Gegensatz könnte nicht klarer sein: Tod steht gegen Leben.
Dies zeigt sich auch in 2. Thessalonicher 1,9: „Die werden Strafe erleiden, das ewige Verderben, vom Angesicht des Herrn her und von seiner herrlichen Macht.“ Das griechische Wort für „Verderben“ (olethros – ὄλεθρος) bedeutet auch Zerstörung, Vernichtung oder Tod. Der Kontext des Verses beschreibt die Wiederkunft, wenn Jesus mit seinen Engeln kommt (Vers 7). Die Bedränger der Gläubigen (Vers 6) und Ungehorsamen (Vers 8) werden dann ihre Strafe empfangen. Paulus schreibt wenig später folgende Aussage, die inhaltlich sehr gut an 2Thes 1,9 anschließt. Im Kapitel 2 des Briefes heißt es in Vers 8:
“und dann wird der Frevler offenbart werden. Ihn wird der Herr Jesus töten mit dem Hauch seines Mundes und wird ihm ein Ende machen durch seine Erscheinung, wenn er kommt.” (2Thes 2,8)
Auch hier wird bei Jesu Erscheinen, also bei seiner Wiederkunft, ein “Frevler” getötet und ein Ende gemacht. Hier handelt es sich sehr deutlich um ein Töten, Vernichten oder Zerstören und nicht nur um ein „Ruinieren, aber weiterleben lassen“. Es liegt also sehr nahe, dass dieser Gedanke ebenso ein paar Verse zuvor in 2Thes 1,9 zum Ausdruck gebracht werden sollte. Jesu Wiederkunft wird für manche Menschen und auch für Satan und seine Engel tödliche Folgen haben. In der Offenbarung wird er in Kapitel 1, Vers 16 mit einem zweischneidigen Schwert im Mund beschrieben und Offb 19,21 zeigt, wie das Schwert töten kann. Man beachte den Zusammenhang zum tödlichen Hauch Jesu in 2Thes 2,8.
Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: „Ewige Strafe“ in Matthäus 25,46 ist gleichbedeutend mit apollymi mi, mit Tod, mit ewigem Verderben – also mit endgültiger Vernichtung. Der biblische Gegensatz ist nicht „ewiges Leben in Herrlichkeit“ versus „ewiges Leben in Qual“, sondern „ewiges Leben“ versus „ewiger Tod“ als die endgültige, unwiderrufliche Vernichtung.
4. Was aiōnios unterstreicht in Mt 25,46
Bei „ewigem Leben“:
Aiōnios unterstreicht die Endlosigkeit – Leben ohne Ende, unaufhörliche Gemeinschaft mit Gott. Jesus sagt:
„…ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ (Joh 10,28)
Bei „ewiger Strafe“:
Aiōnios unterstreicht die Endgültigkeit und Unwiderruflichkeit – eine Strafe ohne Umkehr, ohne Hoffnung auf Wiederherstellung.
Die Parallelität liegt in der Unumkehrbarkeit: Beide sind endgültig, aber das bedeutet nicht, dass beide gleich lange dauern müssen:
- Das Leben dauert ewig (endloser Prozess)
- Die Strafe ist ewig (endgültiges Ergebnis: der zweite Tod)
Analogie zur Verdeutlichung
Wenn jemand sagt: „Die Ehe ist ewig“ und „Die Scheidung ist ewig“, meint er:
- Ehe: Soll ein andauernder Zustand sein
- Scheidung: Ist ein endgültiges, unwiderrufliches Ereignis
Beide sind „ewig“ in dem Sinne, dass sie nicht rückgängig gemacht werden sollen/können, aber:
- Die Ehe ist ein fortdauernder Zustand
- Die Scheidung ist ein abgeschlossenes Ereignis
Ebenso:
- Ewiges Leben: Fortdauernder Zustand
- Ewige Strafe: Endgültiges, unwiderrufliches Ereignis (der Tod ohne Wiederkehr)
5. Konsistenz mit der gesamten Schrift
Mt 25,46 ist nicht die einzige Textstelle, in der das Wort aiōnios zwei verschiedene Bedeutungen innerhalb des gleichen Satzes haben kann. In Röm 16,25–27 (siehe oben) ist dies eindeutig der Fall.
Außerdem zeigt die gesamte biblische Lehre über Tod und Auferstehung:
- Nur Gott ist unsterblich (1Tim 6,16)
- Der Mensch ist sterblich (1Mo 3,22–24; Pred 3,19)
- Die Sünde führt zum Tod (Röm 6,23)
- Die Gottlosen werden vernichtet (Ps 37,20; Mal 4,1–3)
- Der zweite Tod ist das Ende der Gottlosen (Offb 20,14; 21,8)
Zusammenfassung: Warum der Einwand nicht trägt
Das Argument lautete: „Wenn die Pein nur bestimmte Äonen dauert, dann das Leben ebenfalls, bzw. wenn das Leben ewig dauert, dann die Strafe (im Sinne von fotlaufend Betrafen) auch.
Wir haben gezeigt:
- Die Prämisse ist falsch: Aiōnios kann im gleichen Vers unterschiedliche Bedeutungen haben (Röm 16,25–27: „ewiger Gott“ vs. „ewige Zeiten“). Die Bedeutung hängt vom jeweiligen Subjekt und Kontext ab.
- Die Grammatik spricht dagegen: „Ewige Strafe“ (Substantiv) muss von „ewiges Bestrafen“ (Prozess) unterschieden werden. Klare Fälle:
- „Ewige Erlösung“ (Hebr 9,12)
- „Ewiges Heil“ (Hebr 5,9)
- „Ewiges Gericht“ (Hebr 6,2)
- „Ewiger Bund“ (Hebr 13,20)
- → Alles endgültige Resultate, keine andauernden Prozesse. Das gilt in Mt 25,46 ebenso.
- Der biblische Kontext zeigt: Der Gegensatz zu „ewigem Leben“ ist nicht „ewiges Leben in Qual“, sondern „Tod/Vernichtung“ (vlg. Joh 3,16; Röm 6,23; 2Thes 1,9).
- Aiōnios unterstreicht Verschiedenes: Bei Leben: Endlosigkeit (fortdauernder Zustand) und bei Strafe: Endgültigkeit (unwiderrufliches Resultat).
- Die konsistente Auslegung: Die präsentierte Auslegung von Mt 25,46 ist konsistent mit der Lehre der totalen Vernichtung: Die ewige Strafe ist der zweite Tod – endgültig, unwiderruflich, ohne Hoffnung auf Wiederherstellung.
Fazit
Mt 25,46 widerspricht der Lehre der totalen Vernichtung nicht, sondern bestätigt sie: Die Gottlosen gehen zur ewigen Strafe – dem zweiten Tod, der endgültigen Vernichtung, von der es keine Rückkehr gibt. Die Gerechten gehen ins ewige Leben – das endlose, unaufhörliche Leben mit Gott.
Beides ist „ewig“ – das eine als endgültiges, unwiderrufliches Urteil (Tod ohne Wiederkehr), das andere als endloser, unaufhörlicher Zustand (Leben ohne Ende).
Alles eine Frage der Bequemlichkeit?

In dem Buch „Ashamed of the Gospel“, das im Deutschen unter dem Titel „Wenn Salz kraftlos wird – Die Evangelikalen im Zeitalter juckender Ohren“ (CLV) erschienen ist, schreibt John F. MacArthur Jr. über die „benutzerfreundliche Kirche“ unserer Zeit. Dabei greift er u. a. die LdtV an und beruft sich auf Spurgeon, einen der großen Lichter der Kirchengeschichte. Neben einigen guten Argumenten verwendet jedoch auch dieser Verfasser rhetorische Mittel, die im folgenden Zitat unterstrichen werden, und verlässt damit den Weg der sachlichen Diskussion.
„Wohin bringt die Benutzerfreundlichkeit die Kirche?
Die Philosophie der Benutzerfreundlichkeit ist eine scharfe Abwärtskurve auf einem falschen Weg für die Kirche. Ich bin überzeugt, daß der Niedergang von Gottesdienst, Schriftkenntnis und Theologie schließlich zu ganz ernsten lehrmäßigen Kompromissen führen wird. Tatsächlich mag das schon vielfach der Fall sein. Für christliche Leiter, die sich selbst für evangelikal halten, beginnen fundamentale Wahrheiten, wie die Hölle und die menschliche Verdorbenheit, zweifelhaft zu werden. Eine der bekanntesten und noch im Kommen begriffene Bewegung vertritt die Lehre von der »bedingten Unsterblichkeit«, die dem Annihilationismus ähnelt. Dahinter steckt der Gedanke, dass unbekehrte Sünder einfach erlöschen, statt die Ewigkeit in der Hölle zu verbringen. Das passt genau zu der benutzerfreundlichen Philosophie, weil man der Ansicht ist, ein barmherziger Gott könne unmöglich von Ihm geschaffene Wesen der ewigen Qual übergeben.“
Anmerkung: Die LdtV passt viel besser zu einer harmonischen Bibelauslegung. Die Darstellung impliziert, die LdtV sei primär von subjektiven Präferenzen motiviert – nach dem Motto „Was passt? Wonach jucken die Ohren?“.
„Stattdessen löscht Er sie völlig aus. »Bedingte Unsterblichkeit« und Annihilationismus sind keine Erfindungen der Neuzeit. Die Geschichte zeigt aber, daß die meisten Menschen und Bewegungen, die sich dem Annihilationismus verschrieben hatten, nicht bei der rechten Lehre blieben. Die Ewigkeit der Hölle zu leugnen ist gleichbedeutend mit dem Startschuss zum Niedergang. Spurgeon attackierte die »bedingte Unsterblichkeit« als einen der großen Irrtümer des »Down-Grade« des neunzehnten Jahrhunderts. Er sagte, dass jene, die die Ewigkeit der Hölle leugnen, »auch so ziemlich die Hoffnung auf den Himmel beseitigt haben, so wie wir ihn seit langem schon erwarten. Denn gewiss, der Lohn der Gerechten hält nicht länger an als die Strafe der Bösen. Beides wird von den gleichen heiligen Lippen in dem gleichen Vers als ›ewig‹ bezeichnet (Matth. 25,46). Und wenn die ›Pein‹ nur bestimmte Äonen dauert, dann das ›Leben‹ ebenfalls.«„
Anmerkung: Unabhängig von der Zuspitzung ist dies ein gewichtiges Argument! Siehe Antwort auf Spurgeons Einwand (Mt 25,46).
„Die Schrift sagt: »Der Teufel, der sie verführte, wurde in den Feuer und Schwefelsee geworfen, wo sowohl das Tier ist als auch der falsche Prophet; und sie werden Tag und Nacht gepeinigt werden von Ewigkeit zu Ewigkeit« (Offb 20,10). Jesus berichtet von dem reichen Mann: »Und in dem Hades seine Augen aufschlagend, als er in den Qualen war, sieht er Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoße. Und er rief und sprach: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, dass er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und meine Zunge kühle; denn ich leide Pein in dieser Flamme« (Luk. 16,23–24). Und auch das hat Jesus uns gesagt: »Und wenn dein Auge dich ärgert, so wirf es weg. Es ist dir besser, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt« (Mark. 9,47–48). Und Offenbarung 14,11 beschreibt den ewigen Zustand derer, die dem Antichristen während der großen Trübsal gefolgt sind: »Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht, die das Tier und sein Bild anbeten, und wenn jemand das Malzeichen seines Namens annimmt.« Der eifrigste Lehrer über die Hölle war der Herr Jesus selbst. Er hatte mehr darüber zu sagen als alle Evangelisten, Apostel und Propheten in der ganzen Bibel zusammengenommen.“
Anmerkung: Diese Stellen wurden bereits erklärt: Ewig in der Offenbarung; Das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus; Der Wurm, der nicht stirbt.
„Predigt, die Gottes Zorn herunterspielt, bringt das Evangelium nicht zu Ehren, sondern unterminiert es. Das Evangelium verliert völlig seine Dringlichkeit, wenn der Prediger die Wirklichkeit oder den Schrecken des ewigen Gerichtes leugnet. Auch wird die Autorität der Schrift angetastet, wenn so viele der klaren Botschaften Christi geleugnet oder wegdiskutiert werden. Der Ernst der Sünde wird durch solche Predigt herabgesetzt. Und dadurch wird das Evangelium selbst zerrüttet.“
Hier wird deutlich, welche theologische Prämisse der Verfasser stark gewichtet. Der Zorn Gottes, der sich in den Augen des Autors in den ewigen Qualen der Gottlosen zeigt, ist ein Grundpfeiler des Evangeliums. Alles andere wäre ein Beschneiden, Verleugnen, Herabsetzen und Zerrütten der Guten Botschaft – des Evangeliums. Vielleicht ist die LdeQ sogar der Hauptpfeiler des Evangeliums? Es ergeben sich folgende Fragen:
- Was ist der Zorn Gottes? Ewige Qualen der Hölle oder etwas anderes? Siehe Exkurs: Der Zorn Gottes und das Bild Gottes. Beruht die Dringlichkeit des Evangeliums auf den Schrecken der Hölle oder auf dem einmaligen Liebesangebot Gottes? (Einmalig, weil der Mensch sich hier und jetzt für Gott entscheiden muss!)
- Will Gott uns durch Angst und Schrecken zur Buße zwingen oder will er uns durch sein heiliges Wesen von unserer Schuld überzeugen? – Aufzeigen, dass wir seiner Gnade und Erlösung bedürfen? Was ist der Charakter Gottes? Ist Gott ein gnadenloser Rachegott oder ein Gott der Liebe und Gerechtigkeit?
- Setzt die Lehre der totalen Vernichtung den Ernst der Sünde herab? (Nein! Wer allerdings Ausreden und Entschuldigungen sucht, der wird nach jedem Strohhalm greifen. Aber auch die LdtV kennt die Sünde und die Sünde führt zum ewigen Tod.)
- Wird durch die LdtV die Autorität der Heiligen Schrift angetastet? Werden klare Botschaften geleugnet und wegdiskutiert?
Zu den letzten beiden Fragen (Punkt 4) soll deutlich Stellung bezogen werden:
- Die Autorität der Heiligen Schrift: Es stimmt keinesfalls, dass die Autorität der Bibel durch die „Lehre der totalen Vernichtung“ angetastet wird. Das würde der Fall sein, wenn die Schrift, wie z. B. bei der historisch-kritischen Methode, nicht mehr als inspirierte Offenbarung Gottes, sondern lediglich als Meinung gewisser „Autoren“ verstanden wird. Bei der LdtV wird anhand der Schrift argumentiert und in keinerlei Weise geringgeschätzt.
- Klare Botschaften werden geleugnet und wegdiskutiert: Einem mögen manche Bibelstellen wie eine klare Aussage vorkommen, wenn der Zusammenhang, in dem die Aussage eingebettet ist, aus den Augen verloren wird. Bei der Bibelauslegung müssen immer der nähere und der weitere Kontext beachtet werden. Würde man etwa den näheren Kontext von Hiob 1,16 ignorieren, so könnte man behaupten, die Bibel würde ganz klar davon sprechen, dass Gott Hiobs Knechte und Schafe getötet hat. (Dies war natürlich nicht Gottes, sondern Satans Werk, wenn man Hiob 1,12 berücksichtigt.)
Aber auch der weitere Kontext muss beachtet werden. Schon die Apostel haben ihre Aussagen z. T. mit anderen Bibelstellen (aus anderen Büchern und Briefen) belegt. Warum werden bei dem Thema Hölle nicht alle Bibelstellen betrachtet, die mit dem Thema im Zusammenhang stehen?
Wird bei der LdtV alles Unbequeme wegdiskutiert, wie der Verfasser behauptet? Oder wird versucht, die Bibel als Einheit und nicht als Stückwerk auszulegen? Wird nicht vielmehr versucht, eine stimmige Auslegung zu finden, statt Unstimmigkeiten zu ignorieren?
Es wäre wünschenswert, wenn Vertreter der Lehre der ewigen Qualen systematisch auf die genannten Gegenstellen eingingen. Immerhin gibt es einige, die nicht mit ihrer Lehre verträglich sind. Aber das findet kaum statt.
Die Hölle aus der Sicht vieler Christen und ihre Erklärungsversuche
Wie rechtfertigen Vertreter der ewigen Qual ihre Position?

Viele Christen glauben an die Lehre der ewigen Qual, obwohl sie intuitiv ungerecht erscheint: Menschen für endliche Sünde ewig zu quälen, wirkt unverhältnismäßig. Selbst Vertreter dieser Lehre spüren das Problem. Daher finden sich zahlreiche Versuche, die scheinbare Ungerechtigkeit zu erklären oder zu rechtfertigen.
Zwei typische Beschreibungen der Hölle aus evangelikalen Kreisen zeigen, wie die Hölle traditionell verstanden wird:
„Der eine Ort bedeutet ewige Gemeinschaft mit Gott und der andere absolute Abtrennung von Gott. Die Unterschiede sind größer nicht mehr vorstellbar, der eine Platz ist von unbeschreiblicher Herrlichkeit und der andere ein Ort der Finsternis mit nicht vorstellbaren Qualen und Leiden.“ (Werner Gitt, Zeit und Ewigkeit, CLV, Bielefeld, 1999)
„…Und dann entzieht Gott den Menschen, die ihr Leben lang ohne ihn leben wollten, alle Vorzüge seiner Gegenwart. Das Resultat davon nennt die Bibel Hölle…“ (www.nikodemus.net, gelesen 1998)
Beide Zitate sind repräsentativ für die Beschreibung der Hölle in evangelikalen Kreisen. Der Kernpunkt ist dabei die Aussage, die Hölle sei die ewige Trennung von Gott und daher ein Ort der Qual und des Leidens.
Problematisch ist jedoch: Es fehlen konkrete Bibelverweise und eine Diskussion der sich aufdrängenden Fragen. Zum Beispiel:
- Wo definiert die Bibel „Hölle“ als „Abtrennung von Gott“? Die biblischen Begriffe sind „Feuersee“, „zweiter Tod“, „Verderben“ – nicht „Abtrennung“.
- Wie kann jemand von Gott „abgetrennt“ sein und gleichzeitig unter seinem Zorn leiden (Joh 3,36)?
- Warum wird eine „Trennung“ von Gott als „feuriger Pfuhl“ beschrieben?
- Wie passen Bibelstellen, die von Verbrennung und Vernichtung sprechen (Mal 4,1–3), mit dem Konzept „Trennung = Hölle“ zusammen?
Immerhin gibt es verschiedene Erklärungsversuche, die die ewigen Qualen rechtfertigen sollen. Im Folgenden untersuchen wir sechs typische Argumentationsmuster. Dabei zeigt sich: Diese Versuche können die grundlegenden Probleme der Lehre nicht beheben, sondern offenbaren oft weitere Schwierigkeiten.
1. „… weil die Sünde so schlimm ist“
Das Argument
Zu Recht wird bei www.nikodemus.net gefragt, ob es nicht unverhältnismäßig hart sei, „Menschen, die während ihrer Lebenszeit (vielleicht 70 oder 80 Jahre) gottlos gelebt haben, ewig zu bestrafen?“
Die Antwort lautet: Es liegt an einem Missverständnis über „das Ausmaß und das Gewicht, das die Sünde (als Rebellion gegen Gott) eigentlich besitzt“. Wir Menschen könnten nicht ermessen, wie schlecht die Sünde sei, und wir könnten unserem Schöpfer nicht vorschreiben, wie er mit uns vorgehe, wenn wir sein Angebot der Erlösung ausschlagen.
Die Widerlegung
Diese „Erklärung“ ist keine Erklärung, sondern die Argumentation ist in sich widersprüchlich. In Kurzform: Wie können es nicht ermessen, also ist es angemessen. Ausführlicher: „Wir verstehen nicht, wie schlimm Sünde ist → also können wir nicht beurteilen, ob ewige Qual angemessen ist → also ist ewige Qual angemessen.“
Aber genau das steht ja zur Debatte! Man kann nicht die Angemessenheit der Strafe damit begründen, dass man den Sachverhalt nicht ermessen kann.
Dies führt zur logischen Gegenfrage: Wenn wir das Ausmaß der Sünde nicht ermessen können, wie können wir dann das Ausmaß der Strafe beurteilen oder rechtfertigen? Die Argumentation müsste konsequenterweise lauten: „Wir können weder die Schwere der Sünde noch die Angemessenheit der Strafe beurteilen.“ Dann aber dürfte man keine Position zur Hölle vertreten.
Biblisch ist diese Argumentation zudem fragwürdig. Die Bibel lehrt nicht, dass Gottes Wege völlig unergründlich sind, sondern dass seine Gerechtigkeit erkennbar ist:
- 5Mo 32,4: „Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alle seine Wege sind recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.“
- Röm 1,19–20: „Denn was man von Gott erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart. Denn sein unsichtbares Wesen… wird ersehen an seinen Werken.“
- Ps 19,2: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk.“
Nie sollte voreilig darauf verwiesen werden, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind (Jesaja 55,8–9). Gottes Charakter und seine Gerechtigkeit ist nicht völlig unergründlich, sondern kann erkannt werden. Wenn eine Strafe uns als fundamental ungerecht erscheint, sollten wir nicht vorschnell annehmen, wir verstünden Gottes Gerechtigkeit nur nicht – vielleicht ist die Lehre selbst fehlerhaft.
Fazit: Dieses Argument beantwortet die eigentliche Frage nicht, sondern weicht ihr aus.
2. „… weil Gott liebt und hasst“
Das Argument
Ein weiteres Argument lautet:
„Es ist unmöglich, für jemanden tiefe Liebe zu empfinden, wenn man nicht zugleich aus tiefstem Herzen alles hasst, was den Geliebten irgendwie bedroht.“
Weil Gott seine Kinder unermesslich liebt, muss er die Gottlosen hassen und ewig strafen.
Die Widerlegung
Diese Argumentation ist biblisch nur schwer zu belegen. Gott liebt alle Menschen, auch die, welche auf irrigen Wegen wandeln. Er hasst die Gottlosen nicht, sondern will vielmehr, dass sie zur Buße kommen:
- 2Petr 3,9: „Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde.“
- 1Tim 2,4: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“
- Hes 33,11: „So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe.“
Gott hasst die Sünde, mit der er nichts – wirklich gar nichts – gemein hat. Aber seine Haltung uns Menschen gegenüber zeigt, dass uns retten will und uns liebt, obwohl wir oft seine “Feinde” sind. Schließlich würde er sich nicht für die Sünder hingeben, wenn er sie hasste:
Röm 5,8: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“
Zudem: Gottes „Hass“ ist mit der menschlichen Emotion des Hasses kaum zu vergleichen. Gottes Reaktion auf Sünde ist heilig, gerecht und ohne die Irrationalität menschlichen Hasses.
Selbst wenn Gott „hasst“, was die Geliebten bedroht, rechtfertigt das keine unverhältnismäßige Strafe. Ein liebender Vater hasst, was seinen Kindern schadet – aber er würde einen Dieb nicht ewig foltern, selbst wenn dieser sein Kind bestohlen hat. Gerechtigkeit verlangt angemessene, nicht maximale Strafe.
Fazit: Gottes Liebe und Gerechtigkeit rechtfertigen keine ewige Qual.
3. „… Güte Gottes zählt!“
Das Argument
„Für alle Ewigkeit in bewusster Qual in der großen Gefangenenanstalt der Sünde eingekerkert zu sein, wird furchtbar sein; und es ist die Güte Gottes, die uns offen vor den Folgen der Sünde warnt.“
Die Widerlegung
Hier wird der Spieß einfach umgedreht: Nicht die ewige Qual wird hinterfragt. Nein, wir können uns glücklich schätzen, dass uns Gott in seiner Güte offen vor diesen Qualen warnt.
Dies ist keine Antwort auf die Frage, ob ewige Qual gerecht ist. Das verschiebt rhetorisch die Fragestellung, ohne sie zu beantworten
Um die Absurdität zu verdeutlichen: Ein Tyrann kündigt an: „Ich werde jeden, der mir nicht gehorcht, ewig foltern. Aber ich bin gütig, weil ich es euch vorher sage.“ Wäre das Güte? Natürlich nicht! Die Warnung vor einer ungerechten Strafe macht die Strafe nicht gerecht.
Die Frage bleibt: Ist die Strafe selbst gerecht und verhältnismäßig? Darauf gibt dieses „Argument“ keine Antwort.
Alles andere wäre auch für einen Gott der Liebe und Gerechtigkeit indiskutabel, womit die zitierte Aussage zu einer leeren Floskel wird, die die Diskussion in keinerlei Weise erhellt.
Fazit: Dies ist keine Rechtfertigung, sondern eine Ablenkung.
4. „… weil wir es nicht ermessen können“
Das Argument
E. W. Lutzer schreibt in seinem Buch Fünf Minuten nach dem Tod (Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg, 1998, S. 118):
„Wir können die Bedeutung der Sünde nicht ermessen… Die Schuld unserer Sünde ist unendlich, weil wir den Charakter eines unendlichen Wesens verletzt haben, eine Schuld, die niemals beglichen werden kann.“
Die Widerlegung
Allein der erste Satz disqualifiziert bereits den Erklärungsversuch. Wenn wir die Bedeutung der Sünde nicht ermessen können, wie können wir denn das Gericht ermessen oder gar sein Urteil? Die Aussage ist selbstwidersprüchlich.
Die zweite Aussage bleibt eine philosophische Annahme ohne klare biblische Belege. Aus Gottes unendlichem Wesen ließe sich genauso gut ableiten, dass jede menschliche Tat (z.B. ein Mord) im Vergleich mit Gott ihre Bedeutung völlig verliert – so wie eine endliche Zahl geteilt durch „unendlich“ mathematisch gegen null geht.
Warum sollte gelten: „Unendliches Wesen → unendliche Schuld“ und nicht „Unendliches Wesen → endliche Schuld wird relativ unbedeutend“?
Dies ist willkürliche philosophische Spekulation, keine biblische Argumentation. Die Bibel lehrt nirgends, dass Sünde gegen Gott „unendliche Schuld“ erzeugt.
Im Gegenteil, die Bibel lehrt:
- Röm 6,23: „Der Sünde Sold ist der Tod“ – eine endgültige, aber nicht endlose Strafe
- 1Joh 1,9: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt“ – Sünde kann vergeben werden, ist also nicht „niemals zu begleichen“
- Hebr 9,28: Christus „ist einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen“ – ein einmaliges Opfer reicht, um Sünde zu sühnen
Fazit: Die zweite Aussage bleibt eine philosophische Annahme ohne klare biblische Belege.
5. „… um uns zu trösten“
Das Argument
E. W. Lutzer schreibt weiter (Fünf Minuten nach dem Tod, S. 116):
„Was jedoch oft übersehen wird, ist die Tatsache, dass auch das Wissen um die Existenz der Hölle uns trösten kann. Unsere Zeitungen sind voller Vergewaltigungen, Kindesmisshandlungen und Ungerechtigkeiten. Jedes Gerichtsverfahren, das je auf Erden stattgefunden hat, wird wieder aufgerollt werden, jede Handlung und jedes Tatmotiv gründlichst untersucht und eine gerechte Strafe verhängt.“
Die Widerlegung
Es mag gerecht sein, Übeltäter zu bestrafen, doch warum auf ewig? Lutzer mag es für tröstend halten, wenn z.B. ein Vergewaltiger ewig gequält wird, aber ist er sich darüber im Klaren, was „ewig“ bedeutet?
Dieses Argument verwechselt Gerechtigkeit mit Rache. Die Bibel lehrt klar:
Röm 12,19: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“
1Petr 2,23: Jesus „schalt nicht, als er gescholten wurde, drohte nicht, als er litt; er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.“
Echte Gerechtigkeit bedeutet angemessene Strafe, nicht maximale Rache. Wer „Trost“ darin findet, dass ein Vergewaltiger ewig gequält wird, sucht nicht Gerechtigkeit, sondern Vergeltung. Das ist menschlich verständlich, aber nicht biblisch.
In der Debatte um die Todesstrafe fragen Gegner (auch Opfer oder Verwandte von Opfern) oft: Ist es nicht schon schlimm genug, dass ein Mensch sterben musste? Warum soll noch ein weiterer sterben? Diese Frage zeigt: Wahre Gerechtigkeit sucht nicht maximales Leid, sondern angemessene Sühne.
Zudem stellt sich die Frage: Können die Erlösten wirklich in Herrlichkeit leben, während sie wissen, dass Menschen (möglicherweise ihre eigenen Familienmitglieder) ewig gefoltert werden?
Offb 21,4 verheißt: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“
Vertreter der Lehre der ewigen Höllenqualen argumentieren hier teilweise so: Offenbarung 21,4 würde sich ausschließlich auf die Erlösten beziehen und nicht auf das Leiden abseits von Gottes Gegenwart. Die ‘abgewischten Tränen’ beziehen sich demnach auf die verklärte Perspektive der Heiligen und die Anerkennung von Gottes gerechtem Gericht. Mit anderen Worten: Das Leiden und die Tränen, das Geschrei und der Schmerz existieren weiter und für immer – nur eben nicht in der Gegenwart Gottes. Diese Sicht wird in der vorliegenden Ausarbeitung abgelehnt.
- Der universale Anspruch von Offb 21,4–5: „Kein Leid/Schmerz mehr“ und „siehe, ich mache alles neu“ klingen umfassend, nicht auf einen Innenbereich beschränkt.
- Ein solches Vorgehen passt weniger zum Wesen Gottes und seinen Zielen (Hes 33,11; 1 Tim 2,4). Um 1 Kor 15,24–28 („Gott alles in allem“) zu erfüllen, müsste Gott auch der Herr über die Hölle sein. Soll ein Gott der Liebe und des Erbarmens ewig eine Leidenssphäre zu erhalten/beherrschen müssen, wenn doch die völlige Vernichtung für den allmächtigen Gott auch möglich wäre? Was ist mit Gottes Gerechtigkeitsverständnis? Reine, endlose Retribution ohne Ziel der Beendigung des Bösen bleibt theologisch fraglich.
- Wie passen “keine Tränen, kein Leid” der Erlösten zusammen mit dem Wissen (nach Lk 16 auch dem Beobachten), dass Milliarden Menschen ewig in unerträglicher Qual leiden? Entweder:
- Die Erlösten wissen nichts davon (dann gibt es in der neuen Schöpfung keine volle Erkenntnis und man kann fragen, warum Gott diese Möglichkeit nicht schon nach dem Sündenfall erwogen hat)
- Die Erlösten wissen es, aber es kümmert sie nicht (dann sind sie fundamental verändert – Die These „verklärte Affekte = keine Trauer trotz Wissen“ ist spekulativ und textlich nicht belegt)
- Es gibt keine ewige Qual (dann ist Offb 21,4 widerspruchsfrei erfüllt)
Fazit: Ob die Hölle „tröstend“ ist, hängt davon ab, ob das Opfer sich nach Rache sehnt und dabei kein Mitleid empfindet, wenn der Übeltäter für alle Ewigkeit leiden muss. Dies mag menschlich sein, ist aber nicht biblisch.
6. „… um das Böse zu bändigen“
Das Argument
Hugh Ross, ein amerikanischer Autor, macht in seinem Buch The Fingerprint of God (S. 178) eine bemerkenswerte Aussage (frei übersetzt):
„Hätte Gott den Menschen in der Hölle keine Qualen auferlegt, so würden sich die Menschen dort bis zu einem unermesslichen Grad gegenseitig ärgern (Jer 17,9). Ein Zweck der Qualen ist es, die ‘Manifestation des Bösen’ zurückzuhalten. Manche müssen mehr zurückgehalten werden als andere.“
Die Widerlegung
Dieses Argument ist besonders problematisch auf mehreren Ebenen:
Erstens: Die Bibelstelle belegt die Aussage überhaupt nicht.
Jeremia 17,9 sagt: „Überaus trügerisch ist das Herz und bösartig; wer kann es ergründen?“
Diese Aussage spricht von der gefallenen menschlichen Natur im Allgemeinen, nicht von Verhalten in der Hölle. Es gibt keine biblische Grundlage für die Behauptung, dass Menschen in der Hölle sich gegenseitig quälen würden.
Zweitens: Die Logik ist nicht schlüssig.
Gott quält Menschen ewig, um sie davon abzuhalten, sich gegenseitig zu quälen? Das ist wie zu sagen: „Ich schlage mein Kind ständig fortlaufend, damit es keine Gelegenheit hat, andere zu schlagen.“ Die „Lösung“ ist schlimmer als das vermeintliche Problem.
Drittens: Es gibt offensichtlich bessere Lösungen.
Wenn das Problem wäre, dass Menschen in der Hölle sich gegenseitig schaden, könnte Gott:
- Sie einfach vernichten (was die Lehre der totalen Vernichtung vertritt)
- Sie voneinander trennen (räumliche Isolation)
- Ihre Fähigkeit, anderen zu schaden, aufheben
Alle diese Optionen wären gerechter und barmherziger als ewige Folter.
Viertens: Das legt die argumentative Schwäche dieser Begründung nahe.
Wenn man zu solch absurden Erklärungen greifen muss, um die Lehre der ewigen Qual zu rechtfertigen, sollte man die Grundprämisse selbst hinterfragen. Dies ist ein Zeichen, dass die Lehre sich nicht konsistent verteidigen lässt.
Fünftens: Es führt zu einem Gottesbild, das mit zentralen biblischen Aussagen über Gottes Liebe/Güte schwer vereinbar ist.
Ein Gott, der Menschen ewig foltert, um sie vor gegenseitiger Folter zu schützen, ist nicht gerecht oder barmherzig, sondern grausam. Dies widerspricht fundamental dem biblischen Zeugnis von Gottes Charakter:
1Joh 4,8: „Gott ist Liebe.“ 2Kor 1,3: „Gott allen Trostes.“ Ps 145,9: „Der HERR ist gütig gegen alle.“
Fazit: Dieses Argument ist biblisch unbegründet, logisch absurd und theologisch schwer vermittelbar.
Fazit: Die Erklärungsversuche scheitern
Die Versuche, die Lehre der ewigen Qual zu rechtfertigen, bleiben aus meiner Sicht unzureichend. Sie können nicht erklären:
- Warum eine zeitlich begrenzte Sünde eine zeitlich unbegrenzte Strafe rechtfertigt
- Wie ewige Qual mit Gottes Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit vereinbar ist
- Warum Gott nicht einfachere und gerechtere Lösungen wählt (z. B. Vernichtung)
- Wie die neue Erde ein Ort ohne Leid sein kann, wenn ewig Menschen gequält werden (Offb 21,4)
Stattdessen offenbaren diese Erklärungsversuche:
- Logische Fehler (z. B. argumentum ad ignorantiam)
- Unbiblische Gottesbilder (Ein Gottesbild, das als willkürlich oder grausam wahrgenommen werden kann und schwer mit den biblischen Aussagen über Gottes Liebe und Gerechtigkeit vereinbar ist.)
- Konstruierten Begründungen (wie „Folter gegen Folter“)
- Mangelnde biblische Grundlage (philosophische Spekulation statt Schriftauslegung)
Die Schwäche dieser Argumente ist selbst ein Argument gegen die Lehre der ewigen Qual. Wenn die Lehre wahr wäre, sollte sie sich klar biblisch begründen und verteidigen lassen. Dass teils wenig tragfähige Begründungen angeführt werden, legt nahe, dass die Lehre selbst fehlerhaft ist.
Die Alternative – die Lehre der totalen Vernichtung – benötigt solche komplizierten Rechtfertigungen nicht. Sie ist:
- Biblisch klar verankert (siehe vorige Teile dieser Ausarbeitung)
- Mit Gottes Charakter vereinbar (gerecht, liebend, barmherzig)
- Logisch kohärent (keine Widersprüche)
- Gerecht und verhältnismäßig (endgültige, aber nicht endlose Strafe)
- Vereinbar mit der neuen Schöpfung (Offb 21,4: keine Tränen, kein Leid mehr)
Dies sollte uns zu denken geben.
Zusammenfassung der Kritik
Die Ergebnisse dieser Ausarbeitung stoßen auf verbreitete Kritik; zahlreiche Publikationen widmen sich der Widerlegung der Ergebnisse. Betrachtet man einzelne Bibelstellen isoliert, lassen diese sich durchaus im Sinne der traditionellen Sichtweise interpretieren. Die hier vorgeschlagenen Auslegungen mögen im Einzelfall weniger intuitiv erscheinen, doch letztlich müssen folgende Kernfragen gestellt werden:
- Worum geht es dem biblischen Autor an dieser Stelle primär? Was ist sein eigentliches Thema? Steht wirklich die Natur von Tod oder Hölle im Fokus?
- Gibt es Stellen, an denen sich der Autor explizit und bewusst mit dem Thema Tod oder Hölle auseinandersetzt? Harmonieren diese mit dem Verständnis der schwer interpretierbaren Passage?
- Wie ordnet sich die Stelle in das Gesamtzeugnis der Schrift zu Tod und Hölle ein? Ist die gewählte Auslegung konsistent mit eindeutigeren Bibelstellen?
Falls eine problematische Passage im Kontext eines völlig anderen Themas steht oder im Widerspruch zu deutlicheren Aussagen desselben Autors erscheint, ist Vorsicht geboten. Es ist methodisch bedenklich, eine Randbemerkung als Hauptbeweis gegen ein systematisches Konzept anzuführen.
Es ist oft leichter, ein bestehendes Konzept zu kritisieren, als eine eigene, in sich geschlossene Position zu verteidigen. Letzteres wird in der Auseinandersetzung mit dieser Ausarbeitung häufig vernachlässigt. Kritiker beschränken sich oft darauf, ihren Standpunkt punktuell zu untermauern und Gegenargumente zu schwächen, ohne ihre eigene Sicht einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Auf widersprüchliche Bibelstellen wird dabei selten eingegangen. Es scheint oft die Annahme vorzuherrschen, es genüge, ein plausibles Alternativmodell anzuzweifeln. Hier besteht ein methodischer Nachholbedarf, der auf der nächsten Seite vertiefend thematisiert wird.
Nachwort und Warnung
Die Frage „Ewige Qual oder ewige Vernichtung“ ist hochkomplex. Auch wenn es kaum möglich ist, eine in jeder Hinsicht unangreifbare Interpretation zu liefern, ergibt sich doch ein konsistentes Bild der biblischen Vorstellungen über den Tod und den Zustand der Verstorbenen.
Wer meint, die „Hölle“ verharmlosen zu können, weil sie „nur“ einen endlichen Vernichtungsprozess darstellt, verkennt die existenzielle Not und die Ängste, die mit diesem Endgericht verbunden sind. Das Neue Testament betont nicht ohne Grund siebenfach das Bild vom „Heulen und Zähneklappern“.
Trotz der Perspektive einer endgültigen Vernichtung bleiben das Endgericht und der „zweite Tod“ ein zutiefst ernstes Thema. Diese Auslegung zielt nicht darauf ab, die Konsequenzen der Gottesferne kleinzureden. Die Heilige Schrift zeichnet ein klares Bild: Gott verurteilt die Sünde, liebt jedoch den Menschen und achtet dessen freien Willen. Er zwingt niemanden in seine Gemeinschaft, der ihn und seine Ordnungen ablehnt. Auf der neuen Erde wird die Sünde keinen Platz mehr haben – alles andere wäre in der Tat eine ewige Hölle, sowohl für den „ewigen Rebellen“ als auch für diejenigen, die unter den Folgen dieser Rebellion leiden müssten.
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