Verteidigung der Ergebnisse 1

Die hier vor­ge­leg­ten Schluss­fol­ge­run­gen ste­hen im Wider­spruch zu gän­gi­gen Lehr­mei­nun­gen. Mög­li­cher­wei­se fal­len den Lesen­den spon­tan Bibel­stel­len oder Rede­wen­dun­gen ein, die schein­bar dage­gen spre­chen. Tat­säch­lich exis­tie­ren schwer ver­ständ­li­che Stel­len, die unter­schied­lich aus­ge­legt wer­den kön­nen. Eine gründ­li­che exege­ti­sche Unter­su­chung ist daher uner­läss­lich.

Letzt­end­lich kann es kei­ne Bibel­stel­len geben, die ein­deu­tig das eine aus­sa­gen, und ande­re Bibel­stel­len, die ein­deu­tig das ande­re behaup­ten. Ent­we­der sind die Toten in einem Zustand der Bewusst­lo­sig­keit oder sie sind es nicht. Ent­we­der wer­den die Uner­lös­ten für immer und ewig in der Höl­le lei­den oder nicht.

Im Fol­gen­den unter­su­chen wir sol­che schwie­ri­gen Bibel­stel­len. Es wird sich zei­gen, dass sie zwar Zwei­fel wecken kön­nen, die Kern­aus­sa­ge die­ser Arbeit jedoch nicht wider­le­gen.

Wir begin­nen mit einer Über­sicht über die rele­van­ten Leh­ren bzgl. des Schick­sals der Men­schen nach dem Tod. In dem Zusam­men­hang wird auch eine Ver­tie­fung zur All­ver­söh­nungs­leh­re und zu einer beson­de­ren Bibel­über­set­zung prä­sen­tiert. Anschlie­ßend wer­den sys­te­ma­tisch Bibel­stel­len erklärt, die schein­bar gegen die Ergeb­nis­se des ers­ten Teils der Aus­ar­bei­tung spre­chen.

Überblick über die relevanten Lehren

Die hier ver­tre­te­ne Aus­le­gung ent­spricht der Leh­re der kon­di­tio­na­len (beding­ten) Unsterb­lich­keit. Die­se unter­schei­det sich vom rei­nen Anni­hi­la­tio­nis­mus: Letz­te­rer sieht alle “See­len” als unsterb­lich an, geht aber davon aus, dass die Uner­lös­ten die­se Unsterb­lich­keit nach dem Gericht ver­lie­ren. Die Leh­re der kon­di­tio­na­len Unsterb­lich­keit und der Anni­hi­la­tio­nis­mus besa­gen bei­de, dass die Uner­lös­ten am Ende auf­hö­ren zu exis­tie­ren. Man könn­te bei­de Leh­ren in die­ser Hin­sicht eine Leh­re der tota­len Ver­nich­tung (LdtV) der Gott­lo­sen bezeichnen.juckt

Sie stellt einen Gegen­pol zur Leh­re der ewi­gen Qual (LdeQ) – der klas­si­schen Sicht, die u. a. die Leh­re von der unsterb­li­chen See­le beinhal­tet – und zur All­ver­söh­nungs­leh­re (LdA) dar, nach der alle Men­schen irgend­wann erlöst wer­den. Um Miss­ver­ständ­nis­se im Vor­feld aus­zu­räu­men, folgt eine kur­ze Abgren­zung die­ser Leh­ren:

  • Die LdeQ und die LdtV behaup­ten bei­de in der Regel, dass ein Mensch sich in sei­nem jet­zi­gen Leben für Jesus ent­schei­den muss. Eine spä­te­re Mög­lich­keit, sich zu bekeh­ren oder erret­tet zu wer­den, wie es die LdA vor­sieht, wird abge­lehnt.
  • Zwangs­läu­fig gibt es bei LdeQ und LdtV ein „Zu-spät“ (sie­he z. B. Mt 25).
  • Die LdA lehrt, dass alle Men­schen in die Selig­keit ein­ge­hen wer­den, wohin­ge­gen die LdeQ und die LdtV nicht von einer uni­ver­sa­len Ret­tung aus­ge­hen; häu­fig wird im Zusam­men­hang mit ihnen betont, dass nur weni­ge den schma­len Weg zum ewi­gen Leben fin­den.
  • Die LdeQ und LdtV ken­nen eine ewi­ge Stra­fe der Gott­lo­sen, ver­ste­hen dar­un­ter jedoch zwei­er­lei: Die LdeQ legt die Bibel so aus, dass das Stra­fen (ver­bun­den mit Qual) ein ewig andau­ern­der Pro­zess sei. Die LdtV inter­pre­tiert die Bibel hin­ge­gen so: Die Stra­fe sei ewig, d. h. nicht abwend­bar bzw. nicht umkehr­bar; der Pro­zess, d. h. die Durch­füh­rung der Stra­fe, sei jedoch nach end­li­cher Zeit abge­schlos­sen.
  • Alle drei Leh­ren wer­den (je nach eige­nem Stand­punkt) als gefähr­li­che Irr­leh­ren auf­ge­fasst, wobei dies wie folgt begrün­det wird:
  • LdeQ und LdtV über LdA: Den Men­schen wird Hoff­nung gemacht, sie könn­ten spä­ter (nach dem Tod, etwa im Rah­men einer Läu­te­rung oder eines wei­te­ren Heils­wegs) noch immer zum Glau­ben fin­den. Eine sofor­ti­ge Ände­rung des gott­lo­sen Lebens­stils sei daher nicht not­wen­dig – eine Bekeh­rung kön­ne auf einen spä­te­ren Zeit­punkt auf­ge­scho­ben wer­den. Da alle Men­schen irgend­wann erlöst wer­den, kön­ne es zur Auf­wei­chung der Gren­zen zwi­schen Wahr­heit und Irr­tum sowie zwi­schen Gut und Böse kom­men.
  • LdA über LdeQ und LdtV: Bei­de Leh­ren stell­ten Gott als lieb­lo­sen Tyran­nen dar, den die Men­schen nicht lie­ben könn­ten und der nicht all­mäch­tig sei. Ein all­mäch­ti­ger Gott hät­te die Macht, alle Men­schen zu ret­ten. Daher wer­de der Erlö­sungs­pro­zess unnö­tig ver­län­gert; zudem wür­den Gott falsch dar­ge­stellt und die Men­schen ver­schreckt.
  • LdeQ über LdtV: Ein end­li­cher Straf­pro­zess mit end­li­chen Qua­len wer­de von den Anhän­gern der Leh­re der ewi­gen Qual als Auf­wei­chen und Nie­der­gang des Glau­bens gese­hen. Solch eine Stra­fe sei nicht abschre­ckend genug. Man­che Men­schen könn­ten mei­nen, sie könn­ten jetzt ihr gott­lo­ses Leben genie­ßen; eine Bekeh­rung loh­ne sich nicht; end­li­che Stra­fe und end­gül­ti­ge Ver­nich­tung sei­en akzep­ta­bel. Das Evan­ge­li­um (die gute Nach­richt?) wür­de so an Kraft ver­lie­ren. Der Leh­re der tota­len Ver­nich­tung wird unter­stellt, sie wol­le nur pre­di­gen, was schön und bequem sei – wonach es „in den Ohren juckt“.
  • LdtV über LdeQ: Die Leh­re der ewi­gen Qual erzeu­ge ein fal­sches und inkon­gru­en­tes Got­tes­bild, das Men­schen vom Glau­ben abschre­cke und Zwei­fel ver­ur­sa­chen kön­ne. Die LdeQ füh­re zu inner­bi­bli­schen Wider­sprü­chen. Außer­dem ver­wen­de die Leh­re Angst als Druck­mit­tel und wider­spre­che somit dem gött­li­chen Prin­zip der frei­en Wil­lens­ent­schei­dung (wer wür­de wirk­lich frei­wil­lig „end­lo­se Qua­len“ wäh­len?). Das Straf­maß ewi­ger Qua­len stün­de in kei­nem Ver­hält­nis zu der end­li­chen Lebens­zeit der Sün­der und wider­sprä­che den Prin­zi­pi­en der Gerech­tig­keit Got­tes, die er selbst ein­ge­führt und in der Schrift offen­bart hat.

Lei­der wird manch­mal ver­sucht, die­ses The­ma auf die Gegen­über­stel­lung von „ewi­ge Ver­damm­nis vs. All­ver­söh­nung“ oder auf Aus­sa­gen wie „Die Exis­tenz der Höl­le wird ver­leug­net!“ zu redu­zie­ren. Dies ist eine unan­ge­mes­se­ne Ein­schrän­kung, die hier strikt abge­lehnt wird. Aus Zeit­grün­den kann auf die LdA nicht ein­ge­hend ein­ge­gan­gen wer­den. Der fol­gen­de Exkurs soll daher nur bestimm­te Punk­te der LdA auf­grei­fen.

Exkurs: Die Prädestinations- und Allversöhnungslehre

Die Prä­de­sti­na­ti­on bezeich­net die Leh­re, dass Gott das Schick­sal jedes Men­schen vor­her­be­stimmt hat. Die theo­lo­gi­sche Debat­te dar­über begann im 5. Jahr­hun­dert und erreich­te wäh­rend der Refor­ma­ti­on sowie im 16. und 17. Jahr­hun­dert ihren Höhe­punkt im Streit zwi­schen Cal­vi­nis­ten und Armi­nia­nern. Bis heu­te bleibt die Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re eine der umstrit­tens­ten Fra­gen der christ­li­chen Theo­lo­gie.

Zwei Haupt­po­si­tio­nen:

  1. Cal­vin (Cal­vi­nis­mus): Betont Got­tes unein­ge­schränk­te Sou­ve­rä­ni­tät und lehrt die “dop­pel­te Prä­de­sti­na­ti­on” – sowohl Erlö­sung als auch Ver­damm­nis lie­gen voll­stän­dig in Got­tes Hand. Der Mensch wird als pas­si­ves Objekt gött­li­cher Gna­den­wir­kung gese­hen.
  2. Armi­ni­us (Armi­nia­nis­mus): Lehnt eine Vor­her­be­stim­mung zur Ver­damm­nis ab und betont, dass Gott dem Men­schen ech­te Wil­lens­frei­heit geschenkt hat. Der Mensch kann Got­tes Heils­an­ge­bot anneh­men oder ableh­nen.

Wei­te­re Hin­ter­grün­de, auch zur his­to­ri­schen Argu­men­ta­ti­on, befin­den sich im Nach­schla­ge­werk “Zen­tra­le Bibel­stel­len und ihre Bedeu­tun­gen”.

Über die Vorherbestimmung in der Bibel

Der Begriff „Prä­de­sti­na­ti­on“ selbst kommt in der Bibel nicht vor, wohl aber die Verb­form „prä­de­sti­nie­ren“ (grie­chisch pro­o­ri­zō, deutsch: „im Vor­aus bestim­men“), die in Römer 8,29–30 sowie Ephe­ser 1,5 und 1,11 zu fin­den ist. Nach Römer 8,28–29 hat Gott all die­je­ni­gen, von denen er wuss­te, dass sie sei­ne Erlö­sung akzep­tie­ren wür­den, dazu „vor­her­be­stimmt, dass sie gleich sein soll­ten dem Bild sei­nes Soh­nes“. Die­se hat er beru­fen, gerecht­fer­tigt und erhöht (vgl. V. 30).

“Nach Ephe­ser 1,4–5 hat Gott bereits vor der Schöp­fung der Welt und dem Ein­tritt der Sün­de Vor­keh­run­gen getrof­fen. Sün­der kön­nen durch den Glau­ben an Jesus Chris­tus „hei­lig und unta­de­lig vor ihm sein”. Die­se Men­schen hat­te Gott dann „vor­her­be­stimmt, sei­ne Kin­der zu sein durch Jesus Chris­tus nach dem Wohl­ge­fal­len sei­nes Wil­lens“. Die Prä­de­sti­na­ti­on bewegt sich inner­halb der gött­li­chen Absicht, „dass alles zusam­men­ge­fasst wür­de in Chris­tus, was im Him­mel und auf Erden ist“ – „wenn die Zeit erfüllt wäre“ (V. 10).

Man­che haben auf­grund die­ser Aus­sa­gen irr­tüm­li­cher­wei­se ange­nom­men, dass Gott will­kür­lich bestimm­te Men­schen für die Erlö­sung und ande­re für das Ver­lo­ren­ge­hen vor­her­be­stimmt habe – und zwar völ­lig unab­hän­gig von deren eige­ner Ent­schei­dung. Die­sem Ver­ständ­nis nach wür­de Gott den einen die Vor­zü­ge der Erlö­sung auf­zwin­gen, wäh­rend er sie ande­ren ver­wehrt. Die Bibel lehrt jedoch ein­deu­tig: Gott „will, dass allen Men­schen gehol­fen wer­de und sie zur Erkennt­nis der Wahr­heit kom­men“ (1. Tim 2,4) und dass er nicht will, „dass jemand ver­lo­ren wer­de, son­dern dass jeder­mann zur Buße fin­de“ (2. Petr 3,9).

An kei­ner Stel­le der Hei­li­gen Schrift behaup­ten die Ver­fas­ser, dass Gott möch­te, dass auch nur ein ein­zi­ger Mensch ver­lo­ren geht. Die Auf­fas­sung, er bestim­me will­kür­lich über Erlö­sung oder Ver­damm­nis, ent­springt aus­schließ­lich der mensch­li­chen Fan­ta­sie. Schon Jesa­ja und Johan­nes (vgl. Jes 55,1; Offb 22,17) schrie­ben, dass nie­mand von der Erlö­sung aus­ge­schlos­sen ist. Alle, die dürs­tet, sind ein­ge­la­den, das Was­ser des Lebens umsonst zu trin­ken.

So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefal­len am Tode des Gott­lo­sen, son­dern dass der Gott­lo­se umkeh­re von sei­nem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. War­um wollt ihr ster­ben, ihr vom Hau­se Isra­el?“ (Hes 33,11).

Die kor­rek­te Inter­pre­ta­ti­on der bibli­schen Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re ergibt sich klar aus Johan­nes 3,16–21. Dort wird betont, dass Gott die Welt geliebt und sei­nen Sohn als Erlö­ser gege­ben hat – nicht etwa, dass er man­che geliebt und ande­re gehasst habe. In Vers 17 heißt es, dass Gott „sei­nen Sohn nicht in die Welt gesandt“ hat, „dass er die Welt rich­te, son­dern dass die Welt durch ihn geret­tet wer­de“. Nach Johan­nes 1,12 und 3,16 stellt die Bereit­schaft, Got­tes Sohn als per­sön­li­chen Erlö­ser auf­zu­neh­men und an ihn zu glau­ben, den ent­schei­den­den Fak­tor für die Erlö­sung dar. Die­je­ni­gen, die glau­ben, haben das Recht, das ewi­ge Leben zu emp­fan­gen. Gott ver­wehrt nie­man­dem, der auf­rich­tig den Weg des Lebens gewählt hat und sich sei­nem Anspruch unter­stellt, die Vor­zü­ge der Erlö­sung.

Die Ver­damm­nis trifft nach den Ver­sen 18 bis 21 jeden, der Jesus als das „Licht der Men­schen“ (Joh 1,4–9) ablehnt. Solan­ge Men­schen in Unwis­sen­heit leben, wer­den sie nicht ver­dammt (vgl. Ps 87,4.6; Hes 3,18–21; 18,2–32; 33,12–20; Lk 23,34; Joh 15,22; Röm 7,7.9; 1. Tim 1,13). Nur wenn Men­schen bewusst die Wahr­heit ableh­nen, die ihnen ver­kün­det wird, haben sie „kein Kleid“, um ihre Sün­den zu bede­cken (Joh 15,22–23). Nach Johan­nes 3,18 wird eine Per­son, wel­che die Erlö­sung ablehnt, auto­ma­tisch ver­dammt – nicht durch einen will­kür­li­chen Akt Got­tes, son­dern weil sie „nicht glaubt an den Namen des ein­ge­bo­re­nen Soh­nes Got­tes“.

Die­ser Gedan­ke wird in Vers 19 unter­stri­chen: Die Men­schen lie­ben „die Fins­ter­nis mehr als das Licht“, weil „ihre Wer­ke böse“ sind. All jene, die an ihren bösen Taten fest­hal­ten, tun dies, weil sie das Licht has­sen und es mei­den, damit ihre Wer­ke nicht auf­ge­deckt wer­den (V. 20). Im Gegen­satz dazu pro­fi­tie­ren die­je­ni­gen, die ihr Leben zum Guten wen­den wol­len, von der ver­än­dern­den Lie­be Got­tes.

Eine ein­sei­ti­ge Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re ist dem Gedan­ken des frei­en Wil­lens dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Gott ver­letzt jedoch nie­mals den frei­en Wil­len des Men­schen (sie­he Hes 18,31f; 33,11; 2. Petr 3,9). Vor der Schöp­fung der Welt (1. Petr 1,20) hat er den Plan zur Ret­tung der Sün­der fest­ge­legt. Er hat vor­her­be­stimmt, dass die­je­ni­gen, die sei­ne Vor­keh­run­gen akzep­tie­ren, in Jesus Chris­tus Erlö­sung fin­den und ihren Sta­tus als Kin­der Got­tes zurück­er­hal­ten. Die Erlö­sung wird jedem ange­bo­ten, aber nicht jeder nimmt sie an. Sie wird nie­man­dem auf­ge­zwun­gen, aber auch nie­man­dem vor­ent­hal­ten, der sich für sie ent­schei­det.

Die gött­li­che Vor­her­be­stim­mung und das gött­li­che Vor­wis­sen machen den frei­en Wil­len kei­nes­wegs zunich­te; sie ermög­li­chen es dem Men­schen erst, sich für den Weg des Lebens zu ent­schei­den. Gott hat fest­ge­legt, dass die­je­ni­gen, die glau­ben, geret­tet wer­den und jene, die nicht glau­ben, ver­lo­ren gehen. Er hat es jedoch jedem Men­schen frei­ge­stellt, sich für oder gegen den Glau­ben zu ent­schei­den.

Eine ober­fläch­li­che Lek­tü­re von Röm 9,9–16 und 1Kor 3,12–15 hat eini­ge zu der fal­schen Annah­me ver­lei­tet, dass es eine gött­li­che Prä­de­sti­na­ti­on gibt, die unab­hän­gig von indi­vi­du­el­ler Ent­schei­dung ist. Dass es sich hier um einen Irr­tum han­delt, wird aus dem Kon­text ersicht­lich. In Röm 9,9–16 spricht Pau­lus von der Ver­wer­fung Esaus als Erben des Erst­ge­bo­re­nen­rechts und der Erwäh­lung Jakobs an sei­ner Stel­le.

Der Kon­text macht deut­lich, dass es sich hier­bei nicht um die indi­vi­du­el­le Erlö­sung han­delt, son­dern aus­schließ­lich um die Erwäh­lung mensch­li­cher Werk­zeu­ge für die Aus­füh­rung gött­li­cher Plä­ne. Esau wur­de zwar das Recht der Erst­ge­burt aberkannt, nicht jedoch der Segen der Erlö­sung. Ähn­lich wur­de spä­ter Ruben das Erst­ge­burts­recht ver­währt, nicht aber sei­ne Erb­schaft in Kana­an, sei es das Irdi­sche oder auch Himm­li­sche (vgl. 1Mose 49,3.4; Jos 13,23).

In die­sem Zusam­men­hang weist der Abschnitt “So liegt es nun nicht an jeman­des Wol­len oder Lau­fen, son­dern an Got­tes Erbar­men” (vgl. Röm 9,16) nicht auf die Erlö­sung, son­dern auf die Rech­te des Erst­ge­bo­re­nen hin. Ähn­lich han­delt die Schrift­stel­le in Röm 9,17–18: “Denn die Schrift sagt zum Pha­rao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir mei­ne Macht erwei­se und damit mein Name auf der gan­zen Erde ver­kün­digt wer­de.« So erbarmt er sich nun, wes­sen er will, und ver­stockt, wen er will” nicht von Pha­ra­os per­sön­li­cher Erlö­sung, son­dern sei­ner Rol­le als gött­li­ches Werk­zeug. Die Schrift­stel­le, in der Pau­lus vom Töp­fer spricht, der Macht über sei­ne Töp­fe hat, betrifft nicht die intrin­si­schen Eigen­schaf­ten der Gefä­ße, son­dern ihre Ver­wen­dung: die eine ist edler als die ande­re. Kein Töp­fer schafft Gefä­ße in der spe­zi­fi­schen Absicht, sie zu zer­stö­ren, aber sehr wohl Gefä­ße mit spe­zi­fi­scher Ver­wen­dung. Dabei kann ein Gefäß für all­täg­li­che Zwe­cke genau­so gut sein wie eines für außer­or­dent­li­che, beson­ders fei­er­li­che Anläs­se.

In Röm 9 spricht Pau­lus von der jüdi­schen Nati­on als Got­tes aus­er­wähl­tem Reprä­sen­tan­ten und ihrer Ver­wer­fung zuguns­ten der Hei­den (Röm 9,24 ff). Eben­so wird in 1Kor 3,12–15 von dem Lohn für den Dienst des Evan­ge­li­ums und nicht dem Lohn für das per­sön­li­che Leben eines Chris­ten gespro­chen.

Die Allversöhnungslehre (Apokatastasis)

Die All­ver­söh­nungs­leh­re, auch Apo­ka­ta­sta­sis genannt (grie­chisch für “Wie­der­her­stel­lung”), ver­tritt die Auf­fas­sung, dass am Ende aller Zei­ten alle Men­schen – und teil­wei­se auch alle gefal­le­nen Engel – von Gott geret­tet und mit ihm ver­söhnt wer­den. Im gewis­sen Sin­ne han­delt es sich auch um eine Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re, nur mit dem Unter­schied, dass am Ende alle geret­tet wer­den. Nach die­ser Leh­re ist die Höl­le kein Ort ewi­ger Ver­damm­nis, son­dern höchs­tens ein zeit­lich begrenz­ter Läu­te­rungs­ort. Got­tes Lie­be und Gna­de sei­en so umfas­send, dass letzt­lich nie­mand auf ewig ver­lo­ren gehe.

His­to­ri­sche Wur­zeln: Die Idee geht zurück auf frü­he Kir­chen­vä­ter wie Orig­e­nes (3. Jahr­hun­dert), wur­de aber auf dem Kon­zil von Kon­stan­ti­no­pel 553 offi­zi­ell als Irr­leh­re ver­ur­teilt. Trotz­dem fand sie immer wie­der Ver­tre­ter in der Kir­chen­ge­schich­te.

Zen­tra­le Argu­men­te der Befür­wor­ter:

  • Got­tes Lie­be und Barm­her­zig­keit sei­en grö­ßer als mensch­li­che Sün­de
  • Eine ewi­ge Höl­le wider­sprä­che Got­tes Cha­rak­ter und sei­nem Heils­wil­len
  • Bibel­stel­len wie 1. Korin­ther 15,28 (“Gott sei alles in allem”) wür­den eine uni­ver­sa­le Erlö­sung nahe­le­gen

Um den Rah­men die­ser Aus­ar­bei­tung nicht zu spren­gen, wird hier nur kurz dar­ge­legt, dass die Schrift lehrt, dass eben nicht alle Men­schen geret­tet wer­den. Da Anhän­ger der All­ver­söh­nungs­leh­re häu­fig eine kon­kor­dan­te Bibel­über­set­zung ver­wen­den, wird im Fol­gen­den auch dar­auf ein­ge­gan­gen.

Grundlegende Kritik zum Thema “konkordante Bibelübersetzung”

Angeb­lich lie­fert die kon­kor­dan­te Metho­de der Bibel­über­set­zung eine unüber­trof­fen genaue Über­tra­gung, die wei­test­ge­hend frei von per­sön­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen und theo­lo­gi­schen Ansich­ten ist. Dabei wird ger­ne auf die DaB­haR-Über­set­zung von F. H. Baa­der ver­wie­sen. In Wirk­lich­keit lässt sich jedoch weder das eine noch das ande­re so unein­ge­schränkt behaup­ten. Zwar wird immer wie­der pos­tu­liert, dass eine rein kon­kor­dan­te Über­set­zung die ein­zig rich­ti­ge sei (wäh­rend der Rest eine Ver­dre­hung des Wor­tes Got­tes dar­stel­le), doch die eige­nen Schwä­chen die­ser Metho­de wer­den dabei oft ver­schwie­gen oder über­se­hen.

Es ist eine unbe­strit­te­ne Tat­sa­che, dass sowohl die münd­li­che als auch die schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on feh­ler­be­haf­tet sein kann. Die Ursa­chen kön­nen beim Sen­der der Nach­richt, beim Emp­fän­ger oder bei bei­den lie­gen. Beim Über­set­zen fun­giert der Über­set­zer gleich­zei­tig als Emp­fän­ger (er liest z. B. den über­lie­fer­ten grie­chi­schen Grund­text) und als Sen­der (er ver­fasst die Über­set­zung in der Ziel­spra­che). Hier kön­nen sich Feh­ler beim Erfas­sen des Tex­tes sowie bei der Über­tra­gung in die Ziel­spra­che ein­schlei­chen.

Wer jemals ver­sucht hat, eine wirk­lich prä­zi­se Über­set­zung anzu­fer­ti­gen, wird gemerkt haben, wie kom­plex die­ses Unter­fan­gen ist. Wör­ter haben oft mehr als eine Bedeu­tung und bestimm­te Begrif­fe wer­den nur in spe­zi­fi­schen Zusam­men­hän­gen ver­wen­det. Dies gilt umso mehr, wenn Spra­che über die rei­ne Sach­in­for­ma­ti­on hin­aus­geht und Bezie­hungs­ebe­nen oder Zwi­schen­tö­ne wie Kri­tik, Iro­nie oder Lob trans­por­tiert. Zudem wird eine Bot­schaft in der Regel sub­jek­tiv, geprägt durch eige­ne Erfah­run­gen und Hin­ter­grün­de, ver­stan­den.

Völ­lig sinn­los ist in der Regel das wört­li­che Über­set­zen eines Idi­oms (einer Sprech­ei­gen­art). Der eng­li­sche Aus­druck „stretch one’s legs“ bedeu­tet wört­lich zwar „die Bei­ne aus­stre­cken“, gemeint ist aber „sich die Bei­ne ver­tre­ten“. Eben­so bedeu­tet „pull someone’s leg“ nicht „jeman­den am Bein zie­hen“, son­dern „jeman­den auf den Arm neh­men“. Mit Glück lässt sich der Sinn erra­ten, doch für man­che Idio­me exis­tie­ren in der Ziel­spra­che schlicht kei­ne direk­ten Gegen­stü­cke. Eine 1:1‑Übersetzung ist dem­nach unmög­lich. Begrif­fe wie das eng­li­sche „resent­ment“ (Groll oder Ärger tref­fen es nicht ganz) oder Wen­dun­gen wie „on the rebound“ las­sen sich nur schwer oder gar nicht direkt über­set­zen. Wenn ein Wort in der Ziel­spra­che nicht exis­tiert, muss es umschrie­ben wer­den – eine Wort-für-Wort-Über­set­zung ist damit hin­fäl­lig. Rich­ti­ges Über­set­zen ist daher eine Kunst für sich; wer das Gegen­teil behaup­tet, ver­kennt die sprach­li­che Rea­li­tät.

Die Kri­tik an der kon­kor­dan­ten Metho­de im Detail

Kom­men wir zurück auf die angeb­lich unüber­treff­ba­re kon­kor­dan­te Über­set­zungs­me­tho­de. Von ihr heißt es:

“Wich­tigs­tes Werk­zeug ist eine Kon­kor­danz, die den zur Über­set­zung nutz­ba­ren Wort­schatz der Ziel­spra­che auf ein Mini­mum ein­schränkt. Jedes Wort des Ursprungs­tex­tes wird dabei mit allen Beleg­stel­len auf­ge­führt. Durch den Ver­gleich der Ver­wen­dung an allen Stel­len ergibt sich die Bedeu­tung des Begriffs, der mög­lichst auch mit nur einem Wort der Ziel­spra­che über­setzt wird. Jedes Wort der Ziel­spra­che dient dabei, wenn irgend mög­lich, zur Wie­der­ga­be nur eines Ursprungs­worts. … Somit erklärt sich die Bibel selbst. Per­sön­li­che Inter­pre­ta­tio­nen und der Ein­fluss wech­seln­der theo­lo­gi­scher Ansich­ten wer­den wei­test­ge­hend zurück­ge­drängt. Das Ergeb­nis ist eine unüber­trof­fe­ne Genau­ig­keit.” (Quel­le: http://konkordant.de/methode.html)

1) Das Prin­zip des mini­ma­len Wort­schat­zes der Ziel­spra­che

Die­ses Prin­zip ist grund­sätz­lich als frag­wür­dig zu bezeich­nen. Wie erwähnt, besit­zen Wör­ter oft Poly­se­mie (Mehr­deu­tig­keit). Umge­kehrt gibt es Syn­ony­me, die jedoch nur als Kol­lo­ka­tio­nen (fes­te Wort­ver­bin­dun­gen) in bestimm­ten Kon­tex­ten funk­tio­nie­ren. Die künst­li­che Ein­schrän­kung des Wort­schat­zes in der Ziel­spra­che kann die ursprüng­li­che Aus­sa­ge ver­fäl­schen, da not­wen­di­ge Fein­hei­ten ver­lo­ren gehen. Dabei kann es zu einer dop­pel­ten Restrik­ti­on kom­men: Einer­seits wird dem Wort der Quell­spra­che nur eine ein­zi­ge Bedeu­tung unter­stellt. Ande­rer­seits wird ver­sucht, es immer mit dem­sel­ben Wort der Ziel­spra­che wie­der­zu­ge­ben.

2) Frei von per­sön­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen und theo­lo­gi­schen Ansich­ten

Kei­ne Über­set­zung ist völ­lig frei von Vor­an­nah­men. Wir alle sind in unse­rem Den­ken an unse­re Kul­tur und unser Umfeld gebun­den. Zwar ist es sinn­voll, alle Beleg­stel­len eines Wor­tes zu betrach­ten, doch dar­aus ergibt sich nicht auto­ma­tisch die kor­rek­te Bedeu­tung. Letzt­end­lich ent­schei­det immer noch ein Mensch, wel­che Bedeu­tung an wel­cher Stel­le ange­mes­sen ist oder ob ein Wort tat­säch­lich über­all den­sel­ben Sinn hat. Wenn ein Wort nur ein­mal in der Bibel vor­kommt (Hapax­le­go­me­non), kön­nen nur lin­gu­is­ti­sche Ver­glei­che oder außer­bi­bli­sche Quel­len hel­fen. Wird ein Wort nur sel­ten ver­wen­det, führt das Mini­mum-Prin­zip dazu, dass ihm nur eine Bedeu­tung unter­stellt wird, obwohl es im Grund­text viel­leicht meh­re­re Facet­ten besitzt. Dies führt unwei­ger­lich zu Feh­lern.

Es besteht natür­lich der berech­tig­te Ein­wand, dass bei übli­chen Über­set­zungs­me­tho­den auf­grund der sub­jek­ti­ven Sicht des Über­set­zers ein „falsch gefärb­tes“ Wort gewählt wer­den könn­te. Es ist daher stets not­wen­dig zu über­le­gen, wel­che Begrif­fe für die Über­set­zung am sinn­volls­ten sind – wobei hier­bei aller­dings immer, bewusst oder unbe­wusst, per­sön­li­che Fak­to­ren wirk­sam wer­den.

Ein Bei­spiel:

Am ers­ten Tag der Woche aber, als wir ver­sam­melt waren, das Brot zu bre­chen, pre­dig­te ihnen Pau­lus, und da er am nächs­ten Tag wei­ter­rei­sen woll­te, zog er die Rede hin bis Mit­ter­nacht. …” (Apg 20,7 – nach rev. Luther­bi­bel)

In die­sem Vers wird das grie­chi­sche Wort dia-lego­mai mit „pre­di­gen“ über­setzt. Eigent­lich bedeu­tet die­ses Wort jedoch: sich mit jeman­dem unter­hal­ten, etwas bespre­chen, dis­ku­tie­ren oder argu­men­tie­ren. Es taucht im Neu­en Tes­ta­ment 13-mal auf und wird fast immer in die­sem Sin­ne über­setzt. Nur hier in Apos­tel­ge­schich­te 20,7 wird „pre­di­gen“ gewählt. Die­se Wahl ist frag­wür­dig, da Pau­lus ver­mut­lich eher eine inter­ak­ti­ve Abschieds­re­de oder ein Gespräch führ­te als eine klas­si­sche Pre­digt. Hier war wohl die tra­di­tio­nel­le Auf­fas­sung des Über­set­zers maß­geb­lich für die Wort­wahl. In der Elber­fel­der Bibel (ELB) lesen wir tref­fen­der:

Am ers­ten Tag der Woche aber, als wir ver­sam­melt waren, um Brot zu bre­chen, unter­re­de­te sich Pau­lus mit ihnen, da er am fol­gen­den Tag abrei­sen woll­te; und er zog das Wort hin­aus bis Mit­ter­nacht.

Es ist sinn­voll, Wör­ter genau zu unter­su­chen, aber dies soll­te nicht unter der fal­schen Annah­me gesche­hen, dass Wör­ter nur eine ein­zi­ge Bedeu­tung haben oder in der Ziel­spra­che immer durch den­sel­ben Begriff ersetzt wer­den könn­ten. Wäre das mög­lich, könn­ten Tex­te 1:1 maschi­nell über­tra­gen wer­den – doch das ist eine lin­gu­is­ti­sche Illu­si­on.

3) Die Bibel erklärt sich selbst

Dies mag inhalt­lich zutref­fen, aber sie über­setzt sich nicht selbst. Die Bibel ist bei der Über­set­zung zwar das wich­tigs­te Hilfs­mit­tel, aber auch die­ses hat sei­ne Gren­zen. Eine gute Über­set­zung erfor­dert neben der Füh­rung Got­tes fun­dier­te Sprach­kennt­nis­se und ein tie­fes Ver­ständ­nis der bibli­schen Kon­tex­te.

Zusam­men­fas­sung:

Baa­der unter­liegt mit sei­ner Über­set­zung dem Irr­tum, dass Ori­gi­nal­treue durch maxi­ma­le Form­treue erreicht wird. Sei­ne extrem kon­kor­dan­te Tech­nik ver­sucht, jedes Wort des Ori­gi­nals durch genau ein deut­sches Wort wie­der­zu­ge­ben. Wäh­rend er ande­ren Über­set­zun­gen „Dog­ma­tik“ vor­wirft, fol­gen Ver­fech­ter die­ses Ansat­zes selbst einem Dog­ma: der Annah­me, dass jedes Wort im Grund­text so iso­liert von Gott aus­ge­wählt wur­de (Ver­bal­in­spi­ra­ti­on), dass es uni­ver­sell mit nur einem Wort in jeder belie­bi­gen Ziel­spra­che kor­re­spon­diert.

Da dies auf­grund von Struk­tur­un­ter­schie­den zwi­schen Spra­chen und Mehr­deu­tig­keit unmög­lich ist, ver­än­dert er Gram­ma­tik und Wort­schatz des Deut­schen nach sei­nen Vor­stel­lun­gen. Das Ergeb­nis: for­mal nahe am Ori­gi­nal, aber auf Kos­ten von Ver­ständ­lich­keit und inhalt­li­cher Ori­gi­nal­treue. Sein Ansatz führt zu Pro­ble­men auf Wortbedeutungs‑, Wort­for­men- und Satz­bau­ebe­ne. So wer­den bei­spiels­wei­se hebräi­sche Wort­for­men, die einen Wunsch oder Befehl aus­drü­cken, von Baa­der schlicht als Gegen­wart (Indi­ka­tiv) über­setzt.

Dies erschwert das Ver­ständ­nis und eröff­net para­do­xer­wei­se genau jene neu­en Deu­tungs­spiel­räu­me, die durch die Metho­de eigent­lich ver­mie­den wer­den soll­ten. Um die sper­ri­gen For­mu­lie­run­gen Baa­ders über­haupt ver­ste­hen zu kön­nen, müs­sen sie vom Leser erst müh­sam selbst gedeu­tet wer­den. Es wirkt bei­na­he wie ein Euphe­mis­mus, wenn Ver­fech­ter der DaB­haR-Über­set­zung sagen, sie sei eine „sehr rohe Über­set­zung, die dem Leser viel Denk­ar­beit auf­bür­det“ oder gar von einer „Kunst­spra­che“ spre­chen, an die man sich gewöh­nen müs­se.

Glau­ben Sie wirk­lich, dass die Autoren der Bibel, z. B. die Evan­ge­lis­ten oder Apos­tel, sich in ihren Brie­fen und Wer­ken einer (ein­ge­ge­be­nen) Kunst­spra­che bedient haben, damit wir spä­ter das Prin­zip des mini­ma­len Wort­schat­zes anwen­den kön­nen?

Die Bibel wur­de in Hebrä­isch, Ara­mä­isch und Grie­chisch ver­fasst – in den leben­di­gen Spra­chen, die die Autoren selbst spra­chen. Müss­te Gott nicht dann auch, bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Mensch­heit, jedem ein­zel­nen Wort in die­sen Spra­chen genau eine Bedeu­tung gege­ben haben, damit die­se Wör­ter spä­ter genau mit einem Wort in einer Ziel­spra­che über­setzt wer­den kön­nen?

Der Mythos der unüber­treff­ba­ren, „rei­nen“ Über­set­zung wird hier­mit infra­ge gestellt. Grund­sätz­lich ist die Kri­tik berech­tigt, dass vie­le Bibel­über­set­zun­gen theo­lo­gisch ein­ge­färbt sind. Daher ist es drin­gend rat­sam, bei strit­ti­gen Text­stel­len ver­schie­de­ne Über­set­zun­gen zu ver­glei­chen. Die DaB­haR-Über­set­zung jedoch auf­grund frag­wür­di­ger dog­ma­ti­scher Grund­an­nah­men und sprach­li­cher Unzu­läng­lich­kei­ten als die „bes­te“ Über­set­zung zu bezeich­nen, ist unan­ge­bracht.

Warum die Allversöhnungslehre falsch ist

Da Anhän­ger der All­ver­söh­nungs­leh­re bevor­zugt auf kon­kor­dan­te Bibel­über­set­zun­gen zurück­grei­fen, zitie­re ich hier auch die DaB­haR-Über­set­zung, um zu zei­gen, dass selbst die­se Über­set­zung die All­ver­söh­nungs­leh­re nicht stützt. (Lei­der war es nicht mög­lich, die Über­set­zung online ein­zu­se­hen. Die ver­wen­de­te Datei mit der DaB­haR-Über­set­zung hat­te ein paar Dar­stel­lungs­feh­ler, aber soll­te hier den­noch rich­tig wie­der­ge­ge­ben wor­den sein. Falls nicht, wird um Hin­wei­se gebe­ten.)

Es wird nun gezeigt, dass nicht alle Men­schen geret­tet wer­den.

 Begrün­dung:

1. Der begrenz­te Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem

Nur die „Rei­nen“ haben Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem, das vom Him­mel her­ab­kommt (Offb 21,1f), und nur sie haben ein Anrecht auf den Baum des Lebens (vgl. 1. Mo 3,22). Die Unrei­nen, Zau­be­rer, Mör­der etc. blei­ben aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen.

Offb 22,14.15 (DaB­haR):

Glück­se­lig (sind) die Spü­len­den ihre Roben, auf dass ihre Auto­ri­tät sein wird (sie)(ist)aber wie die Auto­ri­tät auf das Holz des Lebens (zu) und sie (in) den Geto­ren hin­ein­kom­men in die Stadt. Drau­ßen (sind) die Köter und die Zau­bern­den und die Hurer und die Mör­der und die Idol­got­tes­die­ner und all(jed)er Fäl­schung Tuen­de und Befreun­den­de.

Offb 22,14.15 (ELB):

Glück­se­lig, die ihre Klei­der waschen, damit sie ein Anrecht am Baum des Lebens haben und durch die Tore in die Stadt hin­ein­ge­hen! Drau­ßen sind die Hun­de und die Zau­be­rer und die Unzüch­ti­gen und die Mör­der und die Göt­zen­die­ner und jeder, der die Lüge liebt und tut.

Offb 21,27 (DaB­haR):

Und nicht, (ja) nich(t), kom­men hin­ein in sie [die Stadt] all(irgendein) Gemei­nes und der (etwas) wie Greu­el und Fäl­schung Tuen­de, son­dern nur die, (die) Geschrie­ben­wor­de­ne (sind) in dem Buch­röll­chen des Lebens des Him­mels.

Offb 21,27 (ELB):

Und alles Gemei­ne wird nicht in sie [die Stadt] hin­ein­kom­men, noch [der­je­ni­ge], der Greu­el und Lüge tut, son­dern nur die, wel­che geschrie­ben sind im Buch des Lebens des Lam­mes.

2. Der Grund für den Aus­schluss: Die­se “bösen” Men­schen wer­den in den Feu­er­see (2. Tod) gewor­fen.

Das ist ihr “Erbe / Teil”, im Gegen­satz zu den Gerech­ten. (Vgl. Text oben und Offb 22,18.19.)

Offb 21,8 (DaB­haR):

Aber den Ver­zag­ten und Untreu­en­den und Greu­el­ge­wor­de­nen und Mör­dern und Hurern und Zau­bern­den und Idol­got­tes­die­nern und all den Fal­schen (ist) ihr Teil in dem See, dem brennende(mach)ten (mit) Feu­er und Schwe­fel, wel­ches der zwei­te Tod ist.

Offb 21,8 (ELB):

Aber den Fei­gen und Ungläu­bi­gen und mit Greu­len Befleck­ten und Mör­dern und Unzüch­ti­gen und Zau­be­rern und Göt­zen­die­nern und allen Lüg­nern ist ihr Teil in dem See, der mit Feu­er und Schwe­fel brennt, das ist der zwei­te Tod.

Off 20,15 (ELB):

Und wenn jemand nicht geschrie­ben gefun­den wur­de in dem Buch des Lebens, so wur­de er in den Feu­er­see gewor­fen.

3. Die Offen­ba­rung zeigt zwei gro­ße Gegen­sät­ze

Die Offen­ba­rung zeich­net zwei unüber­brück­ba­re Gegen­sät­ze: Die Gerech­ten haben Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem und Teil am Baum des Lebens. Die Unge­rech­ten haben kei­nen Zugang (obwohl die Stadt­to­re offen­ste­hen) und kei­nen Teil am Baum des Lebens, denn ihr „Teil“ ist der Feu­er­see. Doch was bedeu­tet der „zwei­te Tod“ genau?

Offb 20,14 (DaB­haR)

Und der Tod und der HADES wer­den in den See des Feu­ers gewor­fen. Und dies ist der zwei­te Tod, der See des Feu­ers. [Man beach­te den Ver­weis auf 1Kor 15, 26].

Offb 20,14 (ELB): Und der Tod und der Hades wur­den in den Feu­er­see gewor­fen. Dies ist der zwei­te Tod, der Feu­er­see.

4. Der zwei­te Tod ist ein Sym­bol der Zer­stö­rung / Auf­lö­sung.

Der zwei­te Tod ist ein Sym­bol der end­gül­ti­gen Zer­stö­rung und Auf­lö­sung. Der Tod und das Toten­reich (Hades) wer­den im Feu­er­see ver­nich­tet, denn auf der neu­en Erde wird es „kei­nen Tod mehr“ geben (Offb 21,4). Wenn durch den Feu­er­see der Tod selbst sein Ende fin­det, gilt dies kon­se­quen­ter­wei­se auch für die im Feu­er­see befind­li­chen Fei­gen, Ungläu­bi­gen, Mör­der und Unzüch­ti­gen. Sie wer­den – ana­log zum Tod und zum Hades – in den Feu­er­see gewor­fen, um dort ihr Ende zu fin­den.

1. Korin­ther 15,26:

  • Der letz­te Feind, der weg­ge­tan wird, ist der Tod. (ELB)
  • Als letz­ter Feind wird der Tod abge­tan. (Schlach­ter)
  • Letz­ter Feind, der her­ab unwirk­sam gemacht ist, ist der Tod. (DaB­haR)
  • The last ene­my that shall be des­troy­ed is death. (AV)

Fazit: Wie der Tod, so ergeht es auch den Gott­lo­sen: Sie wer­den „weg­ge­tan“, „abge­tan“, „unwirk­sam gemacht“ oder „zer­stört“. Sie wer­den abge­schafft, ver­ge­hen und wer­den zunich­te gemacht. Es ist ent­schei­dend zu sehen, dass der Tod als Feind bezeich­net wird. Er wird in den Feu­er­see gewor­fen, genau wie die Unge­rech­ten. Auch sie sind Fein­de Got­tes und wer­den nicht etwa umer­zo­gen oder neu aus­ge­rich­tet – son­dern sie wer­den, gleich wie der Tod, auf der neu­en Erde nicht mehr sein.

Alles Böse ist dann ver­gan­gen (Offb 21,4). Die­ses Ergeb­nis lässt sich para­do­xer­wei­se sogar mit der DaB­haR-Über­set­zung nach­voll­zie­hen. Die All­ver­söh­nungs­leh­re, die eine spä­te­re Ret­tung die­ser Grup­pen pos­tu­liert, fin­det somit in der bibli­schen Exege­se kei­ne Grund­la­ge.

Stellungnahme zur Kritik an dieser Auslegung

Die vor­lie­gen­de Aus­ar­bei­tung wird häu­fig im Hin­blick auf ihre zen­tra­len Ergeb­nis­se kri­ti­siert: Näm­lich, dass Ver­stor­be­ne bis zu ihrer Auf­er­ste­hung in einem Zustand des Unbe­wusst­seins ver­blei­ben, nicht direkt in den Him­mel ein­ge­hen, und die Bibel kei­ne Leh­re einer von Natur aus unsterb­li­chen See­le kennt und uner­lös­te Men­schen am Ende nicht unend­lich lei­den, son­dern viel­mehr auf­hö­ren zu exis­tie­ren.

Zahl­rei­che Chris­ten sind über­zeugt, dass die See­le eines gerech­ten Men­schen unmit­tel­bar nach dem Tod in den Him­mel auf­ge­nom­men wird. Die­se Sicht­wei­se pro­pa­giert eine tem­po­rä­re Tren­nung von Leib und See­le. Da die Anhän­ger die­ser Leh­re die Fort­exis­tenz der See­le beto­nen, bezeich­nen sie das hier prä­sen­tier­te Ergeb­nis (das Unbe­wusst­sein der Ver­stor­be­nen bis zur Auf­er­ste­hung) als „See­len­schlaf“.

Die­se Bezeich­nung wird in der vor­lie­gen­den Arbeit jedoch bewusst ver­mie­den, da sie miss­ver­ständ­lich ist und theo­lo­gi­sche Impli­ka­tio­nen mit sich führt, die hier nicht geteilt wer­den. Bezüg­lich der nicht erlös­ten Men­schen herrscht selbst unter den Anhän­gern der See­len­leh­re Unei­nig­keit: Eini­ge glau­ben an eine sofor­ti­ge Qual in der Höl­le, ande­re an einen Auf­ent­halt in einer fins­te­ren Toten­welt (Hades/Scheol). In der römisch-katho­li­schen Leh­re gibt es zudem auch noch das Fege­feu­er.

Historischer Kontext: Der Streit um den Himmel

Die Fra­ge, wann und auf wel­che Wei­se Men­schen in die Gegen­wart Got­tes gelan­gen, lös­te bereits in der frü­hen Kir­chen­ge­schich­te hef­ti­ge Debat­ten aus. Ein bedeut­sa­mes Zeug­nis hier­für lie­fert Jus­tin der Mär­ty­rer (geb. um 110 n. Chr.) in sei­nem Werk Dia­log mit dem Juden Try­phon:

Wenn ihr mit sol­chen Leu­ten bekannt gewor­den seid, die sich Chris­ten nen­nen und die Auf­er­ste­hung der Toten leug­nen und behaup­ten: ihre See­len wer­den sogleich nach dem Tode in den Him­mel auf­ge­nom­men, so hal­tet sie nicht für Chris­ten.” (Kapi­tel 80)

Inter­es­san­ter­wei­se sind heu­ti­ge Befür­wor­ter der Him­mel­fahrt direkt nach dem Tod meist immer­hin kon­se­quent genug, dass sie – trotz der logi­schen Span­nung zu ihrer See­len­leh­re – wei­ter­hin for­mal an die zukünf­ti­ge Auf­er­ste­hung der Toten glau­ben.

Um eine umfas­sen­de Klä­rung her­bei­zu­füh­ren, wer­den im fol­gen­den Abschnitt die wesent­li­chen Kri­tik­punk­te an der hier prä­sen­tier­ten Aus­le­gung unter­sucht und auf Basis der bibli­schen Befun­de beant­wor­tet.

Die verbreitete Seelenlehre

In dem Buch „One Minu­te After You Die – A Pre­view of Your Final Desti­na­ti­on“ von Erwin W. Lut­zer (1997, Moo­dy Press, Chi­ca­go), das im Deut­schen unter dem Titel „Fünf Minu­ten nach dem Tod“ (1998, Christ­li­che Ver­lags­ge­sell­schaft, Dil­len­burg) erschie­nen ist, wird für eine weit­ver­brei­te­te See­len­leh­re plä­diert. Die wesent­li­chen Kern­aus­sa­gen Lut­zers las­sen sich wie folgt zusam­men­fas­sen:

  • Die See­le eines Men­schen gehe nach dem Tod in das Toten­reich “Scheol” oder “Hades” (S.31f).
  • Das Toten­reich habe zwei Berei­che, einen für gute und einen für schlech­te Men­schen (S. 33f).
  • Nach der Him­mel­fahrt Jesu wur­de der Bereich der Gerech­ten angeb­lich in den Him­mel ver­legt. Der ver­blei­ben­de Bereich die­ne wei­ter­hin als Auf­be­wah­rungs­ort für die Geis­ter der ver­stor­be­nen Gott­lo­sen (S. 42), wobei die­ser Ort gleich­zei­tig als Höl­le, also als Ort bewuss­ter Qual, ver­stan­den wird (S. 126).
  • Die See­len der gläu­bi­gen Men­schen gehen dem­nach direkt in den Him­mel ein, um in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart Got­tes zu sein (S. 42, 45f).
  • Wenn die Bibel im Zusam­men­hang mit dem Tod vom „Schla­fen“ oder „Ent­schla­fen“ spricht, bezie­he sich dies ledig­lich auf den phy­si­schen Kör­per. Die „Geist-See­le“ des Men­schen hin­ge­gen blei­be nach dem Tod aktiv und wach (S. 52f).
  • Da die See­len im Him­mel mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, wird pos­tu­liert, dass sie in der Zeit zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung einen tem­po­rä­ren, wenn auch unvoll­kom­me­nen Leib besit­zen. Alter­na­tiv könn­ten See­len selbst über gewis­se Lei­bes­funk­tio­nen ver­fü­gen (z. B. die Fähig­keit zu spre­chen). Die genaue Beschaf­fen­heit die­ses Zustands ent­zie­he sich jedoch mensch­li­cher Vor­stel­lungs­kraft (S. 73–75).

Methodische Kritik

Vie­le die­ser Kern­aus­sa­gen resul­tie­ren dar­aus, dass bild­haf­te Gleich­nis­se (wie etwa die Erzäh­lung vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus) wört­lich als Tat­sa­chen­be­rich­te gedeu­tet wer­den, wäh­rend ande­re, gegen­tei­li­ge Bibel­stel­len unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Da eine sol­che her­me­neu­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se in der vor­lie­gen­den Aus­ar­bei­tung prin­zi­pi­ell abge­lehnt wird, kon­zen­triert sich die fol­gen­de Unter­su­chung nur auf die theo­lo­gisch rele­van­tes­ten Argu­men­te Lut­zers.

Typische Einwände bzgl. des Zustands der Toten

Lust abzuscheiden (Phil 1,23)

Erwin Lut­zer ver­weist, wie vie­le Ver­tre­ter der gän­gi­gen See­len­leh­re, immer wie­der auf zwei zen­tra­le Aus­sa­gen von Pau­lus, um zu bele­gen, dass der gerech­te Mensch unmit­tel­bar nach dem Tod in den Him­mel gelangt. Die ers­te fin­den wir im Brief an die Phil­ip­per. Im ers­ten Kapi­tel bringt Pau­lus sei­ne Sor­gen, aber auch sei­ne Hoff­nun­gen zum Aus­druck. Zu der Zeit, als er den Brief schrieb, berei­te­ten ihm eini­ge Men­schen Kum­mer:

Jene aber ver­kün­di­gen Chris­tus aus Eigen­nutz und nicht lau­ter, denn sie möch­ten mir Trüb­sal berei­ten in mei­ner Gefan­gen­schaft.” (Phil 1,17)

Pau­lus ließ sich aber nicht ent­mu­ti­gen. Er fuhr fort, mit:

Was tut’s aber? Wenn nur Chris­tus ver­kün­digt wird auf jede Wei­se, es gesche­he zum Vor­wand oder in Wahr­heit, so freue ich mich dar­über. Aber ich wer­de mich auch wei­ter­hin freu­en; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil aus­ge­hen wird durch euer Gebet und durch den Bei­stand des Geis­tes Jesu Chris­ti, wie ich sehn­lich war­te und hof­fe, dass ich in kei­nem Stück zuschan­den wer­de, son­dern dass frei und offen, wie alle­zeit so auch jetzt, Chris­tus ver­herr­licht wer­de an mei­nem Lei­be, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Chris­tus ist mein Leben, und Ster­ben ist mein Gewinn.” (Phil 1,18–21)

Nichts – weder har­te Arbeit noch Nach­stel­lun­gen oder gar der Tod – konn­te sein Werk auf­hal­ten. Des­sen war er sich bewusst. Den­noch war weder sei­ne von Anfech­tun­gen gepräg­te Arbeit noch sein dro­hen­der Tod in Gefan­gen­schaft etwas, wor­auf er freu­dig „war­te­te“. Bei­de Gedan­ken „setz­ten ihm hart zu“. Er schrieb dazu:

Wenn ich aber wei­ter­le­ben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaf­fen; und so weiß ich nicht, was ich wäh­len soll. Denn es setzt mir bei­des hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu schei­den und bei Chris­tus zu sein, was auch viel bes­ser wäre; aber es ist nöti­ger, im Fleisch zu blei­ben, um euret­wil­len.” (Phil 1,22–24)

Das Wort „Lust“ in Phil 1,23 (grie­chisch epi­thy­mia) wird in moder­nen Ohren oft miss­ver­stan­den. Es bezeich­net ein star­kes Ver­lan­gen oder eine tie­fe Sehn­sucht.

Die Ana­ly­se: Beweist dies die sofor­ti­ge Him­mel­fahrt der See­le?

Es steht fest, dass Pau­lus den Tod als Schlaf bezeich­net (das Ster­ben und Ent­schla­fen sind für ihn Syn­ony­me, vgl. 1Kor 11,30; 15,6.18.20.51; 1Thess 4,13.14.15). Der Tod oder der Zustand des Todes waren ihm aber unwich­tig, denn der Schwer­punkt lag in sei­nen Aus­füh­run­gen ein­deu­tig auf der Wie­der­kunft Chris­ti, bei wel­cher die Auf­er­ste­hung und die Ver­wand­lung (Ver­klä­rung) der Gläu­bi­gen statt­fin­den werden.Dieses trifft auch auf den Phil­ip­per­brief zu, in dem die von Lut­zer miss­ver­stan­de­ne Aus­sa­ge zu fin­den ist (sie­he Phil 1,6.10; 3,10.11.14.20.21).

Für Pau­lus war nicht der Tod (und eine ver­meint­lich sofor­ti­ge See­le­nent­rü­ckung) der Grund sei­ner Hoff­nung, son­dern die Auf­er­ste­hung von den Toten im Zusam­men­hang mit der Paru­sie (Wie­der­kunft Jesu). Erst dann wird Jesus alle Gerech­ten zu sich holen, damit sie für immer bei ihm blei­ben (Joh 14,2.3; 1. Thess 4,13–17).

Die Aus­sa­ge „Ich habe Lust, aus der Welt zu schei­den und bei Chris­tus zu sein“ ist kei­ne dog­ma­ti­sche Beleh­rung über den Zeit­punkt des Erhalts eines unsterb­li­chen Kör­pers – im Gegen­satz zu 1. Thess 4 oder 1. Kor 15, wo er sich detail­liert die­sem The­ma wid­met. Pau­lus drückt hier ledig­lich sei­ne Sehn­sucht aus, bald bei Chris­tus zu sein, ohne dabei die Zeit­span­ne zu the­ma­ti­sie­ren, die zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung liegt. Das ‘und’ ver­bin­det bei­de Ereig­nis­se aus Pau­lus’ sub­jek­ti­ver Sicht, sagt aber nichts über die objek­ti­ve Zeit­span­ne dazwi­schen aus.

Die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung der Zeit

War­um Pau­lus sei­nen Tod und die Gemein­schaft mit Chris­tus in einem Atem­zug nennt, lässt sich im Ein­klang mit der rest­li­chen Schrift erklä­ren: Der Tod ist für den Men­schen wie ein traum­lo­ser Schlaf. Es ist für den Ver­stor­be­nen uner­heb­lich, ob ein Tag oder 1.000 Jah­re ver­ge­hen, denn im Tod „weiß man nichts“ (Pre­di­ger 9,5.6.10). Das nächs­te Ereig­nis, das der Gerech­te nach dem Schlie­ßen der Augen bewusst wahr­nimmt, ist die Auf­er­we­ckung bei der Wie­der­kunft Chris­ti.

Auch Mar­tin Luther ver­trat die­se Ansicht sehr deut­lich:

Als­bald uns die Augen zufal­len und wir ins Grab ver­scharrt wer­den, wer­den wir wie­der auf­er­weckt. Denn tau­send Jah­re wer­den für uns sein, eben als hät­ten wir nur eine hal­be Stun­de im Gra­be geschla­fen. Wenn wir des Nachts schla­fen, so hören wir kei­nen Zei­ger [einer Uhr]und wis­sen nicht die Zeit und Stun­de, wie lan­ge wir geschla­fen haben. Wider­fährt uns nun sol­ches im Schlaf, viel­mehr wird’s uns im Tode wider­fah­ren; tau­send Jah­re wer­den hin­weg sein wie ein Nacht­schlaf.” (Quel­le: Mar­tin Luther, zitiert von Th. Traub in “Von den letz­ten Din­gen”, Sei­te 65, Quell-Ver­lag der Evan­ge­li­schen Gesell­schaft, Stutt­gart, 1928; Anga­ben nach “Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le” von M. Toma­si, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 69.)

Was soll­te Pau­lus also wäh­len? Er ringt mit der Ant­wort: Das Wei­ter­le­ben im Fleisch dient der Gemein­de, doch das „Abschei­den“ führt ihn (aus sei­ner sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung her­aus sofort) zu Chris­tus.

Pau­lus sehnt sich danach, sei­nen “Lauf” zu been­den, aber er weiß auch, dass die Gemein­den ihn noch brau­chen. Zwar ist er von der Auf­er­ste­hung über­zeugt und rech­net mit sei­nem Lohn, dem ewi­gen Leben und der ewi­gen Glück­se­lig­keit, “aber es ist nöti­ger, im Fleisch zu blei­ben, um” den Gemein­den noch bei­zu­ste­hen.

Pau­lus ver­gleicht nicht Tod vs. Leben, son­dern die end­zeit­li­che Voll­endung (bei Chris­tus sein) vs. wei­te­res irdi­sches Leben. Der Tod ist nur der Über­gang, nicht das eigent­li­che ‘Bes­se­re’.

Ergeb­nis:

Pau­lus sehnt sich nach der Erlö­sung aus einer Welt, die für ihn ein stän­di­ger Kampf war. Sein Blick war stets auf die gemein­sa­me Ver­ei­ni­gung der Auf­er­weck­ten und der Ver­wan­del­ten gerich­tet. Der strit­ti­ge Aus­druck in Vers 23 unter­streicht somit nur sei­ne Sehn­sucht nach dem Abschluss der Heils­ge­schich­te und der ewi­gen Gemein­schaft mit dem Herrn. Pau­lus steht nicht im Wider­spruch zu sei­nen übri­gen Aus­füh­run­gen und besagt nicht, dass er vor der Auf­er­ste­hung beim Herrn sein wird. Lut­zer ver­sucht aus dem Phil­ip­per­brief abzu­lei­ten, dass Pau­lus leh­ren wür­de, durch den Tod sofort beim Herrn zu sein, wider­spricht deut­lich sei­nen eige­nen Wor­ten in 1. Thess 4,13–17. Aber auch die fol­gen­den Ver­se aus dem Phil­ip­per­brief zei­gen, dass die­se Aus­le­gung falsch ist.

Ihn möch­te ich erken­nen und die Kraft sei­ner Auf­er­ste­hung und die Gemein­schaft sei­ner Lei­den und so sei­nem Tode gleich gestal­tet wer­den, damit ich gelan­ge zur Auf­er­ste­hung von den Toten.” (Phil­ip­per 3,10–11)

War­um möch­te Pau­lus Jesu “Tode gleich gestal­tet wer­den”? Damit er gelangt “zur Auf­er­ste­hung von den Toten”. Nicht, um sofort im Him­mel zu sein. Für Men­schen, die vor der Wie­der­kunft Jesu gestor­ben sind, führt nur der Weg über die Auf­er­ste­hung zu Gott. Die­se Sicht wird auch von Pau­lus ein­deu­tig ver­tre­ten.


Das abgebrochene Zelt (2Kor 5, 1–10)

Denn wir wis­sen, dass, wenn unser irdi­sches Zelt­haus zer­stört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein nicht mit Hän­den gemach­tes, ewi­ges Haus in den Him­meln. Denn in die­sem frei­lich seuf­zen wir und seh­nen uns danach, mit unse­rer Behau­sung aus dem Him­mel über­klei­det zu wer­den inso­fern wir ja beklei­det, nicht nackt befun­den wer­den. Denn wir frei­lich, die in dem Zelt sind, seuf­zen beschwert, weil wir nicht ent­klei­det, son­dern über­klei­det wer­den möch­ten, damit das Sterb­li­che ver­schlun­gen wer­de vom Leben. Der uns aber eben hier­zu berei­tet hat, ist Gott, der uns das Unter­pfand des Geis­tes gege­ben hat. So sind wir nun alle­zeit guten Mutes und wis­sen, dass wir, wäh­rend ein­hei­misch im Leib, wir vom Herrn >aus­hei­misch< sind – denn wir wan­deln durch Glau­ben, nicht durch Schau­en -; wir sind aber guten Mutes und möch­ten lie­ber >aus­hei­misch< vom Leib und ein­hei­misch beim Herrn sein. Des­halb set­zen wir auch unse­re Ehre dar­ein, ob ein­hei­misch oder >aus­hei­misch<, ihm wohl­ge­fäl­lig zu sein. Denn wir müs­sen alle vor dem Rich­ter­stuhl Chris­ti offen­bar wer­den, damit jeder emp­fan­ge, was er durch den Leib voll­bracht, dem­entspre­chend, was er getan hat, es sei Gutes oder Böses.” (Elber­fel­der)

Pau­lus ver­gleicht den mensch­li­chen Kör­per hier mit einem Zelt. Die­ser Ver­gleich war für ihn als Zelt­ma­cher (Apg 18,3) nahe­lie­gend. Ein Zelt und der mensch­li­che Kör­per tei­len wesent­li­che Merk­ma­le: Das Mate­ri­al stammt von der Erde, sie sind tem­po­rä­rer Natur, leicht zu zer­stö­ren und zer­fal­len schließ­lich zu Staub. Sogar von Jesus heißt es, dass er unter uns „zel­te­te“ (Joh 1,14), als er Fleisch wur­de.

Die Inter­pre­ta­ti­on von Lut­zer und ande­ren

Ver­tre­ter der gän­gi­gen See­len­leh­re stüt­zen sich pri­mär auf Vers 8: „Wir sind aber guten Mutes und möch­ten lie­ber aus­hei­misch vom Leib und ein­hei­misch beim Herrn sein.“ – Sie fol­gern dar­aus, dass die See­le unmit­tel­bar nach dem Tod in die Gegen­wart Got­tes gelan­ge.

Die pau­li­ni­sche Dif­fe­ren­zie­rung: Nackt­heit vs. Über­klei­dung

Bei genaue­rer Betrach­tung zeigt sich jedoch, dass Pau­lus den Zustand des Todes in Vers 3 als nackt oder unbe­klei­det beschreibt. In Vers 4 sagt er aus­drück­lich, dass er nicht ent­klei­det wer­den (ster­ben), son­dern viel­mehr „über­klei­det“ wer­den möch­te. Dies schließt naht­los an sei­ne Aus­füh­run­gen in 1. Korin­ther 15,53 an:

Denn dies Ver­wes­li­che muss anzie­hen die Unver­wes­lich­keit, und dies Sterb­li­che muss anzie­hen die Unsterb­lich­keit.” (1Kor 15, 53)

Pau­lus drückt hier den Wunsch aus, die Wie­der­kunft Jesu noch zu Leb­zei­ten zu erfah­ren, um die Ver­wand­lung ohne den Umweg über den Tod („die Nackt­heit“) zu erle­ben. Er möch­te, dass das Sterb­li­che direkt vom Leben „ver­schlun­gen“ wird.

Kein Vor­zug bei der Wie­der­kunft

Pau­lus macht in 1Kor 15, 51–54, 1Thess 4, 13–17 und 2Tim 4, 6–8 deut­lich, dass weder die Ver­stor­be­nen noch die bei der Wie­der­kunft leben­di­gen Gläu­bi­gen bevor­zugt wer­den. Die Gläu­bi­gen – ob tot oder leben­dig – wer­den ihren Lohn erst erhal­ten, wenn Jesus kommt und zwar gemein­sam. Zwar erhal­ten auch die Gläu­bi­gen, deren “Zelt zer­stört” wur­de (Vers 1) ein ewi­ges Zelt, doch Pau­lus wünscht sich eine Über­klei­dung (Vers 4).

In Vers 8 drückt Pau­lus sei­nen Wunsch aus, „ein­hei­misch beim Herrn“ zu sein. Da er den Zustand der „Nackt­heit“ (den Tod) jedoch ablehnt (V. 4), kann die­ses „Ein­hei­misch-Sein“ nur durch die Über­klei­dung mit dem neu­en Leib gesche­hen.

Die tra­di­tio­nel­le Aus­le­gung sieht hier einen kla­ren Kon­trast: “im Leib” = fern vom Herrn; “weg vom Leib” = beim Herrn. Jedoch ist die­ses unver­träg­lich mit ande­ren Text­stel­len. Pau­lus kon­tras­tiert hier zwei grund­sätz­li­che Exis­ten­z­wei­sen (irdisch vs. himm­lisch), nicht drei (irdisch – kör­per­los – auf­er­stan­den).

Der Vers 7 unter­streicht, dass Pau­lus von der jet­zi­gen Situa­ti­on spricht (noch nicht beim Herrn, noch nicht schau­end). Auch die ande­ren Ver­stor­be­nen sind noch nicht beim Herrn, son­dern “müs­sen alle vor dem Rich­ter­stuhl Chris­ti offen­bar wer­den…” – Dies ist der Abschluss des Gedan­ken­gangs und ver­weist auf das zukünf­ti­ge Gericht.

Ergeb­nis:

Obwohl Pau­lus noch „im Leib ein­hei­misch“ ist (in der ver­gäng­li­chen Exis­tenz), ist er guten Mutes. Er sehnt sich nach dem neu­en Haus, dem unver­gäng­li­chen Leib. Die­se wun­der­ba­re Ver­hei­ßung gibt Pau­lus so viel Mut, dass er den Tod nicht fürch­tet, son­dern ihn in letz­ter Kon­se­quenz als Gewinn bezeich­net (Phil 1, 21). Der Vers 8 besagt, dass Pau­lus lie­ber schon den neu­en Leib hät­te (um mit dem neu­en Auf­er­ste­hungs­leib beim Herrn zu sein), als noch immer das tem­po­rä­re fleisch­li­che Zelt zu bewoh­nen.

Der Text bedeu­tet nicht, dass man unmit­tel­bar nach dem Tod (als kör­per­lo­se See­le) beim Herrn ist. Der „ent­klei­de­te“ Mensch schläft und erwacht erst bei der Auf­er­ste­hung (Joh 6,44; Dan 12,13; 1. Kor 15,51–54). Auch wenn der Text für moder­ne Ohren nach einem sofor­ti­gen Bewusst­sein klingt, kor­ri­giert die rest­li­che Schrift die­ses Bild: Wir sind erst beim Herrn, wenn er wie­der­kommt und uns aus dem Todes­schlaf ruft bzw. dann ver­wan­delt.


Beschwörung von Geistern und Todeserfahrungen (1Sam 28)

Ver­schie­de­ne Autoren (wie z. B. Erwin Lut­zer) berich­ten von Men­schen, die kli­nisch tot waren und nach ihrer Wie­der­be­le­bung von spe­zi­fi­schen Nah­tod­erfah­run­gen erzähl­ten. Typi­sche Ele­men­te die­ser Berich­te sind: Ein Tun­nel mit Licht am Ende, gro­ße, in wei­ße Gewän­der gehüll­te Engels­ge­stal­ten sowie ein tie­fes Gefühl von Frie­den und Gebor­gen­heit. Teil­wei­se wird zudem berich­tet, dass Pati­en­ten sich selbst aus der Vogel­per­spek­ti­ve sahen oder Infor­ma­tio­nen aus ande­ren Räu­men (z. B. des Kran­ken­hau­ses) wahr­neh­men konn­ten, wäh­rend ihr Kör­per leb­los dalag – was einen über­na­tür­li­chen Infor­ma­ti­ons­ge­winn impli­ziert und sich nicht voll­stän­dig durch natür­li­che Vor­gän­ge (Sau­er­stoff­man­gel, DMT-Aus­schüt­tung, neu­ro­lo­gi­sche Pro­zes­se) erklä­ren lässt.

Ein Geist steigt bei der Hexe von Endor aus dem Boden auf.

Obwohl Lut­zer in sei­nem Werk Fünf Minu­ten nach dem Tod (Christ­li­che Ver­lags­ge­sell­schaft Dil­len­burg, 1998) auf Sei­te 23 ein­räumt, dass „eini­ge der soge­nann­ten Todes­er­fah­run­gen dämo­ni­scher Natur sind, weil sie der Leh­re der Bibel wider­spre­chen“, ver­wen­det er die­ses Phä­no­men den­noch als „Beweis“ dafür, dass sich See­le und Kör­per beim Tod tren­nen. Er fol­gert dar­aus, dass der Mensch unmit­tel­bar als See­le bewusst exis­tiert oder in das Jen­seits wech­selt.

Ähn­lich argu­men­tiert M. Basi­lea Schlink in ihrem Werk Him­mel, Höl­le, Wirk­lich­kei­ten (Evan­ge­li­sche Mari­en­schwes­tern­schaft, Darm­stadt). Sie führt Erfah­run­gen Johann Chris­toph Blum­hardts mit dämo­ni­schen Mäch­ten an, um zu unter­mau­ern, dass sich Ver­stor­be­ne bis zum Jüngs­ten Gericht in einem bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand befin­den.

Ande­re wie­der­um beru­fen sich auf Infor­ma­tio­nen aus spi­ri­tis­ti­schen Sit­zun­gen. Dabei betont die Hei­li­ge Schrift unmiss­ver­ständ­lich, dass alle For­men des Okkul­tis­mus für Gott ein Gräu­el sind (sie­he 3. Mo 19,31; 5. Mo 18,9–12; Jes 8,19–20; 1. Kor 10,14–22).

Lut­zer erkann­te – zumin­dest im Hin­blick auf den Okkul­tis­mus – den Ernst der Lage und beschrieb die Gefah­ren dämo­ni­scher Mäch­te. Im erwähn­ten Werk führt er auf den Sei­ten 16–21 aus:

Der sprin­gen­de Punkt ist natür­lich, dass alle Infor­ma­tio­nen über das Leben nach dem Tod, die wir von Spi­ri­tis­ten oder Medi­en erhal­ten, unzu­ver­läs­sig sind. Die­je­ni­gen, die sich an die okkul­te Welt wen­den, um von dort Infor­ma­tio­nen über den Tod zu erhal­ten, wer­den irre­ge­lei­tet. Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, doch auf Auf­klä­rung von Dämo­nen soll­ten wir ver­zich­ten, denn ihre größ­te Freu­de besteht dar­in, Men­schen zu ver­wir­ren und zu betrü­gen.”

Wer ver­sucht, mit Toten in Kon­takt zu tre­ten, wird immer in die Gemein­schaft fins­ter Mäch­te gera­ten, die vor­ge­ben, hilf­rei­che Engel des Lichts zu sein.

Des­halb kön­nen Sie ziem­lich sicher sein, dass kei­ner jemals mit ihrem toten Onkel, Vet­ter oder Ihrer toten Groß­mutter gere­det hat. Es gibt jedoch Geis­ter, die die Toten ver­tre­ten. Ihre Ver­füh­rungs­kunst ist recht trick­reich, denn sie kön­nen viel­leicht sogar über die Lie­be reden, über den Wert der Reli­gi­on oder Jesus in einem guten Licht dar­stel­len. Und natür­lich wis­sen sie genug, um die Unkri­ti­schen zu betrü­gen.

Es scheint jedoch, dass Lut­zer nicht erkennt, dass sei­ne Ein­wän­de gegen okkul­te Quel­len glei­cher­ma­ßen auf den Infor­ma­ti­ons­ge­winn aus Nah­tod­erfah­run­gen anwend­bar sind. Wenn eini­ge die­ser Erfah­run­gen ein­deu­tig dämo­ni­scher Natur sind, könn­ten dann nicht auch jene, die der Bibel schein­bar nicht wider­spre­chen, den­sel­ben Ursprung haben? Ist es nicht mög­lich, dass Satan Men­schen im Grenz­be­reich des Todes durch Illu­sio­nen mani­pu­liert?

In der Rea­li­tät hat Satan der Welt durch Spi­ri­tis­mus und Todes­er­fah­run­gen ein brei­tes Spek­trum an Leh­ren über das “Leben nach dem Tod” ver­mit­telt: Von der Wie­der­ge­burt (im fern­öst­li­chen Sin­ne) über mit­tel­al­ter­li­che Höl­len­vi­sio­nen bis hin zu fried­vol­len Begeg­nun­gen mit Licht­we­sen. Dabei sei ange­merkt, dass auch dro­gen­in­du­zier­te Hal­lu­zi­na­tio­nen ähn­li­che Phä­no­me­ne her­vor­ru­fen kön­nen. Statt kon­se­quent alle über­na­tür­li­chen, außer­bi­bli­schen Infor­ma­tio­nen zu mei­den, nutzt Lut­zer sie selek­tiv als Beleg für sei­ne Aus­le­gun­gen.

Schlink wirft ein, dass “das stren­ge Gebot der Hei­li­gen Schrift, die Toten nicht zu befra­gen (5. Mose 18,11.12)” kei­nen Sinn machen wür­de, wenn die Toten nicht in einem bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand wären.

Schlink wirft zudem ein, dass das bibli­sche Ver­bot der Toten­be­fra­gung (5. Mo 18,11–12) kei­nen Sinn ergä­be, wenn die Toten nicht in einem bewuss­ten Zustand wären. Doch die Geschich­te zeigt, dass Men­schen sel­ten auf Got­tes Wort hör­ten und statt­des­sen heid­ni­schen Bräu­chen nach­ei­fer­ten. Immer wie­der hat Gott den Men­schen gesagt, dass Göt­zen nichts kön­nen. Sie sind aus Stein und Holz von Men­schen­hand gemacht – mehr nicht. Den­noch hat Gott streng ver­bo­ten, Bild­nis­se zu machen und die­se toten Stei­ne anzu­be­ten, obwohl sie gar kei­ne ech­ten Göt­ter waren. Beim Toten­kult war und ist es genau­so. Wir sol­len unse­re gan­ze Hoff­nung auf Gott und nicht auf Göt­zen oder Toten­be­schwö­rer, Wahr­sa­ger, Zau­be­rer, Geis­ter­be­fra­ger, Hexen, “Murm­ler” oder “Flüs­te­rer” set­zen. Daher ist es fol­ge­rich­tig, etwas zu ver­bie­ten, das zwar real prak­ti­ziert wird (die Beschwö­rung), des­sen behaup­te­ter Inhalt (der Kon­takt zum ech­ten Toten) jedoch nicht der Wahr­heit ent­spricht.

Man könn­te eben­so fra­gen: Wozu soll­te man Tote befra­gen, wenn sie ohne­hin nicht wis­sen, was auf Erden geschieht (2. Kö 22,20; Jes 38,10–11), nicht reden kön­nen (Ps 115,17) und kei­ne Erkennt­nis oder Gedan­ken mehr besit­zen (Pred 9,5.6.10)?

Der Grund für das Ver­bot wur­de von Lut­zer eigent­lich kor­rekt erkannt: Nicht die Toten ant­wor­ten bei einem Kon­takt­ver­such, son­dern Satan oder sei­ne Ver­bün­de­ten. Des­halb hat Gott jeg­li­chen Okkul­tis­mus unter­sagt; die Men­schen sol­len statt­des­sen Gott um Rat fra­gen.

Auch die ein­zi­ge in der Bibel beschrie­be­ne Toten­be­schwö­rung lässt sich so inter­pre­tie­ren. Nach­dem König Saul untreu gewor­den war (1. Sam 15,19), ent­zog sich Gott ihm und ant­wor­te­te nicht mehr – weder durch Träu­me noch durch das Los „Licht“ (Urim) oder Pro­phe­ten (1. Sam 28,6). Saul hät­te Reue zei­gen kön­nen; statt­des­sen such­te er Hil­fe bei der Fins­ter­nis und begab sich zur Beschwö­re­rin von En-Dor. Die­se beschwor einen Geist, der dem Pro­phe­ten Samu­el glich„ und Saul mit­teil­te, dass er und sei­ne Söh­ne in der Schlacht ster­ben wür­den. Dies erfüll­te sich, als Saul ver­wun­det wur­de und Sui­zid beging (1. Sam 31,4).

Es stellt sich die Fra­ge: Soll­te Gott der Beschwö­re­rin tat­säch­lich erlaubt haben, den ver­stor­be­nen Samu­el her­bei­zu­ru­fen, nach­dem er selbst jede Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Saul abge­bro­chen hat­te? Wer gab Saul wirk­lich Ant­wort? Wenn kein leben­der Pro­phet hel­fen konn­te, war­um soll­te es ein toter tun? Und wäre es wirk­lich der Got­tes­mann Samu­el gewe­sen, hät­te er sich kaum in den Dienst einer Beschwö­re­rin gestellt, da Zau­be­rei ein schwe­res Ver­ge­hen war.

Es gibt Hin­wei­se, die es frag­lich erschei­nen las­sen, dass es wirk­lich Samu­el war, der dort erschien.

  • Hat­te die Beschwö­re­rin wirk­lich Macht, einen ver­stor­be­nen Got­tes­mann, aus dem Toten­schlaf zu wecken – gegen den Wil­len Got­tes?”
  • Saul konn­te den Geist nicht erken­nen und muss­te die Beschwö­re­rin fra­gen, was sie sieht (Ver­se 13 und 14). Dass Saul den Geist nicht sehen konn­te, zeigt, dass die Beschwö­re­rin die Kon­trol­le hat­te. Dies ist unty­pisch für gött­li­che Offen­ba­run­gen.
  • Der Geist kommt aus der Erde, nicht vom Him­mel (Vers 13). Dies wider­spricht der Vor­stel­lung einer Auf­nah­me in den Him­mel nach dem Tode.
  • Der Geist sagt zu Saul, dass er und sei­ne Söh­ne am nächs­ten Tag bei ihm sein wür­den, d. h. dass sie bald ster­ben wür­den (Vers 19).

Der letz­te Punkt wider­spricht sehr ein­deu­tig dem land­läu­fi­gen Glau­ben, dass böse Men­schen nach dem Tod in die Höl­le und gute in den Him­mel gehen wür­den, wo sie auf uns hin­ab­schau­en. Saul begann Selbst­mord. Nach katho­li­schem Ver­ständ­nis eine unver­zeih­li­che Sün­de. Den­noch sag­te der Geist, Saul wür­de am nächs­ten Tag bei ihm sein. Wenn der Geist Samu­el war, wür­de dann Saul zu ihm in “Höl­le” oder in den “Him­mel” kom­men?

Die­ses Kon­strukt von „Nach dem Tod gleich Him­mel oder Höl­le“ und „Selbst­mör­der kom­men in die Höl­le“ wür­de dazu füh­ren, dass der Got­tes­mann Samu­el in der Höl­le wäre oder bei der Beschwö­rung die Unwahr­heit gesagt hät­te. Auch das gan­ze Kon­strukt von Lut­zer bricht wegen Hebrä­er 11 zusam­men. Wir erin­nern uns, dass Lut­zer behaup­tet hat, dass das Toten­reich zwei Berei­che hät­te und nach Jesu Him­mel­fahrt, der Bereich für die ver­stor­be­nen, guten Gläu­bi­gen, in den Him­mel ver­legt wur­de, sodass die “See­len” der Gläu­bi­gen nun in unmit­tel­ba­rer Nähe Got­tes sind? In Hebrä­er 11, 32.39.40 steht ganz klar, dass auch Samu­el  noch nicht „die Ver­hei­ßung erlangt“ hat, damit „sie nicht ohne uns voll­endet wür­den“. Der Hebrä­er­brief wur­de nach Jesu Him­mel­fahrt geschrie­ben! Mit ande­ren Wor­ten: Das, was an ver­schie­de­nen Stel­len die­ser Aus­ar­bei­tung immer wie­der betont wird, näm­lich dass die Ver­stor­be­nen in Grä­bern schla­fen, bis sie bei der Wie­der­kunft Jesu erweckt wer­den, um DANN mit den ver­wan­del­ten Gläu­bi­gen zu Jesus gerückt zu wer­den, um DANN beim Herrn zu sein.  Und dass Jesus Woh­nun­gen berei­tet und wie­der­kom­men wird, um uns DANN zu sich zu holen – Die­se Sicht wird in Hebrä­er 11 unter­stützt. Die Behaup­tun­gen von Lut­zer sind damit unver­träg­lich.

Wie lässt sich die­se Geschich­te har­mo­nisch mit der Bibel erklä­ren, ohne auf frag­wür­di­ge Toten­reich-Kon­struk­te zurück­grei­fen zu müs­sen?

Eine plau­si­ble Erklä­rung ist, dass der Geist, der dort erschien, ein Ver­bün­de­ter Satans war, der vor­gab, Samu­el zu sein. Zum einen war das ers­te, was der Geist tat, der Beschwö­re­rin ein­zu­ge­ben, dass Saul vor ihr stand (1Sam 28,12 Elber­fel­der) – offen­bar, um sie zu war­nen. Zum ande­ren ent­spricht es ganz Satans Hand­schrift, die Sün­de zu ver­harm­lo­sen und sie dien­lich erschei­nen zu las­sen, und dann, wenn sein Opfer sich von Gott getrennt hat, die gan­ze Schreck­lich­keit der Sün­de zu offen­ba­ren und dem Opfer ein­zu­re­den, es sei ver­lo­ren. Nichts könn­te Ver­ge­bung vor Gott bewir­ken und nichts könn­te unter­nom­men wer­den, um von Gott wie­der ange­nom­men zu wer­den. In Wirk­lich­keit hat Gott jedoch noch nie einen reu­mü­ti­gen Men­schen, der Buße tut, zurück­ge­wie­sen. Der Geist, der in jener Nacht erschien, rief nicht zur Buße oder Umkehr auf. Er flöß­te Saul so viel Angst ein, dass der König fast vor Angst und Erschöp­fung starb. Er nahm ihm jede Hoff­nung. Das sind nicht Metho­den, derer sich Gott bedient, denn Gott will, dass die Gott­lo­sen von ihrem Wege umkeh­ren und nicht ster­ben (Hes 33,11). Selbst David, der Ehe­bruch und Mord began­gen hat­te, wur­de durch den Pro­phe­ten Nathan zur Buße geru­fen – und fand Ver­ge­bung (2. Sam 12,13).

Ergeb­nis:

Selbst wenn man hypo­the­tisch annäh­me, dass …

  • die Hexe, die Macht gehabt hät­te, gegen den Wil­len Got­tes, Tote her­auf­zu­be­schwö­ren, 
  • Gott, der nicht mit Saul kom­mu­ni­zie­ren woll­te – auch nicht durch Pro­phe­ten, es zuge­las­sen hät­te, dass Saul Samu­el befra­gen durf­te,
  • es wirk­lich Samu­el gewe­sen wäre,

… so kann die­se Erzäh­lung den­noch nicht als Beweis gegen den unbe­wuss­ten Zustand der Toten die­nen. Die Bibel­stel­le wür­de in die­sem Fall ledig­lich zei­gen, dass die Beschwö­re­rin die Macht hat­te, Samu­el „in sei­ner Ruhe zu stö­ren“. Der Aus­druck „in sei­ner Ruhe stö­ren“ deu­tet viel­mehr dar­auf hin, dass Samu­el sich zuvor in einem Zustand des Unbe­wusst­seins befand.

Die­se vie­len hypo­the­ti­schen Annah­men, wer­den hier jedoch nicht geteilt. Viel­mehr wird ange­nom­men, dass es nicht Samu­el selbst war, der sich hier zeig­te, son­dern ein Dämon, von dem die Hexe Saul sag­te, es sei Samu­el. Die Toten selbst ruhen im Grab, bis der Herr sie weckt, und “wis­sen nichts”.

Wie damals wir­ken Satan und sei­ne Die­ner auch heu­te, um Men­schen zu ver­füh­ren – mal als Engel des Lichts, mal als ver­stor­be­ne Ange­hö­ri­ge. Ihr Ziel bleibt die Tren­nung des Men­schen von sei­nem Schöp­fer, denn Satan „ist ein Mör­der von Anfang an“ (Joh 8,44) und „geht umher wie ein brül­len­der Löwe“ (1. Petr 5,8).

Nur bei Gott kön­nen wir Schutz fin­den, und so rät uns Gott:

Zieht an die Waf­fen­rüs­tung Got­tes, damit ihr bestehen könnt gegen die lis­ti­gen Anschlä­ge des Teu­fels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämp­fen, son­dern mit Mäch­ti­gen und Gewal­ti­gen, näm­lich mit den Her­ren der Welt, die in die­ser Fins­ter­nis herr­schen, mit den bösen Geis­tern unter dem Him­mel.” (Eph 6,11–12)


Der Schächer am Kreuz (Lk 23,42.43)

Einer der bei­den Ver­bre­cher, die mit Jesus gekreu­zigt wur­den, erkennt noch am Kreuz den Mes­si­as:

Und er sprach: Jesus, geden­ke mei­ner, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahr­lich, ich sage dir: Heu­te wirst du mit mir im Para­dies sein.” (Lk 23,42.43)

Oft wird argu­men­tiert: „Steht hier nicht ein­deu­tig, dass der Ver­bre­cher noch am sel­ben Tag im Para­dies sein wird? Also gehen die Erlös­ten direkt nach dem Tod in den Him­mel!“

Das Pro­blem der Zei­chen­set­zung

Zunächst muss ange­merkt wer­den, dass es im Alt­grie­chi­schen, der Spra­che des Neu­en Tes­ta­ments, kei­ne Satz­zei­chen gab. Folg­lich könn­te die Stel­le eben­so lau­ten: „Wahr­lich, ich sage dir heu­te: Du wirst mit mir im Para­dies sein.“

Theo­lo­gen debat­tie­ren dar­über, wel­che Über­set­zung auf­grund der gram­ma­ti­schen Struk­tur wahr­schein­li­cher ist. Eini­ge mei­nen, das Kom­ma (oder der Dop­pel­punkt) müs­se vor „heu­te“ ste­hen; ande­re sind über­zeugt, dass es dahin­ter eben­so stim­mig ist. Kri­ti­ker wen­den ein, es sei über­flüs­sig, „heu­te“ zu beto­nen, da Jesus ja im Moment des Spre­chens rede. Nach der­sel­ben Logik wäre jedoch auch der Aus­druck „ich sage dir“ über­flüs­sig – den­noch nutzt Jesus ihn zur Ein­lei­tung. Tat­säch­lich ist die Wen­dung „Ich sage dir heu­te“ eine im Hebräi­schen bekann­te fei­er­li­che Bekräf­ti­gung (vgl. 5. Mo 8,19; 4,26; Sach 9,12).

Wirst du aber den HERRN, dei­nen Gott, ver­ges­sen und andern Göt­tern nach­fol­gen und ihnen die­nen und sie anbe­ten, so bezeu­ge ich euch heu­te, dass ihr umkom­men wer­det;” (5Mo 8,19)

Da die Gram­ma­tik allein kei­ne end­gül­ti­ge Ent­schei­dung zulässt, muss der Kon­text der gesam­ten Bibel den Aus­schlag geben. Die Les­art „…sage dir heu­te: Du wirst…“ ist vor­zu­zie­hen, da die alter­na­ti­ve Deu­tung in mas­si­ven Kon­flikt mit ande­ren bibli­schen Aus­sa­gen gerät.

Vor­ab wei­se ich dar­auf hin, dass es unum­gäng­lich ist, sich in die­sem Fall von der ver­brei­te­ten Auf­fas­sung “Para­dies” = “Him­mel” zu tren­nen. Dies wür­de sofort zu Wider­sprü­chen füh­ren. Es soll nun gezeigt wer­den, wel­che Kon­se­quen­zen sich aus der ers­ten Über­set­zungs­mög­lich­keit erge­ben:

Wich­ti­ge, rele­van­te Bibel­stel­len zum The­ma

Man darf eine Bibel­stel­le nicht los­ge­löst von ande­ren Bibel­stel­len betrach­ten. Daher müs­sen wir Fol­gen­des beach­ten. Näh­me man an, Jesus und der Ver­bre­cher sei­en noch am Frei­tag im Para­dies gewe­sen, erge­ben sich unlös­ba­re Wider­sprü­che zur all­ge­mei­nen Vor­stel­lung, dass die Gläu­bi­gen nach ihrem Tod direkt in den Him­mel gehen – zu Gott:

  1. Das Schick­sal der Gerech­ten: David, ein Mann nach dem Her­zen Got­tes, war laut Petrus zur Zeit der Apos­tel noch nicht „gen Him­mel gefah­ren“, son­dern ruh­te in sei­nem Grab (Apg 2,29–34). Übri­gens ist das nach der Him­mel­fahrt Jesu! Das gilt auch für ande­re Glau­bens­hel­den (sie­he Hebrä­er 11)! Es wäre wider­sprüch­lich, wenn ein erst im letz­ten Moment bekehr­ter Ver­bre­cher sofort in den Him­mel käme, wäh­rend die treu­en Die­ner Got­tes seit Jahr­hun­der­ten im Grab auf ihren Lohn war­ten müss­ten.
  2. Das Para­dies ist ein Ort, an dem Gott (Vater) nicht gegen­wär­tig ist. Das Para­dies ist also nicht der Him­mel: Jesus sag­te nach der Auf­er­ste­hung zu Maria: ‘Rüh­re mich nicht an’ (Joh 20,17), aber etwas spä­ter ließ er sich von Tho­mas berüh­ren (Joh 20,27). Dies war noch vor der Him­mel­fahrt. Offen­bar war Jesus zwi­schen­zeit­lich beim Vater, aber eben nicht direkt am Frei­tag nach sei­nem Tode. Der Vater ist also nicht im Para­dies. Wenn Jesus aber am Frei­tag starb und erst am Sonn­tag zum Vater auf­fuhr, wo war er dann am Frei­tag und Sams­tag? Die Bibel lehrt, dass Jesus im Grab ruh­te (Apg 2,27.31).
  3. Das Para­dies muss also das Toten­reich (der Gläu­bi­gen) sein (folgt aus 1. und 2.). Man­che hal­ten die­ses Para­dies-Toten­reich für einen Auf­ent­halts­ort, an dem die gläu­bi­gen Toten ver­wei­len, bis der Tag der Auf­er­ste­hung kommt. Die­se Vor­stel­lung ent­springt der jüdi­schen Volks­fröm­mig­keit und ist mit der Bibel nicht zu ver­ein­ba­ren: Wir lesen in der Bibel, dass sowohl gute als auch böse Men­schen in das Grab (Scheol bzw. Hades) bzw. “zu den Toten” kom­men (1Mo 37,35, 1Mo 42,38; 1Mo 44,29.31, 4Mo 16,31–33, Hiob 17,13 und Apg 2,27, u. a.) – eine Tren­nung “Toten­reich für Gläu­bi­ge” und “Toten­reich für Ungläu­bi­ge” kennt die Bibel nicht. Außer­dem ver­gleicht die Bibel den Tod mit einem Schlaf, einem Zustand, in dem nicht ein­mal mehr “Gedan­ken” vor­han­den sind. (Was alles über das Toten­reich gesagt wird (kein Loben, nichts mit­be­kom­men von die­ser Welt, usw.) wur­de im ers­ten Teil aus­ge­führt.)

Die Annah­me, dass Jesus “heu­te” im Para­dies war, führt dazu, dass man anneh­men muss, dass das Para­dies das Toten­reich ist. Die­se Annah­me wird noch unwahr­schein­li­cher – wenn nicht unmög­lich –, wenn man genau­er unter­sucht, was laut Bibel das Para­dies ist.

Das Wort para­dei­sos taucht in der Bibel nur an drei Stel­len auf: Lukas 23,43 (Der Schä­cher am Kreuz), 2. Korin­ther 12,4 (Ent­rü­ckung ins Para­dies, in den drit­ten Him­mel) und Offen­ba­rung 2,7 (Baum des Lebens im Para­dies). Das Wort ist dem alt­per­si­schen Begriff für Gehe­ge, Ummaue­rung oder ein­ge­heg­tes Gebiet ange­lehnt und bedeu­tet dort neben „Reser­vat“ auch Lust­gar­ten, lieb­li­cher Gar­ten, Park oder Frucht­gar­ten. In der anti­ken grie­chi­schen Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments (Septuaginta/LXX) wird der Gar­ten Eden an ver­schie­de­nen Stel­len (1. Mo 2; Hes 28,13; 31,8; Neh 2,8; Pred 2,5 und Jes 51,3) mit „Para­dies“ über­setzt.

Unter­su­chen wir die drei Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge:

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemein­den sagt! Wer über­win­det, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Para­dies Got­tes ist.” (Offb 2,7)

Hier wird in der Offen­ba­rung den Über­win­dern – also den treu­en, gläu­bi­gen Men­schen – das ewi­ge Leben ver­spro­chen. Der Baum des Lebens, der einst im Para­dies stand, in dem Adam und Eva leb­ten, wird den Men­schen auf der neu­en Erde wie­der zugäng­lich sein. Hier steht das Wort „Para­dies“ im unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit der Gegen­wart Got­tes. In der Offen­ba­rung ist fer­ner zu lesen, dass die Men­schen auf der neu­en Erde zusam­men­le­ben wer­den, wenn Gott alles neu macht (Offb 21,1–3), und dort wie­der vom Baum des Lebens essen kön­nen (Offb 22,1–5). Die­se Bibel­stel­le kann sich nicht auf unse­re jet­zi­ge Zeit bezie­hen, da die­ses Ereig­nis noch in der Zukunft liegt.

Ich ken­ne einen Men­schen in Chris­tus; vor vier­zehn Jah­ren – ist er im Leib gewe­sen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewe­sen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wur­de der­sel­be ent­rückt bis in den drit­ten Him­mel. Und ich ken­ne den­sel­ben Men­schen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewe­sen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wur­de ent­rückt in das Para­dies und hör­te unaus­sprech­li­che Wor­te, die kein Mensch sagen kann.” (2Kor 12,2–4)

Hier wird gesagt, dass das Para­dies im „drit­ten Him­mel“ liegt oder mit die­sem iden­tisch ist. Was ist der drit­te Him­mel? Ist es das Toten­reich der Gerech­ten? Wenn wir auf der Grund­la­ge der Bibel argu­men­tie­ren, ist dies zu bezwei­feln: War­um soll­te sich Pau­lus rüh­men kön­nen, wenn er ledig­lich in das Toten­reich ent­rückt wor­den wäre (wo Gott nicht gegen­wär­tig ist und wo die Toten weder den­ken noch spre­chen)? Wie hät­te Pau­lus an einem sol­chen Ort „unaus­sprech­li­che Wor­te“ hören kön­nen?

Für eini­ge Aus­le­ger las­sen sich die in der Bibel erwähn­ten Him­mel in drei Kate­go­rien ein­tei­len: der gewöhn­li­che Him­mel (unse­re Atmo­sphä­re), der „Him­mel“ der Ster­ne (das Welt­all) und der drit­te Him­mel als der unmit­tel­ba­re „Wohn­ort“ Got­tes. Man­che Aus­le­ger sehen noch eine wei­te­re Erklä­rungs­mög­lich­keit. Der Apos­tel Petrus schrieb:

Denn sie [Spöt­ter]wol­len nichts davon wis­sen, dass der Him­mel vor­zei­ten auch war, dazu die Erde, die aus Was­ser und durch Was­ser Bestand hat­te durch Got­tes Wort; den­noch wur­de damals die Welt dadurch in der Sint­flut ver­nich­tet. So wer­den auch der Him­mel, der jetzt ist, und die Erde durch das­sel­be Wort auf­ge­spart für das Feu­er, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Ver­damm­nis der gott­lo­sen Men­schen.” (2Petr 3,5–7)

Petrus weist dar­auf hin, dass es frü­her einen Him­mel und eine Erde gab (Ver­gan­gen­heits­form!), die durch die Sint­flut ver­nich­tet wur­den. Auch der gegen­wär­ti­ge Him­mel sowie die Erde wer­den zer­stört wer­den, und zwar durch das Feu­er. Dies sind der ers­te und der zwei­te Him­mel (samt Erde). Gott wird spä­ter einen neu­en Him­mel und eine neue Erde schaf­fen:

Wir war­ten aber auf einen neu­en Him­mel und eine neue Erde nach sei­ner Ver­hei­ßung, in denen Gerech­tig­keit wohnt.” (2Petr 3,13)

Somit ist der neue, kom­men­de Him­mel der „drit­te Him­mel“. Pau­lus wur­de also – ähn­lich wie Johan­nes in der Offen­ba­rung – die neue Welt gezeigt, in der Gott für immer mit den Men­schen zusam­men­le­ben wird. Die­ser Anblick war so über­wäl­ti­gend, dass Pau­lus ihn nicht mit Wor­ten beschrei­ben konn­te. Die pracht­vol­le Schil­de­rung des neu­en Jeru­sa­lems, wie sie in Offen­ba­rung 21 zu lesen ist, macht ver­ständ­lich, wes­halb Pau­lus sich hät­te rüh­men kön­nen, so etwas erblickt zu haben.

Wel­che der bei­den Auf­fas­sun­gen bezüg­lich des drit­ten Him­mels auch rich­tig sein mag: Bei­de ver­bin­den das Para­dies untrenn­bar mit der Gegen­wart Got­tes. Es bleibt daher höchst frag­wür­dig, ob aus­ge­rech­net der Text über den Schä­cher am Kreuz von einem ganz ande­ren Para­dies – einem „gott-losen“ Toten­reich für Gläu­bi­ge – berich­ten soll­te. Es ist viel nahe­lie­gen­der, dass para­dei­sos im gesam­ten Neu­en Tes­ta­ment als Syn­onym für den Him­mel und die direk­te Gegen­wart Got­tes steht.

Auch der Schä­cher selbst, ging nicht davon aus, sofort mit Jesus in den Him­mel zu gehen, denn sei­ne Wor­te “wenn du in dein Reich kommst” (V. 42), zei­gen, dass er an die zukünf­ti­ge mes­sia­ni­sche Herr­schaft denkt. Die­ses ist stim­mig, mit den Aus­füh­run­gen, zur Abfol­ge Tod – Schlaf – Auf­er­ste­hung und Gericht und Got­tes ewi­ges Reich.

Ergeb­nis:

Die Bibel­stel­le über den Schä­cher am Kreuz (Lk 23,42–43) kann mühe­los so aus­ge­legt wer­den, dass sie nicht in Kon­flikt mit ande­ren Aus­sa­gen der Schrift gerät. Die unbi­bli­sche Ansicht, Gerech­te wür­den sofort nach dem Tod in das Para­dies (Him­mel) ein­ge­hen, lässt sich in kei­ner Wei­se har­mo­nisch mit den rest­li­chen bibli­schen Zeug­nis­sen über den Zustand der Toten und die Wie­der­kunft Chris­ti ver­bin­den.


Der reiche Mann und der arme Lazarus (Lk 16,19–31)

Illustration zum Gleichnis von Lazarus und dem reichen Mann.

Es war aber ein rei­cher Mann, der klei­de­te sich in Pur­pur und kost­ba­res Lei­nen und leb­te alle Tage herr­lich und in Freu­den. Es war aber ein Armer mit Namen Laza­rus, der lag vor sei­ner Tür voll von Geschwü­ren und begehr­te, sich zu sät­ti­gen mit dem, was von des Rei­chen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hun­de und leck­ten sei­ne Geschwü­re. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wur­de von den Engeln getra­gen in Abra­hams Schoß. Der Rei­che aber starb auch und wur­de begra­ben. Als er nun in der Höl­le war, hob er sei­ne Augen auf in sei­ner Qual und sah Abra­ham von fer­ne und Laza­rus in sei­nem Schoß. Und er rief: Vater Abra­ham, erbar­me dich mei­ner und sen­de Laza­rus, damit er die Spit­ze sei­nes Fin­gers ins Was­ser tau­che und mir die Zun­ge küh­le; denn ich lei­de Pein in die­sen Flam­men. Abra­ham aber sprach: Geden­ke, Sohn, dass du dein Gutes emp­fan­gen hast in dei­nem Leben, Laza­rus dage­gen hat Böses emp­fan­gen; nun wird er hier getrös­tet, und du wirst gepei­nigt. Und über­dies besteht zwi­schen uns und euch eine gro­ße Kluft, dass nie­mand, der von hier zu euch hin­über will, dort­hin kom­men kann und auch nie­mand von dort zu uns her­über. Da sprach er: So bit­te ich dich, Vater, dass du ihn sen­dest in mei­nes Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brü­der, die soll er war­nen, damit sie nicht auch kom­men an die­sen Ort der Qual. Abra­ham sprach: Sie haben Mose und die Pro­phe­ten; die sol­len sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abra­ham, son­dern wenn einer von den Toten zu ihnen gin­ge, so wür­den sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Pro­phe­ten nicht, so wer­den sie sich auch nicht über­zeu­gen las­sen, wenn jemand von den Toten auf­er­stün­de.” (Lk 16,19–31)

Spricht die­ses Bibel­wort nicht klar davon, dass die Ver­stor­be­nen bei Bewusst­sein blei­ben und die Bösen sogar in einer Höl­le gequält wer­den? Unter­su­chen wir zunächst, wie die­se Aus­le­gung sich zu ande­ren Bibel­stel­len ver­hält:

  1. Der Ort des Gesche­hens: Bei­de, der rei­che Mann und der arme Laza­rus, ster­ben. Laza­rus wird auf Abra­hams Schoß getra­gen, der Rei­che wird begra­ben. Bei­de befin­den sich im Hades (grie­chisch für das hebräi­sche Scheol, das Grab). Aus der Bibel wis­sen wir, dass alle Men­schen ins Grab gehen (vgl. Pre­di­ger 9,1–3; Hiob 21,23–26)
  2. Ver­steht man das Gleich­nis wört­lich, so stellt die­ses einen Wider­spruch dar: Denn wenn Scheol bzw. Hades laut Bibel der Ort ist, an dem die Toten nichts wis­sen, den­ken oder tun (Pred 9,5–6; vgl. Teil 1 der Aus­ar­bei­tung), wie kön­nen die bei­den dort mit­ein­an­der spre­chen?
  3. Kör­per­lich­keit im Jen­seits: Die Per­so­nen wer­den mit phy­si­schen Glied­ma­ßen und Orga­nen geschil­dert: ein Mund zum Reden, ein Fin­ger, um ihn ins Was­ser zu tau­chen, eine Zun­ge zum Küh­len, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Haben „unsterb­li­che Geis­ter“ oder See­len mate­ri­el­le Lei­ber in der Höl­le? Die Bibel lehrt eigent­lich, dass die Gerech­ten einen neu­en, ver­wan­del­ten Leib erst bei der Auf­er­ste­hung erhal­ten (1. Kor 15,35ff).
  4. Logik der Schil­de­rung: Wört­li­ches Ver­ständ­nis lässt Fra­gen auf­kom­men: Wer wür­de ernst­haft behaup­ten, dass ein ein­zi­ger Was­ser­trop­fen von einer Fin­ger­spit­ze einem Men­schen, der in Flam­men brennt, ech­te Lin­de­rung ver­schaf­fen könn­te?

Die Lösung: Das Gleich­nis als lite­ra­ri­sches Mit­tel

Die Wider­sprü­che lösen sich auf, wenn man erkennt: Es han­delt sich hier um eine Lehrerzäh­lung (Para­bel). Gleich­nis­se die­nen dazu, einen geist­li­chen Sach­ver­halt zu ver­deut­li­chen, indem sie Bil­der ver­wen­den, die nicht unbe­dingt der phy­si­schen Wirk­lich­keit ent­spre­chen müs­sen.

In der bibli­schen Bil­der­spra­che sind Per­so­ni­fi­ka­tio­nen üblich:

  • Abels Blut „schreit“ vom Erd­bo­den (1. Mo 4,10).
  • Bäu­me „klat­schen in die Hän­de“ (Jes 55,12) oder „reden“ mit­ein­an­der (Ri 9,7–15).
  • Tote wer­den im Grab redend geschil­dert, um den Fall eines Tyran­nen zu illus­trie­ren (Jes 14,9–17).

Nie­mand wür­de anneh­men, dass alle Gerech­ten buch­stäb­lich auf dem Schoß des his­to­ri­schen Abra­ham sit­zen – wie groß müss­te die­ser Schoß sein? Die Ele­men­te der Geschich­te sind Mit­tel zum Zweck, um eine tie­fe­re Wahr­heit zu ver­an­schau­li­chen.

Kri­ti­ker wen­den ein, dass eine Namens­ge­bung für ein Gleich­nis unty­pisch sei und die­ses auf eine rea­le Geschich­te mit einer his­to­ri­schen Per­son hin­deu­ten wür­de. Hier ist wich­tig zu wis­sen, dass der Name ‘Laza­rus’ (hebr. Elea­sar = ‘Gott hat gehol­fen’) pro­gram­ma­tisch ist und die Poin­te unter­streicht: Gott hilft dem Armen (sie­he unten). Mög­li­cher­wei­se soll­te hier auch unter­stri­chen wer­den, dass Bett­ler für Gott nicht namen­los sind, so wie sie in der Gesell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den. Mehr noch: Jesus dreht die­sen Spieß um: Gott kennt den Armen beim Namen, wäh­rend der Rei­che in der Ewig­keit anonym bleibt. Der Rei­che wird nur über sei­nen Besitz defi­niert („ein rei­cher Mann“), aber Laza­rus wird als Per­son, als Indi­vi­du­um wahr­ge­nom­men.

Der his­to­ri­sche Kon­text: Die Volks­fröm­mig­keit

Jesus griff hier eine Vor­stel­lung auf, die damals im Volk weit ver­brei­tet war, aber nicht aus der Schrift stamm­te. Er kam so der Vor­stel­lungs­welt sei­ner Zuhö­rer ent­ge­gen, wie er es auch oft bei ande­ren Gleich­nis­sen tat. Ein Text, der Fla­vi­us Jose­phus zuge­schrie­ben wird, beschreibt im 1. Jahr­hun­dert die­se außer­bi­bli­schen Ansich­ten über den Hades:

“Im Hades wer­den die See­len der Gerech­ten und Unge­rech­ten auf­be­wahrt. Der Hades ist ein nicht näher bestimm­ba­rer Ort in die­ser Welt, eine unter­ir­di­sche Regi­on, wo das Licht die­ser Welt nicht hin­scheint … Es gibt einen Zugang zu die­ser Regi­on an des­sen Tor ein Erz­engel mit einer Schar Engel steht. Alle wer­den von den Engeln, die für See­len ver­ant­wort­lich sind, hin­un­ter­be­glei­tet, aber nicht alle gehen den­sel­ben Weg. Die Gerech­ten wer­den von Engels­lie­dern beglei­tet nach rechts zur Regi­on des Lich­tes gelei­tet, wo die Gerech­ten seit Anbe­ginn der Welt woh­nen … Sie sehen die immer lächeln­den Ant­lit­ze der Väter und Gerech­ten, wäh­rend sie die Ruhe und das ewi­ge, neue Leben im Him­mel erwar­ten, wel­cher die­ser Regi­on fol­gen wird. Die­sen Ort nen­nen wir den Schoss Abra­hams. Die Unge­rech­ten aber wer­den von den Engeln der Stra­fe zur Lin­ken hin­un­ter­ge­zerrt. Sie gehen nicht frei­wil­lig, son­dern wie Gefan­ge­ne müs­sen sie mit Gewalt getrie­ben wer­den. Die Engel, die ihnen zuge­teilt sind, schel­ten sie und dro­hen ihnen mit ihren schreck­li­chen Gri­mas­sen und sto­ßen sie immer tie­fer. Die­se Engel, die über die­se See­len gesetzt sind, zie­hen sie bis in die Nähe der Höl­le. Wenn sie dann dort sind, hören sie stän­dig den Lärm der Höl­le und ver­spü­ren deren hei­ße Dämp­fe. Wenn sie näher hin­se­hen, erbli­cken sie ein furcht­ba­res und sehr gro­ßes Feu­er, das sie erwar­tet … Dazu kommt noch, dass sie auch den Ort der Väter und der Gerech­ten sehen und dadurch gestraft wer­den, denn es gibt eine tie­fe und wei­te Kluft zwi­schen ihnen, so dass sogar ein Gerech­ter, der Mit­leid mit ihnen hat, die­se Kluft nicht über­schrei­ten kann. Und auch ein Unge­rech­ter, selbst wenn er noch so tap­fer wäre und es ver­su­chen woll­te, die Kluft nicht über­schrei­ten kann.” (The Works of Jose­phus. Trans­la­ted by Wil­liam Wbis­ton [Pea­bo­dy, Ma.: Hendrick­son Publishers, 1987].)

Chris­tus bedien­te sich also einer in der dama­li­gen Zeit ver­brei­te­ten, nicht bibli­schen Vor­stel­lung, um sei­nen Zuhö­rern etwas sehr Wich­ti­ges klar­zu­ma­chen: Nie­mand wird nach sei­nem Besitz, der ja ohne­hin nur eine Leih­ga­be Got­tes ist, ein­ge­schätzt, und der in die­ser Welt Rei­che wird ohne Gott ein­mal arm und elend sein.« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 74–75)

Jesus woll­te den Men­schen in mor­gen­län­di­scher Bil­der­spra­che nicht eine Leh­re zum Zustand der Toten ertei­len oder über die Topo­gra­fie des Jen­seits berich­ten. Er bezog sich viel­mehr auf die dama­li­gen irri­gen Auf­fas­sun­gen bzgl. des Reich­tums und der Ehre, um sein Anlie­gen deut­lich zu machen.

Die eigent­li­che Bot­schaft Jesu

Die Poin­te ergibt sich aus dem Kon­text. Zuvor hat­te Jesus über den „unge­rech­ten Mam­mon“ gespro­chen (Lk 16,9–13). Die geld­gie­ri­gen Pha­ri­sä­er spot­te­ten dar­über, da sie Reich­tum für ein Zei­chen gött­li­chen Segens hiel­ten (Lk 16,14–15).

Das alles hör­ten die Pha­ri­sä­er. Die waren geld­gie­rig und spot­te­ten über ihn. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid’s, die ihr euch selbst recht­fer­tigt vor den Men­schen; aber Gott kennt eure Her­zen; denn was hoch ist bei den Men­schen, das ist ein Greu­el vor Gott.” (Lk 16,14.15)

Jesus ver­an­schau­lich­te in sei­nem anschlie­ßen­den Gleich­nis, wie Gott den selbst­süch­ti­gen Rei­chen wirk­lich ansieht: Er wird ver­wor­fen, wäh­rend der Arme in Got­tes Gunst ange­nom­men wird. Durch die­se Dar­stel­lung ver­mit­tel­te Jesus sei­nen Zuhö­rern den Begriff der aus­glei­chen­den Gerech­tig­keit Got­tes in einem künf­ti­gen Gericht – ganz nach dem Prin­zip: Die Letz­ten wer­den die Ers­ten sein; Gott wird jedem geben nach sei­nen Wer­ken.

Zugleich ent­hielt das Gleich­nis die Leh­re, dass es nur eine begrenz­te Gna­den­zeit gibt, das heißt eine Zeit, in der man sich bekeh­ren kann: die­ses Leben. Nach dem Tode besteht kei­ne Bekeh­rungs­mög­lich­keit mehr. Daher nutzt Jesus das Bild von der unüber­wind­ba­ren Kluft. Im Hebrä­er­brief wird die­ser Sach­ver­halt fol­gen­der­ma­ßen auf den Punkt gebracht:

Und wie den Men­schen gesetzt ist, ein­mal zu ster­ben, dar­nach aber das Gericht.” (Hebr 9,27).

Die Ver­stockt­heit der Zuhö­rer

Wer den kla­ren Wor­ten der Schrift nicht glaubt, wür­de auch einem auf­er­stan­de­nen Toten kei­nen Glau­ben schen­ken (Lk 16,29–31). Jesus woll­te den Pha­ri­sä­ern damit vor Augen füh­ren, wie ver­stockt sie in ihrem Inne­ren bereits waren. Selbst ein gewal­ti­ges Wun­der, wie die Auf­er­we­ckung eines Toten, wür­de sie nicht davon über­zeu­gen, dass sie mit ihrer Lebens­ein­stel­lung falsch lagen.

Die Geschich­te gab der Rea­li­tät recht: Tat­säch­lich bewirk­te die spä­te­re Auf­er­we­ckung des Laza­rus – des ver­stor­be­nen Bru­ders von Maria und Mar­ta – bei den reli­giö­sen Füh­rern nur noch eine tie­fe­re Ableh­nung. Anstatt sich wach­rüt­teln zu las­sen, plan­ten die Pha­ri­sä­er sogar, Jesus zu töten (Joh 11,53; 12,10). Selbst nach der Auf­er­ste­hung Jesu taten sie kei­ne Buße, son­dern ver­such­ten aktiv, die Wahr­heit durch Bestechung und Lügen zu ver­schlei­ern (Mt 28,11–15).

Ergeb­nis: Die Kern­bot­schaf­ten des Gleich­nis­ses

Durch das Gleich­nis soll­te Fol­gen­des ver­deut­licht wer­den:

  • Gött­li­che Maß­stä­be: Gott hat einen völ­lig ande­ren Urteils­maß­stab als die Men­schen.
  • Fal­sche Sicher­heit: Reich­tum bedeu­tet kei­nes­wegs, auto­ma­tisch in der Gunst Got­tes zu ste­hen oder erlöst zu sein.
  • Gerech­ter Aus­gleich: Im Gericht wird die Unge­rech­tig­keit des irdi­schen Lebens aus­ge­gli­chen; die Armen und Unter­drück­ten wer­den getrös­tet wer­den.
  • Ver­ur­tei­lung von Las­tern: Geiz und Hoch­mut wer­den, wie schon in den vor­an­ge­gan­ge­nen Erzäh­lun­gen Jesu, scharf ver­ur­teilt.
  • Dring­lich­keit der Umkehr: Die Freu­den des Reich­tums dau­ern nur sehr kurz an. Nur in die­sem Leben hat der Mensch die Chan­ce, sich zu bekeh­ren. Nach­her ist es zu spät (!!!).

Ergeb­nis: Das Gleich­nis kann nicht als Beweis für einen bewuss­ten Zustand der Toten, eine vor­zei­ti­ge Auf­nah­me in den Him­mel oder die Höl­le oder als topo­gra­fi­sche Beschrei­bung des Jen­seits ver­wen­det wer­den.

Zur Aus­le­gung von Gleich­nis­sen

Eini­ge Aus­le­ger sehen in dem Gleich­nis zusätz­lich eine pro­phe­ti­sche Leh­re über das Volk Isra­el. Dies tut der Tat­sa­che, dass es sich um ein Gleich­nis han­delt, jedoch kei­nen Abbruch. Wenn jeder Aus­le­ger beach­ten wür­de, dass die ein­zel­nen Ele­men­te eines Gleich­nis­ses nicht wört­lich zu neh­men sind, wäre das Wort Got­tes für jeder­mann ver­ständ­li­cher.

Es ist unver­ständ­lich, war­um man­che Aus­le­ger sich einer­seits an die kleins­ten Details die­ses spe­zi­fi­schen Gleich­nis­ses klam­mern, aber ande­rer­seits nie­mals behaup­ten wür­den, dass:

  1. Jesus in Mat­thä­us 13,18 wört­li­che Rat­schlä­ge zur Saat­gut-Tech­nik für Land­wir­te geben woll­te.
  2. Er uns in Mat­thä­us 13,24 anwei­sen woll­te, auf unse­ren Fel­dern tat­säch­lich Unkraut zwi­schen der guten Saat ste­hen zu las­sen.
  3. Das Him­mel­reich in der phy­si­ka­li­schen Rea­li­tät ist ein Senf­korn oder ein Sau­er­teig (Mt 13,31.33).
  4. Es bei den bösen Wein­gärt­nern in Mat­thä­us 21,33 um eine rea­le „skru­pel­lo­se Gang“ von Win­zern geht (wäh­rend fast jeder ver­steht, dass hier das Volk Isra­el gemeint ist).

Ein Gleich­nis beschreibt nicht die stoff­li­che Wirk­lich­keit, son­dern nutzt bild­haf­te Ver­glei­che, die gedeu­tet und auf die geist­li­che Rea­li­tät über­tra­gen wer­den müs­sen! Das gilt für das Gleich­nis vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus genau­so.


Mose und Elia auf dem Verklärungsberg (Mt 17,1–8)

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jako­bus und Johan­nes, des­sen Bru­der, und führ­te sie allein auf einen hohen Berg. Und er wur­de ver­klärt vor ihnen, und sein Ange­sicht leuch­te­te wie die Son­ne, und sei­ne Klei­der wur­den weiß wie das Licht. Und sie­he, da erschie­nen ihnen Mose und Elia; die rede­ten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hüt­ten bau­en, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so rede­te, sie­he, da über­schat­te­te sie eine lich­te Wol­ke. Und sie­he, eine Stim­me aus der Wol­ke sprach: Dies ist mein lie­ber Sohn, an dem ich Wohl­ge­fal­len habe; den sollt ihr hören! Als das die Jün­ger hör­ten, fie­len sie auf ihr Ange­sicht und erschra­ken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rühr­te sie an und sprach: Steht auf und fürch­tet euch nicht! Als sie aber ihre Augen auf­ho­ben, sahen sie nie­mand als Jesus allein.” (Mt 17,1–8)

Wenn die Toten in einem Zustand der Bewusst­lo­sig­keit im Grab ruhen, wie konn­ten Mose und Elia dann Jesus erschei­nen?

Man­che Aus­le­ger gehen davon aus, dass Mose und Elia hier gar nicht in Per­son erschie­nen sind. Die­ses Erleb­nis wird in Mat­thä­us 17,9 als Erschei­nung [grie­chisch: hora­ma] bezeich­net. Das grie­chi­sche Wort hora­ma wird im Neu­en Tes­ta­ment kon­se­quent für Visio­nen oder Gesich­te ver­wen­det (vgl. Apos­tel­ge­schich­te 10,19; 16,9. In Apg 12,9 mein­te Petrus, eine Erschei­nung zu sehen, obwohl es Wirk­lich­keit war. Die­se Rich­tig­stel­lung erfolgt in den ande­ren Bibel­stel­len nicht!). Eine Visi­on ist eine von Gott gewirk­te Dar­stel­lung einer Rea­li­tät, die nicht not­wen­di­ger­wei­se bedeu­tet, dass die dar­ge­stell­ten Per­so­nen lokal und phy­sisch anwe­send sein müs­sen. Gott kann den Jün­gern ledig­lich die Herr­lich­keit des kom­men­den Rei­ches (mit Mose und Elia) gezeigt haben.

Ein wei­te­res Argu­ment ist die sym­bo­li­sche Funk­ti­on von Mose und Elia. In der jüdi­schen Denk­welt reprä­sen­tie­ren sie:

  • Mose: Das Gesetz (Tora)
  • Elia: Die Pro­phe­ten (Neb­bi­im)

Ihr Erschei­nen dient dazu, Jesus als den­je­ni­gen zu bestä­ti­gen, auf den das gesam­te Alte Tes­ta­ment hin­weist. Gott, die Stim­me aus der Wol­ke, sagt: „Dies ist mein lie­ber Sohn […] den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Die­se Wor­te und ähn­li­che Wor­te fin­den wir an ver­schie­de­nen Stel­len, z. B. Lk 9,33; Apg 3,22.23; 7,37. Es wur­de damit die Auto­ri­tät Jesu unter­stri­chen: Er ist das Zen­trum, umge­ben von Mose und Elia (Altes Tes­ta­ment: Gesetz und Pro­phe­ten). Er ist der ver­hei­ße­ne Mes­si­as. Die­se theo­lo­gi­sche Bot­schaft benö­tigt kei­ne „bewuss­ten Geis­ter aus der Toten­welt“, son­dern nutzt die Iden­ti­tät die­ser Män­ner, um Jesu Mes­sia­ni­tät zu beglau­bi­gen.

Es gibt eine wei­te­re Erklä­rungs­mög­lich­keit, die dem bibli­schen Befund gerecht wird. M. Toma­si schreibt dazu:

»Wäh­rend des Betens wur­de das Ange­sicht Jesu ver­klärt (Lukas 9,28.29). Mose und Elia, wel­che erschie­nen, wer­den aus­drück­lich als Män­ner bezeich­net, nicht etwa als Geis­ter. Wie war es mög­lich, dass Mose und Elia auf dem Ver­klä­rungs­berg erschei­nen konn­ten? Mit die­sen bei­den Män­nern hat­te Gott einen ganz beson­de­ren Plan. Mose und Elia stel­len die bei­den Haupt­klas­sen der Erlös­ten dar: Elia, der nicht starb, son­dern direkt in den Him­mel genom­men wur­de (2. Köni­ge 2,11.12), stellt jene Got­tes­kin­der dar, die bis zur Wie­der­kunft Chris­ti am Leben blei­ben und ver­wan­delt wer­den [vgl.1Thess 4,16.17]; Mose aber, der starb, spä­ter jedoch auf­er­weckt wur­de, stellt jene dar, die bei der Wie­der­kunft Chris­ti auf­er­weckt wer­den. Beach­ten wir, dass der Erz­engel Micha­el (Judas 9) mit dem Teu­fel um den Leich­nam Mose ver­han­del­te. Es wird eben­falls die Stim­me des Erz­engels sein, wel­che am Tage der Wie­der­kunft Chris­ti die Ver­stor­be­nen aus den Grä­bern her­vor­ru­fen wird (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4,16).

Mose und Elia sind also bereits erlöst. Sie bil­den eine Aus­nah­me zu den vie­len Gläu­bi­gen, die erst bei Jesu Wie­der­kunft auf­er­ste­hen wer­den. Die­se bei­den Män­ner rede­ten mit Chris­tus über sei­ne bevor­ste­hen­den Lei­den in Jeru­sa­lem (Lukas 9,30.31). Jesus und sei­ne Jün­ger soll­ten für die vor ihnen lie­gen­de Zeit schwe­rer Prü­fung und Anfech­tung gestärkt und ermu­tigt wer­den.« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 77f)

Ergeb­nis:

Elia war nie gestor­ben, son­dern wur­de zu Gott ent­rückt. Der Text in Judas 9, kann so gedeu­tet wer­den, dass Moses eine Son­der­stel­lung ein­ge­nom­men hat und vor­zei­tig erweckt wur­de. Die Mög­lich­keit vor­zei­ti­ger Auf­er­we­ckung ist nicht ohne bibli­schen Prä­ze­denz­fall: Mt 27,52–53 berich­tet von Hei­li­gen, die nach Jesu Auf­er­ste­hung auf­er­weckt wur­den und vie­len erschie­nen. Es kann also auch bei Mose eine Son­der­auf­er­we­ckung vor der all­ge­mei­nen Auf­er­ste­hung bei Jesu Wie­der­kunft gege­ben haben.

Ins­ge­samt ist es pro­ble­ma­tisch, auf­grund der außer­ge­wöhn­li­chen Ver­klä­rung in Mt 17 auf einen gene­rel­len, bewuss­ten Zustand aller Ver­stor­be­nen zu schlie­ßen. Dafür sind ande­re Tex­te, die den Zustand der Toten expli­zit beschrei­ben, viel ein­deu­ti­ger in ihrer Aus­sa­ge, dass im Tod kein Bewusst­sein exis­tiert (sie­he Jes 38,10–11.18–19; Ps 6,6; Ps 115,17; Pred 9,5.6.10).

Die Ver­klä­rung war ein „Fens­ter in die Zukunft“ – eine Demons­tra­ti­on der kom­men­den Herr­lich­keit und der Auf­er­ste­hungs­kraft Got­tes und zur Stär­kung Jesu für sei­nen schwe­ren Weg gedacht und kei­ne Zustands­be­schrei­bung des Toten­reichs.


Die Geister im Gefängnis und die Predigt für die Toten (1Petr 3 & 4)

In die­sem [Geist] ist er [Jesus] auch hin­ge­gan­gen und hat den Geis­tern im Gefäng­nis gepre­digt, die einst unge­hor­sam waren, als die Lang­mut Got­tes in den Tagen Noahs abwar­te­te, wäh­rend die Arche gebaut wur­de, in die weni­ge, das sind acht See­len, durchs Was­ser hin­durch geret­tet wur­den.” (1Petr 3,19–20)

Das befrem­det sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in das­sel­be wüs­te, unor­dent­li­che Trei­ben, und sie läs­tern; aber sie wer­den Rechen­schaft geben müs­sen dem, der bereit ist, zu rich­ten die Leben­den und die Toten. Denn dazu ist auch den Toten das Evan­ge­li­um ver­kün­digt, dass sie zwar nach Men­schen­wei­se gerich­tet wer­den im Fleisch, aber nach Got­tes Wei­se das Leben haben im Geist.” (1Petr 4,4–6)

Wel­che Behaup­tung wird auf­grund die­ser Stel­len oft auf­ge­stellt? Chris­tus soll nach sei­ner Kreu­zi­gung den Geis­tern in der Höl­le – also den Toten – das Evan­ge­li­um gepre­digt haben. Dies besagt auch der zwei­te alt­kirch­li­che Glau­bens­ar­ti­kel: „…nie­der­ge­fah­ren zur Höl­le…“. Auf die­se Wei­se hät­ten die Ver­damm­ten in der soge­nann­ten „Vor­höl­le“ noch eine Gele­gen­heit zur Bekeh­rung erhal­ten. Wäh­rend die meis­ten Pro­tes­tan­ten nicht an eine „Vor­höl­le“ glau­ben, bleibt die Fra­ge: Was ist mit dem Rest der Aus­sa­ge?

Zu den Geis­tern im Gefäng­nis (1Petr 3,19)

Chris­tus hat sich wäh­rend der gesam­ten Erden­ge­schich­te um die Men­schen bemüht. Petrus spricht in sei­nem Brief deut­lich vom Wir­ken des Geis­tes Chris­ti, der bereits durch die Pro­phe­ten in alt­tes­ta­ment­li­cher Zeit wirk­te. Er schreibt:

Nach die­ser Selig­keit haben gesucht und geforscht die Pro­phe­ten, die von der Gna­de geweis­sagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf wel­che und was für eine Zeit der Geist Chris­ti deu­te­te, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Lei­den, die über Chris­tus kom­men soll­ten, und die Herr­lich­keit danach.” (1Petr 1,10–11)

Der Hebrä­er­brief deu­tet in Kapi­tel 1, Vers 1 dar­auf hin, dass Gott „vor­zei­ten viel­fach und auf vie­ler­lei Wei­se gere­det hat zu den Vätern durch die Pro­phe­ten“. In 1. Korin­ther 10,4 schreibt Pau­lus davon, wie Chris­tus die Men­schen zur Zeit Mose lei­te­te. Des­glei­chen heißt es hier im Petrus­brief: “In ihm [dem Geist] ist er [Jesus] auch hin­ge­gan­gen und hat gepre­digt den Geis­tern im Gefäng­nis, die einst unge­hor­sam waren, als Gott harr­te und Geduld hat­te zur Zeit Noahs…”.

Die Bedeu­tung von „Geist“ (pneu­ma)

Das Wort pneu­ma­ta (Plu­ral) bzw. pneu­ma (Sin­gu­lar) bedeu­tet „Geist“, „Wind“, „Hauch“ oder „Atem“. In der bibli­schen Bil­der­spra­che kann ein Teil für das Gan­ze ste­hen (Syn­ek­do­te); so wer­den Begrif­fe wie „Atem“ oft als Syn­ony­me für eine leben­di­ge Per­son ver­wen­det.

In die­sem Sin­ne wünscht Pau­lus z. B. in 2. Timo­theus 4,22 („Der Herr sei mit dei­nem Geist!“) nicht, dass Gott Timo­theus ledig­lich auf einer abs­trak­ten geis­ti­gen Ebe­ne erreicht, son­dern der Wunsch umfasst Timo­theus als gan­ze Per­son (ähn­lich in 1. Kor 16,18; Gal 6,18; Phil 4,23). Die Gute Nach­richt Bibel über­setzt Gala­ter 6,18 daher tref­fend mit: „…sei mit euch“. In einer Anmer­kung heißt es dort: „Wahr­schein­lich liegt eine hebräi­sche Aus­drucks­wei­se zugrun­de, die mit ‚Geist‘ den gan­zen Men­schen bezeich­net.“

Auch in 1. Johan­nes 4,1 wird die­ser Sprach­ge­brauch deut­lich: „Gelieb­te, glaubt nicht jedem Geist, son­dern prüft die Geis­ter, ob sie aus Gott sind; denn vie­le fal­sche Pro­phe­ten sind in die Welt aus­ge­gan­gen.“ Die „Geis­ter“, die wir prü­fen sol­len, sind kei­ne kör­per­lo­sen Erschei­nun­gen, son­dern Men­schen (Pro­phe­ten). Auch heu­te spre­chen wir noch von „gro­ßen Geis­tern“ oder „Pla­ge­geis­tern“ und mei­nen damit rea­le Per­so­nen.

Es ist rich­tig, dass sich pneu­ma auch auf den Ver­stand bezieht, doch in 1. Petrus 3,19 kann von gan­zen Men­schen aus­ge­gan­gen wer­den, was durch Vers 20 unter­stützt wird:

“… die [“Geis­ter” = Men­schen] einst unge­hor­sam waren, als die Lang­mut Got­tes in den Tagen Noahs abwar­te­te, wäh­rend die Arche gebaut wur­de, in die weni­ge, das sind acht See­len [= acht Men­schen], durchs Was­ser hin­durch geret­tet wur­den.

Wenn die „Geis­ter“ unge­hor­sam waren, meint dies, dass die gan­zen Men­schen damals unge­hor­sam waren. Gott war­te­te in sei­ner Lang­mut nicht auf die Bekeh­rung imma­te­ri­el­ler Geis­ter, son­dern auf die Umkehr der Men­schen aus Fleisch und Blut. Es macht wenig Sinn, im Vers 19 nur von einem imma­te­ri­el­len Teil des Men­schen aus­zu­ge­hen, obwohl in Vers 20 gan­ze Men­schen gemeint sind.

Das „Gefäng­nis“ der Sün­de

Die Men­schen, die vor der Sint­flut leb­ten, waren geis­tig durch die Sün­de gebun­den. Sie woll­ten sich (bis auf acht Per­so­nen) nicht vom Geist Got­tes füh­ren las­sen. Des­halb wer­den sie hier „Geis­ter im Gefäng­nis“ genannt – gemeint ist das Gefäng­nis der Sün­de und des Unglau­bens. Petrus bezeich­net sol­che Men­schen auch an ande­rer Stel­le als „Knech­te der Sünde/des Ver­der­bens“ (2. Petr 2,19).

So wie Chris­tus wäh­rend sei­nes Erden­wir­kens den „Gefan­ge­nen die Frei­heit“ ver­kün­dig­te (Jes 61,1; Lk 4,18), so hat­te er durch sei­nen Geist ver­sucht, die Men­schen der vor­sint­flut­li­chen Welt aus dem Gefäng­nis ihrer Sün­den zu befrei­en.

Noah als Sprach­rohr Chris­ti

Chris­tus wirk­te durch den Geist in den Pro­phe­ten des Alten Tes­ta­ments. Es liegt nahe, dass in die­sem Fall Noah als „Sprach­rohr“ Got­tes dien­te und den Men­schen pre­dig­te. Er hat die Men­schen vor der kom­men­den Sint­flut in Geduld und mit gro­ßer Aus­dau­er gewarnt und wur­de dafür ver­spot­tet. Der Geist, der Noahs Pre­dig­ten inspi­rier­te, war der Geist Chris­ti. Durch den Geist Got­tes pre­dig­te Chris­tus durch Noah den “Geis­tern im Gefäng­nis”.

Das ‘im Geist’ (ἐν ᾧ) zeigt, dass Chris­tus nicht leib­lich, son­dern geist­lich pre­dig­te – durch sein prä­exis­ten­tes Wir­ken im Hei­li­gen Geist, der Noah inspi­rier­te. Das ‘hin­ge­gan­gen’ (πορευθείς) beschreibt sei­ne Mis­si­on, nicht not­wen­di­ger­wei­se eine Rei­se nach sei­nem Tod. Die­se Aus­le­gung har­mo­niert per­fekt mit 1. Petr 1,10–11, wo Petrus bereits eta­bliert hat, dass der Geist Chris­ti in den alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­ten wirk­te.

Petrus weist damit auch die Anschul­di­gung zurück, die Men­schen zur Zeit Noahs hät­ten kei­ne fai­re Chan­ce gehabt. Ihnen wur­de durch Noah, den „Pre­di­ger der Gerech­tig­keit“ (2. Petr 2,5), das Evan­ge­li­um ver­kün­digt. Doch die Men­schen wie­sen es zurück und leb­ten wei­ter nach ihren bösen Taten.

    Zu den Toten (1Petr 4,4–6)

    Um wel­che Toten han­delt es sich hier? Man­che glau­ben, Jesus wür­de den Toten im Jen­seits nach­träg­lich das Evan­ge­li­um ver­kün­den. Dies wider­spricht jedoch:

    1. Den kla­ren Aus­sa­gen über die Bewusst­lo­sig­keit der Toten (Pred 9,5.6.10).
    2. Der Leh­re, dass die Ent­schei­dung für die Erlö­sung im gegen­wär­ti­gen Leben fal­len muss (Hebr 9,27; Lk 16,26–31 – die Kluft; sie­he Erklä­rung dort). Eine Bekeh­rung im Jen­seits ist der Bibel fremd. Viel­mehr gilt für alle Men­schen, dass nach dem Tod nur noch die Auf­er­ste­hung und das Gericht auf sie war­ten.

    Eine nach­träg­li­che Ver­kün­di­gung wäre zudem unnö­tig, da Gott stets durch Pro­phe­ten gewirkt hat und laut Pau­lus selbst die Hei­den durch die Schöp­fung Got­tes Wir­ken erken­nen kön­nen (Röm 1,18ff).

    Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten

    Man­che Aus­le­ger mei­nen, es han­de­le sich bei den „Toten“ um „geist­lich Tote“ (tot in Sün­den; vgl. Eph 2,1; Mt 8,22; Kol 2,13). Die­ses wür­de zu ihrem gott­lo­sen Trei­ben pas­sen, das in 1Petr 4,3 erwähnt wird. Es ist jedoch wahr­schein­li­cher, dass es sich um wirk­lich Tote han­delt, da in den Ver­sen 5 und 6 die Toten im Kon­text des Gerich­tes erwähnt wer­den.

    Das Ende des Ver­ses kann auch erklärt wer­den: “damit sie zwar den Men­schen gemäß nach dem Fleisch gerich­tet wer­den, aber Gott gemäß nach dem Geist leben.”. Hier kann “nach dem Fleisch gerich­tet” bedeu­ten, dass sie z. B. von Men­schen getö­tet wur­den (Mär­ty­rer), aber “nach dem Geist leben”, d. h. sie wer­den durch die Auf­er­ste­hung leben.

    Die Erklä­rung, die sich har­mo­nisch in das bibli­sche Gesamt­bild fügt, lau­tet: Denen, die jetzt (zum Zeit­punkt, als Petrus schrieb) tot sind, wur­de das Evan­ge­li­um ver­kün­digt, als sie noch am Leben waren. Ihnen wur­de das Evan­ge­li­um gepre­digt – und nun sind sie ver­stor­ben. Der Text sagt nicht, dass ihnen im Zustand des Todes gepre­digt wur­de, son­dern beschreibt ihre jet­zi­ge Situa­ti­on rück­bli­ckend. Die­ses legt auch die Gram­ma­tik nahe: Der Aorist (“wur­de ver­kün­digt”) kann sich auf eine ver­gan­ge­ne Hand­lung bezie­hen (als sie leb­ten), wäh­rend “Toten” ihren jet­zi­gen Zustand beschreibt.

    Ergeb­nis: Die bei­den Stel­len im Petrus­brief wider­spre­chen nicht den übri­gen Aus­sa­gen der Bibel und zwin­gen auch nicht zur Annah­me, dass Tote im Toten­reich ein Bewusst­sein hät­ten.


    Die Seelen unter dem Altar (Offb 6,9–11)

    Und als es das fünf­te Sie­gel auf­tat, sah ich unten am Altar die See­len derer, die umge­bracht wor­den waren um des Wor­tes Got­tes und um ihres Zeug­nis­ses wil­len. Und sie schrien mit lau­ter Stim­me: Herr, du Hei­li­ger und Wahr­haf­ti­ger, wie lan­ge rich­test du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde woh­nen? Und ihnen wur­de gege­ben einem jeden ein wei­ßes Gewand, und ihnen wur­de gesagt, dass sie ruhen müss­ten noch eine klei­ne Zeit, bis voll­zäh­lig dazu­kä­men ihre Mit­knech­te und Brü­der, die auch noch getö­tet wer­den soll­ten wie sie.” (Offb 6,9–11)

    Beson­ders in der Offen­ba­rung, in der eine Viel­zahl von Sym­bo­len ver­wen­det wird, muss sorg­fäl­tig unter­sucht wer­den, wann wir es mit einem Sym­bol zu tun haben und wann dies nicht der Fall ist. Da stellt sich zunächst die Fra­ge: Schrei­en hier wirk­lich die Mär­ty­rer in der himm­li­schen Selig­keit „mit lau­ter Stim­me“ um Rache?

    Dies wäre mit dem Geist der Mär­ty­rer unver­ein­bar, denn vie­le von ihnen bete­ten – nach dem Vor­bild Jesu (Lk 23,34; Mt 5,44) – aus­drück­lich für ihre Ver­fol­ger. So berich­tet die Apos­tel­ge­schich­te von Ste­pha­nus, wäh­rend er gestei­nigt wur­de:

    Er [Ste­pha­nus] fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rech­ne ihnen die­se Sün­de nicht an! Und als er das gesagt hat­te, ver­schied er.” (Apg 7,60)

    Dies ist ein star­ker Hin­weis dar­auf, dass in der Offen­ba­rung die Mär­ty­rer nicht buch­stäb­lich um Ver­gel­tung rufen, son­dern dass bild­lich etwas ande­res aus­ge­drückt wer­den soll.

    Die Sym­bo­lik des schrei­en­den Unrechts

    Die Rache Got­tes ist nicht mit mensch­li­chem Zorn gleich­zu­set­zen, son­dern beschreibt das Wie­der­her­stel­len von Gerech­tig­keit. Gott weiß in jedem Fall, was den Mär­ty­rern ange­tan wur­de. Wenn Unge­rech­tig­keit geschieht, rufen in der bibli­schen Bil­der­spra­che oft Gegen­stän­de oder Per­so­nen sym­bo­lisch den Herrn an und for­dern Gerech­tig­keit:

    • In Jako­bus 5,4 schreit der vor­ent­hal­te­ne Lohn der betro­ge­nen Arbei­ter zum Him­mel.
    • In 1. Mose 4,10 schreit das Blut Abels vom Erd­bo­den zu Gott.
    • In Haba­kuk 2,11 wird ange­kün­digt, dass Stei­ne in der Mau­er schrei­en und die Bal­ken im Gebälk ihnen ant­wor­ten wer­den.

    Nie­mand wür­de behaup­ten, dass Blut oder Mün­zen buch­stäb­lich Stimm­bän­der besit­zen. Eben­so sym­bo­li­sie­ren die „See­len“ unter dem Altar den Ruf nach Gerech­tig­keit. Dass ihnen wei­ße Gewän­der gege­ben wer­den, ist ein Zei­chen ihrer Recht­fer­ti­gung vor Gott – eine Bestä­ti­gung ihres Glau­bens, noch bevor die phy­si­sche Auf­er­ste­hung statt­fin­det. Noch sol­len sie wei­ter “ruhen”, was wie­der auf die Zwi­schen­pha­se des Schla­fes bis zur Auf­er­ste­hung anspielt. Der Vers 11 zeigt auch an, dass die Heils­ge­schich­te noch nicht zum Abschluss gekom­men ist, denn es wird noch wei­te­re Mär­ty­rer geben.

    Den­noch haben die Mär­ty­rer ihren end­gül­ti­gen Lohn, das ewi­ge Leben, noch nicht erhal­ten. Die Bibel lehrt kon­se­quent, dass die­ser erst bei der Wie­der­kunft Chris­ti und der damit ver­bun­de­nen Auf­er­ste­hung ver­lie­hen wird (Hebr 11,32–40; 1. Kor 15,35ff).

    Der Altar und das Blut

    Dass es hier um eine Fra­ge der Gerech­tig­keit und des Opfers geht, wird durch den Ort ver­deut­licht: „unter dem Altar“. Die­ser Altar erin­nert an den Brand­op­fer­al­tar im hebräi­schen Hei­lig­tum des Alten Tes­ta­ments. In 3. Mose 4,7 lesen wir, dass das Blut der Opfer­tie­re an den Fuß (die Basis) des Altars gegos­sen wur­de. Da das Leben (die See­le) im Blut ist (3. Mo 17,11), ist das Bild der „See­len unter dem Altar“ eine direk­te Anspie­lung auf das ver­gos­se­ne Blut der Zeu­gen Jesu, das am Boden des himm­li­schen Gerichts­ho­fes bild­lich um Gerech­tig­keit „schreit“.

    Toma­si merkt fer­ner an: »Wer meint, es hand­le sich wirk­lich um See­len Ver­stor­be­ner, die um Rache schrei­en, über­le­ge fol­gen­des: Wenn die Mär­ty­rer im Him­mel wären und ihre gott­lo­sen Ver­fol­ger in der Höl­le, wie­so dann noch um Rache schrei­en?« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 81)

    Ergeb­nis:

    Der Text in der Offen­ba­rung bedient sich einer hoch­gra­dig sym­bo­li­schen Spra­che, die – ähn­lich wie bei den Gleich­nis­sen – nicht wört­lich zu ver­ste­hen ist. Eine wört­li­che Deu­tung wür­de zu absur­den Vor­stel­lun­gen füh­ren (wie beim spre­chen­den Blut Abels).

    Die Aus­le­gung der Bibel bleibt har­mo­nisch, wenn man die­se Sym­bo­le als lite­ra­ri­sches Mit­tel für Got­tes unfehl­ba­res Gedächt­nis und sein Ver­spre­chen auf zukünf­ti­ge Gerech­tig­keit ver­steht. Es ist nicht not­wen­dig, eine See­len­leh­re ein­zu­füh­ren, nach der bewuss­te Geis­ter im Him­mel nach Ver­gel­tung rufen. Eine wört­li­che Deu­tung wür­de zudem zu Span­nun­gen mit ande­ren Tex­ten füh­ren, die den Tod als bewusst­lo­sen Zustand beschrei­ben (Pred 9,5; Ps 115,17).


    Ob lebendig oder tot … (1Thes 5,9.10)

    Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, son­dern dazu, das Heil zu erlan­gen durch unsern Herrn Jesus Chris­tus, der für uns gestor­ben ist, damit wir, ob wir wachen oder schla­fen, zusam­men mit ihm leben.” (1Thess 5,9.10)

    Man­che ver­su­chen mit die­ser Bibel­stel­le zu bewei­sen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusam­men­le­ben. Dazu fas­sen sie die Aus­drü­cke “wachen” und “schla­fen” als “leben­dig sein” und “tot sein” auf, was durch­aus legi­tim erscheint. Eine ande­re Inter­pre­ta­ti­on (wört­lich oder über­tra­gen auf den geis­ti­gen Zustand) macht an die­ser Stel­le wenig Sinn.

    Man­che ver­su­chen mit die­ser Bibel­stel­le zu bewei­sen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusam­men­le­ben. Dazu fas­sen sie die Aus­drü­cke „wachen“ und „schla­fen“ als „leben­dig sein“ und „tot sein“ auf, was im bibli­schen Sprach­ge­brauch durch­aus legi­tim ist.

    Den­noch kann der Text nicht so inter­pre­tiert wer­den, wie die Anhän­ger der Leh­re von der unsterb­li­chen See­le behaup­ten (näm­lich dass die Gerech­ten direkt nach dem Tod zum Herrn kämen).

    Der Kon­text: 1. Thes­sa­lo­ni­cher 4

    Die­se Inter­pre­ta­ti­on wider­spricht mas­siv den Wor­ten Pau­li, die er nur weni­ge Zei­len zuvor nie­der­schrieb. Nur 12 Ver­se vor der frag­li­chen Stel­le erklär­te er näm­lich den Ablauf von Auf­er­ste­hung und Ent­rü­ckung:

    Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stim­me des Erz­engels und die Posau­ne Got­tes erschal­len, her­ab­kom­men vom Him­mel, und zuerst wer­den die Toten, die in Chris­tus gestor­ben sind, auf­er­ste­hen. Danach wer­den wir, die wir leben und übrig­blei­ben, zugleich mit ihnen ent­rückt wer­den auf den Wol­ken in die Luft, dem Herrn ent­ge­gen; und so wer­den wir bei dem Herrn sein alle­zeit.” (1Thes 4,16.17)

    Pau­lus legt hier unmiss­ver­ständ­lich fest, wann und wie wir „beim Herrn sein“ wer­den:

    1. Der Herr kommt her­ab.
    2. Die Toten ste­hen auf.
    3. Die Leben­den wer­den gemein­sam mit ihnen ent­rückt.

    Erst ab die­sem Zeit­punkt – der Wie­der­kunft – gilt das „alle­zeit beim Herrn sein“. Wür­den die Toten bereits bei ihm leben, wäre die detail­lier­te Beschrei­bung der Auf­er­ste­hung und der gemein­sa­men Ent­rü­ckung in Kapi­tel 4 völ­lig über­flüs­sig. Der Aus­druck “alle­zeit beim Herrn sein” beginnt expli­zit nach der Ent­rü­ckung. Wenn die Toten bereits bei ihm wären, wäre “alle­zeit” ab die­sem Zeit­punkt eine merk­wür­di­ge For­mu­lie­rung.

    Die­se Rei­hen­fol­ge deckt sich exakt mit der Ver­hei­ßung Jesu:

    Und wenn ich hin­ge­he, euch die Stät­te zu berei­ten, will ich wie­der­kom­men und euch zu mir neh­men, damit ihr seid, wo ich bin.” (Joh 14,3)

    Jesus ver­spricht nicht, dass er uns im Moment des Todes „abholt“, son­dern dass er wie­der­kommt, um uns kol­lek­tiv zu sich zu neh­men.

    Es kann nicht sein, dass Pau­lus ein­mal sagt, dass wir, nach­dem der Herr gekom­men ist und uns auf­er­weckt bzw. ver­wan­delt hat, mit ihm zusam­men­le­ben wer­den, und dann kurz dar­auf sagt, dass wir, egal ob tot oder leben­dig, schon jetzt mit ihm zusam­men­le­ben.

    Die trös­ten­de Absicht des Pau­lus

    Pau­lus schließt in 1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,9–10 inhalt­lich direkt an sei­ne trös­ten­den Wor­te aus Kapi­tel 4,13–18 an. Die Gläu­bi­gen in Thes­sa­lo­nich waren beküm­mert, weil eini­ge aus ihrer Mit­te gestor­ben waren, bevor der Herr wie­der­ge­kom­men war. Sie befürch­te­ten offen­bar, die Ver­stor­be­nen könn­ten einen Nach­teil haben.

    Gera­de die­se Sor­ge zeigt deut­lich, dass die Idee, Ver­stor­be­ne wür­den sofort in die himm­li­sche Herr­lich­keit ein­ge­hen, zur Zeit der Apos­tel nicht ver­brei­tet war. Wäre dies die Leh­re des Pau­lus gewe­sen, hät­te er die Thes­sa­lo­ni­cher ein­fach damit getrös­tet, dass ihre Ange­hö­ri­gen bereits im Him­mel sind. Statt­des­sen trös­tet er sie mit der Hoff­nung der Auf­er­ste­hung und der Ver­ei­ni­gung aller Erlös­ten mit dem Herrn.

    In Kapi­tel 5 bekräf­tigt er dies: Es besteht kein Unter­schied im End­ziel. Ob wir „wachen“ (beim Kom­men Jesu noch leben) oder „schla­fen“ (vor­her gestor­ben sind) – das Ergeb­nis ist das­sel­be: Wir wer­den gemein­sam mit ihm leben. Das „Zusam­men­le­ben“ ist das Resul­tat des Heils­pla­nes, der bei der Wie­der­kunft voll­endet wird.

    Die Über­set­zung Hoff­nung für alle hat die­sen Sinn tref­fend erfasst:

    Chris­tus ist für uns gestor­ben, damit wir – ganz gleich, ob wir nun leben oder schon gestor­ben sind – mit ihm ewig leben. Ver­gesst das nicht, und erin­nert euch gegen­sei­tig dar­an. So wer­det ihr ein­an­der ermu­ti­gen und trös­ten, wie ihr es ja auch bis­her getan habt.

    Ergeb­nis:

    Es ist exege­tisch unzu­läs­sig, den Satz­teil „damit wir […] mit ihm leben“ so zu deu­ten, dass die Toten schon jetzt bei Bewusst­sein beim Herrn sind. Eine sol­che Deu­tung wür­de den unmit­tel­ba­ren Kon­text (1. Thess 4,16–17) und die kla­ren Wor­te Jesu (Joh 14,3) völ­lig igno­rie­ren. Pau­lus betont hier die Gleich­ran­gig­keit von Leben­den und Toten beim kom­men­den Erlö­sungs­er­eig­nis.


    Christus, Herrscher über die Toten und Lebenden (Röm 14,8.9)

    Denn sei es auch, dass wir leben, wir leben dem Herrn; und sei es, dass wir ster­ben, wir ster­ben dem Herrn. Und sei es nun, dass wir leben, sei es auch, dass wir ster­ben, wir sind des Herrn. Denn hier­zu ist Chris­tus gestor­ben und <wie­der> leben­dig gewor­den, dass er herr­sche sowohl über Tote als auch über Leben­de”. (Röm 14,8.9)

    Pau­lus geht es hier pri­mär dar­um, dass Jesus unser Herr in allen Lebens­la­gen ist und wir durch ihn eine neue Iden­ti­tät haben. Alles, was den Gläu­bi­gen wider­fährt, geschieht fort­an „im Herrn“ (vgl. 2. Kor 5,15; Gal 2,20).

    Was bedeu­tet es, „im Herrn“ zu ster­ben?

    „Im Herrn“ zu ster­ben bedeu­tet nicht, nach dem Tod sofort in einem bewuss­ten Zustand beim Herrn zu sein. Es bedeu­tet viel­mehr, im Glau­ben an ihn und in der siche­ren Hoff­nung auf die Auf­er­ste­hung aus dem Leben zu schei­den. Wer in die­ser Ver­bin­dung zu Chris­tus stirbt, bleibt in sei­nem „Besitz“. Der Tod löst das Treue­ver­hält­nis zwi­schen dem Schöp­fer und sei­nem Geschöpf nicht auf.

    Die Herr­schaft über die Toten

    Dass Chris­tus der Herr über die Toten ist, bedeu­tet nicht, dass er über Wesen herrscht, die ihm im Jen­seits ant­wor­ten oder die­nen. Es bedeu­tet, dass er die Voll­macht über sie besitzt:

    • Der Schlüs­sel-Besitz: Jesus sagt von sich: „Ich habe die Schlüs­sel des Todes und des Toten­reichs“ (Offb 1,18). Er allein hat die Auto­ri­tät, die „Gefäng­nis­tü­ren“ des Gra­bes zu öff­nen.
    • Die Ent­schei­dungs­ge­walt: Da er für uns gestor­ben und auf­er­stan­den ist, liegt das Urteil über das ewi­ge Leben allein bei ihm (Joh 10,28). Sei­ne Herr­schaft über die Toten zeigt sich dar­in, dass sie sei­nem Ruf zur Auf­er­ste­hung fol­gen müs­sen (Joh 5,28–29).

    Es spielt für die Macht Chris­ti also kei­ne Rol­le, ob ein Mensch gera­de bio­lo­gisch exis­tiert oder im Grab ruht – er bleibt der recht­mä­ßi­ge Herr, der über ihre zukünf­ti­ge Exis­tenz ent­schei­det.

    Ergeb­nis:

    Der Kon­text von Römer 14 behan­delt ethi­sche Streit­fra­gen unter Geschwis­tern, nicht die Escha­to­lo­gie. Pau­lus argu­men­tiert hier für gegen­sei­ti­ge Annah­me, weil Chris­tus unser gemein­sa­mer Herr ist – die Ver­se die­nen also einem seel­sor­ger­li­chen, nicht einem lehr­mä­ßi­gen Zweck bezüg­lich des Zwi­schen­zu­stands.
    Die Aus­sa­ge, dass Chris­tus der Herr­scher über die Toten ist, bezieht sich auf sei­ne Voll­macht zur Auf­er­we­ckung und sei­nen Rechts­an­spruch auf die Erlös­ten. Der Text ist als „Beweis“ für ein sofor­ti­ges Leben nach dem Tod untaug­lich, da er die recht­li­che Stel­lung Jesu beschreibt und nicht den Bewusst­seins­zu­stand der Ver­stor­be­nen.


    Gott der Lebenden (Lk 20,38)

    Dass aber die Toten auf­er­weckt wer­den, hat auch Mose beim Dorn­busch ange­deu­tet, wenn er den Herrn »den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,37.38)

    Besagt der Satz „Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.“, dass die Toten bereits jetzt im Para­dies oder in der Höl­le exis­tie­ren? Bemer­kens­wert: Mat­thä­us und Mar­kus ver­zich­ten auf den Teil “denn für ihn leben alle.” – Um das zu klä­ren, muss man das Ziel der Argu­men­ta­ti­on Jesu betrach­ten.

    Der Hin­ter­grund: Die Pro­vo­ka­ti­on der Sad­du­zä­er

    Die Sad­du­zä­er, eine jüdi­sche Par­tei, die vom hel­le­nis­ti­schen Den­ken beein­flusst war und als eine Par­tei von aus­ge­spro­che­nen Ratio­na­lis­ten betrach­tet wer­den könn­te, glaub­ten weder an eine leib­li­che Auf­er­ste­hung der Toten (Mt 22,23; Apg 4,1f) noch an Wesen wie Engel oder Geis­ter (Apg 23,8). Sie wider­spra­chen der Leh­re Jesu und der Leh­re der Pha­ri­sä­er in die­sen Punk­ten.

    Die Sad­du­zä­er waren Ratio­na­lis­ten, die weder an die leib­li­che Auf­er­ste­hung noch an Engel oder Geis­ter glaub­ten (Mt 22,23; Apg 23,8). Damit wider­spra­chen sie der Leh­re Jesu und der Leh­re der Pha­ri­sä­er in die­sen Punk­ten. In Lukas 20 ver­such­ten sie, Jesus mit einer Fang­fra­ge über eine Frau, die nach­ein­an­der mit sie­ben Brü­dern ver­hei­ra­tet war, in die Enge zu trei­ben. Ihr Ziel war es, die Auf­er­ste­hung als logisch absurd dar­zu­stel­len.

    Jesus aber ent­geg­net ihnen:

    … Die Söh­ne die­ser Welt hei­ra­ten und wer­den ver­hei­ra­tet; die aber, die für wür­dig gehal­ten wer­den, jener Welt teil­haf­tig zu sein und der Auf­er­ste­hung aus den Toten, hei­ra­ten nicht, noch wer­den sie ver­hei­ra­tet; denn sie kön­nen auch nicht mehr ster­ben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söh­ne Got­tes, da sie Söh­ne der Auf­er­ste­hung sind. Dass aber die Toten auf­er­weckt wer­den, hat auch Mose beim Dorn­busch ange­deu­tet, wenn er den Herrn »den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,34–38)

    Jesus ant­wor­tet zwei­stu­fig:

    1. Vers 34–36: Er erklärt, dass die Bedin­gun­gen der künf­ti­gen Welt (kein Hei­ra­ten, kei­ne Sterb­lich­keit) nicht mit der jet­zi­gen Welt ver­gleich­bar sind.
    2. Vers 37–38: Er beweist die Not­wen­dig­keit der Auf­er­ste­hung anhand der Schrif­ten des Mose, die die Sad­du­zä­er als ein­zi­ge Auto­ri­tät aner­kann­ten. Die Sad­du­zä­er irren sich und “ken­nen die Schrift nicht” (Dan 12,2, vgl. Mt 22,29; Mk 12,24).

    Jesus argu­men­tiert: Wenn Gott sich Jahr­hun­der­te nach dem Tod der Patri­ar­chen immer noch als „der Gott Abra­hams“ bezeich­net (2. Mo 3,6), dann steht er immer noch in einer Bun­des­be­zie­hung zu ihnen. Gott hat den Men­schen die Auf­er­ste­hung ver­hei­ßen, und Abra­ham starb in der Erwar­tung der Auf­er­ste­hung (Heb 11,10). Wäre der Tod das end­gül­ti­ge Aus­lö­schen der Exis­tenz – wie die Sad­du­zä­er glaub­ten –, dann wäre Gott der Gott von „Nichts“. Er wäre ein Gott von Toten, von Staub und Asche. Er ist aber „ein Gott der Leben­den“!

    Aber da er der „Gott der Leben­den“ ist, müs­sen die­se Män­ner auf­er­ste­hen. Ihre Exis­tenz ist in Got­tes Gedächt­nis und in sei­nem Plan so sicher garan­tiert, dass sie aus sei­ner Per­spek­ti­ve bereits „leben“.

    Die gött­li­che Per­spek­ti­ve („…denn für ihn leben alle“)

    Dass für Gott alle leben, liegt an sei­nem Wesen und sei­nem Ver­hält­nis zur Zeit:

    • Got­tes Zeit­lo­sig­keit: Für einen ewi­gen Gott ist der Zeit­raum zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung unbe­deu­tend. „Tau­send Jah­re sind vor dir wie der Tag, der ges­tern ver­gan­gen ist“ (Ps 90,4).
    • Die Garan­tie der Auf­er­ste­hung: Weil die Auf­er­ste­hung so sicher ist wie Got­tes Wort, spricht Gott von Din­gen, die noch nicht sind, als wären sie schon da (vgl. Röm 4,17).
    • Kein end­gül­ti­ger Ver­lust: Die Toten sind für uns „weg“, aber für Gott sind sie im „Todes­schlaf“ abruf­be­reit. Sie sind nicht im Nichts ver­lo­ren, son­dern in sei­ner Hand bewahrt.

    Die­se Aus­sa­ge Jesu beschreibt also nicht den Ort oder das Bewusst­sein der Toten, son­dern ihre Ver­füg­bar­keit für Gott. Sie leben „für ihn“, weil er sie jeder­zeit wie­der ins Dasein rufen kann und wird. Auch ande­re Äuße­run­gen, wie z. B.

    Ich bin die Auf­er­ste­hung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.” (Joh 11,25–26)

    kon­tras­tie­ren Leben und Tod. Hier wird das “leben” klar auf die zukünf­ti­ge Auf­er­ste­hung bezo­gen, nicht auf einen bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand. Im semi­ti­schen Den­ken wird oft in Gegen­satz­paa­ren argu­men­tiert. “Gott der Leben­den, nicht der Toten” ist ein sol­ches Paar. Es bedeu­tet: Gott ist nicht ein Gott, des­sen Volk end­gül­tig im Tod bleibt, son­dern ein Gott, der sein Volk zum Leben erweckt.

    Jesus nennt die Auf­er­stan­de­nen “Söh­ne der Auf­er­ste­hung” (Vers 36). Die­ses ist bedeu­tungs­voll:

    • Ihre Iden­ti­tät ist durch die Auf­er­ste­hung defi­niert.
    • Die Auf­er­ste­hung ist das ent­schei­den­de Ereig­nis, das sie zu dem macht, was sie sein wer­den.
    • Wären sie bereits jetzt bewusst im Para­dies, wäre “Söh­ne der Auf­er­ste­hung” eine merk­wür­di­ge Bezeich­nung.

    Ergeb­nis:

    Es geht Jesus hier nicht dar­um, wie genau der “Schlaf-Zustand” der Toten aus­sieht, son­dern um die Tat­sa­che der Auf­er­ste­hung der Toten, die die Sad­du­zä­er leug­ne­ten und auch Pau­lus ver­tei­di­gen muss­te (1Kor 15,12f). Ande­re Stel­len spre­chen deut­li­cher über den Zustand der Toten (s. oben). Jesus sagt hier jedoch nichts dar­über, son­dern beschränkt sich auf die Auf­er­ste­hung (sie­he Vers 37a!).

    Es geht Jesus hier nicht um den Zustand der Toten (ob sie schla­fen oder wachen), son­dern um die Tat­sa­che der Auf­er­ste­hung. Die Sad­du­zä­er leug­ne­ten, dass die Toten jemals wie­der­kom­men. Auch Pau­lus muss­te spä­ter die Auf­er­ste­hung ver­tei­di­gen (1Kor 15,12f). Jesus ent­geg­net hier: Gott ist ein Gott der Leben­den – des­halb ist die Auf­er­ste­hung gewiss. Wür­de man Vers 38 als Beweis für ein bewuss­tes Leben nach dem Tod miss­brau­chen, wür­de man Jesus unter­stel­len, er hät­te die Auf­er­ste­hung (die er in Vers 37 expli­zit als The­ma nennt) gera­de weg­ar­gu­men­tiert. Denn wenn sie schon leb­ten, bräuch­ten sie kei­ne Auf­er­we­ckung mehr.


    Die erschrockenen Toten (Jes 14,8–9)

    Auch freu­en sich die Zypres­sen über dich und die Zedern auf dem Liba­non und sagen: »Seit du daliegst, kommt nie­mand her­auf, der uns abhaut.« Das Toten­reich drun­ten erzit­tert vor dir, wenn du nun kommst. Es schreckt auf vor dir die Toten, alle Gewal­ti­gen der Welt, und lässt alle Köni­ge der Völ­ker von ihren Thro­nen auf­ste­hen” (Jes 14,8–9)

    Erklä­rung:

    Um die­sen Text zu ver­ste­hen, muss man die Gat­tung beach­ten: Jesa­ja 14 ist ein Spott­lied (Maschal) auf den König von Baby­lon (der hier typo­lo­gisch auch als Luzifer/Satan gedeu­tet wird). Der Pro­phet nutzt eine leb­haf­te, mor­gen­län­di­sche Bil­der­spra­che, um den tie­fen Fall des stol­zen Herr­schers zu illus­trie­ren.

    Dass es sich um rei­ne Sym­bo­lik han­delt, wird bereits in Vers 8 deut­lich: Bäu­me spre­chen. In der Bibel fin­den wir die­se Per­so­ni­fi­zie­rung leb­lo­ser Objek­te oder Pflan­zen häu­fig:

    • Das Blut Abels schreit von der Erde (1. Mo 4,10).
    • Die Bäu­me des Fel­des klat­schen in die Hän­de (Jes 55,12).
    • Stei­ne wür­den schrei­en, wenn die Jün­ger schwie­gen (Lk 19,40).

    Die Bot­schaft des Bil­des

    Wenn Jesa­ja beschreibt, wie das Toten­reich (Scheol) erzit­tert und Köni­ge von ihren Schat­ten-Thro­nen auf­ste­hen, dann dient dies dazu, die tota­le Ent­mach­tung des Tyran­nen zu zei­gen. Er, der die Welt erzit­tern ließ, liegt nun hilf­los im Staub. Die „Schat­ten“ der Köni­ge begrü­ßen ihn mit Spott: „Auch du bist schwach gewor­den wie wir!“ (Vers 10). Dies ist ein Bild der Gleich­heit im Tod, nicht der bewuss­ten Akti­vi­tät, und passt zum Ver­ständ­nis des Scheol (שְׁאוֹל) als all­ge­mei­ner Begriff für das Toten­reich – der Ort, an dem alle Toten hin­ge­hen, ob gerecht oder unge­recht (vgl. Gen 37,35; Ps 89,48).

    Nie­mand käme auf die Idee, dass Bäu­me buch­stäb­lich reden. Eben­so wenig kann man aus die­sem Spott­lied ablei­ten, dass die Toten im Grab auf Thro­nen sit­zen und Emp­fangs­ko­mi­tees für Neu­an­kömm­lin­ge bil­den. Wür­de man den Text wört­lich neh­men, müss­te man auch akzep­tie­ren, dass dort unten Maden das Lager des Königs bil­den und Wür­mer sei­ne Decke sind (Vers 11) – ein Bild für die Ver­we­sung, nicht für ein bewuss­tes Leben im Jen­seits.

    Das ‘Erzit­tern des Scheol’ in Jes 14,9 ist also poe­ti­sche Per­so­ni­fi­ka­ti­on des Toten­reichs selbst, nicht eine Beschrei­bung bewuss­ter Toter. Jesa­ja 13–23 beinhal­ten Ora­kel gegen Völ­ker, Köni­ge und Städ­te. Die Tex­te sind durch­weg poe­tisch-pro­phe­tisch gestal­tet und nut­zen hyper­bo­li­sche Spra­che (z.B. Jes 13,10: ‘Die Ster­ne las­sen ihr Licht nicht leuch­ten’; Jes 34,4: ‘Der Him­mel wird zusam­men­ge­rollt wie eine Buchrol­le’). Es ist nicht plau­si­bel, war­um aus­ge­rech­net Kapi­tel 14 wört­lich zu ver­ste­hen sei.

    Das Pro­blem wört­li­cher Aus­le­gung

    Das popu­lärs­te Bei­spiel für die Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on sol­cher Bil­der­spra­che ist die Erzäh­lung vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus (Lk 16,19ff). Auch dort wer­den Sym­bo­le (Schoß Abra­hams, Was­ser auf der Zun­gen­spit­ze, eine unüber­wind­ba­re Kluft) oft fälsch­li­cher­wei­se wort­wört­lich und als topo­gra­fi­sche Beschrei­bung des Jen­seits miss­ver­stan­den, anstatt die eigent­li­che mora­li­sche Lek­ti­on des Gleich­nis­ses zu suchen (sie­he dort für wei­te­re Aus­füh­run­gen).


    Zusammenfassung

    Alle Bibel­stel­len, die doch eine bewuss­te Exis­tenz der Toten anmu­ten las­sen, kön­nen alter­na­tiv aus­ge­legt wer­den, sodass ein har­mo­ni­sches, bibli­sches Bild ent­steht.

    Lut­zer und ande­re äußern sich nicht nur zum Zustand der Toten, son­dern auch zur Höl­le. Ihre Gedan­ken sind im fol­gen­den Abschnitt wie­der­ge­ge­ben. Dar­auf soll im nächs­ten Teil ein­ge­gan­gen wer­den.

    » Wei­ter zur Ver­tei­di­gung der Ergeb­nis­se bzgl. der Höl­le



    ­

    Elohim
    Der allein Unsterblichkeit besitzt
    Erster und Letzter
    Allmächtiger
    Herr, dein Arzt
    Erlöser
    Heiliger
    Adonai
    Lamm Gottes
    König
    Messias
    Der Auferstandene
    Herr
    Der Auferstandene
    El Shaddai
    gut er Hirte
    gut er Hirte
    Retter
    Herr, dein Arzt
    Abba
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