Verteidigung der Ergebnisse 1

Die hier vorgelegten Schlussfolgerungen stehen im Widerspruch zu gängigen Lehrmeinungen. Möglicherweise fallen den Lesenden spontan Bibelstellen oder Redewendungen ein, die scheinbar dagegen sprechen. Tatsächlich existieren schwer verständliche Stellen, die unterschiedlich ausgelegt werden können. Eine gründliche exegetische Untersuchung ist daher unerlässlich.
Letztendlich kann es keine Bibelstellen geben, die eindeutig das eine aussagen, und andere Bibelstellen, die eindeutig das andere behaupten. Entweder sind die Toten in einem Zustand der Bewusstlosigkeit oder sie sind es nicht. Entweder werden die Unerlösten für immer und ewig in der Hölle leiden oder nicht.
Im Folgenden untersuchen wir solche schwierigen Bibelstellen. Es wird sich zeigen, dass sie zwar Zweifel wecken können, die Kernaussage dieser Arbeit jedoch nicht widerlegen.
Wir beginnen mit einer Übersicht über die relevanten Lehren bzgl. des Schicksals der Menschen nach dem Tod. In dem Zusammenhang wird auch eine Vertiefung zur Allversöhnungslehre und zu einer besonderen Bibelübersetzung präsentiert. Anschließend werden systematisch Bibelstellen erklärt, die scheinbar gegen die Ergebnisse des ersten Teils der Ausarbeitung sprechen.
Überblick über die relevanten Lehren
Die hier vertretene Auslegung entspricht der Lehre der konditionalen (bedingten) Unsterblichkeit. Diese unterscheidet sich vom reinen Annihilationismus: Letzterer sieht alle “Seelen” als unsterblich an, geht aber davon aus, dass die Unerlösten diese Unsterblichkeit nach dem Gericht verlieren. Die Lehre der konditionalen Unsterblichkeit und der Annihilationismus besagen beide, dass die Unerlösten am Ende aufhören zu existieren. Man könnte beide Lehren in dieser Hinsicht eine Lehre der totalen Vernichtung (LdtV) der Gottlosen bezeichnen.juckt
Sie stellt einen Gegenpol zur Lehre der ewigen Qual (LdeQ) – der klassischen Sicht, die u. a. die Lehre von der unsterblichen Seele beinhaltet – und zur Allversöhnungslehre (LdA) dar, nach der alle Menschen irgendwann erlöst werden. Um Missverständnisse im Vorfeld auszuräumen, folgt eine kurze Abgrenzung dieser Lehren:
- Die LdeQ und die LdtV behaupten beide in der Regel, dass ein Mensch sich in seinem jetzigen Leben für Jesus entscheiden muss. Eine spätere Möglichkeit, sich zu bekehren oder errettet zu werden, wie es die LdA vorsieht, wird abgelehnt.
- Zwangsläufig gibt es bei LdeQ und LdtV ein „Zu-spät“ (siehe z. B. Mt 25).
- Die LdA lehrt, dass alle Menschen in die Seligkeit eingehen werden, wohingegen die LdeQ und die LdtV nicht von einer universalen Rettung ausgehen; häufig wird im Zusammenhang mit ihnen betont, dass nur wenige den schmalen Weg zum ewigen Leben finden.
- Die LdeQ und LdtV kennen eine ewige Strafe der Gottlosen, verstehen darunter jedoch zweierlei: Die LdeQ legt die Bibel so aus, dass das Strafen (verbunden mit Qual) ein ewig andauernder Prozess sei. Die LdtV interpretiert die Bibel hingegen so: Die Strafe sei ewig, d. h. nicht abwendbar bzw. nicht umkehrbar; der Prozess, d. h. die Durchführung der Strafe, sei jedoch nach endlicher Zeit abgeschlossen.

- Alle drei Lehren werden (je nach eigenem Standpunkt) als gefährliche Irrlehren aufgefasst, wobei dies wie folgt begründet wird:
- LdeQ und LdtV über LdA: Den Menschen wird Hoffnung gemacht, sie könnten später (nach dem Tod, etwa im Rahmen einer Läuterung oder eines weiteren Heilswegs) noch immer zum Glauben finden. Eine sofortige Änderung des gottlosen Lebensstils sei daher nicht notwendig – eine Bekehrung könne auf einen späteren Zeitpunkt aufgeschoben werden. Da alle Menschen irgendwann erlöst werden, könne es zur Aufweichung der Grenzen zwischen Wahrheit und Irrtum sowie zwischen Gut und Böse kommen.
- LdA über LdeQ und LdtV: Beide Lehren stellten Gott als lieblosen Tyrannen dar, den die Menschen nicht lieben könnten und der nicht allmächtig sei. Ein allmächtiger Gott hätte die Macht, alle Menschen zu retten. Daher werde der Erlösungsprozess unnötig verlängert; zudem würden Gott falsch dargestellt und die Menschen verschreckt.
- LdeQ über LdtV: Ein endlicher Strafprozess mit endlichen Qualen werde von den Anhängern der Lehre der ewigen Qual als Aufweichen und Niedergang des Glaubens gesehen. Solch eine Strafe sei nicht abschreckend genug. Manche Menschen könnten meinen, sie könnten jetzt ihr gottloses Leben genießen; eine Bekehrung lohne sich nicht; endliche Strafe und endgültige Vernichtung seien akzeptabel. Das Evangelium (die gute Nachricht?) würde so an Kraft verlieren. Der Lehre der totalen Vernichtung wird unterstellt, sie wolle nur predigen, was schön und bequem sei – wonach es „in den Ohren juckt“.
- LdtV über LdeQ: Die Lehre der ewigen Qual erzeuge ein falsches und inkongruentes Gottesbild, das Menschen vom Glauben abschrecke und Zweifel verursachen könne. Die LdeQ führe zu innerbiblischen Widersprüchen. Außerdem verwende die Lehre Angst als Druckmittel und widerspreche somit dem göttlichen Prinzip der freien Willensentscheidung (wer würde wirklich freiwillig „endlose Qualen“ wählen?). Das Strafmaß ewiger Qualen stünde in keinem Verhältnis zu der endlichen Lebenszeit der Sünder und widerspräche den Prinzipien der Gerechtigkeit Gottes, die er selbst eingeführt und in der Schrift offenbart hat.
Leider wird manchmal versucht, dieses Thema auf die Gegenüberstellung von „ewige Verdammnis vs. Allversöhnung“ oder auf Aussagen wie „Die Existenz der Hölle wird verleugnet!“ zu reduzieren. Dies ist eine unangemessene Einschränkung, die hier strikt abgelehnt wird. Aus Zeitgründen kann auf die LdA nicht eingehend eingegangen werden. Der folgende Exkurs soll daher nur bestimmte Punkte der LdA aufgreifen.
Exkurs: Die Prädestinations- und Allversöhnungslehre
Die Prädestination bezeichnet die Lehre, dass Gott das Schicksal jedes Menschen vorherbestimmt hat. Die theologische Debatte darüber begann im 5. Jahrhundert und erreichte während der Reformation sowie im 16. und 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt im Streit zwischen Calvinisten und Arminianern. Bis heute bleibt die Prädestinationslehre eine der umstrittensten Fragen der christlichen Theologie.
Zwei Hauptpositionen:
- Calvin (Calvinismus): Betont Gottes uneingeschränkte Souveränität und lehrt die “doppelte Prädestination” – sowohl Erlösung als auch Verdammnis liegen vollständig in Gottes Hand. Der Mensch wird als passives Objekt göttlicher Gnadenwirkung gesehen.
- Arminius (Arminianismus): Lehnt eine Vorherbestimmung zur Verdammnis ab und betont, dass Gott dem Menschen echte Willensfreiheit geschenkt hat. Der Mensch kann Gottes Heilsangebot annehmen oder ablehnen.
Weitere Hintergründe, auch zur historischen Argumentation, befinden sich im Nachschlagewerk “Zentrale Bibelstellen und ihre Bedeutungen”.
Über die Vorherbestimmung in der Bibel
Der Begriff „Prädestination“ selbst kommt in der Bibel nicht vor, wohl aber die Verbform „prädestinieren“ (griechisch proorizō, deutsch: „im Voraus bestimmen“), die in Römer 8,29–30 sowie Epheser 1,5 und 1,11 zu finden ist. Nach Römer 8,28–29 hat Gott all diejenigen, von denen er wusste, dass sie seine Erlösung akzeptieren würden, dazu „vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes“. Diese hat er berufen, gerechtfertigt und erhöht (vgl. V. 30).
“Nach Epheser 1,4–5 hat Gott bereits vor der Schöpfung der Welt und dem Eintritt der Sünde Vorkehrungen getroffen. Sünder können durch den Glauben an Jesus Christus „heilig und untadelig vor ihm sein”. Diese Menschen hatte Gott dann „vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens“. Die Prädestination bewegt sich innerhalb der göttlichen Absicht, „dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist“ – „wenn die Zeit erfüllt wäre“ (V. 10).
Manche haben aufgrund dieser Aussagen irrtümlicherweise angenommen, dass Gott willkürlich bestimmte Menschen für die Erlösung und andere für das Verlorengehen vorherbestimmt habe – und zwar völlig unabhängig von deren eigener Entscheidung. Diesem Verständnis nach würde Gott den einen die Vorzüge der Erlösung aufzwingen, während er sie anderen verwehrt. Die Bibel lehrt jedoch eindeutig: Gott „will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4) und dass er nicht will, „dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde“ (2. Petr 3,9).
An keiner Stelle der Heiligen Schrift behaupten die Verfasser, dass Gott möchte, dass auch nur ein einziger Mensch verloren geht. Die Auffassung, er bestimme willkürlich über Erlösung oder Verdammnis, entspringt ausschließlich der menschlichen Fantasie. Schon Jesaja und Johannes (vgl. Jes 55,1; Offb 22,17) schrieben, dass niemand von der Erlösung ausgeschlossen ist. Alle, die dürstet, sind eingeladen, das Wasser des Lebens umsonst zu trinken.
„So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?“ (Hes 33,11).
Die korrekte Interpretation der biblischen Prädestinationslehre ergibt sich klar aus Johannes 3,16–21. Dort wird betont, dass Gott die Welt geliebt und seinen Sohn als Erlöser gegeben hat – nicht etwa, dass er manche geliebt und andere gehasst habe. In Vers 17 heißt es, dass Gott „seinen Sohn nicht in die Welt gesandt“ hat, „dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“. Nach Johannes 1,12 und 3,16 stellt die Bereitschaft, Gottes Sohn als persönlichen Erlöser aufzunehmen und an ihn zu glauben, den entscheidenden Faktor für die Erlösung dar. Diejenigen, die glauben, haben das Recht, das ewige Leben zu empfangen. Gott verwehrt niemandem, der aufrichtig den Weg des Lebens gewählt hat und sich seinem Anspruch unterstellt, die Vorzüge der Erlösung.
Die Verdammnis trifft nach den Versen 18 bis 21 jeden, der Jesus als das „Licht der Menschen“ (Joh 1,4–9) ablehnt. Solange Menschen in Unwissenheit leben, werden sie nicht verdammt (vgl. Ps 87,4.6; Hes 3,18–21; 18,2–32; 33,12–20; Lk 23,34; Joh 15,22; Röm 7,7.9; 1. Tim 1,13). Nur wenn Menschen bewusst die Wahrheit ablehnen, die ihnen verkündet wird, haben sie „kein Kleid“, um ihre Sünden zu bedecken (Joh 15,22–23). Nach Johannes 3,18 wird eine Person, welche die Erlösung ablehnt, automatisch verdammt – nicht durch einen willkürlichen Akt Gottes, sondern weil sie „nicht glaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“.
Dieser Gedanke wird in Vers 19 unterstrichen: Die Menschen lieben „die Finsternis mehr als das Licht“, weil „ihre Werke böse“ sind. All jene, die an ihren bösen Taten festhalten, tun dies, weil sie das Licht hassen und es meiden, damit ihre Werke nicht aufgedeckt werden (V. 20). Im Gegensatz dazu profitieren diejenigen, die ihr Leben zum Guten wenden wollen, von der verändernden Liebe Gottes.
Eine einseitige Prädestinationslehre ist dem Gedanken des freien Willens diametral entgegengesetzt. Gott verletzt jedoch niemals den freien Willen des Menschen (siehe Hes 18,31f; 33,11; 2. Petr 3,9). Vor der Schöpfung der Welt (1. Petr 1,20) hat er den Plan zur Rettung der Sünder festgelegt. Er hat vorherbestimmt, dass diejenigen, die seine Vorkehrungen akzeptieren, in Jesus Christus Erlösung finden und ihren Status als Kinder Gottes zurückerhalten. Die Erlösung wird jedem angeboten, aber nicht jeder nimmt sie an. Sie wird niemandem aufgezwungen, aber auch niemandem vorenthalten, der sich für sie entscheidet.
Die göttliche Vorherbestimmung und das göttliche Vorwissen machen den freien Willen keineswegs zunichte; sie ermöglichen es dem Menschen erst, sich für den Weg des Lebens zu entscheiden. Gott hat festgelegt, dass diejenigen, die glauben, gerettet werden und jene, die nicht glauben, verloren gehen. Er hat es jedoch jedem Menschen freigestellt, sich für oder gegen den Glauben zu entscheiden.
Eine oberflächliche Lektüre von Röm 9,9–16 und 1Kor 3,12–15 hat einige zu der falschen Annahme verleitet, dass es eine göttliche Prädestination gibt, die unabhängig von individueller Entscheidung ist. Dass es sich hier um einen Irrtum handelt, wird aus dem Kontext ersichtlich. In Röm 9,9–16 spricht Paulus von der Verwerfung Esaus als Erben des Erstgeborenenrechts und der Erwählung Jakobs an seiner Stelle.
Der Kontext macht deutlich, dass es sich hierbei nicht um die individuelle Erlösung handelt, sondern ausschließlich um die Erwählung menschlicher Werkzeuge für die Ausführung göttlicher Pläne. Esau wurde zwar das Recht der Erstgeburt aberkannt, nicht jedoch der Segen der Erlösung. Ähnlich wurde später Ruben das Erstgeburtsrecht verwährt, nicht aber seine Erbschaft in Kanaan, sei es das Irdische oder auch Himmlische (vgl. 1Mose 49,3.4; Jos 13,23).
In diesem Zusammenhang weist der Abschnitt “So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen” (vgl. Röm 9,16) nicht auf die Erlösung, sondern auf die Rechte des Erstgeborenen hin. Ähnlich handelt die Schriftstelle in Röm 9,17–18: “Denn die Schrift sagt zum Pharao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.« So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will” nicht von Pharaos persönlicher Erlösung, sondern seiner Rolle als göttliches Werkzeug. Die Schriftstelle, in der Paulus vom Töpfer spricht, der Macht über seine Töpfe hat, betrifft nicht die intrinsischen Eigenschaften der Gefäße, sondern ihre Verwendung: die eine ist edler als die andere. Kein Töpfer schafft Gefäße in der spezifischen Absicht, sie zu zerstören, aber sehr wohl Gefäße mit spezifischer Verwendung. Dabei kann ein Gefäß für alltägliche Zwecke genauso gut sein wie eines für außerordentliche, besonders feierliche Anlässe.
In Röm 9 spricht Paulus von der jüdischen Nation als Gottes auserwähltem Repräsentanten und ihrer Verwerfung zugunsten der Heiden (Röm 9,24 ff). Ebenso wird in 1Kor 3,12–15 von dem Lohn für den Dienst des Evangeliums und nicht dem Lohn für das persönliche Leben eines Christen gesprochen.
Die Allversöhnungslehre (Apokatastasis)
Die Allversöhnungslehre, auch Apokatastasis genannt (griechisch für “Wiederherstellung”), vertritt die Auffassung, dass am Ende aller Zeiten alle Menschen – und teilweise auch alle gefallenen Engel – von Gott gerettet und mit ihm versöhnt werden. Im gewissen Sinne handelt es sich auch um eine Prädestinationslehre, nur mit dem Unterschied, dass am Ende alle gerettet werden. Nach dieser Lehre ist die Hölle kein Ort ewiger Verdammnis, sondern höchstens ein zeitlich begrenzter Läuterungsort. Gottes Liebe und Gnade seien so umfassend, dass letztlich niemand auf ewig verloren gehe.
Historische Wurzeln: Die Idee geht zurück auf frühe Kirchenväter wie Origenes (3. Jahrhundert), wurde aber auf dem Konzil von Konstantinopel 553 offiziell als Irrlehre verurteilt. Trotzdem fand sie immer wieder Vertreter in der Kirchengeschichte.
Zentrale Argumente der Befürworter:
- Gottes Liebe und Barmherzigkeit seien größer als menschliche Sünde
- Eine ewige Hölle widerspräche Gottes Charakter und seinem Heilswillen
- Bibelstellen wie 1. Korinther 15,28 (“Gott sei alles in allem”) würden eine universale Erlösung nahelegen
Um den Rahmen dieser Ausarbeitung nicht zu sprengen, wird hier nur kurz dargelegt, dass die Schrift lehrt, dass eben nicht alle Menschen gerettet werden. Da Anhänger der Allversöhnungslehre häufig eine konkordante Bibelübersetzung verwenden, wird im Folgenden auch darauf eingegangen.
Grundlegende Kritik zum Thema “konkordante Bibelübersetzung”
Angeblich liefert die konkordante Methode der Bibelübersetzung eine unübertroffen genaue Übertragung, die weitestgehend frei von persönlichen Interpretationen und theologischen Ansichten ist. Dabei wird gerne auf die DaBhaR-Übersetzung von F. H. Baader verwiesen. In Wirklichkeit lässt sich jedoch weder das eine noch das andere so uneingeschränkt behaupten. Zwar wird immer wieder postuliert, dass eine rein konkordante Übersetzung die einzig richtige sei (während der Rest eine Verdrehung des Wortes Gottes darstelle), doch die eigenen Schwächen dieser Methode werden dabei oft verschwiegen oder übersehen.
Es ist eine unbestrittene Tatsache, dass sowohl die mündliche als auch die schriftliche Kommunikation fehlerbehaftet sein kann. Die Ursachen können beim Sender der Nachricht, beim Empfänger oder bei beiden liegen. Beim Übersetzen fungiert der Übersetzer gleichzeitig als Empfänger (er liest z. B. den überlieferten griechischen Grundtext) und als Sender (er verfasst die Übersetzung in der Zielsprache). Hier können sich Fehler beim Erfassen des Textes sowie bei der Übertragung in die Zielsprache einschleichen.
Wer jemals versucht hat, eine wirklich präzise Übersetzung anzufertigen, wird gemerkt haben, wie komplex dieses Unterfangen ist. Wörter haben oft mehr als eine Bedeutung und bestimmte Begriffe werden nur in spezifischen Zusammenhängen verwendet. Dies gilt umso mehr, wenn Sprache über die reine Sachinformation hinausgeht und Beziehungsebenen oder Zwischentöne wie Kritik, Ironie oder Lob transportiert. Zudem wird eine Botschaft in der Regel subjektiv, geprägt durch eigene Erfahrungen und Hintergründe, verstanden.
Völlig sinnlos ist in der Regel das wörtliche Übersetzen eines Idioms (einer Sprecheigenart). Der englische Ausdruck „stretch one’s legs“ bedeutet wörtlich zwar „die Beine ausstrecken“, gemeint ist aber „sich die Beine vertreten“. Ebenso bedeutet „pull someone’s leg“ nicht „jemanden am Bein ziehen“, sondern „jemanden auf den Arm nehmen“. Mit Glück lässt sich der Sinn erraten, doch für manche Idiome existieren in der Zielsprache schlicht keine direkten Gegenstücke. Eine 1:1‑Übersetzung ist demnach unmöglich. Begriffe wie das englische „resentment“ (Groll oder Ärger treffen es nicht ganz) oder Wendungen wie „on the rebound“ lassen sich nur schwer oder gar nicht direkt übersetzen. Wenn ein Wort in der Zielsprache nicht existiert, muss es umschrieben werden – eine Wort-für-Wort-Übersetzung ist damit hinfällig. Richtiges Übersetzen ist daher eine Kunst für sich; wer das Gegenteil behauptet, verkennt die sprachliche Realität.
Die Kritik an der konkordanten Methode im Detail
Kommen wir zurück auf die angeblich unübertreffbare konkordante Übersetzungsmethode. Von ihr heißt es:
“Wichtigstes Werkzeug ist eine Konkordanz, die den zur Übersetzung nutzbaren Wortschatz der Zielsprache auf ein Minimum einschränkt. Jedes Wort des Ursprungstextes wird dabei mit allen Belegstellen aufgeführt. Durch den Vergleich der Verwendung an allen Stellen ergibt sich die Bedeutung des Begriffs, der möglichst auch mit nur einem Wort der Zielsprache übersetzt wird. Jedes Wort der Zielsprache dient dabei, wenn irgend möglich, zur Wiedergabe nur eines Ursprungsworts. … Somit erklärt sich die Bibel selbst. Persönliche Interpretationen und der Einfluss wechselnder theologischer Ansichten werden weitestgehend zurückgedrängt. Das Ergebnis ist eine unübertroffene Genauigkeit.” (Quelle: http://konkordant.de/methode.html)
1) Das Prinzip des minimalen Wortschatzes der Zielsprache
Dieses Prinzip ist grundsätzlich als fragwürdig zu bezeichnen. Wie erwähnt, besitzen Wörter oft Polysemie (Mehrdeutigkeit). Umgekehrt gibt es Synonyme, die jedoch nur als Kollokationen (feste Wortverbindungen) in bestimmten Kontexten funktionieren. Die künstliche Einschränkung des Wortschatzes in der Zielsprache kann die ursprüngliche Aussage verfälschen, da notwendige Feinheiten verloren gehen. Dabei kann es zu einer doppelten Restriktion kommen: Einerseits wird dem Wort der Quellsprache nur eine einzige Bedeutung unterstellt. Andererseits wird versucht, es immer mit demselben Wort der Zielsprache wiederzugeben.
2) Frei von persönlichen Interpretationen und theologischen Ansichten
Keine Übersetzung ist völlig frei von Vorannahmen. Wir alle sind in unserem Denken an unsere Kultur und unser Umfeld gebunden. Zwar ist es sinnvoll, alle Belegstellen eines Wortes zu betrachten, doch daraus ergibt sich nicht automatisch die korrekte Bedeutung. Letztendlich entscheidet immer noch ein Mensch, welche Bedeutung an welcher Stelle angemessen ist oder ob ein Wort tatsächlich überall denselben Sinn hat. Wenn ein Wort nur einmal in der Bibel vorkommt (Hapaxlegomenon), können nur linguistische Vergleiche oder außerbiblische Quellen helfen. Wird ein Wort nur selten verwendet, führt das Minimum-Prinzip dazu, dass ihm nur eine Bedeutung unterstellt wird, obwohl es im Grundtext vielleicht mehrere Facetten besitzt. Dies führt unweigerlich zu Fehlern.
Es besteht natürlich der berechtigte Einwand, dass bei üblichen Übersetzungsmethoden aufgrund der subjektiven Sicht des Übersetzers ein „falsch gefärbtes“ Wort gewählt werden könnte. Es ist daher stets notwendig zu überlegen, welche Begriffe für die Übersetzung am sinnvollsten sind – wobei hierbei allerdings immer, bewusst oder unbewusst, persönliche Faktoren wirksam werden.
Ein Beispiel:
“Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus, und da er am nächsten Tag weiterreisen wollte, zog er die Rede hin bis Mitternacht. …” (Apg 20,7 – nach rev. Lutherbibel)
In diesem Vers wird das griechische Wort dia-legomai mit „predigen“ übersetzt. Eigentlich bedeutet dieses Wort jedoch: sich mit jemandem unterhalten, etwas besprechen, diskutieren oder argumentieren. Es taucht im Neuen Testament 13-mal auf und wird fast immer in diesem Sinne übersetzt. Nur hier in Apostelgeschichte 20,7 wird „predigen“ gewählt. Diese Wahl ist fragwürdig, da Paulus vermutlich eher eine interaktive Abschiedsrede oder ein Gespräch führte als eine klassische Predigt. Hier war wohl die traditionelle Auffassung des Übersetzers maßgeblich für die Wortwahl. In der Elberfelder Bibel (ELB) lesen wir treffender:
“Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zu brechen, unterredete sich Paulus mit ihnen, da er am folgenden Tag abreisen wollte; und er zog das Wort hinaus bis Mitternacht.”
Es ist sinnvoll, Wörter genau zu untersuchen, aber dies sollte nicht unter der falschen Annahme geschehen, dass Wörter nur eine einzige Bedeutung haben oder in der Zielsprache immer durch denselben Begriff ersetzt werden könnten. Wäre das möglich, könnten Texte 1:1 maschinell übertragen werden – doch das ist eine linguistische Illusion.
3) Die Bibel erklärt sich selbst
Dies mag inhaltlich zutreffen, aber sie übersetzt sich nicht selbst. Die Bibel ist bei der Übersetzung zwar das wichtigste Hilfsmittel, aber auch dieses hat seine Grenzen. Eine gute Übersetzung erfordert neben der Führung Gottes fundierte Sprachkenntnisse und ein tiefes Verständnis der biblischen Kontexte.
Zusammenfassung:
Baader unterliegt mit seiner Übersetzung dem Irrtum, dass Originaltreue durch maximale Formtreue erreicht wird. Seine extrem konkordante Technik versucht, jedes Wort des Originals durch genau ein deutsches Wort wiederzugeben. Während er anderen Übersetzungen „Dogmatik“ vorwirft, folgen Verfechter dieses Ansatzes selbst einem Dogma: der Annahme, dass jedes Wort im Grundtext so isoliert von Gott ausgewählt wurde (Verbalinspiration), dass es universell mit nur einem Wort in jeder beliebigen Zielsprache korrespondiert.
Da dies aufgrund von Strukturunterschieden zwischen Sprachen und Mehrdeutigkeit unmöglich ist, verändert er Grammatik und Wortschatz des Deutschen nach seinen Vorstellungen. Das Ergebnis: formal nahe am Original, aber auf Kosten von Verständlichkeit und inhaltlicher Originaltreue. Sein Ansatz führt zu Problemen auf Wortbedeutungs‑, Wortformen- und Satzbauebene. So werden beispielsweise hebräische Wortformen, die einen Wunsch oder Befehl ausdrücken, von Baader schlicht als Gegenwart (Indikativ) übersetzt.
Dies erschwert das Verständnis und eröffnet paradoxerweise genau jene neuen Deutungsspielräume, die durch die Methode eigentlich vermieden werden sollten. Um die sperrigen Formulierungen Baaders überhaupt verstehen zu können, müssen sie vom Leser erst mühsam selbst gedeutet werden. Es wirkt beinahe wie ein Euphemismus, wenn Verfechter der DaBhaR-Übersetzung sagen, sie sei eine „sehr rohe Übersetzung, die dem Leser viel Denkarbeit aufbürdet“ oder gar von einer „Kunstsprache“ sprechen, an die man sich gewöhnen müsse.
Glauben Sie wirklich, dass die Autoren der Bibel, z. B. die Evangelisten oder Apostel, sich in ihren Briefen und Werken einer (eingegebenen) Kunstsprache bedient haben, damit wir später das Prinzip des minimalen Wortschatzes anwenden können?
Die Bibel wurde in Hebräisch, Aramäisch und Griechisch verfasst – in den lebendigen Sprachen, die die Autoren selbst sprachen. Müsste Gott nicht dann auch, bei der Kommunikation mit der Menschheit, jedem einzelnen Wort in diesen Sprachen genau eine Bedeutung gegeben haben, damit diese Wörter später genau mit einem Wort in einer Zielsprache übersetzt werden können?
Der Mythos der unübertreffbaren, „reinen“ Übersetzung wird hiermit infrage gestellt. Grundsätzlich ist die Kritik berechtigt, dass viele Bibelübersetzungen theologisch eingefärbt sind. Daher ist es dringend ratsam, bei strittigen Textstellen verschiedene Übersetzungen zu vergleichen. Die DaBhaR-Übersetzung jedoch aufgrund fragwürdiger dogmatischer Grundannahmen und sprachlicher Unzulänglichkeiten als die „beste“ Übersetzung zu bezeichnen, ist unangebracht.
Warum die Allversöhnungslehre falsch ist
Da Anhänger der Allversöhnungslehre bevorzugt auf konkordante Bibelübersetzungen zurückgreifen, zitiere ich hier auch die DaBhaR-Übersetzung, um zu zeigen, dass selbst diese Übersetzung die Allversöhnungslehre nicht stützt. (Leider war es nicht möglich, die Übersetzung online einzusehen. Die verwendete Datei mit der DaBhaR-Übersetzung hatte ein paar Darstellungsfehler, aber sollte hier dennoch richtig wiedergegeben worden sein. Falls nicht, wird um Hinweise gebeten.)
Es wird nun gezeigt, dass nicht alle Menschen gerettet werden.
Begründung:
1. Der begrenzte Zugang zum neuen Jerusalem
Nur die „Reinen“ haben Zugang zum neuen Jerusalem, das vom Himmel herabkommt (Offb 21,1f), und nur sie haben ein Anrecht auf den Baum des Lebens (vgl. 1. Mo 3,22). Die Unreinen, Zauberer, Mörder etc. bleiben ausdrücklich ausgeschlossen.
Offb 22,14.15 (DaBhaR):
Glückselig (sind) die Spülenden ihre Roben, auf dass ihre Autorität sein wird (sie)(ist)aber wie die Autorität auf das Holz des Lebens (zu) und sie (in) den Getoren hineinkommen in die Stadt. Draußen (sind) die Köter und die Zaubernden und die Hurer und die Mörder und die Idolgottesdiener und all(jed)er Fälschung Tuende und Befreundende.
Offb 22,14.15 (ELB):
Glückselig, die ihre Kleider waschen, damit sie ein Anrecht am Baum des Lebens haben und durch die Tore in die Stadt hineingehen! Draußen sind die Hunde und die Zauberer und die Unzüchtigen und die Mörder und die Götzendiener und jeder, der die Lüge liebt und tut.
Offb 21,27 (DaBhaR):
Und nicht, (ja) nich(t), kommen hinein in sie [die Stadt] all(irgendein) Gemeines und der (etwas) wie Greuel und Fälschung Tuende, sondern nur die, (die) Geschriebenwordene (sind) in dem Buchröllchen des Lebens des Himmels.
Offb 21,27 (ELB):
Und alles Gemeine wird nicht in sie [die Stadt] hineinkommen, noch [derjenige], der Greuel und Lüge tut, sondern nur die, welche geschrieben sind im Buch des Lebens des Lammes.
2. Der Grund für den Ausschluss: Diese “bösen” Menschen werden in den Feuersee (2. Tod) geworfen.
Das ist ihr “Erbe / Teil”, im Gegensatz zu den Gerechten. (Vgl. Text oben und Offb 22,18.19.)
Offb 21,8 (DaBhaR):
Aber den Verzagten und Untreuenden und Greuelgewordenen und Mördern und Hurern und Zaubernden und Idolgottesdienern und all den Falschen (ist) ihr Teil in dem See, dem brennende(mach)ten (mit) Feuer und Schwefel, welches der zweite Tod ist.
Offb 21,8 (ELB):
Aber den Feigen und Ungläubigen und mit Greulen Befleckten und Mördern und Unzüchtigen und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern ist ihr Teil in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt, das ist der zweite Tod.
Off 20,15 (ELB):
Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.
3. Die Offenbarung zeigt zwei große Gegensätze
Die Offenbarung zeichnet zwei unüberbrückbare Gegensätze: Die Gerechten haben Zugang zum neuen Jerusalem und Teil am Baum des Lebens. Die Ungerechten haben keinen Zugang (obwohl die Stadttore offenstehen) und keinen Teil am Baum des Lebens, denn ihr „Teil“ ist der Feuersee. Doch was bedeutet der „zweite Tod“ genau?
Offb 20,14 (DaBhaR)
Und der Tod und der HADES werden in den See des Feuers geworfen. Und dies ist der zweite Tod, der See des Feuers. [Man beachte den Verweis auf 1Kor 15, 26].
Offb 20,14 (ELB): Und der Tod und der Hades wurden in den Feuersee geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuersee.
4. Der zweite Tod ist ein Symbol der Zerstörung / Auflösung.
Der zweite Tod ist ein Symbol der endgültigen Zerstörung und Auflösung. Der Tod und das Totenreich (Hades) werden im Feuersee vernichtet, denn auf der neuen Erde wird es „keinen Tod mehr“ geben (Offb 21,4). Wenn durch den Feuersee der Tod selbst sein Ende findet, gilt dies konsequenterweise auch für die im Feuersee befindlichen Feigen, Ungläubigen, Mörder und Unzüchtigen. Sie werden – analog zum Tod und zum Hades – in den Feuersee geworfen, um dort ihr Ende zu finden.
1. Korinther 15,26:
- Der letzte Feind, der weggetan wird, ist der Tod. (ELB)
- Als letzter Feind wird der Tod abgetan. (Schlachter)
- Letzter Feind, der herab unwirksam gemacht ist, ist der Tod. (DaBhaR)
- The last enemy that shall be destroyed is death. (AV)
Fazit: Wie der Tod, so ergeht es auch den Gottlosen: Sie werden „weggetan“, „abgetan“, „unwirksam gemacht“ oder „zerstört“. Sie werden abgeschafft, vergehen und werden zunichte gemacht. Es ist entscheidend zu sehen, dass der Tod als Feind bezeichnet wird. Er wird in den Feuersee geworfen, genau wie die Ungerechten. Auch sie sind Feinde Gottes und werden nicht etwa umerzogen oder neu ausgerichtet – sondern sie werden, gleich wie der Tod, auf der neuen Erde nicht mehr sein.
Alles Böse ist dann vergangen (Offb 21,4). Dieses Ergebnis lässt sich paradoxerweise sogar mit der DaBhaR-Übersetzung nachvollziehen. Die Allversöhnungslehre, die eine spätere Rettung dieser Gruppen postuliert, findet somit in der biblischen Exegese keine Grundlage.
Stellungnahme zur Kritik an dieser Auslegung
Die vorliegende Ausarbeitung wird häufig im Hinblick auf ihre zentralen Ergebnisse kritisiert: Nämlich, dass Verstorbene bis zu ihrer Auferstehung in einem Zustand des Unbewusstseins verbleiben, nicht direkt in den Himmel eingehen, und die Bibel keine Lehre einer von Natur aus unsterblichen Seele kennt und unerlöste Menschen am Ende nicht unendlich leiden, sondern vielmehr aufhören zu existieren.
Zahlreiche Christen sind überzeugt, dass die Seele eines gerechten Menschen unmittelbar nach dem Tod in den Himmel aufgenommen wird. Diese Sichtweise propagiert eine temporäre Trennung von Leib und Seele. Da die Anhänger dieser Lehre die Fortexistenz der Seele betonen, bezeichnen sie das hier präsentierte Ergebnis (das Unbewusstsein der Verstorbenen bis zur Auferstehung) als „Seelenschlaf“.
Diese Bezeichnung wird in der vorliegenden Arbeit jedoch bewusst vermieden, da sie missverständlich ist und theologische Implikationen mit sich führt, die hier nicht geteilt werden. Bezüglich der nicht erlösten Menschen herrscht selbst unter den Anhängern der Seelenlehre Uneinigkeit: Einige glauben an eine sofortige Qual in der Hölle, andere an einen Aufenthalt in einer finsteren Totenwelt (Hades/Scheol). In der römisch-katholischen Lehre gibt es zudem auch noch das Fegefeuer.
Historischer Kontext: Der Streit um den Himmel
Die Frage, wann und auf welche Weise Menschen in die Gegenwart Gottes gelangen, löste bereits in der frühen Kirchengeschichte heftige Debatten aus. Ein bedeutsames Zeugnis hierfür liefert Justin der Märtyrer (geb. um 110 n. Chr.) in seinem Werk Dialog mit dem Juden Tryphon:
“Wenn ihr mit solchen Leuten bekannt geworden seid, die sich Christen nennen und die Auferstehung der Toten leugnen und behaupten: ihre Seelen werden sogleich nach dem Tode in den Himmel aufgenommen, so haltet sie nicht für Christen.” (Kapitel 80)
Interessanterweise sind heutige Befürworter der Himmelfahrt direkt nach dem Tod meist immerhin konsequent genug, dass sie – trotz der logischen Spannung zu ihrer Seelenlehre – weiterhin formal an die zukünftige Auferstehung der Toten glauben.
Um eine umfassende Klärung herbeizuführen, werden im folgenden Abschnitt die wesentlichen Kritikpunkte an der hier präsentierten Auslegung untersucht und auf Basis der biblischen Befunde beantwortet.
Die verbreitete Seelenlehre
In dem Buch „One Minute After You Die – A Preview of Your Final Destination“ von Erwin W. Lutzer (1997, Moody Press, Chicago), das im Deutschen unter dem Titel „Fünf Minuten nach dem Tod“ (1998, Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg) erschienen ist, wird für eine weitverbreitete Seelenlehre plädiert. Die wesentlichen Kernaussagen Lutzers lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Die Seele eines Menschen gehe nach dem Tod in das Totenreich “Scheol” oder “Hades” (S.31f).
- Das Totenreich habe zwei Bereiche, einen für gute und einen für schlechte Menschen (S. 33f).
- Nach der Himmelfahrt Jesu wurde der Bereich der Gerechten angeblich in den Himmel verlegt. Der verbleibende Bereich diene weiterhin als Aufbewahrungsort für die Geister der verstorbenen Gottlosen (S. 42), wobei dieser Ort gleichzeitig als Hölle, also als Ort bewusster Qual, verstanden wird (S. 126).
- Die Seelen der gläubigen Menschen gehen demnach direkt in den Himmel ein, um in der unmittelbaren Gegenwart Gottes zu sein (S. 42, 45f).
- Wenn die Bibel im Zusammenhang mit dem Tod vom „Schlafen“ oder „Entschlafen“ spricht, beziehe sich dies lediglich auf den physischen Körper. Die „Geist-Seele“ des Menschen hingegen bleibe nach dem Tod aktiv und wach (S. 52f).
- Da die Seelen im Himmel miteinander kommunizieren, wird postuliert, dass sie in der Zeit zwischen Tod und Auferstehung einen temporären, wenn auch unvollkommenen Leib besitzen. Alternativ könnten Seelen selbst über gewisse Leibesfunktionen verfügen (z. B. die Fähigkeit zu sprechen). Die genaue Beschaffenheit dieses Zustands entziehe sich jedoch menschlicher Vorstellungskraft (S. 73–75).
Methodische Kritik
Viele dieser Kernaussagen resultieren daraus, dass bildhafte Gleichnisse (wie etwa die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus) wörtlich als Tatsachenberichte gedeutet werden, während andere, gegenteilige Bibelstellen unberücksichtigt bleiben. Da eine solche hermeneutische Herangehensweise in der vorliegenden Ausarbeitung prinzipiell abgelehnt wird, konzentriert sich die folgende Untersuchung nur auf die theologisch relevantesten Argumente Lutzers.
Typische Einwände bzgl. des Zustands der Toten
Lust abzuscheiden (Phil 1,23)

Erwin Lutzer verweist, wie viele Vertreter der gängigen Seelenlehre, immer wieder auf zwei zentrale Aussagen von Paulus, um zu belegen, dass der gerechte Mensch unmittelbar nach dem Tod in den Himmel gelangt. Die erste finden wir im Brief an die Philipper. Im ersten Kapitel bringt Paulus seine Sorgen, aber auch seine Hoffnungen zum Ausdruck. Zu der Zeit, als er den Brief schrieb, bereiteten ihm einige Menschen Kummer:
“Jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.” (Phil 1,17)
Paulus ließ sich aber nicht entmutigen. Er fuhr fort, mit:
“Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.” (Phil 1,18–21)
Nichts – weder harte Arbeit noch Nachstellungen oder gar der Tod – konnte sein Werk aufhalten. Dessen war er sich bewusst. Dennoch war weder seine von Anfechtungen geprägte Arbeit noch sein drohender Tod in Gefangenschaft etwas, worauf er freudig „wartete“. Beide Gedanken „setzten ihm hart zu“. Er schrieb dazu:
“Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. Denn es setzt mir beides hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um euretwillen.” (Phil 1,22–24)
Das Wort „Lust“ in Phil 1,23 (griechisch epithymia) wird in modernen Ohren oft missverstanden. Es bezeichnet ein starkes Verlangen oder eine tiefe Sehnsucht.
Die Analyse: Beweist dies die sofortige Himmelfahrt der Seele?
Es steht fest, dass Paulus den Tod als Schlaf bezeichnet (das Sterben und Entschlafen sind für ihn Synonyme, vgl. 1Kor 11,30; 15,6.18.20.51; 1Thess 4,13.14.15). Der Tod oder der Zustand des Todes waren ihm aber unwichtig, denn der Schwerpunkt lag in seinen Ausführungen eindeutig auf der Wiederkunft Christi, bei welcher die Auferstehung und die Verwandlung (Verklärung) der Gläubigen stattfinden werden.Dieses trifft auch auf den Philipperbrief zu, in dem die von Lutzer missverstandene Aussage zu finden ist (siehe Phil 1,6.10; 3,10.11.14.20.21).
Für Paulus war nicht der Tod (und eine vermeintlich sofortige Seelenentrückung) der Grund seiner Hoffnung, sondern die Auferstehung von den Toten im Zusammenhang mit der Parusie (Wiederkunft Jesu). Erst dann wird Jesus alle Gerechten zu sich holen, damit sie für immer bei ihm bleiben (Joh 14,2.3; 1. Thess 4,13–17).
Die Aussage „Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein“ ist keine dogmatische Belehrung über den Zeitpunkt des Erhalts eines unsterblichen Körpers – im Gegensatz zu 1. Thess 4 oder 1. Kor 15, wo er sich detailliert diesem Thema widmet. Paulus drückt hier lediglich seine Sehnsucht aus, bald bei Christus zu sein, ohne dabei die Zeitspanne zu thematisieren, die zwischen Tod und Auferstehung liegt. Das ‘und’ verbindet beide Ereignisse aus Paulus’ subjektiver Sicht, sagt aber nichts über die objektive Zeitspanne dazwischen aus.
Die subjektive Wahrnehmung der Zeit
Warum Paulus seinen Tod und die Gemeinschaft mit Christus in einem Atemzug nennt, lässt sich im Einklang mit der restlichen Schrift erklären: Der Tod ist für den Menschen wie ein traumloser Schlaf. Es ist für den Verstorbenen unerheblich, ob ein Tag oder 1.000 Jahre vergehen, denn im Tod „weiß man nichts“ (Prediger 9,5.6.10). Das nächste Ereignis, das der Gerechte nach dem Schließen der Augen bewusst wahrnimmt, ist die Auferweckung bei der Wiederkunft Christi.
Auch Martin Luther vertrat diese Ansicht sehr deutlich:
“Alsbald uns die Augen zufallen und wir ins Grab verscharrt werden, werden wir wieder auferweckt. Denn tausend Jahre werden für uns sein, eben als hätten wir nur eine halbe Stunde im Grabe geschlafen. Wenn wir des Nachts schlafen, so hören wir keinen Zeiger [einer Uhr]und wissen nicht die Zeit und Stunde, wie lange wir geschlafen haben. Widerfährt uns nun solches im Schlaf, vielmehr wird’s uns im Tode widerfahren; tausend Jahre werden hinweg sein wie ein Nachtschlaf.” (Quelle: Martin Luther, zitiert von Th. Traub in “Von den letzten Dingen”, Seite 65, Quell-Verlag der Evangelischen Gesellschaft, Stuttgart, 1928; Angaben nach “Gereimtes und Ungereimtes über Tod und Auferstehung, Himmel und Hölle” von M. Tomasi, VCL, Gisikon (Schweiz), 1993, S. 69.)
Was sollte Paulus also wählen? Er ringt mit der Antwort: Das Weiterleben im Fleisch dient der Gemeinde, doch das „Abscheiden“ führt ihn (aus seiner subjektiven Wahrnehmung heraus sofort) zu Christus.
Paulus sehnt sich danach, seinen “Lauf” zu beenden, aber er weiß auch, dass die Gemeinden ihn noch brauchen. Zwar ist er von der Auferstehung überzeugt und rechnet mit seinem Lohn, dem ewigen Leben und der ewigen Glückseligkeit, “aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben, um” den Gemeinden noch beizustehen.
Paulus vergleicht nicht Tod vs. Leben, sondern die endzeitliche Vollendung (bei Christus sein) vs. weiteres irdisches Leben. Der Tod ist nur der Übergang, nicht das eigentliche ‘Bessere’.
Ergebnis:
Paulus sehnt sich nach der Erlösung aus einer Welt, die für ihn ein ständiger Kampf war. Sein Blick war stets auf die gemeinsame Vereinigung der Auferweckten und der Verwandelten gerichtet. Der strittige Ausdruck in Vers 23 unterstreicht somit nur seine Sehnsucht nach dem Abschluss der Heilsgeschichte und der ewigen Gemeinschaft mit dem Herrn. Paulus steht nicht im Widerspruch zu seinen übrigen Ausführungen und besagt nicht, dass er vor der Auferstehung beim Herrn sein wird. Lutzer versucht aus dem Philipperbrief abzuleiten, dass Paulus lehren würde, durch den Tod sofort beim Herrn zu sein, widerspricht deutlich seinen eigenen Worten in 1. Thess 4,13–17. Aber auch die folgenden Verse aus dem Philipperbrief zeigen, dass diese Auslegung falsch ist.
“Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.” (Philipper 3,10–11)
Warum möchte Paulus Jesu “Tode gleich gestaltet werden”? Damit er gelangt “zur Auferstehung von den Toten”. Nicht, um sofort im Himmel zu sein. Für Menschen, die vor der Wiederkunft Jesu gestorben sind, führt nur der Weg über die Auferstehung zu Gott. Diese Sicht wird auch von Paulus eindeutig vertreten.
Das abgebrochene Zelt (2Kor 5, 1–10)
“Denn wir wissen, dass, wenn unser irdisches Zelthaus zerstört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein nicht mit Händen gemachtes, ewiges Haus in den Himmeln. Denn in diesem freilich seufzen wir und sehnen uns danach, mit unserer Behausung aus dem Himmel überkleidet zu werden insofern wir ja bekleidet, nicht nackt befunden werden. Denn wir freilich, die in dem Zelt sind, seufzen beschwert, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit das Sterbliche verschlungen werde vom Leben. Der uns aber eben hierzu bereitet hat, ist Gott, der uns das Unterpfand des Geistes gegeben hat. So sind wir nun allezeit guten Mutes und wissen, dass wir, während einheimisch im Leib, wir vom Herrn >ausheimisch< sind – denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen -; wir sind aber guten Mutes und möchten lieber >ausheimisch< vom Leib und einheimisch beim Herrn sein. Deshalb setzen wir auch unsere Ehre darein, ob einheimisch oder >ausheimisch<, ihm wohlgefällig zu sein. Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, was er durch den Leib vollbracht, dementsprechend, was er getan hat, es sei Gutes oder Böses.” (Elberfelder)

Paulus vergleicht den menschlichen Körper hier mit einem Zelt. Dieser Vergleich war für ihn als Zeltmacher (Apg 18,3) naheliegend. Ein Zelt und der menschliche Körper teilen wesentliche Merkmale: Das Material stammt von der Erde, sie sind temporärer Natur, leicht zu zerstören und zerfallen schließlich zu Staub. Sogar von Jesus heißt es, dass er unter uns „zeltete“ (Joh 1,14), als er Fleisch wurde.
Die Interpretation von Lutzer und anderen
Vertreter der gängigen Seelenlehre stützen sich primär auf Vers 8: „Wir sind aber guten Mutes und möchten lieber ausheimisch vom Leib und einheimisch beim Herrn sein.“ – Sie folgern daraus, dass die Seele unmittelbar nach dem Tod in die Gegenwart Gottes gelange.
Die paulinische Differenzierung: Nacktheit vs. Überkleidung
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Paulus den Zustand des Todes in Vers 3 als „nackt“ oder „unbekleidet“ beschreibt. In Vers 4 sagt er ausdrücklich, dass er nicht entkleidet werden (sterben), sondern vielmehr „überkleidet“ werden möchte. Dies schließt nahtlos an seine Ausführungen in 1. Korinther 15,53 an:
“Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit.” (1Kor 15, 53)
Paulus drückt hier den Wunsch aus, die Wiederkunft Jesu noch zu Lebzeiten zu erfahren, um die Verwandlung ohne den Umweg über den Tod („die Nacktheit“) zu erleben. Er möchte, dass das Sterbliche direkt vom Leben „verschlungen“ wird.
Kein Vorzug bei der Wiederkunft
Paulus macht in 1Kor 15, 51–54, 1Thess 4, 13–17 und 2Tim 4, 6–8 deutlich, dass weder die Verstorbenen noch die bei der Wiederkunft lebendigen Gläubigen bevorzugt werden. Die Gläubigen – ob tot oder lebendig – werden ihren Lohn erst erhalten, wenn Jesus kommt und zwar gemeinsam. Zwar erhalten auch die Gläubigen, deren “Zelt zerstört” wurde (Vers 1) ein ewiges Zelt, doch Paulus wünscht sich eine Überkleidung (Vers 4).
In Vers 8 drückt Paulus seinen Wunsch aus, „einheimisch beim Herrn“ zu sein. Da er den Zustand der „Nacktheit“ (den Tod) jedoch ablehnt (V. 4), kann dieses „Einheimisch-Sein“ nur durch die Überkleidung mit dem neuen Leib geschehen.
Die traditionelle Auslegung sieht hier einen klaren Kontrast: “im Leib” = fern vom Herrn; “weg vom Leib” = beim Herrn. Jedoch ist dieses unverträglich mit anderen Textstellen. Paulus kontrastiert hier zwei grundsätzliche Existenzweisen (irdisch vs. himmlisch), nicht drei (irdisch – körperlos – auferstanden).
Der Vers 7 unterstreicht, dass Paulus von der jetzigen Situation spricht (noch nicht beim Herrn, noch nicht schauend). Auch die anderen Verstorbenen sind noch nicht beim Herrn, sondern “müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden…” – Dies ist der Abschluss des Gedankengangs und verweist auf das zukünftige Gericht.
Ergebnis:
Obwohl Paulus noch „im Leib einheimisch“ ist (in der vergänglichen Existenz), ist er guten Mutes. Er sehnt sich nach dem neuen Haus, dem unvergänglichen Leib. Diese wunderbare Verheißung gibt Paulus so viel Mut, dass er den Tod nicht fürchtet, sondern ihn in letzter Konsequenz als Gewinn bezeichnet (Phil 1, 21). Der Vers 8 besagt, dass Paulus lieber schon den neuen Leib hätte (um mit dem neuen Auferstehungsleib beim Herrn zu sein), als noch immer das temporäre fleischliche Zelt zu bewohnen.
Der Text bedeutet nicht, dass man unmittelbar nach dem Tod (als körperlose Seele) beim Herrn ist. Der „entkleidete“ Mensch schläft und erwacht erst bei der Auferstehung (Joh 6,44; Dan 12,13; 1. Kor 15,51–54). Auch wenn der Text für moderne Ohren nach einem sofortigen Bewusstsein klingt, korrigiert die restliche Schrift dieses Bild: Wir sind erst beim Herrn, wenn er wiederkommt und uns aus dem Todesschlaf ruft bzw. dann verwandelt.
Beschwörung von Geistern und Todeserfahrungen (1Sam 28)
Verschiedene Autoren (wie z. B. Erwin Lutzer) berichten von Menschen, die klinisch tot waren und nach ihrer Wiederbelebung von spezifischen Nahtoderfahrungen erzählten. Typische Elemente dieser Berichte sind: Ein Tunnel mit Licht am Ende, große, in weiße Gewänder gehüllte Engelsgestalten sowie ein tiefes Gefühl von Frieden und Geborgenheit. Teilweise wird zudem berichtet, dass Patienten sich selbst aus der Vogelperspektive sahen oder Informationen aus anderen Räumen (z. B. des Krankenhauses) wahrnehmen konnten, während ihr Körper leblos dalag – was einen übernatürlichen Informationsgewinn impliziert und sich nicht vollständig durch natürliche Vorgänge (Sauerstoffmangel, DMT-Ausschüttung, neurologische Prozesse) erklären lässt.

Obwohl Lutzer in seinem Werk Fünf Minuten nach dem Tod (Christliche Verlagsgesellschaft Dillenburg, 1998) auf Seite 23 einräumt, dass „einige der sogenannten Todeserfahrungen dämonischer Natur sind, weil sie der Lehre der Bibel widersprechen“, verwendet er dieses Phänomen dennoch als „Beweis“ dafür, dass sich Seele und Körper beim Tod trennen. Er folgert daraus, dass der Mensch unmittelbar als Seele bewusst existiert oder in das Jenseits wechselt.
Ähnlich argumentiert M. Basilea Schlink in ihrem Werk Himmel, Hölle, Wirklichkeiten (Evangelische Marienschwesternschaft, Darmstadt). Sie führt Erfahrungen Johann Christoph Blumhardts mit dämonischen Mächten an, um zu untermauern, dass sich Verstorbene bis zum Jüngsten Gericht in einem bewussten Zwischenzustand befinden.
Andere wiederum berufen sich auf Informationen aus spiritistischen Sitzungen. Dabei betont die Heilige Schrift unmissverständlich, dass alle Formen des Okkultismus für Gott ein Gräuel sind (siehe 3. Mo 19,31; 5. Mo 18,9–12; Jes 8,19–20; 1. Kor 10,14–22).
Lutzer erkannte – zumindest im Hinblick auf den Okkultismus – den Ernst der Lage und beschrieb die Gefahren dämonischer Mächte. Im erwähnten Werk führt er auf den Seiten 16–21 aus:
“Der springende Punkt ist natürlich, dass alle Informationen über das Leben nach dem Tod, die wir von Spiritisten oder Medien erhalten, unzuverlässig sind. Diejenigen, die sich an die okkulte Welt wenden, um von dort Informationen über den Tod zu erhalten, werden irregeleitet. Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, doch auf Aufklärung von Dämonen sollten wir verzichten, denn ihre größte Freude besteht darin, Menschen zu verwirren und zu betrügen.”
“Wer versucht, mit Toten in Kontakt zu treten, wird immer in die Gemeinschaft finster Mächte geraten, die vorgeben, hilfreiche Engel des Lichts zu sein.”
“Deshalb können Sie ziemlich sicher sein, dass keiner jemals mit ihrem toten Onkel, Vetter oder Ihrer toten Großmutter geredet hat. Es gibt jedoch Geister, die die Toten vertreten. Ihre Verführungskunst ist recht trickreich, denn sie können vielleicht sogar über die Liebe reden, über den Wert der Religion oder Jesus in einem guten Licht darstellen. Und natürlich wissen sie genug, um die Unkritischen zu betrügen.”
Es scheint jedoch, dass Lutzer nicht erkennt, dass seine Einwände gegen okkulte Quellen gleichermaßen auf den Informationsgewinn aus Nahtoderfahrungen anwendbar sind. Wenn einige dieser Erfahrungen eindeutig dämonischer Natur sind, könnten dann nicht auch jene, die der Bibel scheinbar nicht widersprechen, denselben Ursprung haben? Ist es nicht möglich, dass Satan Menschen im Grenzbereich des Todes durch Illusionen manipuliert?
In der Realität hat Satan der Welt durch Spiritismus und Todeserfahrungen ein breites Spektrum an Lehren über das “Leben nach dem Tod” vermittelt: Von der Wiedergeburt (im fernöstlichen Sinne) über mittelalterliche Höllenvisionen bis hin zu friedvollen Begegnungen mit Lichtwesen. Dabei sei angemerkt, dass auch drogeninduzierte Halluzinationen ähnliche Phänomene hervorrufen können. Statt konsequent alle übernatürlichen, außerbiblischen Informationen zu meiden, nutzt Lutzer sie selektiv als Beleg für seine Auslegungen.
Schlink wirft ein, dass “das strenge Gebot der Heiligen Schrift, die Toten nicht zu befragen (5. Mose 18,11.12)” keinen Sinn machen würde, wenn die Toten nicht in einem bewussten Zwischenzustand wären.
Schlink wirft zudem ein, dass das biblische Verbot der Totenbefragung (5. Mo 18,11–12) keinen Sinn ergäbe, wenn die Toten nicht in einem bewussten Zustand wären. Doch die Geschichte zeigt, dass Menschen selten auf Gottes Wort hörten und stattdessen heidnischen Bräuchen nacheiferten. Immer wieder hat Gott den Menschen gesagt, dass Götzen nichts können. Sie sind aus Stein und Holz von Menschenhand gemacht – mehr nicht. Dennoch hat Gott streng verboten, Bildnisse zu machen und diese toten Steine anzubeten, obwohl sie gar keine echten Götter waren. Beim Totenkult war und ist es genauso. Wir sollen unsere ganze Hoffnung auf Gott und nicht auf Götzen oder Totenbeschwörer, Wahrsager, Zauberer, Geisterbefrager, Hexen, “Murmler” oder “Flüsterer” setzen. Daher ist es folgerichtig, etwas zu verbieten, das zwar real praktiziert wird (die Beschwörung), dessen behaupteter Inhalt (der Kontakt zum echten Toten) jedoch nicht der Wahrheit entspricht.
Man könnte ebenso fragen: Wozu sollte man Tote befragen, wenn sie ohnehin nicht wissen, was auf Erden geschieht (2. Kö 22,20; Jes 38,10–11), nicht reden können (Ps 115,17) und keine Erkenntnis oder Gedanken mehr besitzen (Pred 9,5.6.10)?
Der Grund für das Verbot wurde von Lutzer eigentlich korrekt erkannt: Nicht die Toten antworten bei einem Kontaktversuch, sondern Satan oder seine Verbündeten. Deshalb hat Gott jeglichen Okkultismus untersagt; die Menschen sollen stattdessen Gott um Rat fragen.
Auch die einzige in der Bibel beschriebene Totenbeschwörung lässt sich so interpretieren. Nachdem König Saul untreu geworden war (1. Sam 15,19), entzog sich Gott ihm und antwortete nicht mehr – weder durch Träume noch durch das Los „Licht“ (Urim) oder Propheten (1. Sam 28,6). Saul hätte Reue zeigen können; stattdessen suchte er Hilfe bei der Finsternis und begab sich zur Beschwörerin von En-Dor. Diese beschwor einen Geist, der dem Propheten Samuel glich„ und Saul mitteilte, dass er und seine Söhne in der Schlacht sterben würden. Dies erfüllte sich, als Saul verwundet wurde und Suizid beging (1. Sam 31,4).
Es stellt sich die Frage: Sollte Gott der Beschwörerin tatsächlich erlaubt haben, den verstorbenen Samuel herbeizurufen, nachdem er selbst jede Kommunikation mit Saul abgebrochen hatte? Wer gab Saul wirklich Antwort? Wenn kein lebender Prophet helfen konnte, warum sollte es ein toter tun? Und wäre es wirklich der Gottesmann Samuel gewesen, hätte er sich kaum in den Dienst einer Beschwörerin gestellt, da Zauberei ein schweres Vergehen war.
Es gibt Hinweise, die es fraglich erscheinen lassen, dass es wirklich Samuel war, der dort erschien.
- Hatte die Beschwörerin wirklich Macht, einen verstorbenen Gottesmann, aus dem Totenschlaf zu wecken – gegen den Willen Gottes?”
- Saul konnte den Geist nicht erkennen und musste die Beschwörerin fragen, was sie sieht (Verse 13 und 14). Dass Saul den Geist nicht sehen konnte, zeigt, dass die Beschwörerin die Kontrolle hatte. Dies ist untypisch für göttliche Offenbarungen.
- Der Geist kommt aus der Erde, nicht vom Himmel (Vers 13). Dies widerspricht der Vorstellung einer Aufnahme in den Himmel nach dem Tode.
- Der Geist sagt zu Saul, dass er und seine Söhne am nächsten Tag bei ihm sein würden, d. h. dass sie bald sterben würden (Vers 19).
Der letzte Punkt widerspricht sehr eindeutig dem landläufigen Glauben, dass böse Menschen nach dem Tod in die Hölle und gute in den Himmel gehen würden, wo sie auf uns hinabschauen. Saul begann Selbstmord. Nach katholischem Verständnis eine unverzeihliche Sünde. Dennoch sagte der Geist, Saul würde am nächsten Tag bei ihm sein. Wenn der Geist Samuel war, würde dann Saul zu ihm in “Hölle” oder in den “Himmel” kommen?
Dieses Konstrukt von „Nach dem Tod gleich Himmel oder Hölle“ und „Selbstmörder kommen in die Hölle“ würde dazu führen, dass der Gottesmann Samuel in der Hölle wäre oder bei der Beschwörung die Unwahrheit gesagt hätte. Auch das ganze Konstrukt von Lutzer bricht wegen Hebräer 11 zusammen. Wir erinnern uns, dass Lutzer behauptet hat, dass das Totenreich zwei Bereiche hätte und nach Jesu Himmelfahrt, der Bereich für die verstorbenen, guten Gläubigen, in den Himmel verlegt wurde, sodass die “Seelen” der Gläubigen nun in unmittelbarer Nähe Gottes sind? In Hebräer 11, 32.39.40 steht ganz klar, dass auch Samuel noch nicht „die Verheißung erlangt“ hat, damit „sie nicht ohne uns vollendet würden“. Der Hebräerbrief wurde nach Jesu Himmelfahrt geschrieben! Mit anderen Worten: Das, was an verschiedenen Stellen dieser Ausarbeitung immer wieder betont wird, nämlich dass die Verstorbenen in Gräbern schlafen, bis sie bei der Wiederkunft Jesu erweckt werden, um DANN mit den verwandelten Gläubigen zu Jesus gerückt zu werden, um DANN beim Herrn zu sein. Und dass Jesus Wohnungen bereitet und wiederkommen wird, um uns DANN zu sich zu holen – Diese Sicht wird in Hebräer 11 unterstützt. Die Behauptungen von Lutzer sind damit unverträglich.
Wie lässt sich diese Geschichte harmonisch mit der Bibel erklären, ohne auf fragwürdige Totenreich-Konstrukte zurückgreifen zu müssen?
Eine plausible Erklärung ist, dass der Geist, der dort erschien, ein Verbündeter Satans war, der vorgab, Samuel zu sein. Zum einen war das erste, was der Geist tat, der Beschwörerin einzugeben, dass Saul vor ihr stand (1Sam 28,12 Elberfelder) – offenbar, um sie zu warnen. Zum anderen entspricht es ganz Satans Handschrift, die Sünde zu verharmlosen und sie dienlich erscheinen zu lassen, und dann, wenn sein Opfer sich von Gott getrennt hat, die ganze Schrecklichkeit der Sünde zu offenbaren und dem Opfer einzureden, es sei verloren. Nichts könnte Vergebung vor Gott bewirken und nichts könnte unternommen werden, um von Gott wieder angenommen zu werden. In Wirklichkeit hat Gott jedoch noch nie einen reumütigen Menschen, der Buße tut, zurückgewiesen. Der Geist, der in jener Nacht erschien, rief nicht zur Buße oder Umkehr auf. Er flößte Saul so viel Angst ein, dass der König fast vor Angst und Erschöpfung starb. Er nahm ihm jede Hoffnung. Das sind nicht Methoden, derer sich Gott bedient, denn Gott will, dass die Gottlosen von ihrem Wege umkehren und nicht sterben (Hes 33,11). Selbst David, der Ehebruch und Mord begangen hatte, wurde durch den Propheten Nathan zur Buße gerufen – und fand Vergebung (2. Sam 12,13).
Ergebnis:
Selbst wenn man hypothetisch annähme, dass …
- die Hexe, die Macht gehabt hätte, gegen den Willen Gottes, Tote heraufzubeschwören,
- Gott, der nicht mit Saul kommunizieren wollte – auch nicht durch Propheten, es zugelassen hätte, dass Saul Samuel befragen durfte,
- es wirklich Samuel gewesen wäre,
… so kann diese Erzählung dennoch nicht als Beweis gegen den unbewussten Zustand der Toten dienen. Die Bibelstelle würde in diesem Fall lediglich zeigen, dass die Beschwörerin die Macht hatte, Samuel „in seiner Ruhe zu stören“. Der Ausdruck „in seiner Ruhe stören“ deutet vielmehr darauf hin, dass Samuel sich zuvor in einem Zustand des Unbewusstseins befand.
Diese vielen hypothetischen Annahmen, werden hier jedoch nicht geteilt. Vielmehr wird angenommen, dass es nicht Samuel selbst war, der sich hier zeigte, sondern ein Dämon, von dem die Hexe Saul sagte, es sei Samuel. Die Toten selbst ruhen im Grab, bis der Herr sie weckt, und “wissen nichts”.
Wie damals wirken Satan und seine Diener auch heute, um Menschen zu verführen – mal als Engel des Lichts, mal als verstorbene Angehörige. Ihr Ziel bleibt die Trennung des Menschen von seinem Schöpfer, denn Satan „ist ein Mörder von Anfang an“ (Joh 8,44) und „geht umher wie ein brüllender Löwe“ (1. Petr 5,8).
Nur bei Gott können wir Schutz finden, und so rät uns Gott:
“Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.” (Eph 6,11–12)
Der Schächer am Kreuz (Lk 23,42.43)

Einer der beiden Verbrecher, die mit Jesus gekreuzigt wurden, erkennt noch am Kreuz den Messias:
“Und er sprach: Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.” (Lk 23,42.43)
Oft wird argumentiert: „Steht hier nicht eindeutig, dass der Verbrecher noch am selben Tag im Paradies sein wird? Also gehen die Erlösten direkt nach dem Tod in den Himmel!“
Das Problem der Zeichensetzung
Zunächst muss angemerkt werden, dass es im Altgriechischen, der Sprache des Neuen Testaments, keine Satzzeichen gab. Folglich könnte die Stelle ebenso lauten: „Wahrlich, ich sage dir heute: Du wirst mit mir im Paradies sein.“
Theologen debattieren darüber, welche Übersetzung aufgrund der grammatischen Struktur wahrscheinlicher ist. Einige meinen, das Komma (oder der Doppelpunkt) müsse vor „heute“ stehen; andere sind überzeugt, dass es dahinter ebenso stimmig ist. Kritiker wenden ein, es sei überflüssig, „heute“ zu betonen, da Jesus ja im Moment des Sprechens rede. Nach derselben Logik wäre jedoch auch der Ausdruck „ich sage dir“ überflüssig – dennoch nutzt Jesus ihn zur Einleitung. Tatsächlich ist die Wendung „Ich sage dir heute“ eine im Hebräischen bekannte feierliche Bekräftigung (vgl. 5. Mo 8,19; 4,26; Sach 9,12).
“Wirst du aber den HERRN, deinen Gott, vergessen und andern Göttern nachfolgen und ihnen dienen und sie anbeten, so bezeuge ich euch heute, dass ihr umkommen werdet;” (5Mo 8,19)
Da die Grammatik allein keine endgültige Entscheidung zulässt, muss der Kontext der gesamten Bibel den Ausschlag geben. Die Lesart „…sage dir heute: Du wirst…“ ist vorzuziehen, da die alternative Deutung in massiven Konflikt mit anderen biblischen Aussagen gerät.
Vorab weise ich darauf hin, dass es unumgänglich ist, sich in diesem Fall von der verbreiteten Auffassung “Paradies” = “Himmel” zu trennen. Dies würde sofort zu Widersprüchen führen. Es soll nun gezeigt werden, welche Konsequenzen sich aus der ersten Übersetzungsmöglichkeit ergeben:
Wichtige, relevante Bibelstellen zum Thema
Man darf eine Bibelstelle nicht losgelöst von anderen Bibelstellen betrachten. Daher müssen wir Folgendes beachten. Nähme man an, Jesus und der Verbrecher seien noch am Freitag im Paradies gewesen, ergeben sich unlösbare Widersprüche zur allgemeinen Vorstellung, dass die Gläubigen nach ihrem Tod direkt in den Himmel gehen – zu Gott:
- Das Schicksal der Gerechten: David, ein Mann nach dem Herzen Gottes, war laut Petrus zur Zeit der Apostel noch nicht „gen Himmel gefahren“, sondern ruhte in seinem Grab (Apg 2,29–34). Übrigens ist das nach der Himmelfahrt Jesu! Das gilt auch für andere Glaubenshelden (siehe Hebräer 11)! Es wäre widersprüchlich, wenn ein erst im letzten Moment bekehrter Verbrecher sofort in den Himmel käme, während die treuen Diener Gottes seit Jahrhunderten im Grab auf ihren Lohn warten müssten.
- Das Paradies ist ein Ort, an dem Gott (Vater) nicht gegenwärtig ist. Das Paradies ist also nicht der Himmel: Jesus sagte nach der Auferstehung zu Maria: ‘Rühre mich nicht an’ (Joh 20,17), aber etwas später ließ er sich von Thomas berühren (Joh 20,27). Dies war noch vor der Himmelfahrt. Offenbar war Jesus zwischenzeitlich beim Vater, aber eben nicht direkt am Freitag nach seinem Tode. Der Vater ist also nicht im Paradies. Wenn Jesus aber am Freitag starb und erst am Sonntag zum Vater auffuhr, wo war er dann am Freitag und Samstag? Die Bibel lehrt, dass Jesus im Grab ruhte (Apg 2,27.31).
- Das Paradies muss also das Totenreich (der Gläubigen) sein (folgt aus 1. und 2.). Manche halten dieses Paradies-Totenreich für einen Aufenthaltsort, an dem die gläubigen Toten verweilen, bis der Tag der Auferstehung kommt. Diese Vorstellung entspringt der jüdischen Volksfrömmigkeit und ist mit der Bibel nicht zu vereinbaren: Wir lesen in der Bibel, dass sowohl gute als auch böse Menschen in das Grab (Scheol bzw. Hades) bzw. “zu den Toten” kommen (1Mo 37,35, 1Mo 42,38; 1Mo 44,29.31, 4Mo 16,31–33, Hiob 17,13 und Apg 2,27, u. a.) – eine Trennung “Totenreich für Gläubige” und “Totenreich für Ungläubige” kennt die Bibel nicht. Außerdem vergleicht die Bibel den Tod mit einem Schlaf, einem Zustand, in dem nicht einmal mehr “Gedanken” vorhanden sind. (Was alles über das Totenreich gesagt wird (kein Loben, nichts mitbekommen von dieser Welt, usw.) wurde im ersten Teil ausgeführt.)
Die Annahme, dass Jesus “heute” im Paradies war, führt dazu, dass man annehmen muss, dass das Paradies das Totenreich ist. Diese Annahme wird noch unwahrscheinlicher – wenn nicht unmöglich –, wenn man genauer untersucht, was laut Bibel das Paradies ist.
Das Wort paradeisos taucht in der Bibel nur an drei Stellen auf: Lukas 23,43 (Der Schächer am Kreuz), 2. Korinther 12,4 (Entrückung ins Paradies, in den dritten Himmel) und Offenbarung 2,7 (Baum des Lebens im Paradies). Das Wort ist dem altpersischen Begriff für Gehege, Ummauerung oder eingehegtes Gebiet angelehnt und bedeutet dort neben „Reservat“ auch Lustgarten, lieblicher Garten, Park oder Fruchtgarten. In der antiken griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta/LXX) wird der Garten Eden an verschiedenen Stellen (1. Mo 2; Hes 28,13; 31,8; Neh 2,8; Pred 2,5 und Jes 51,3) mit „Paradies“ übersetzt.
Untersuchen wir die drei Stellen im Neuen Testament in umgekehrter Reihenfolge:
“Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist.” (Offb 2,7)
Hier wird in der Offenbarung den Überwindern – also den treuen, gläubigen Menschen – das ewige Leben versprochen. Der Baum des Lebens, der einst im Paradies stand, in dem Adam und Eva lebten, wird den Menschen auf der neuen Erde wieder zugänglich sein. Hier steht das Wort „Paradies“ im unmittelbaren Zusammenhang mit der Gegenwart Gottes. In der Offenbarung ist ferner zu lesen, dass die Menschen auf der neuen Erde zusammenleben werden, wenn Gott alles neu macht (Offb 21,1–3), und dort wieder vom Baum des Lebens essen können (Offb 22,1–5). Diese Bibelstelle kann sich nicht auf unsere jetzige Zeit beziehen, da dieses Ereignis noch in der Zukunft liegt.
“Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.” (2Kor 12,2–4)
Hier wird gesagt, dass das Paradies im „dritten Himmel“ liegt oder mit diesem identisch ist. Was ist der dritte Himmel? Ist es das Totenreich der Gerechten? Wenn wir auf der Grundlage der Bibel argumentieren, ist dies zu bezweifeln: Warum sollte sich Paulus rühmen können, wenn er lediglich in das Totenreich entrückt worden wäre (wo Gott nicht gegenwärtig ist und wo die Toten weder denken noch sprechen)? Wie hätte Paulus an einem solchen Ort „unaussprechliche Worte“ hören können?
Für einige Ausleger lassen sich die in der Bibel erwähnten Himmel in drei Kategorien einteilen: der gewöhnliche Himmel (unsere Atmosphäre), der „Himmel“ der Sterne (das Weltall) und der dritte Himmel als der unmittelbare „Wohnort“ Gottes. Manche Ausleger sehen noch eine weitere Erklärungsmöglichkeit. Der Apostel Petrus schrieb:
“Denn sie [Spötter]wollen nichts davon wissen, dass der Himmel vorzeiten auch war, dazu die Erde, die aus Wasser und durch Wasser Bestand hatte durch Gottes Wort; dennoch wurde damals die Welt dadurch in der Sintflut vernichtet. So werden auch der Himmel, der jetzt ist, und die Erde durch dasselbe Wort aufgespart für das Feuer, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen.” (2Petr 3,5–7)
Petrus weist darauf hin, dass es früher einen Himmel und eine Erde gab (Vergangenheitsform!), die durch die Sintflut vernichtet wurden. Auch der gegenwärtige Himmel sowie die Erde werden zerstört werden, und zwar durch das Feuer. Dies sind der erste und der zweite Himmel (samt Erde). Gott wird später einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen:
“Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.” (2Petr 3,13)
Somit ist der neue, kommende Himmel der „dritte Himmel“. Paulus wurde also – ähnlich wie Johannes in der Offenbarung – die neue Welt gezeigt, in der Gott für immer mit den Menschen zusammenleben wird. Dieser Anblick war so überwältigend, dass Paulus ihn nicht mit Worten beschreiben konnte. Die prachtvolle Schilderung des neuen Jerusalems, wie sie in Offenbarung 21 zu lesen ist, macht verständlich, weshalb Paulus sich hätte rühmen können, so etwas erblickt zu haben.
Welche der beiden Auffassungen bezüglich des dritten Himmels auch richtig sein mag: Beide verbinden das Paradies untrennbar mit der Gegenwart Gottes. Es bleibt daher höchst fragwürdig, ob ausgerechnet der Text über den Schächer am Kreuz von einem ganz anderen Paradies – einem „gott-losen“ Totenreich für Gläubige – berichten sollte. Es ist viel naheliegender, dass paradeisos im gesamten Neuen Testament als Synonym für den Himmel und die direkte Gegenwart Gottes steht.
Auch der Schächer selbst, ging nicht davon aus, sofort mit Jesus in den Himmel zu gehen, denn seine Worte “wenn du in dein Reich kommst” (V. 42), zeigen, dass er an die zukünftige messianische Herrschaft denkt. Dieses ist stimmig, mit den Ausführungen, zur Abfolge Tod – Schlaf – Auferstehung und Gericht und Gottes ewiges Reich.
Ergebnis:
Die Bibelstelle über den Schächer am Kreuz (Lk 23,42–43) kann mühelos so ausgelegt werden, dass sie nicht in Konflikt mit anderen Aussagen der Schrift gerät. Die unbiblische Ansicht, Gerechte würden sofort nach dem Tod in das Paradies (Himmel) eingehen, lässt sich in keiner Weise harmonisch mit den restlichen biblischen Zeugnissen über den Zustand der Toten und die Wiederkunft Christi verbinden.
Der reiche Mann und der arme Lazarus (Lk 16,19–31)

“Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.” (Lk 16,19–31)
Spricht dieses Bibelwort nicht klar davon, dass die Verstorbenen bei Bewusstsein bleiben und die Bösen sogar in einer Hölle gequält werden? Untersuchen wir zunächst, wie diese Auslegung sich zu anderen Bibelstellen verhält:
- Der Ort des Geschehens: Beide, der reiche Mann und der arme Lazarus, sterben. Lazarus wird auf Abrahams Schoß getragen, der Reiche wird begraben. Beide befinden sich im Hades (griechisch für das hebräische Scheol, das Grab). Aus der Bibel wissen wir, dass alle Menschen ins Grab gehen (vgl. Prediger 9,1–3; Hiob 21,23–26)
- Versteht man das Gleichnis wörtlich, so stellt dieses einen Widerspruch dar: Denn wenn Scheol bzw. Hades laut Bibel der Ort ist, an dem die Toten nichts wissen, denken oder tun (Pred 9,5–6; vgl. Teil 1 der Ausarbeitung), wie können die beiden dort miteinander sprechen?
- Körperlichkeit im Jenseits: Die Personen werden mit physischen Gliedmaßen und Organen geschildert: ein Mund zum Reden, ein Finger, um ihn ins Wasser zu tauchen, eine Zunge zum Kühlen, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Haben „unsterbliche Geister“ oder Seelen materielle Leiber in der Hölle? Die Bibel lehrt eigentlich, dass die Gerechten einen neuen, verwandelten Leib erst bei der Auferstehung erhalten (1. Kor 15,35ff).
- Logik der Schilderung: Wörtliches Verständnis lässt Fragen aufkommen: Wer würde ernsthaft behaupten, dass ein einziger Wassertropfen von einer Fingerspitze einem Menschen, der in Flammen brennt, echte Linderung verschaffen könnte?
Die Lösung: Das Gleichnis als literarisches Mittel
Die Widersprüche lösen sich auf, wenn man erkennt: Es handelt sich hier um eine Lehrerzählung (Parabel). Gleichnisse dienen dazu, einen geistlichen Sachverhalt zu verdeutlichen, indem sie Bilder verwenden, die nicht unbedingt der physischen Wirklichkeit entsprechen müssen.
In der biblischen Bildersprache sind Personifikationen üblich:
- Abels Blut „schreit“ vom Erdboden (1. Mo 4,10).
- Bäume „klatschen in die Hände“ (Jes 55,12) oder „reden“ miteinander (Ri 9,7–15).
- Tote werden im Grab redend geschildert, um den Fall eines Tyrannen zu illustrieren (Jes 14,9–17).
Niemand würde annehmen, dass alle Gerechten buchstäblich auf dem Schoß des historischen Abraham sitzen – wie groß müsste dieser Schoß sein? Die Elemente der Geschichte sind Mittel zum Zweck, um eine tiefere Wahrheit zu veranschaulichen.
Kritiker wenden ein, dass eine Namensgebung für ein Gleichnis untypisch sei und dieses auf eine reale Geschichte mit einer historischen Person hindeuten würde. Hier ist wichtig zu wissen, dass der Name ‘Lazarus’ (hebr. Eleasar = ‘Gott hat geholfen’) programmatisch ist und die Pointe unterstreicht: Gott hilft dem Armen (siehe unten). Möglicherweise sollte hier auch unterstrichen werden, dass Bettler für Gott nicht namenlos sind, so wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Mehr noch: Jesus dreht diesen Spieß um: Gott kennt den Armen beim Namen, während der Reiche in der Ewigkeit anonym bleibt. Der Reiche wird nur über seinen Besitz definiert („ein reicher Mann“), aber Lazarus wird als Person, als Individuum wahrgenommen.
Der historische Kontext: Die Volksfrömmigkeit
Jesus griff hier eine Vorstellung auf, die damals im Volk weit verbreitet war, aber nicht aus der Schrift stammte. Er kam so der Vorstellungswelt seiner Zuhörer entgegen, wie er es auch oft bei anderen Gleichnissen tat. Ein Text, der Flavius Josephus zugeschrieben wird, beschreibt im 1. Jahrhundert diese außerbiblischen Ansichten über den Hades:
“Im Hades werden die Seelen der Gerechten und Ungerechten aufbewahrt. Der Hades ist ein nicht näher bestimmbarer Ort in dieser Welt, eine unterirdische Region, wo das Licht dieser Welt nicht hinscheint … Es gibt einen Zugang zu dieser Region an dessen Tor ein Erzengel mit einer Schar Engel steht. Alle werden von den Engeln, die für Seelen verantwortlich sind, hinunterbegleitet, aber nicht alle gehen denselben Weg. Die Gerechten werden von Engelsliedern begleitet nach rechts zur Region des Lichtes geleitet, wo die Gerechten seit Anbeginn der Welt wohnen … Sie sehen die immer lächelnden Antlitze der Väter und Gerechten, während sie die Ruhe und das ewige, neue Leben im Himmel erwarten, welcher dieser Region folgen wird. Diesen Ort nennen wir den Schoss Abrahams. Die Ungerechten aber werden von den Engeln der Strafe zur Linken hinuntergezerrt. Sie gehen nicht freiwillig, sondern wie Gefangene müssen sie mit Gewalt getrieben werden. Die Engel, die ihnen zugeteilt sind, schelten sie und drohen ihnen mit ihren schrecklichen Grimassen und stoßen sie immer tiefer. Diese Engel, die über diese Seelen gesetzt sind, ziehen sie bis in die Nähe der Hölle. Wenn sie dann dort sind, hören sie ständig den Lärm der Hölle und verspüren deren heiße Dämpfe. Wenn sie näher hinsehen, erblicken sie ein furchtbares und sehr großes Feuer, das sie erwartet … Dazu kommt noch, dass sie auch den Ort der Väter und der Gerechten sehen und dadurch gestraft werden, denn es gibt eine tiefe und weite Kluft zwischen ihnen, so dass sogar ein Gerechter, der Mitleid mit ihnen hat, diese Kluft nicht überschreiten kann. Und auch ein Ungerechter, selbst wenn er noch so tapfer wäre und es versuchen wollte, die Kluft nicht überschreiten kann.” (The Works of Josephus. Translated by William Wbiston [Peabody, Ma.: Hendrickson Publishers, 1987].)
Christus bediente sich also einer in der damaligen Zeit verbreiteten, nicht biblischen Vorstellung, um seinen Zuhörern etwas sehr Wichtiges klarzumachen: Niemand wird nach seinem Besitz, der ja ohnehin nur eine Leihgabe Gottes ist, eingeschätzt, und der in dieser Welt Reiche wird ohne Gott einmal arm und elend sein.« (M. Tomasi, Gereimtes und Ungereimtes über Tod und Auferstehung, Himmel und Hölle, VCL, Gisikon (Schweiz), 1993, S. 74–75)
Jesus wollte den Menschen in morgenländischer Bildersprache nicht eine Lehre zum Zustand der Toten erteilen oder über die Topografie des Jenseits berichten. Er bezog sich vielmehr auf die damaligen irrigen Auffassungen bzgl. des Reichtums und der Ehre, um sein Anliegen deutlich zu machen.
Die eigentliche Botschaft Jesu
Die Pointe ergibt sich aus dem Kontext. Zuvor hatte Jesus über den „ungerechten Mammon“ gesprochen (Lk 16,9–13). Die geldgierigen Pharisäer spotteten darüber, da sie Reichtum für ein Zeichen göttlichen Segens hielten (Lk 16,14–15).
“Das alles hörten die Pharisäer. Die waren geldgierig und spotteten über ihn. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid’s, die ihr euch selbst rechtfertigt vor den Menschen; aber Gott kennt eure Herzen; denn was hoch ist bei den Menschen, das ist ein Greuel vor Gott.” (Lk 16,14.15)
Jesus veranschaulichte in seinem anschließenden Gleichnis, wie Gott den selbstsüchtigen Reichen wirklich ansieht: Er wird verworfen, während der Arme in Gottes Gunst angenommen wird. Durch diese Darstellung vermittelte Jesus seinen Zuhörern den Begriff der ausgleichenden Gerechtigkeit Gottes in einem künftigen Gericht – ganz nach dem Prinzip: Die Letzten werden die Ersten sein; Gott wird jedem geben nach seinen Werken.
Zugleich enthielt das Gleichnis die Lehre, dass es nur eine begrenzte Gnadenzeit gibt, das heißt eine Zeit, in der man sich bekehren kann: dieses Leben. Nach dem Tode besteht keine Bekehrungsmöglichkeit mehr. Daher nutzt Jesus das Bild von der unüberwindbaren Kluft. Im Hebräerbrief wird dieser Sachverhalt folgendermaßen auf den Punkt gebracht:
“Und wie den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, darnach aber das Gericht.” (Hebr 9,27).
Die Verstocktheit der Zuhörer
Wer den klaren Worten der Schrift nicht glaubt, würde auch einem auferstandenen Toten keinen Glauben schenken (Lk 16,29–31). Jesus wollte den Pharisäern damit vor Augen führen, wie verstockt sie in ihrem Inneren bereits waren. Selbst ein gewaltiges Wunder, wie die Auferweckung eines Toten, würde sie nicht davon überzeugen, dass sie mit ihrer Lebenseinstellung falsch lagen.
Die Geschichte gab der Realität recht: Tatsächlich bewirkte die spätere Auferweckung des Lazarus – des verstorbenen Bruders von Maria und Marta – bei den religiösen Führern nur noch eine tiefere Ablehnung. Anstatt sich wachrütteln zu lassen, planten die Pharisäer sogar, Jesus zu töten (Joh 11,53; 12,10). Selbst nach der Auferstehung Jesu taten sie keine Buße, sondern versuchten aktiv, die Wahrheit durch Bestechung und Lügen zu verschleiern (Mt 28,11–15).
Ergebnis: Die Kernbotschaften des Gleichnisses
Durch das Gleichnis sollte Folgendes verdeutlicht werden:
- Göttliche Maßstäbe: Gott hat einen völlig anderen Urteilsmaßstab als die Menschen.
- Falsche Sicherheit: Reichtum bedeutet keineswegs, automatisch in der Gunst Gottes zu stehen oder erlöst zu sein.
- Gerechter Ausgleich: Im Gericht wird die Ungerechtigkeit des irdischen Lebens ausgeglichen; die Armen und Unterdrückten werden getröstet werden.
- Verurteilung von Lastern: Geiz und Hochmut werden, wie schon in den vorangegangenen Erzählungen Jesu, scharf verurteilt.
- Dringlichkeit der Umkehr: Die Freuden des Reichtums dauern nur sehr kurz an. Nur in diesem Leben hat der Mensch die Chance, sich zu bekehren. Nachher ist es zu spät (!!!).
Ergebnis: Das Gleichnis kann nicht als Beweis für einen bewussten Zustand der Toten, eine vorzeitige Aufnahme in den Himmel oder die Hölle oder als topografische Beschreibung des Jenseits verwendet werden.
Zur Auslegung von Gleichnissen
Einige Ausleger sehen in dem Gleichnis zusätzlich eine prophetische Lehre über das Volk Israel. Dies tut der Tatsache, dass es sich um ein Gleichnis handelt, jedoch keinen Abbruch. Wenn jeder Ausleger beachten würde, dass die einzelnen Elemente eines Gleichnisses nicht wörtlich zu nehmen sind, wäre das Wort Gottes für jedermann verständlicher.
Es ist unverständlich, warum manche Ausleger sich einerseits an die kleinsten Details dieses spezifischen Gleichnisses klammern, aber andererseits niemals behaupten würden, dass:
- Jesus in Matthäus 13,18 wörtliche Ratschläge zur Saatgut-Technik für Landwirte geben wollte.
- Er uns in Matthäus 13,24 anweisen wollte, auf unseren Feldern tatsächlich Unkraut zwischen der guten Saat stehen zu lassen.
- Das Himmelreich in der physikalischen Realität ist ein Senfkorn oder ein Sauerteig (Mt 13,31.33).
- Es bei den bösen Weingärtnern in Matthäus 21,33 um eine reale „skrupellose Gang“ von Winzern geht (während fast jeder versteht, dass hier das Volk Israel gemeint ist).
Ein Gleichnis beschreibt nicht die stoffliche Wirklichkeit, sondern nutzt bildhafte Vergleiche, die gedeutet und auf die geistliche Realität übertragen werden müssen! Das gilt für das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus genauso.
Mose und Elia auf dem Verklärungsberg (Mt 17,1–8)

“Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.” (Mt 17,1–8)
Wenn die Toten in einem Zustand der Bewusstlosigkeit im Grab ruhen, wie konnten Mose und Elia dann Jesus erscheinen?
Manche Ausleger gehen davon aus, dass Mose und Elia hier gar nicht in Person erschienen sind. Dieses Erlebnis wird in Matthäus 17,9 als Erscheinung [griechisch: horama] bezeichnet. Das griechische Wort horama wird im Neuen Testament konsequent für Visionen oder Gesichte verwendet (vgl. Apostelgeschichte 10,19; 16,9. In Apg 12,9 meinte Petrus, eine Erscheinung zu sehen, obwohl es Wirklichkeit war. Diese Richtigstellung erfolgt in den anderen Bibelstellen nicht!). Eine Vision ist eine von Gott gewirkte Darstellung einer Realität, die nicht notwendigerweise bedeutet, dass die dargestellten Personen lokal und physisch anwesend sein müssen. Gott kann den Jüngern lediglich die Herrlichkeit des kommenden Reiches (mit Mose und Elia) gezeigt haben.
Ein weiteres Argument ist die symbolische Funktion von Mose und Elia. In der jüdischen Denkwelt repräsentieren sie:
- Mose: Das Gesetz (Tora)
- Elia: Die Propheten (Nebbiim)
Ihr Erscheinen dient dazu, Jesus als denjenigen zu bestätigen, auf den das gesamte Alte Testament hinweist. Gott, die Stimme aus der Wolke, sagt: „Dies ist mein lieber Sohn […] den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Diese Worte und ähnliche Worte finden wir an verschiedenen Stellen, z. B. Lk 9,33; Apg 3,22.23; 7,37. Es wurde damit die Autorität Jesu unterstrichen: Er ist das Zentrum, umgeben von Mose und Elia (Altes Testament: Gesetz und Propheten). Er ist der verheißene Messias. Diese theologische Botschaft benötigt keine „bewussten Geister aus der Totenwelt“, sondern nutzt die Identität dieser Männer, um Jesu Messianität zu beglaubigen.
Es gibt eine weitere Erklärungsmöglichkeit, die dem biblischen Befund gerecht wird. M. Tomasi schreibt dazu:
»Während des Betens wurde das Angesicht Jesu verklärt (Lukas 9,28.29). Mose und Elia, welche erschienen, werden ausdrücklich als Männer bezeichnet, nicht etwa als Geister. Wie war es möglich, dass Mose und Elia auf dem Verklärungsberg erscheinen konnten? Mit diesen beiden Männern hatte Gott einen ganz besonderen Plan. Mose und Elia stellen die beiden Hauptklassen der Erlösten dar: Elia, der nicht starb, sondern direkt in den Himmel genommen wurde (2. Könige 2,11.12), stellt jene Gotteskinder dar, die bis zur Wiederkunft Christi am Leben bleiben und verwandelt werden [vgl.1Thess 4,16.17]; Mose aber, der starb, später jedoch auferweckt wurde, stellt jene dar, die bei der Wiederkunft Christi auferweckt werden. Beachten wir, dass der Erzengel Michael (Judas 9) mit dem Teufel um den Leichnam Mose verhandelte. Es wird ebenfalls die Stimme des Erzengels sein, welche am Tage der Wiederkunft Christi die Verstorbenen aus den Gräbern hervorrufen wird (1. Thessalonicher 4,16).
Mose und Elia sind also bereits erlöst. Sie bilden eine Ausnahme zu den vielen Gläubigen, die erst bei Jesu Wiederkunft auferstehen werden. Diese beiden Männer redeten mit Christus über seine bevorstehenden Leiden in Jerusalem (Lukas 9,30.31). Jesus und seine Jünger sollten für die vor ihnen liegende Zeit schwerer Prüfung und Anfechtung gestärkt und ermutigt werden.« (M. Tomasi, Gereimtes und Ungereimtes über Tod und Auferstehung, Himmel und Hölle, VCL, Gisikon (Schweiz), 1993, S. 77f)
Ergebnis:
Elia war nie gestorben, sondern wurde zu Gott entrückt. Der Text in Judas 9, kann so gedeutet werden, dass Moses eine Sonderstellung eingenommen hat und vorzeitig erweckt wurde. Die Möglichkeit vorzeitiger Auferweckung ist nicht ohne biblischen Präzedenzfall: Mt 27,52–53 berichtet von Heiligen, die nach Jesu Auferstehung auferweckt wurden und vielen erschienen. Es kann also auch bei Mose eine Sonderauferweckung vor der allgemeinen Auferstehung bei Jesu Wiederkunft gegeben haben.
Insgesamt ist es problematisch, aufgrund der außergewöhnlichen Verklärung in Mt 17 auf einen generellen, bewussten Zustand aller Verstorbenen zu schließen. Dafür sind andere Texte, die den Zustand der Toten explizit beschreiben, viel eindeutiger in ihrer Aussage, dass im Tod kein Bewusstsein existiert (siehe Jes 38,10–11.18–19; Ps 6,6; Ps 115,17; Pred 9,5.6.10).
Die Verklärung war ein „Fenster in die Zukunft“ – eine Demonstration der kommenden Herrlichkeit und der Auferstehungskraft Gottes und zur Stärkung Jesu für seinen schweren Weg gedacht und keine Zustandsbeschreibung des Totenreichs.
Die Geister im Gefängnis und die Predigt für die Toten (1Petr 3 & 4)
“In diesem [Geist] ist er [Jesus] auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt, die einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde, in die wenige, das sind acht Seelen, durchs Wasser hindurch gerettet wurden.” (1Petr 3,19–20)
“Das befremdet sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in dasselbe wüste, unordentliche Treiben, und sie lästern; aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten. Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist.” (1Petr 4,4–6)
Welche Behauptung wird aufgrund dieser Stellen oft aufgestellt? Christus soll nach seiner Kreuzigung den Geistern in der Hölle – also den Toten – das Evangelium gepredigt haben. Dies besagt auch der zweite altkirchliche Glaubensartikel: „…niedergefahren zur Hölle…“. Auf diese Weise hätten die Verdammten in der sogenannten „Vorhölle“ noch eine Gelegenheit zur Bekehrung erhalten. Während die meisten Protestanten nicht an eine „Vorhölle“ glauben, bleibt die Frage: Was ist mit dem Rest der Aussage?
Zu den Geistern im Gefängnis (1Petr 3,19)
Christus hat sich während der gesamten Erdengeschichte um die Menschen bemüht. Petrus spricht in seinem Brief deutlich vom Wirken des Geistes Christi, der bereits durch die Propheten in alttestamentlicher Zeit wirkte. Er schreibt:
“Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach.” (1Petr 1,10–11)
Der Hebräerbrief deutet in Kapitel 1, Vers 1 darauf hin, dass Gott „vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten“. In 1. Korinther 10,4 schreibt Paulus davon, wie Christus die Menschen zur Zeit Mose leitete. Desgleichen heißt es hier im Petrusbrief: “In ihm [dem Geist] ist er [Jesus] auch hingegangen und hat gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs…”.
Die Bedeutung von „Geist“ (pneuma)
Das Wort pneumata (Plural) bzw. pneuma (Singular) bedeutet „Geist“, „Wind“, „Hauch“ oder „Atem“. In der biblischen Bildersprache kann ein Teil für das Ganze stehen (Synekdote); so werden Begriffe wie „Atem“ oft als Synonyme für eine lebendige Person verwendet.
In diesem Sinne wünscht Paulus z. B. in 2. Timotheus 4,22 („Der Herr sei mit deinem Geist!“) nicht, dass Gott Timotheus lediglich auf einer abstrakten geistigen Ebene erreicht, sondern der Wunsch umfasst Timotheus als ganze Person (ähnlich in 1. Kor 16,18; Gal 6,18; Phil 4,23). Die Gute Nachricht Bibel übersetzt Galater 6,18 daher treffend mit: „…sei mit euch“. In einer Anmerkung heißt es dort: „Wahrscheinlich liegt eine hebräische Ausdrucksweise zugrunde, die mit ‚Geist‘ den ganzen Menschen bezeichnet.“
Auch in 1. Johannes 4,1 wird dieser Sprachgebrauch deutlich: „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind; denn viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen.“ Die „Geister“, die wir prüfen sollen, sind keine körperlosen Erscheinungen, sondern Menschen (Propheten). Auch heute sprechen wir noch von „großen Geistern“ oder „Plagegeistern“ und meinen damit reale Personen.
Es ist richtig, dass sich pneuma auch auf den Verstand bezieht, doch in 1. Petrus 3,19 kann von ganzen Menschen ausgegangen werden, was durch Vers 20 unterstützt wird:
“… die [“Geister” = Menschen] einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde, in die wenige, das sind acht Seelen [= acht Menschen], durchs Wasser hindurch gerettet wurden.”
Wenn die „Geister“ ungehorsam waren, meint dies, dass die ganzen Menschen damals ungehorsam waren. Gott wartete in seiner Langmut nicht auf die Bekehrung immaterieller Geister, sondern auf die Umkehr der Menschen aus Fleisch und Blut. Es macht wenig Sinn, im Vers 19 nur von einem immateriellen Teil des Menschen auszugehen, obwohl in Vers 20 ganze Menschen gemeint sind.
Das „Gefängnis“ der Sünde
Die Menschen, die vor der Sintflut lebten, waren geistig durch die Sünde gebunden. Sie wollten sich (bis auf acht Personen) nicht vom Geist Gottes führen lassen. Deshalb werden sie hier „Geister im Gefängnis“ genannt – gemeint ist das Gefängnis der Sünde und des Unglaubens. Petrus bezeichnet solche Menschen auch an anderer Stelle als „Knechte der Sünde/des Verderbens“ (2. Petr 2,19).
So wie Christus während seines Erdenwirkens den „Gefangenen die Freiheit“ verkündigte (Jes 61,1; Lk 4,18), so hatte er durch seinen Geist versucht, die Menschen der vorsintflutlichen Welt aus dem Gefängnis ihrer Sünden zu befreien.
Noah als Sprachrohr Christi

Christus wirkte durch den Geist in den Propheten des Alten Testaments. Es liegt nahe, dass in diesem Fall Noah als „Sprachrohr“ Gottes diente und den Menschen predigte. Er hat die Menschen vor der kommenden Sintflut in Geduld und mit großer Ausdauer gewarnt und wurde dafür verspottet. Der Geist, der Noahs Predigten inspirierte, war der Geist Christi. Durch den Geist Gottes predigte Christus durch Noah den “Geistern im Gefängnis”.
Das ‘im Geist’ (ἐν ᾧ) zeigt, dass Christus nicht leiblich, sondern geistlich predigte – durch sein präexistentes Wirken im Heiligen Geist, der Noah inspirierte. Das ‘hingegangen’ (πορευθείς) beschreibt seine Mission, nicht notwendigerweise eine Reise nach seinem Tod. Diese Auslegung harmoniert perfekt mit 1. Petr 1,10–11, wo Petrus bereits etabliert hat, dass der Geist Christi in den alttestamentlichen Propheten wirkte.
Petrus weist damit auch die Anschuldigung zurück, die Menschen zur Zeit Noahs hätten keine faire Chance gehabt. Ihnen wurde durch Noah, den „Prediger der Gerechtigkeit“ (2. Petr 2,5), das Evangelium verkündigt. Doch die Menschen wiesen es zurück und lebten weiter nach ihren bösen Taten.
Zu den Toten (1Petr 4,4–6)
Um welche Toten handelt es sich hier? Manche glauben, Jesus würde den Toten im Jenseits nachträglich das Evangelium verkünden. Dies widerspricht jedoch:
- Den klaren Aussagen über die Bewusstlosigkeit der Toten (Pred 9,5.6.10).
- Der Lehre, dass die Entscheidung für die Erlösung im gegenwärtigen Leben fallen muss (Hebr 9,27; Lk 16,26–31 – die Kluft; siehe Erklärung dort). Eine Bekehrung im Jenseits ist der Bibel fremd. Vielmehr gilt für alle Menschen, dass nach dem Tod nur noch die Auferstehung und das Gericht auf sie warten.
Eine nachträgliche Verkündigung wäre zudem unnötig, da Gott stets durch Propheten gewirkt hat und laut Paulus selbst die Heiden durch die Schöpfung Gottes Wirken erkennen können (Röm 1,18ff).
Erklärungsmöglichkeiten
Manche Ausleger meinen, es handele sich bei den „Toten“ um „geistlich Tote“ (tot in Sünden; vgl. Eph 2,1; Mt 8,22; Kol 2,13). Dieses würde zu ihrem gottlosen Treiben passen, das in 1Petr 4,3 erwähnt wird. Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass es sich um wirklich Tote handelt, da in den Versen 5 und 6 die Toten im Kontext des Gerichtes erwähnt werden.
Das Ende des Verses kann auch erklärt werden: “damit sie zwar den Menschen gemäß nach dem Fleisch gerichtet werden, aber Gott gemäß nach dem Geist leben.”. Hier kann “nach dem Fleisch gerichtet” bedeuten, dass sie z. B. von Menschen getötet wurden (Märtyrer), aber “nach dem Geist leben”, d. h. sie werden durch die Auferstehung leben.
Die Erklärung, die sich harmonisch in das biblische Gesamtbild fügt, lautet: Denen, die jetzt (zum Zeitpunkt, als Petrus schrieb) tot sind, wurde das Evangelium verkündigt, als sie noch am Leben waren. Ihnen wurde das Evangelium gepredigt – und nun sind sie verstorben. Der Text sagt nicht, dass ihnen im Zustand des Todes gepredigt wurde, sondern beschreibt ihre jetzige Situation rückblickend. Dieses legt auch die Grammatik nahe: Der Aorist (“wurde verkündigt”) kann sich auf eine vergangene Handlung beziehen (als sie lebten), während “Toten” ihren jetzigen Zustand beschreibt.
Ergebnis: Die beiden Stellen im Petrusbrief widersprechen nicht den übrigen Aussagen der Bibel und zwingen auch nicht zur Annahme, dass Tote im Totenreich ein Bewusstsein hätten.
Die Seelen unter dem Altar (Offb 6,9–11)

“Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, dass sie ruhen müssten noch eine kleine Zeit, bis vollzählig dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch getötet werden sollten wie sie.” (Offb 6,9–11)
Besonders in der Offenbarung, in der eine Vielzahl von Symbolen verwendet wird, muss sorgfältig untersucht werden, wann wir es mit einem Symbol zu tun haben und wann dies nicht der Fall ist. Da stellt sich zunächst die Frage: Schreien hier wirklich die Märtyrer in der himmlischen Seligkeit „mit lauter Stimme“ um Rache?
Dies wäre mit dem Geist der Märtyrer unvereinbar, denn viele von ihnen beteten – nach dem Vorbild Jesu (Lk 23,34; Mt 5,44) – ausdrücklich für ihre Verfolger. So berichtet die Apostelgeschichte von Stephanus, während er gesteinigt wurde:
“Er [Stephanus] fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Und als er das gesagt hatte, verschied er.” (Apg 7,60)
Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass in der Offenbarung die Märtyrer nicht buchstäblich um Vergeltung rufen, sondern dass bildlich etwas anderes ausgedrückt werden soll.
Die Symbolik des schreienden Unrechts
Die Rache Gottes ist nicht mit menschlichem Zorn gleichzusetzen, sondern beschreibt das Wiederherstellen von Gerechtigkeit. Gott weiß in jedem Fall, was den Märtyrern angetan wurde. Wenn Ungerechtigkeit geschieht, rufen in der biblischen Bildersprache oft Gegenstände oder Personen symbolisch den Herrn an und fordern Gerechtigkeit:
- In Jakobus 5,4 schreit der vorenthaltene Lohn der betrogenen Arbeiter zum Himmel.
- In 1. Mose 4,10 schreit das Blut Abels vom Erdboden zu Gott.
- In Habakuk 2,11 wird angekündigt, dass Steine in der Mauer schreien und die Balken im Gebälk ihnen antworten werden.
Niemand würde behaupten, dass Blut oder Münzen buchstäblich Stimmbänder besitzen. Ebenso symbolisieren die „Seelen“ unter dem Altar den Ruf nach Gerechtigkeit. Dass ihnen weiße Gewänder gegeben werden, ist ein Zeichen ihrer Rechtfertigung vor Gott – eine Bestätigung ihres Glaubens, noch bevor die physische Auferstehung stattfindet. Noch sollen sie weiter “ruhen”, was wieder auf die Zwischenphase des Schlafes bis zur Auferstehung anspielt. Der Vers 11 zeigt auch an, dass die Heilsgeschichte noch nicht zum Abschluss gekommen ist, denn es wird noch weitere Märtyrer geben.
Dennoch haben die Märtyrer ihren endgültigen Lohn, das ewige Leben, noch nicht erhalten. Die Bibel lehrt konsequent, dass dieser erst bei der Wiederkunft Christi und der damit verbundenen Auferstehung verliehen wird (Hebr 11,32–40; 1. Kor 15,35ff).
Der Altar und das Blut
Dass es hier um eine Frage der Gerechtigkeit und des Opfers geht, wird durch den Ort verdeutlicht: „unter dem Altar“. Dieser Altar erinnert an den Brandopferaltar im hebräischen Heiligtum des Alten Testaments. In 3. Mose 4,7 lesen wir, dass das Blut der Opfertiere an den Fuß (die Basis) des Altars gegossen wurde. Da das Leben (die Seele) im Blut ist (3. Mo 17,11), ist das Bild der „Seelen unter dem Altar“ eine direkte Anspielung auf das vergossene Blut der Zeugen Jesu, das am Boden des himmlischen Gerichtshofes bildlich um Gerechtigkeit „schreit“.
Tomasi merkt ferner an: »Wer meint, es handle sich wirklich um Seelen Verstorbener, die um Rache schreien, überlege folgendes: Wenn die Märtyrer im Himmel wären und ihre gottlosen Verfolger in der Hölle, wieso dann noch um Rache schreien?« (M. Tomasi, Gereimtes und Ungereimtes über Tod und Auferstehung, Himmel und Hölle, VCL, Gisikon (Schweiz), 1993, S. 81)
Ergebnis:
Der Text in der Offenbarung bedient sich einer hochgradig symbolischen Sprache, die – ähnlich wie bei den Gleichnissen – nicht wörtlich zu verstehen ist. Eine wörtliche Deutung würde zu absurden Vorstellungen führen (wie beim sprechenden Blut Abels).
Die Auslegung der Bibel bleibt harmonisch, wenn man diese Symbole als literarisches Mittel für Gottes unfehlbares Gedächtnis und sein Versprechen auf zukünftige Gerechtigkeit versteht. Es ist nicht notwendig, eine Seelenlehre einzuführen, nach der bewusste Geister im Himmel nach Vergeltung rufen. Eine wörtliche Deutung würde zudem zu Spannungen mit anderen Texten führen, die den Tod als bewusstlosen Zustand beschreiben (Pred 9,5; Ps 115,17).
Ob lebendig oder tot … (1Thes 5,9.10)
“Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, das Heil zu erlangen durch unsern Herrn Jesus Christus, der für uns gestorben ist, damit wir, ob wir wachen oder schlafen, zusammen mit ihm leben.” (1Thess 5,9.10)
Manche versuchen mit dieser Bibelstelle zu beweisen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusammenleben. Dazu fassen sie die Ausdrücke “wachen” und “schlafen” als “lebendig sein” und “tot sein” auf, was durchaus legitim erscheint. Eine andere Interpretation (wörtlich oder übertragen auf den geistigen Zustand) macht an dieser Stelle wenig Sinn.
Manche versuchen mit dieser Bibelstelle zu beweisen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusammenleben. Dazu fassen sie die Ausdrücke „wachen“ und „schlafen“ als „lebendig sein“ und „tot sein“ auf, was im biblischen Sprachgebrauch durchaus legitim ist.
Dennoch kann der Text nicht so interpretiert werden, wie die Anhänger der Lehre von der unsterblichen Seele behaupten (nämlich dass die Gerechten direkt nach dem Tod zum Herrn kämen).
Der Kontext: 1. Thessalonicher 4
Diese Interpretation widerspricht massiv den Worten Pauli, die er nur wenige Zeilen zuvor niederschrieb. Nur 12 Verse vor der fraglichen Stelle erklärte er nämlich den Ablauf von Auferstehung und Entrückung:
“Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.” (1Thes 4,16.17)
Paulus legt hier unmissverständlich fest, wann und wie wir „beim Herrn sein“ werden:
- Der Herr kommt herab.
- Die Toten stehen auf.
- Die Lebenden werden gemeinsam mit ihnen entrückt.
Erst ab diesem Zeitpunkt – der Wiederkunft – gilt das „allezeit beim Herrn sein“. Würden die Toten bereits bei ihm leben, wäre die detaillierte Beschreibung der Auferstehung und der gemeinsamen Entrückung in Kapitel 4 völlig überflüssig. Der Ausdruck “allezeit beim Herrn sein” beginnt explizit nach der Entrückung. Wenn die Toten bereits bei ihm wären, wäre “allezeit” ab diesem Zeitpunkt eine merkwürdige Formulierung.
Diese Reihenfolge deckt sich exakt mit der Verheißung Jesu:
“Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin.” (Joh 14,3)
Jesus verspricht nicht, dass er uns im Moment des Todes „abholt“, sondern dass er wiederkommt, um uns kollektiv zu sich zu nehmen.
Es kann nicht sein, dass Paulus einmal sagt, dass wir, nachdem der Herr gekommen ist und uns auferweckt bzw. verwandelt hat, mit ihm zusammenleben werden, und dann kurz darauf sagt, dass wir, egal ob tot oder lebendig, schon jetzt mit ihm zusammenleben.
Die tröstende Absicht des Paulus
Paulus schließt in 1. Thessalonicher 5,9–10 inhaltlich direkt an seine tröstenden Worte aus Kapitel 4,13–18 an. Die Gläubigen in Thessalonich waren bekümmert, weil einige aus ihrer Mitte gestorben waren, bevor der Herr wiedergekommen war. Sie befürchteten offenbar, die Verstorbenen könnten einen Nachteil haben.
Gerade diese Sorge zeigt deutlich, dass die Idee, Verstorbene würden sofort in die himmlische Herrlichkeit eingehen, zur Zeit der Apostel nicht verbreitet war. Wäre dies die Lehre des Paulus gewesen, hätte er die Thessalonicher einfach damit getröstet, dass ihre Angehörigen bereits im Himmel sind. Stattdessen tröstet er sie mit der Hoffnung der Auferstehung und der Vereinigung aller Erlösten mit dem Herrn.
In Kapitel 5 bekräftigt er dies: Es besteht kein Unterschied im Endziel. Ob wir „wachen“ (beim Kommen Jesu noch leben) oder „schlafen“ (vorher gestorben sind) – das Ergebnis ist dasselbe: Wir werden gemeinsam mit ihm leben. Das „Zusammenleben“ ist das Resultat des Heilsplanes, der bei der Wiederkunft vollendet wird.
Die Übersetzung Hoffnung für alle hat diesen Sinn treffend erfasst:
“Christus ist für uns gestorben, damit wir – ganz gleich, ob wir nun leben oder schon gestorben sind – mit ihm ewig leben. Vergesst das nicht, und erinnert euch gegenseitig daran. So werdet ihr einander ermutigen und trösten, wie ihr es ja auch bisher getan habt.”
Ergebnis:
Es ist exegetisch unzulässig, den Satzteil „damit wir […] mit ihm leben“ so zu deuten, dass die Toten schon jetzt bei Bewusstsein beim Herrn sind. Eine solche Deutung würde den unmittelbaren Kontext (1. Thess 4,16–17) und die klaren Worte Jesu (Joh 14,3) völlig ignorieren. Paulus betont hier die Gleichrangigkeit von Lebenden und Toten beim kommenden Erlösungsereignis.
Christus, Herrscher über die Toten und Lebenden (Röm 14,8.9)

“Denn sei es auch, dass wir leben, wir leben dem Herrn; und sei es, dass wir sterben, wir sterben dem Herrn. Und sei es nun, dass wir leben, sei es auch, dass wir sterben, wir sind des Herrn. Denn hierzu ist Christus gestorben und <wieder> lebendig geworden, dass er herrsche sowohl über Tote als auch über Lebende”. (Röm 14,8.9)
Paulus geht es hier primär darum, dass Jesus unser Herr in allen Lebenslagen ist und wir durch ihn eine neue Identität haben. Alles, was den Gläubigen widerfährt, geschieht fortan „im Herrn“ (vgl. 2. Kor 5,15; Gal 2,20).
Was bedeutet es, „im Herrn“ zu sterben?
„Im Herrn“ zu sterben bedeutet nicht, nach dem Tod sofort in einem bewussten Zustand beim Herrn zu sein. Es bedeutet vielmehr, im Glauben an ihn und in der sicheren Hoffnung auf die Auferstehung aus dem Leben zu scheiden. Wer in dieser Verbindung zu Christus stirbt, bleibt in seinem „Besitz“. Der Tod löst das Treueverhältnis zwischen dem Schöpfer und seinem Geschöpf nicht auf.
Die Herrschaft über die Toten
Dass Christus der Herr über die Toten ist, bedeutet nicht, dass er über Wesen herrscht, die ihm im Jenseits antworten oder dienen. Es bedeutet, dass er die Vollmacht über sie besitzt:
- Der Schlüssel-Besitz: Jesus sagt von sich: „Ich habe die Schlüssel des Todes und des Totenreichs“ (Offb 1,18). Er allein hat die Autorität, die „Gefängnistüren“ des Grabes zu öffnen.
- Die Entscheidungsgewalt: Da er für uns gestorben und auferstanden ist, liegt das Urteil über das ewige Leben allein bei ihm (Joh 10,28). Seine Herrschaft über die Toten zeigt sich darin, dass sie seinem Ruf zur Auferstehung folgen müssen (Joh 5,28–29).
Es spielt für die Macht Christi also keine Rolle, ob ein Mensch gerade biologisch existiert oder im Grab ruht – er bleibt der rechtmäßige Herr, der über ihre zukünftige Existenz entscheidet.
Ergebnis:
Der Kontext von Römer 14 behandelt ethische Streitfragen unter Geschwistern, nicht die Eschatologie. Paulus argumentiert hier für gegenseitige Annahme, weil Christus unser gemeinsamer Herr ist – die Verse dienen also einem seelsorgerlichen, nicht einem lehrmäßigen Zweck bezüglich des Zwischenzustands.
Die Aussage, dass Christus der Herrscher über die Toten ist, bezieht sich auf seine Vollmacht zur Auferweckung und seinen Rechtsanspruch auf die Erlösten. Der Text ist als „Beweis“ für ein sofortiges Leben nach dem Tod untauglich, da er die rechtliche Stellung Jesu beschreibt und nicht den Bewusstseinszustand der Verstorbenen.
Gott der Lebenden (Lk 20,38)
“Dass aber die Toten auferweckt werden, hat auch Mose beim Dornbusch angedeutet, wenn er den Herrn »den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,37.38)
Besagt der Satz „Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn für ihn leben alle.“, dass die Toten bereits jetzt im Paradies oder in der Hölle existieren? Bemerkenswert: Matthäus und Markus verzichten auf den Teil “denn für ihn leben alle.” – Um das zu klären, muss man das Ziel der Argumentation Jesu betrachten.
Der Hintergrund: Die Provokation der Sadduzäer

Die Sadduzäer, eine jüdische Partei, die vom hellenistischen Denken beeinflusst war und als eine Partei von ausgesprochenen Rationalisten betrachtet werden könnte, glaubten weder an eine leibliche Auferstehung der Toten (Mt 22,23; Apg 4,1f) noch an Wesen wie Engel oder Geister (Apg 23,8). Sie widersprachen der Lehre Jesu und der Lehre der Pharisäer in diesen Punkten.
Die Sadduzäer waren Rationalisten, die weder an die leibliche Auferstehung noch an Engel oder Geister glaubten (Mt 22,23; Apg 23,8). Damit widersprachen sie der Lehre Jesu und der Lehre der Pharisäer in diesen Punkten. In Lukas 20 versuchten sie, Jesus mit einer Fangfrage über eine Frau, die nacheinander mit sieben Brüdern verheiratet war, in die Enge zu treiben. Ihr Ziel war es, die Auferstehung als logisch absurd darzustellen.
Jesus aber entgegnet ihnen:
“… Die Söhne dieser Welt heiraten und werden verheiratet; die aber, die für würdig gehalten werden, jener Welt teilhaftig zu sein und der Auferstehung aus den Toten, heiraten nicht, noch werden sie verheiratet; denn sie können auch nicht mehr sterben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söhne Gottes, da sie Söhne der Auferstehung sind. Dass aber die Toten auferweckt werden, hat auch Mose beim Dornbusch angedeutet, wenn er den Herrn »den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,34–38)
Jesus antwortet zweistufig:
- Vers 34–36: Er erklärt, dass die Bedingungen der künftigen Welt (kein Heiraten, keine Sterblichkeit) nicht mit der jetzigen Welt vergleichbar sind.
- Vers 37–38: Er beweist die Notwendigkeit der Auferstehung anhand der Schriften des Mose, die die Sadduzäer als einzige Autorität anerkannten. Die Sadduzäer irren sich und “kennen die Schrift nicht” (Dan 12,2, vgl. Mt 22,29; Mk 12,24).
Jesus argumentiert: Wenn Gott sich Jahrhunderte nach dem Tod der Patriarchen immer noch als „der Gott Abrahams“ bezeichnet (2. Mo 3,6), dann steht er immer noch in einer Bundesbeziehung zu ihnen. Gott hat den Menschen die Auferstehung verheißen, und Abraham starb in der Erwartung der Auferstehung (Heb 11,10). Wäre der Tod das endgültige Auslöschen der Existenz – wie die Sadduzäer glaubten –, dann wäre Gott der Gott von „Nichts“. Er wäre ein Gott von Toten, von Staub und Asche. Er ist aber „ein Gott der Lebenden“!
Aber da er der „Gott der Lebenden“ ist, müssen diese Männer auferstehen. Ihre Existenz ist in Gottes Gedächtnis und in seinem Plan so sicher garantiert, dass sie aus seiner Perspektive bereits „leben“.
Die göttliche Perspektive („…denn für ihn leben alle“)
Dass für Gott alle leben, liegt an seinem Wesen und seinem Verhältnis zur Zeit:
- Gottes Zeitlosigkeit: Für einen ewigen Gott ist der Zeitraum zwischen Tod und Auferstehung unbedeutend. „Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist“ (Ps 90,4).
- Die Garantie der Auferstehung: Weil die Auferstehung so sicher ist wie Gottes Wort, spricht Gott von Dingen, die noch nicht sind, als wären sie schon da (vgl. Röm 4,17).
- Kein endgültiger Verlust: Die Toten sind für uns „weg“, aber für Gott sind sie im „Todesschlaf“ abrufbereit. Sie sind nicht im Nichts verloren, sondern in seiner Hand bewahrt.
Diese Aussage Jesu beschreibt also nicht den Ort oder das Bewusstsein der Toten, sondern ihre Verfügbarkeit für Gott. Sie leben „für ihn“, weil er sie jederzeit wieder ins Dasein rufen kann und wird. Auch andere Äußerungen, wie z. B.
“Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.” (Joh 11,25–26)
kontrastieren Leben und Tod. Hier wird das “leben” klar auf die zukünftige Auferstehung bezogen, nicht auf einen bewussten Zwischenzustand. Im semitischen Denken wird oft in Gegensatzpaaren argumentiert. “Gott der Lebenden, nicht der Toten” ist ein solches Paar. Es bedeutet: Gott ist nicht ein Gott, dessen Volk endgültig im Tod bleibt, sondern ein Gott, der sein Volk zum Leben erweckt.
Jesus nennt die Auferstandenen “Söhne der Auferstehung” (Vers 36). Dieses ist bedeutungsvoll:
- Ihre Identität ist durch die Auferstehung definiert.
- Die Auferstehung ist das entscheidende Ereignis, das sie zu dem macht, was sie sein werden.
- Wären sie bereits jetzt bewusst im Paradies, wäre “Söhne der Auferstehung” eine merkwürdige Bezeichnung.
Ergebnis:
Es geht Jesus hier nicht darum, wie genau der “Schlaf-Zustand” der Toten aussieht, sondern um die Tatsache der Auferstehung der Toten, die die Sadduzäer leugneten und auch Paulus verteidigen musste (1Kor 15,12f). Andere Stellen sprechen deutlicher über den Zustand der Toten (s. oben). Jesus sagt hier jedoch nichts darüber, sondern beschränkt sich auf die Auferstehung (siehe Vers 37a!).
Es geht Jesus hier nicht um den Zustand der Toten (ob sie schlafen oder wachen), sondern um die Tatsache der Auferstehung. Die Sadduzäer leugneten, dass die Toten jemals wiederkommen. Auch Paulus musste später die Auferstehung verteidigen (1Kor 15,12f). Jesus entgegnet hier: Gott ist ein Gott der Lebenden – deshalb ist die Auferstehung gewiss. Würde man Vers 38 als Beweis für ein bewusstes Leben nach dem Tod missbrauchen, würde man Jesus unterstellen, er hätte die Auferstehung (die er in Vers 37 explizit als Thema nennt) gerade wegargumentiert. Denn wenn sie schon lebten, bräuchten sie keine Auferweckung mehr.
Die erschrockenen Toten (Jes 14,8–9)
“Auch freuen sich die Zypressen über dich und die Zedern auf dem Libanon und sagen: »Seit du daliegst, kommt niemand herauf, der uns abhaut.« Das Totenreich drunten erzittert vor dir, wenn du nun kommst. Es schreckt auf vor dir die Toten, alle Gewaltigen der Welt, und lässt alle Könige der Völker von ihren Thronen aufstehen” (Jes 14,8–9)
Erklärung:
Um diesen Text zu verstehen, muss man die Gattung beachten: Jesaja 14 ist ein Spottlied (Maschal) auf den König von Babylon (der hier typologisch auch als Luzifer/Satan gedeutet wird). Der Prophet nutzt eine lebhafte, morgenländische Bildersprache, um den tiefen Fall des stolzen Herrschers zu illustrieren.
Dass es sich um reine Symbolik handelt, wird bereits in Vers 8 deutlich: Bäume sprechen. In der Bibel finden wir diese Personifizierung lebloser Objekte oder Pflanzen häufig:
- Das Blut Abels schreit von der Erde (1. Mo 4,10).
- Die Bäume des Feldes klatschen in die Hände (Jes 55,12).
- Steine würden schreien, wenn die Jünger schwiegen (Lk 19,40).
Die Botschaft des Bildes
Wenn Jesaja beschreibt, wie das Totenreich (Scheol) erzittert und Könige von ihren Schatten-Thronen aufstehen, dann dient dies dazu, die totale Entmachtung des Tyrannen zu zeigen. Er, der die Welt erzittern ließ, liegt nun hilflos im Staub. Die „Schatten“ der Könige begrüßen ihn mit Spott: „Auch du bist schwach geworden wie wir!“ (Vers 10). Dies ist ein Bild der Gleichheit im Tod, nicht der bewussten Aktivität, und passt zum Verständnis des Scheol (שְׁאוֹל) als allgemeiner Begriff für das Totenreich – der Ort, an dem alle Toten hingehen, ob gerecht oder ungerecht (vgl. Gen 37,35; Ps 89,48).
Niemand käme auf die Idee, dass Bäume buchstäblich reden. Ebenso wenig kann man aus diesem Spottlied ableiten, dass die Toten im Grab auf Thronen sitzen und Empfangskomitees für Neuankömmlinge bilden. Würde man den Text wörtlich nehmen, müsste man auch akzeptieren, dass dort unten Maden das Lager des Königs bilden und Würmer seine Decke sind (Vers 11) – ein Bild für die Verwesung, nicht für ein bewusstes Leben im Jenseits.
Das ‘Erzittern des Scheol’ in Jes 14,9 ist also poetische Personifikation des Totenreichs selbst, nicht eine Beschreibung bewusster Toter. Jesaja 13–23 beinhalten Orakel gegen Völker, Könige und Städte. Die Texte sind durchweg poetisch-prophetisch gestaltet und nutzen hyperbolische Sprache (z.B. Jes 13,10: ‘Die Sterne lassen ihr Licht nicht leuchten’; Jes 34,4: ‘Der Himmel wird zusammengerollt wie eine Buchrolle’). Es ist nicht plausibel, warum ausgerechnet Kapitel 14 wörtlich zu verstehen sei.
Das Problem wörtlicher Auslegung
Das populärste Beispiel für die Fehlinterpretation solcher Bildersprache ist die Erzählung vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk 16,19ff). Auch dort werden Symbole (Schoß Abrahams, Wasser auf der Zungenspitze, eine unüberwindbare Kluft) oft fälschlicherweise wortwörtlich und als topografische Beschreibung des Jenseits missverstanden, anstatt die eigentliche moralische Lektion des Gleichnisses zu suchen (siehe dort für weitere Ausführungen).
Zusammenfassung
Alle Bibelstellen, die doch eine bewusste Existenz der Toten anmuten lassen, können alternativ ausgelegt werden, sodass ein harmonisches, biblisches Bild entsteht.
Lutzer und andere äußern sich nicht nur zum Zustand der Toten, sondern auch zur Hölle. Ihre Gedanken sind im folgenden Abschnitt wiedergegeben. Darauf soll im nächsten Teil eingegangen werden.
» Weiter zur Verteidigung der Ergebnisse bzgl. der Hölle









