Verteidigung der Ergebnisse 1

Die hier vor­ge­leg­ten Schluss­fol­ge­run­gen ste­hen im Wider­spruch zu gän­gi­gen Lehr­mei­nun­gen. Mög­li­cher­wei­se fal­len den Lesen­den spon­tan Bibel­stel­len oder Rede­wen­dun­gen ein, die schein­bar dage­gen spre­chen. Tat­säch­lich exis­tie­ren schwer ver­ständ­li­che Stel­len, die unter­schied­lich aus­ge­legt wer­den kön­nen. Eine gründ­li­che exege­ti­sche Unter­su­chung ist daher uner­läss­lich.

Letzt­end­lich kann es kei­ne Bibel­stel­len geben, die ein­deu­tig das eine aus­sa­gen, und ande­re Bibel­stel­len, die ein­deu­tig das ande­re behaup­ten. Ent­we­der sind die Toten in einem Zustand der Bewusst­lo­sig­keit oder sie sind es nicht. Ent­we­der wer­den die Uner­lös­ten für immer und ewig in der Höl­le lei­den oder nicht.

Im Fol­gen­den unter­su­chen wir sol­che schwie­ri­gen Bibel­stel­len. Es wird sich zei­gen, dass sie zwar Zwei­fel wecken kön­nen, die Kern­aus­sa­ge die­ser Arbeit jedoch nicht wider­le­gen.

Wir begin­nen mit einer Über­sicht über die rele­van­ten Leh­ren bzgl. des Schick­sals der Men­schen nach dem Tod. In dem Zusam­men­hang wird auch eine Ver­tie­fung zur All­ver­söh­nungs­leh­re und zu einer beson­de­ren Bibel­über­set­zung prä­sen­tiert. Anschlie­ßend wer­den sys­te­ma­tisch Bibel­stel­len erklärt, die schein­bar gegen die Ergeb­nis­se des ers­ten Teils der Aus­ar­bei­tung spre­chen.

Überblick über die relevanten Lehren

Die hier ver­tre­te­ne Aus­le­gung ent­spricht der Leh­re der kon­di­tio­na­len (beding­ten) Unsterb­lich­keit. Die­se unter­schei­det sich vom rei­nen Anni­hi­la­tio­nis­mus: Letz­te­rer sieht alle “See­len” als unsterb­lich an, geht aber davon aus, dass die Uner­lös­ten die­se Unsterb­lich­keit nach dem Gericht ver­lie­ren. Die Leh­re der kon­di­tio­na­len Unsterb­lich­keit und der Anni­hi­la­tio­nis­mus besa­gen bei­de, dass die Uner­lös­ten am Ende auf­hö­ren zu exis­tie­ren. Man könn­te bei­de Leh­ren in die­ser Hin­sicht eine Leh­re der tota­len Ver­nich­tung (LdtV) der Gott­lo­sen bezeichnen.juckt

Sie stellt einen Gegen­pol zur Leh­re der ewi­gen Qual (LdeQ) – der klas­si­schen Sicht, die u. a. die Leh­re von der unsterb­li­chen See­le beinhal­tet – und zur All­ver­söh­nungs­leh­re (LdA) dar, nach der alle Men­schen irgend­wann erlöst wer­den. Um Miss­ver­ständ­nis­se im Vor­feld aus­zu­räu­men, folgt eine kur­ze Abgren­zung die­ser Leh­ren:

  • Die LdeQ und die LdtV behaup­ten bei­de in der Regel, dass ein Mensch sich in sei­nem jet­zi­gen Leben für Jesus ent­schei­den muss. Eine spä­te­re Mög­lich­keit, sich zu bekeh­ren oder erret­tet zu wer­den, wie es die LdA vor­sieht, wird abge­lehnt.
  • Zwangs­läu­fig gibt es bei LdeQ und LdtV ein „Zu-spät“ (sie­he z. B. Mt 25).
  • Die LdA lehrt, dass alle Men­schen in die Selig­keit ein­ge­hen wer­den, wohin­ge­gen die LdeQ und die LdtV nicht von einer uni­ver­sa­len Ret­tung aus­ge­hen; häu­fig wird im Zusam­men­hang mit ihnen betont, dass nur weni­ge den schma­len Weg zum ewi­gen Leben fin­den.
  • Die LdeQ und LdtV ken­nen eine ewi­ge Stra­fe der Gott­lo­sen, ver­ste­hen dar­un­ter jedoch zwei­er­lei: Die LdeQ legt die Bibel so aus, dass das Stra­fen (ver­bun­den mit Qual) ein ewig andau­ern­der Pro­zess sei. Die LdtV inter­pre­tiert die Bibel hin­ge­gen so: Die Stra­fe sei ewig, d. h. nicht abwend­bar bzw. nicht umkehr­bar; der Pro­zess, d. h. die Durch­füh­rung der Stra­fe, sei jedoch nach end­li­cher Zeit abge­schlos­sen.
  • Alle drei Leh­ren wer­den (je nach eige­nem Stand­punkt) als gefähr­li­che Irr­leh­ren auf­ge­fasst, wobei dies wie folgt begrün­det wird:
  • LdeQ und LdtV über LdA: Den Men­schen wird Hoff­nung gemacht, sie könn­ten spä­ter (nach dem Tod, etwa im Rah­men einer Läu­te­rung oder eines wei­te­ren Heils­wegs) noch immer zum Glau­ben fin­den. Eine sofor­ti­ge Ände­rung des gott­lo­sen Lebens­stils sei daher nicht not­wen­dig – eine Bekeh­rung kön­ne auf einen spä­te­ren Zeit­punkt auf­ge­scho­ben wer­den. Da alle Men­schen irgend­wann erlöst wer­den, kön­ne es zur Auf­wei­chung der Gren­zen zwi­schen Wahr­heit und Irr­tum sowie zwi­schen Gut und Böse kom­men.
  • LdA über LdeQ und LdtV: Bei­de Leh­ren stell­ten Gott als lieb­lo­sen Tyran­nen dar, den die Men­schen nicht lie­ben könn­ten und der nicht all­mäch­tig sei. Ein all­mäch­ti­ger Gott hät­te die Macht, alle Men­schen zu ret­ten. Daher wer­de der Erlö­sungs­pro­zess unnö­tig ver­län­gert; zudem wür­den Gott falsch dar­ge­stellt und die Men­schen ver­schreckt.
  • LdeQ über LdtV: Ein end­li­cher Straf­pro­zess mit end­li­chen Qua­len wer­de von den Anhän­gern der Leh­re der ewi­gen Qual als Auf­wei­chen und Nie­der­gang des Glau­bens gese­hen. Solch eine Stra­fe sei nicht abschre­ckend genug. Man­che Men­schen könn­ten mei­nen, sie könn­ten jetzt ihr gott­lo­ses Leben genie­ßen; eine Bekeh­rung loh­ne sich nicht; end­li­che Stra­fe und end­gül­ti­ge Ver­nich­tung sei­en akzep­ta­bel. Das Evan­ge­li­um (die gute Nach­richt?) wür­de so an Kraft ver­lie­ren. Der Leh­re der tota­len Ver­nich­tung wird unter­stellt, sie wol­le nur pre­di­gen, was schön und bequem sei – wonach es „in den Ohren juckt“.
  • LdtV über LdeQ: Die Leh­re der ewi­gen Qual erzeu­ge ein fal­sches und inkon­gru­en­tes Got­tes­bild, das Men­schen vom Glau­ben abschre­cke und Zwei­fel ver­ur­sa­chen kön­ne. Die LdeQ füh­re zu inner­bi­bli­schen Wider­sprü­chen. Außer­dem ver­wen­de die Leh­re Angst als Druck­mit­tel und wider­spre­che somit dem gött­li­chen Prin­zip der frei­en Wil­lens­ent­schei­dung (wer wür­de wirk­lich frei­wil­lig „end­lo­se Qua­len“ wäh­len?). Das Straf­maß ewi­ger Qua­len stün­de in kei­nem Ver­hält­nis zu der end­li­chen Lebens­zeit der Sün­der und wider­sprä­che den Prin­zi­pi­en der Gerech­tig­keit Got­tes, die er selbst ein­ge­führt und in der Schrift offen­bart hat.

Lei­der wird manch­mal ver­sucht, die­ses The­ma auf die Gegen­über­stel­lung von „ewi­ge Ver­damm­nis vs. All­ver­söh­nung“ oder auf Aus­sa­gen wie „Die Exis­tenz der Höl­le wird ver­leug­net!“ zu redu­zie­ren. Dies ist eine unan­ge­mes­se­ne Ein­schrän­kung, die hier strikt abge­lehnt wird. Aus Zeit­grün­den kann auf die LdA nicht ein­ge­hend ein­ge­gan­gen wer­den. Der fol­gen­de Exkurs soll daher nur bestimm­te Punk­te der LdA auf­grei­fen.

Exkurs: Die Prädestinations- und Allversöhnungslehre

Die Prä­de­sti­na­ti­on bezeich­net die Leh­re, dass Gott das Schick­sal jedes Men­schen vor­her­be­stimmt hat. Die theo­lo­gi­sche Debat­te dar­über begann im 5. Jahr­hun­dert und erreich­te wäh­rend der Refor­ma­ti­on sowie im 16. und 17. Jahr­hun­dert ihren Höhe­punkt im Streit zwi­schen Cal­vi­nis­ten und Armi­nia­nern. Bis heu­te bleibt die Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re eine der umstrit­tens­ten Fra­gen der christ­li­chen Theo­lo­gie.

Zwei Haupt­po­si­tio­nen:

  1. Cal­vin (Cal­vi­nis­mus): Betont Got­tes unein­ge­schränk­te Sou­ve­rä­ni­tät und lehrt die “dop­pel­te Prä­de­sti­na­ti­on” – sowohl Erlö­sung als auch Ver­damm­nis lie­gen voll­stän­dig in Got­tes Hand. Der Mensch wird als pas­si­ves Objekt gött­li­cher Gna­den­wir­kung gese­hen.
  2. Armi­ni­us (Armi­nia­nis­mus): Lehnt eine Vor­her­be­stim­mung zur Ver­damm­nis ab und betont, dass Gott dem Men­schen ech­te Wil­lens­frei­heit geschenkt hat. Der Mensch kann Got­tes Heils­an­ge­bot anneh­men oder ableh­nen.

Wei­te­re Hin­ter­grün­de, auch zur his­to­ri­schen Argu­men­ta­ti­on, befin­den sich im Nach­schla­ge­werk “Zen­tra­le Bibel­stel­len und ihre Bedeu­tun­gen”.

Über die Vorherbestimmung in der Bibel

Der Begriff „Prä­de­sti­na­ti­on“ selbst kommt in der Bibel nicht vor, wohl aber die Verb­form „prä­de­sti­nie­ren“ (grie­chisch pro­o­ri­zō, deutsch: „im Vor­aus bestim­men“), die in Römer 8,29–30 sowie Ephe­ser 1,5 und 1,11 zu fin­den ist. Nach Römer 8,28–29 hat Gott all die­je­ni­gen, von denen er wuss­te, dass sie sei­ne Erlö­sung akzep­tie­ren wür­den, dazu „vor­her­be­stimmt, dass sie gleich sein soll­ten dem Bild sei­nes Soh­nes“. Die­se hat er beru­fen, gerecht­fer­tigt und erhöht (vgl. V. 30).

“Nach Ephe­ser 1,4–5 hat Gott bereits vor der Schöp­fung der Welt und dem Ein­tritt der Sün­de Vor­keh­run­gen getrof­fen. Sün­der kön­nen durch den Glau­ben an Jesus Chris­tus „hei­lig und unta­de­lig vor ihm sein”. Die­se Men­schen hat­te Gott dann „vor­her­be­stimmt, sei­ne Kin­der zu sein durch Jesus Chris­tus nach dem Wohl­ge­fal­len sei­nes Wil­lens“. Die Prä­de­sti­na­ti­on bewegt sich inner­halb der gött­li­chen Absicht, „dass alles zusam­men­ge­fasst wür­de in Chris­tus, was im Him­mel und auf Erden ist“ – „wenn die Zeit erfüllt wäre“ (V. 10).

Man­che haben auf­grund die­ser Aus­sa­gen irr­tüm­li­cher­wei­se ange­nom­men, dass Gott will­kür­lich bestimm­te Men­schen für die Erlö­sung und ande­re für das Ver­lo­ren­ge­hen vor­her­be­stimmt habe – und zwar völ­lig unab­hän­gig von deren eige­ner Ent­schei­dung. Die­sem Ver­ständ­nis nach wür­de Gott den einen die Vor­zü­ge der Erlö­sung auf­zwin­gen, wäh­rend er sie ande­ren ver­wehrt. Die Bibel lehrt jedoch ein­deu­tig: Gott „will, dass allen Men­schen gehol­fen wer­de und sie zur Erkennt­nis der Wahr­heit kom­men“ (1. Tim 2,4) und dass er nicht will, „dass jemand ver­lo­ren wer­de, son­dern dass jeder­mann zur Buße fin­de“ (2. Petr 3,9).

An kei­ner Stel­le der Hei­li­gen Schrift behaup­ten die Ver­fas­ser, dass Gott möch­te, dass auch nur ein ein­zi­ger Mensch ver­lo­ren geht. Die Auf­fas­sung, er bestim­me will­kür­lich über Erlö­sung oder Ver­damm­nis, ent­springt aus­schließ­lich der mensch­li­chen Fan­ta­sie. Schon Jesa­ja und Johan­nes (vgl. Jes 55,1; Offb 22,17) schrie­ben, dass nie­mand von der Erlö­sung aus­ge­schlos­sen ist. Alle, die dürs­tet, sind ein­ge­la­den, das Was­ser des Lebens umsonst zu trin­ken.

So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefal­len am Tode des Gott­lo­sen, son­dern dass der Gott­lo­se umkeh­re von sei­nem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. War­um wollt ihr ster­ben, ihr vom Hau­se Isra­el?“ (Hes 33,11).

Die kor­rek­te Inter­pre­ta­ti­on der bibli­schen Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re ergibt sich klar aus Johan­nes 3,16–21. Dort wird betont, dass Gott die Welt geliebt und sei­nen Sohn als Erlö­ser gege­ben hat – nicht etwa, dass er man­che geliebt und ande­re gehasst habe. In Vers 17 heißt es, dass Gott „sei­nen Sohn nicht in die Welt gesandt“ hat, „dass er die Welt rich­te, son­dern dass die Welt durch ihn geret­tet wer­de“. Nach Johan­nes 1,12 und 3,16 stellt die Bereit­schaft, Got­tes Sohn als per­sön­li­chen Erlö­ser auf­zu­neh­men und an ihn zu glau­ben, den ent­schei­den­den Fak­tor für die Erlö­sung dar. Die­je­ni­gen, die glau­ben, haben das Recht, das ewi­ge Leben zu emp­fan­gen. Gott ver­wehrt nie­man­dem, der auf­rich­tig den Weg des Lebens gewählt hat und sich sei­nem Anspruch unter­stellt, die Vor­zü­ge der Erlö­sung.

Die Ver­damm­nis trifft nach den Ver­sen 18 bis 21 jeden, der Jesus als das „Licht der Men­schen“ (Joh 1,4–9) ablehnt. Solan­ge Men­schen in Unwis­sen­heit leben, wer­den sie nicht ver­dammt (vgl. Ps 87,4.6; Hes 3,18–21; 18,2–32; 33,12–20; Lk 23,34; Joh 15,22; Röm 7,7.9; 1. Tim 1,13). Nur wenn Men­schen bewusst die Wahr­heit ableh­nen, die ihnen ver­kün­det wird, haben sie „kein Kleid“, um ihre Sün­den zu bede­cken (Joh 15,22–23). Nach Johan­nes 3,18 wird eine Per­son, wel­che die Erlö­sung ablehnt, auto­ma­tisch ver­dammt – nicht durch einen will­kür­li­chen Akt Got­tes, son­dern weil sie „nicht glaubt an den Namen des ein­ge­bo­re­nen Soh­nes Got­tes“.

Die­ser Gedan­ke wird in Vers 19 unter­stri­chen: Die Men­schen lie­ben „die Fins­ter­nis mehr als das Licht“, weil „ihre Wer­ke böse“ sind. All jene, die an ihren bösen Taten fest­hal­ten, tun dies, weil sie das Licht has­sen und es mei­den, damit ihre Wer­ke nicht auf­ge­deckt wer­den (V. 20). Im Gegen­satz dazu pro­fi­tie­ren die­je­ni­gen, die ihr Leben zum Guten wen­den wol­len, von der ver­än­dern­den Lie­be Got­tes.

Eine ein­sei­ti­ge Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re ist dem Gedan­ken des frei­en Wil­lens dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Gott ver­letzt jedoch nie­mals den frei­en Wil­len des Men­schen (sie­he Hes 18,31f; 33,11; 2. Petr 3,9). Vor der Schöp­fung der Welt (1. Petr 1,20) hat er den Plan zur Ret­tung der Sün­der fest­ge­legt. Er hat vor­her­be­stimmt, dass die­je­ni­gen, die sei­ne Vor­keh­run­gen akzep­tie­ren, in Jesus Chris­tus Erlö­sung fin­den und ihren Sta­tus als Kin­der Got­tes zurück­er­hal­ten. Die Erlö­sung wird jedem ange­bo­ten, aber nicht jeder nimmt sie an. Sie wird nie­man­dem auf­ge­zwun­gen, aber auch nie­man­dem vor­ent­hal­ten, der sich für sie ent­schei­det.

Die gött­li­che Vor­her­be­stim­mung und das gött­li­che Vor­wis­sen machen den frei­en Wil­len kei­nes­wegs zunich­te; sie ermög­li­chen es dem Men­schen erst, sich für den Weg des Lebens zu ent­schei­den. Gott hat fest­ge­legt, dass die­je­ni­gen, die glau­ben, geret­tet wer­den und jene, die nicht glau­ben, ver­lo­ren gehen. Er hat es jedoch jedem Men­schen frei­ge­stellt, sich für oder gegen den Glau­ben zu ent­schei­den.

Eine ober­fläch­li­che Lek­tü­re von Röm 9,9–16 und 1Kor 3,12–15 hat eini­ge zu der fal­schen Annah­me ver­lei­tet, dass es eine gött­li­che Prä­de­sti­na­ti­on gibt, die unab­hän­gig von indi­vi­du­el­ler Ent­schei­dung ist. Dass es sich hier um einen Irr­tum han­delt, wird aus dem Kon­text ersicht­lich. In Röm 9,9–16 spricht Pau­lus von der Ver­wer­fung Esaus als Erben des Erst­ge­bo­re­nen­rechts und der Erwäh­lung Jakobs an sei­ner Stel­le.

Der Kon­text macht deut­lich, dass es sich hier­bei nicht um die indi­vi­du­el­le Erlö­sung han­delt, son­dern aus­schließ­lich um die Erwäh­lung mensch­li­cher Werk­zeu­ge für die Aus­füh­rung gött­li­cher Plä­ne. Esau wur­de zwar das Recht der Erst­ge­burt aberkannt, nicht jedoch der Segen der Erlö­sung. Ähn­lich wur­de spä­ter Ruben das Erst­ge­burts­recht ver­währt, nicht aber sei­ne Erb­schaft in Kana­an, sei es das Irdi­sche oder auch Himm­li­sche (vgl. 1Mose 49,3.4; Jos 13,23).

In die­sem Zusam­men­hang weist der Abschnitt “So liegt es nun nicht an jeman­des Wol­len oder Lau­fen, son­dern an Got­tes Erbar­men” (vgl. Röm 9,16) nicht auf die Erlö­sung, son­dern auf die Rech­te des Erst­ge­bo­re­nen hin. Ähn­lich han­delt die Schrift­stel­le in Röm 9,17–18: “Denn die Schrift sagt zum Pha­rao (2. Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir mei­ne Macht erwei­se und damit mein Name auf der gan­zen Erde ver­kün­digt wer­de.« So erbarmt er sich nun, wes­sen er will, und ver­stockt, wen er will” nicht von Pha­ra­os per­sön­li­cher Erlö­sung, son­dern sei­ner Rol­le als gött­li­ches Werk­zeug. Die Schrift­stel­le, in der Pau­lus vom Töp­fer spricht, der Macht über sei­ne Töp­fe hat, betrifft nicht die intrin­si­schen Eigen­schaf­ten der Gefä­ße, son­dern ihre Ver­wen­dung: die eine ist edler als die ande­re. Kein Töp­fer schafft Gefä­ße in der spe­zi­fi­schen Absicht, sie zu zer­stö­ren, aber sehr wohl Gefä­ße mit spe­zi­fi­scher Ver­wen­dung. Dabei kann ein Gefäß für all­täg­li­che Zwe­cke genau­so gut sein wie eines für außer­or­dent­li­che, beson­ders fei­er­li­che Anläs­se.

In Röm 9 spricht Pau­lus von der jüdi­schen Nati­on als Got­tes aus­er­wähl­tem Reprä­sen­tan­ten und ihrer Ver­wer­fung zuguns­ten der Hei­den (Röm 9,24 ff). Eben­so wird in 1Kor 3,12–15 von dem Lohn für den Dienst des Evan­ge­li­ums und nicht dem Lohn für das per­sön­li­che Leben eines Chris­ten gespro­chen.

Die Allversöhnungslehre (Apokatastasis)

Die All­ver­söh­nungs­leh­re, auch Apo­ka­ta­sta­sis genannt (grie­chisch für “Wie­der­her­stel­lung”), ver­tritt die Auf­fas­sung, dass am Ende aller Zei­ten alle Men­schen – und teil­wei­se auch alle gefal­le­nen Engel – von Gott geret­tet und mit ihm ver­söhnt wer­den. Im gewis­sen Sin­ne han­delt es sich auch um eine Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re, nur mit dem Unter­schied, dass am Ende alle geret­tet wer­den. Nach die­ser Leh­re ist die Höl­le kein Ort ewi­ger Ver­damm­nis, son­dern höchs­tens ein zeit­lich begrenz­ter Läu­te­rungs­ort. Got­tes Lie­be und Gna­de sei­en so umfas­send, dass letzt­lich nie­mand auf ewig ver­lo­ren gehe.

His­to­ri­sche Wur­zeln: Die Idee geht zurück auf frü­he Kir­chen­vä­ter wie Orig­e­nes (3. Jahr­hun­dert), wur­de aber auf dem Kon­zil von Kon­stan­ti­no­pel 553 offi­zi­ell als Irr­leh­re ver­ur­teilt. Trotz­dem fand sie immer wie­der Ver­tre­ter in der Kir­chen­ge­schich­te.

Zen­tra­le Argu­men­te der Befür­wor­ter:

  • Got­tes Lie­be und Barm­her­zig­keit sei­en grö­ßer als mensch­li­che Sün­de
  • Eine ewi­ge Höl­le wider­sprä­che Got­tes Cha­rak­ter und sei­nem Heils­wil­len
  • Bibel­stel­len wie 1. Korin­ther 15,28 (“Gott sei alles in allem”) wür­den eine uni­ver­sa­le Erlö­sung nahe­le­gen

Um den Rah­men die­ser Aus­ar­bei­tung nicht zu spren­gen, wird hier nur kurz dar­ge­legt, dass die Schrift lehrt, dass eben nicht alle Men­schen geret­tet wer­den. Da Anhän­ger der All­ver­söh­nungs­leh­re häu­fig eine kon­kor­dan­te Bibel­über­set­zung ver­wen­den, wird im Fol­gen­den auch dar­auf ein­ge­gan­gen.

Grundlegende Kritik zum Thema “konkordante Bibelübersetzung”

Angeb­lich lie­fert die kon­kor­dan­te Metho­de der Bibel­über­set­zung eine unüber­trof­fen genaue Über­tra­gung, die wei­test­ge­hend frei von per­sön­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen und theo­lo­gi­schen Ansich­ten ist. Dabei wird ger­ne auf die DaB­haR-Über­set­zung von F. H. Baa­der ver­wie­sen. In Wirk­lich­keit lässt sich jedoch weder das eine noch das ande­re so unein­ge­schränkt behaup­ten. Zwar wird immer wie­der pos­tu­liert, dass eine rein kon­kor­dan­te Über­set­zung die ein­zig rich­ti­ge sei (wäh­rend der Rest eine Ver­dre­hung des Wor­tes Got­tes dar­stel­le), doch die eige­nen Schwä­chen die­ser Metho­de wer­den dabei oft ver­schwie­gen oder über­se­hen.

Es ist eine unbe­strit­te­ne Tat­sa­che, dass sowohl die münd­li­che als auch die schrift­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on feh­ler­be­haf­tet sein kann. Die Ursa­chen kön­nen beim Sen­der der Nach­richt, beim Emp­fän­ger oder bei bei­den lie­gen. Beim Über­set­zen fun­giert der Über­set­zer gleich­zei­tig als Emp­fän­ger (er liest z. B. den über­lie­fer­ten grie­chi­schen Grund­text) und als Sen­der (er ver­fasst die Über­set­zung in der Ziel­spra­che). Hier kön­nen sich Feh­ler beim Erfas­sen des Tex­tes sowie bei der Über­tra­gung in die Ziel­spra­che ein­schlei­chen.

Wer jemals ver­sucht hat, eine wirk­lich prä­zi­se Über­set­zung anzu­fer­ti­gen, wird gemerkt haben, wie kom­plex die­ses Unter­fan­gen ist. Wör­ter haben oft mehr als eine Bedeu­tung und bestimm­te Begrif­fe wer­den nur in spe­zi­fi­schen Zusam­men­hän­gen ver­wen­det. Dies gilt umso mehr, wenn Spra­che über die rei­ne Sach­in­for­ma­ti­on hin­aus­geht und Bezie­hungs­ebe­nen oder Zwi­schen­tö­ne wie Kri­tik, Iro­nie oder Lob trans­por­tiert. Zudem wird eine Bot­schaft in der Regel sub­jek­tiv, geprägt durch eige­ne Erfah­run­gen und Hin­ter­grün­de, ver­stan­den.

Völ­lig sinn­los ist in der Regel das wört­li­che Über­set­zen eines Idi­oms (einer Sprech­ei­gen­art). Der eng­li­sche Aus­druck „stretch one’s legs“ bedeu­tet wört­lich zwar „die Bei­ne aus­stre­cken“, gemeint ist aber „sich die Bei­ne ver­tre­ten“. Eben­so bedeu­tet „pull someone’s leg“ nicht „jeman­den am Bein zie­hen“, son­dern „jeman­den auf den Arm neh­men“. Mit Glück lässt sich der Sinn erra­ten, doch für man­che Idio­me exis­tie­ren in der Ziel­spra­che schlicht kei­ne direk­ten Gegen­stü­cke. Eine 1:1‑Übersetzung ist dem­nach unmög­lich. Begrif­fe wie das eng­li­sche „resent­ment“ (Groll oder Ärger tref­fen es nicht ganz) oder Wen­dun­gen wie „on the rebound“ las­sen sich nur schwer oder gar nicht direkt über­set­zen. Wenn ein Wort in der Ziel­spra­che nicht exis­tiert, muss es umschrie­ben wer­den – eine Wort-für-Wort-Über­set­zung ist damit hin­fäl­lig. Rich­ti­ges Über­set­zen ist daher eine Kunst für sich; wer das Gegen­teil behaup­tet, ver­kennt die sprach­li­che Rea­li­tät.

Die Kri­tik an der kon­kor­dan­ten Metho­de im Detail

Kom­men wir zurück auf die angeb­lich unüber­treff­ba­re kon­kor­dan­te Über­set­zungs­me­tho­de. Von ihr heißt es:

“Wich­tigs­tes Werk­zeug ist eine Kon­kor­danz, die den zur Über­set­zung nutz­ba­ren Wort­schatz der Ziel­spra­che auf ein Mini­mum ein­schränkt. Jedes Wort des Ursprungs­tex­tes wird dabei mit allen Beleg­stel­len auf­ge­führt. Durch den Ver­gleich der Ver­wen­dung an allen Stel­len ergibt sich die Bedeu­tung des Begriffs, der mög­lichst auch mit nur einem Wort der Ziel­spra­che über­setzt wird. Jedes Wort der Ziel­spra­che dient dabei, wenn irgend mög­lich, zur Wie­der­ga­be nur eines Ursprungs­worts. … Somit erklärt sich die Bibel selbst. Per­sön­li­che Inter­pre­ta­tio­nen und der Ein­fluss wech­seln­der theo­lo­gi­scher Ansich­ten wer­den wei­test­ge­hend zurück­ge­drängt. Das Ergeb­nis ist eine unüber­trof­fe­ne Genau­ig­keit.” (Quel­le: http://konkordant.de/methode.html)

1) Das Prin­zip des mini­ma­len Wort­schat­zes der Ziel­spra­che

Die­ses Prin­zip ist grund­sätz­lich als frag­wür­dig zu bezeich­nen. Wie erwähnt, besit­zen Wör­ter oft Poly­se­mie (Mehr­deu­tig­keit). Umge­kehrt gibt es Syn­ony­me, die jedoch nur als Kol­lo­ka­tio­nen (fes­te Wort­ver­bin­dun­gen) in bestimm­ten Kon­tex­ten funk­tio­nie­ren. Die künst­li­che Ein­schrän­kung des Wort­schat­zes in der Ziel­spra­che kann die ursprüng­li­che Aus­sa­ge ver­fäl­schen, da not­wen­di­ge Fein­hei­ten ver­lo­ren gehen. Dabei kann es zu einer dop­pel­ten Restrik­ti­on kom­men: Einer­seits wird dem Wort der Quell­spra­che nur eine ein­zi­ge Bedeu­tung unter­stellt. Ande­rer­seits wird ver­sucht, es immer mit dem­sel­ben Wort der Ziel­spra­che wie­der­zu­ge­ben.

2) Frei von per­sön­li­chen Inter­pre­ta­tio­nen und theo­lo­gi­schen Ansich­ten

Kei­ne Über­set­zung ist völ­lig frei von Vor­an­nah­men. Wir alle sind in unse­rem Den­ken an unse­re Kul­tur und unser Umfeld gebun­den. Zwar ist es sinn­voll, alle Beleg­stel­len eines Wor­tes zu betrach­ten, doch dar­aus ergibt sich nicht auto­ma­tisch die kor­rek­te Bedeu­tung. Letzt­end­lich ent­schei­det immer noch ein Mensch, wel­che Bedeu­tung an wel­cher Stel­le ange­mes­sen ist oder ob ein Wort tat­säch­lich über­all den­sel­ben Sinn hat. Wenn ein Wort nur ein­mal in der Bibel vor­kommt (Hapax­le­go­me­non), kön­nen nur lin­gu­is­ti­sche Ver­glei­che oder außer­bi­bli­sche Quel­len hel­fen. Wird ein Wort nur sel­ten ver­wen­det, führt das Mini­mum-Prin­zip dazu, dass ihm nur eine Bedeu­tung unter­stellt wird, obwohl es im Grund­text viel­leicht meh­re­re Facet­ten besitzt. Dies führt unwei­ger­lich zu Feh­lern.

Es besteht natür­lich der berech­tig­te Ein­wand, dass bei übli­chen Über­set­zungs­me­tho­den auf­grund der sub­jek­ti­ven Sicht des Über­set­zers ein „falsch gefärb­tes“ Wort gewählt wer­den könn­te. Es ist daher stets not­wen­dig zu über­le­gen, wel­che Begrif­fe für die Über­set­zung am sinn­volls­ten sind – wobei hier­bei aller­dings immer, bewusst oder unbe­wusst, per­sön­li­che Fak­to­ren wirk­sam wer­den.

Ein Bei­spiel:

Am ers­ten Tag der Woche aber, als wir ver­sam­melt waren, das Brot zu bre­chen, pre­dig­te ihnen Pau­lus, und da er am nächs­ten Tag wei­ter­rei­sen woll­te, zog er die Rede hin bis Mit­ter­nacht. …” (Apg 20,7 – nach rev. Luther­bi­bel)

In die­sem Vers wird das grie­chi­sche Wort dia-lego­mai mit „pre­di­gen“ über­setzt. Eigent­lich bedeu­tet die­ses Wort jedoch: sich mit jeman­dem unter­hal­ten, etwas bespre­chen, dis­ku­tie­ren oder argu­men­tie­ren. Es taucht im Neu­en Tes­ta­ment 13-mal auf und wird fast immer in die­sem Sin­ne über­setzt. Nur hier in Apos­tel­ge­schich­te 20,7 wird „pre­di­gen“ gewählt. Die­se Wahl ist frag­wür­dig, da Pau­lus ver­mut­lich eher eine inter­ak­ti­ve Abschieds­re­de oder ein Gespräch führ­te als eine klas­si­sche Pre­digt. Hier war wohl die tra­di­tio­nel­le Auf­fas­sung des Über­set­zers maß­geb­lich für die Wort­wahl. In der Elber­fel­der Bibel (ELB) lesen wir tref­fen­der:

Am ers­ten Tag der Woche aber, als wir ver­sam­melt waren, um Brot zu bre­chen, unter­re­de­te sich Pau­lus mit ihnen, da er am fol­gen­den Tag abrei­sen woll­te; und er zog das Wort hin­aus bis Mit­ter­nacht.

Es ist sinn­voll, Wör­ter genau zu unter­su­chen, aber dies soll­te nicht unter der fal­schen Annah­me gesche­hen, dass Wör­ter nur eine ein­zi­ge Bedeu­tung haben oder in der Ziel­spra­che immer durch den­sel­ben Begriff ersetzt wer­den könn­ten. Wäre das mög­lich, könn­ten Tex­te 1:1 maschi­nell über­tra­gen wer­den – doch das ist eine lin­gu­is­ti­sche Illu­si­on.

3) Die Bibel erklärt sich selbst

Dies mag inhalt­lich zutref­fen, aber sie über­setzt sich nicht selbst. Die Bibel ist bei der Über­set­zung zwar das wich­tigs­te Hilfs­mit­tel, aber auch die­ses hat sei­ne Gren­zen. Eine gute Über­set­zung erfor­dert neben der Füh­rung Got­tes fun­dier­te Sprach­kennt­nis­se und ein tie­fes Ver­ständ­nis der bibli­schen Kon­tex­te.

Zusam­men­fas­sung:

Baa­der unter­liegt mit sei­ner Über­set­zung dem Irr­tum, dass Ori­gi­nal­treue durch maxi­ma­le Form­treue erreicht wird. Sei­ne extrem kon­kor­dan­te Tech­nik ver­sucht, jedes Wort des Ori­gi­nals durch genau ein deut­sches Wort wie­der­zu­ge­ben. Wäh­rend er ande­ren Über­set­zun­gen „Dog­ma­tik“ vor­wirft, fol­gen Ver­fech­ter die­ses Ansat­zes selbst einem Dog­ma: der Annah­me, dass jedes Wort im Grund­text so iso­liert von Gott aus­ge­wählt wur­de (Ver­bal­in­spi­ra­ti­on), dass es uni­ver­sell mit nur einem Wort in jeder belie­bi­gen Ziel­spra­che kor­re­spon­diert.

Da dies auf­grund von Struk­tur­un­ter­schie­den zwi­schen Spra­chen und Mehr­deu­tig­keit unmög­lich ist, ver­än­dert er Gram­ma­tik und Wort­schatz des Deut­schen nach sei­nen Vor­stel­lun­gen. Das Ergeb­nis: for­mal nahe am Ori­gi­nal, aber auf Kos­ten von Ver­ständ­lich­keit und inhalt­li­cher Ori­gi­nal­treue. Sein Ansatz führt zu Pro­ble­men auf Wortbedeutungs‑, Wort­for­men- und Satz­bau­ebe­ne. So wer­den bei­spiels­wei­se hebräi­sche Wort­for­men, die einen Wunsch oder Befehl aus­drü­cken, von Baa­der schlicht als Gegen­wart (Indi­ka­tiv) über­setzt.

Dies erschwert das Ver­ständ­nis und eröff­net para­do­xer­wei­se genau jene neu­en Deu­tungs­spiel­räu­me, die durch die Metho­de eigent­lich ver­mie­den wer­den soll­ten. Um die sper­ri­gen For­mu­lie­run­gen Baa­ders über­haupt ver­ste­hen zu kön­nen, müs­sen sie vom Leser erst müh­sam selbst gedeu­tet wer­den. Es wirkt bei­na­he wie ein Euphe­mis­mus, wenn Ver­fech­ter der DaB­haR-Über­set­zung sagen, sie sei eine „sehr rohe Über­set­zung, die dem Leser viel Denk­ar­beit auf­bür­det“ oder gar von einer „Kunst­spra­che“ spre­chen, an die man sich gewöh­nen müs­se.

Glau­ben Sie wirk­lich, dass die Autoren der Bibel, z. B. die Evan­ge­lis­ten oder Apos­tel, sich in ihren Brie­fen und Wer­ken einer (ein­ge­ge­be­nen) Kunst­spra­che bedient haben, damit wir spä­ter das Prin­zip des mini­ma­len Wort­schat­zes anwen­den kön­nen?

Die Bibel wur­de in Hebrä­isch, Ara­mä­isch und Grie­chisch ver­fasst – in den leben­di­gen Spra­chen, die die Autoren selbst spra­chen. Müss­te Gott nicht dann auch, bei der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Mensch­heit, jedem ein­zel­nen Wort in die­sen Spra­chen genau eine Bedeu­tung gege­ben haben, damit die­se Wör­ter spä­ter genau mit einem Wort in einer Ziel­spra­che über­setzt wer­den kön­nen?

Der Mythos der unüber­treff­ba­ren, „rei­nen“ Über­set­zung wird hier­mit infra­ge gestellt. Grund­sätz­lich ist die Kri­tik berech­tigt, dass vie­le Bibel­über­set­zun­gen theo­lo­gisch ein­ge­färbt sind. Daher ist es drin­gend rat­sam, bei strit­ti­gen Text­stel­len ver­schie­de­ne Über­set­zun­gen zu ver­glei­chen. Die DaB­haR-Über­set­zung jedoch auf­grund frag­wür­di­ger dog­ma­ti­scher Grund­an­nah­men und sprach­li­cher Unzu­läng­lich­kei­ten als die „bes­te“ Über­set­zung zu bezeich­nen, ist unan­ge­bracht.

Warum die Allversöhnungslehre falsch ist

Da Anhän­ger der All­ver­söh­nungs­leh­re bevor­zugt auf kon­kor­dan­te Bibel­über­set­zun­gen zurück­grei­fen, zitie­re ich hier auch die DaB­haR-Über­set­zung, um zu zei­gen, dass selbst die­se Über­set­zung die All­ver­söh­nungs­leh­re nicht stützt. (Lei­der war es nicht mög­lich, die Über­set­zung online ein­zu­se­hen. Die ver­wen­de­te Datei mit der DaB­haR-Über­set­zung hat­te ein paar Dar­stel­lungs­feh­ler, aber soll­te hier den­noch rich­tig wie­der­ge­ge­ben wor­den sein. Falls nicht, wird um Hin­wei­se gebe­ten.)

Es wird nun gezeigt, dass nicht alle Men­schen geret­tet wer­den.

 Begrün­dung:

1. Der begrenz­te Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem

Nur die „Rei­nen“ haben Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem, das vom Him­mel her­ab­kommt (Offb 21,1f), und nur sie haben ein Anrecht auf den Baum des Lebens (vgl. 1. Mo 3,22). Die Unrei­nen, Zau­be­rer, Mör­der etc. blei­ben aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen.

Offb 22,14.15 (DaB­haR):

Glück­se­lig (sind) die Spü­len­den ihre Roben, auf dass ihre Auto­ri­tät sein wird (sie)(ist)aber wie die Auto­ri­tät auf das Holz des Lebens (zu) und sie (in) den Geto­ren hin­ein­kom­men in die Stadt. Drau­ßen (sind) die Köter und die Zau­bern­den und die Hurer und die Mör­der und die Idol­got­tes­die­ner und all(jed)er Fäl­schung Tuen­de und Befreun­den­de.

Offb 22,14.15 (ELB):

Glück­se­lig, die ihre Klei­der waschen, damit sie ein Anrecht am Baum des Lebens haben und durch die Tore in die Stadt hin­ein­ge­hen! Drau­ßen sind die Hun­de und die Zau­be­rer und die Unzüch­ti­gen und die Mör­der und die Göt­zen­die­ner und jeder, der die Lüge liebt und tut.

Offb 21,27 (DaB­haR):

Und nicht, (ja) nich(t), kom­men hin­ein in sie [die Stadt] all(irgendein) Gemei­nes und der (etwas) wie Greu­el und Fäl­schung Tuen­de, son­dern nur die, (die) Geschrie­ben­wor­de­ne (sind) in dem Buch­röll­chen des Lebens des Him­mels.

Offb 21,27 (ELB):

Und alles Gemei­ne wird nicht in sie [die Stadt] hin­ein­kom­men, noch [der­je­ni­ge], der Greu­el und Lüge tut, son­dern nur die, wel­che geschrie­ben sind im Buch des Lebens des Lam­mes.

2. Der Grund für den Aus­schluss: Die­se “bösen” Men­schen wer­den in den Feu­er­see (2. Tod) gewor­fen.

Das ist ihr “Erbe / Teil”, im Gegen­satz zu den Gerech­ten. (Vgl. Text oben und Offb 22,18.19.)

Offb 21,8 (DaB­haR):

Aber den Ver­zag­ten und Untreu­en­den und Greu­el­ge­wor­de­nen und Mör­dern und Hurern und Zau­bern­den und Idol­got­tes­die­nern und all den Fal­schen (ist) ihr Teil in dem See, dem brennende(mach)ten (mit) Feu­er und Schwe­fel, wel­ches der zwei­te Tod ist.

Offb 21,8 (ELB):

Aber den Fei­gen und Ungläu­bi­gen und mit Greu­len Befleck­ten und Mör­dern und Unzüch­ti­gen und Zau­be­rern und Göt­zen­die­nern und allen Lüg­nern ist ihr Teil in dem See, der mit Feu­er und Schwe­fel brennt, das ist der zwei­te Tod.

Off 20,15 (ELB):

Und wenn jemand nicht geschrie­ben gefun­den wur­de in dem Buch des Lebens, so wur­de er in den Feu­er­see gewor­fen.

3. Die Offen­ba­rung zeigt zwei gro­ße Gegen­sät­ze

Die Offen­ba­rung zeich­net zwei unüber­brück­ba­re Gegen­sät­ze: Die Gerech­ten haben Zugang zum neu­en Jeru­sa­lem und Teil am Baum des Lebens. Die Unge­rech­ten haben kei­nen Zugang (obwohl die Stadt­to­re offen­ste­hen) und kei­nen Teil am Baum des Lebens, denn ihr „Teil“ ist der Feu­er­see. Doch was bedeu­tet der „zwei­te Tod“ genau?

Offb 20,14 (DaB­haR)

Und der Tod und der HADES wer­den in den See des Feu­ers gewor­fen. Und dies ist der zwei­te Tod, der See des Feu­ers. [Man beach­te den Ver­weis auf 1Kor 15, 26].

Offb 20,14 (ELB): Und der Tod und der Hades wur­den in den Feu­er­see gewor­fen. Dies ist der zwei­te Tod, der Feu­er­see.

4. Der zwei­te Tod ist ein Sym­bol der Zer­stö­rung / Auf­lö­sung.

Der zwei­te Tod ist ein Sym­bol der end­gül­ti­gen Zer­stö­rung und Auf­lö­sung. Der Tod und das Toten­reich (Hades) wer­den im Feu­er­see ver­nich­tet, denn auf der neu­en Erde wird es „kei­nen Tod mehr“ geben (Offb 21,4). Wenn durch den Feu­er­see der Tod selbst sein Ende fin­det, gilt dies kon­se­quen­ter­wei­se auch für die im Feu­er­see befind­li­chen Fei­gen, Ungläu­bi­gen, Mör­der und Unzüch­ti­gen. Sie wer­den – ana­log zum Tod und zum Hades – in den Feu­er­see gewor­fen, um dort ihr Ende zu fin­den.

1. Korin­ther 15,26:

  • Der letz­te Feind, der weg­ge­tan wird, ist der Tod. (ELB)
  • Als letz­ter Feind wird der Tod abge­tan. (Schlach­ter)
  • Letz­ter Feind, der her­ab unwirk­sam gemacht ist, ist der Tod. (DaB­haR)
  • The last ene­my that shall be des­troy­ed is death. (AV)

Fazit: Wie der Tod, so ergeht es auch den Gott­lo­sen: Sie wer­den „weg­ge­tan“, „abge­tan“, „unwirk­sam gemacht“ oder „zer­stört“. Sie wer­den abge­schafft, ver­ge­hen und wer­den zunich­te gemacht. Es ist ent­schei­dend zu sehen, dass der Tod als Feind bezeich­net wird. Er wird in den Feu­er­see gewor­fen, genau wie die Unge­rech­ten. Auch sie sind Fein­de Got­tes und wer­den nicht etwa umer­zo­gen oder neu aus­ge­rich­tet – son­dern sie wer­den, gleich wie der Tod, auf der neu­en Erde nicht mehr sein.

Alles Böse ist dann ver­gan­gen (Offb 21,4). Die­ses Ergeb­nis lässt sich para­do­xer­wei­se sogar mit der DaB­haR-Über­set­zung nach­voll­zie­hen. Die All­ver­söh­nungs­leh­re, die eine spä­te­re Ret­tung die­ser Grup­pen pos­tu­liert, fin­det somit in der bibli­schen Exege­se kei­ne Grund­la­ge.

Stellungnahme zur Kritik an dieser Auslegung

Die vor­lie­gen­de Aus­ar­bei­tung wird häu­fig im Hin­blick auf ihre zen­tra­len Ergeb­nis­se kri­ti­siert: Näm­lich, dass Ver­stor­be­ne bis zu ihrer Auf­er­ste­hung in einem Zustand des Unbe­wusst­seins ver­blei­ben, nicht direkt in den Him­mel ein­ge­hen, und die Bibel kei­ne Leh­re einer von Natur aus unsterb­li­chen See­le kennt und uner­lös­te Men­schen am Ende nicht unend­lich lei­den, son­dern viel­mehr auf­hö­ren zu exis­tie­ren.

Zahl­rei­che Chris­ten sind über­zeugt, dass die See­le eines gerech­ten Men­schen unmit­tel­bar nach dem Tod in den Him­mel auf­ge­nom­men wird. Die­se Sicht­wei­se pro­pa­giert eine tem­po­rä­re Tren­nung von Leib und See­le. Da die Anhän­ger die­ser Leh­re die Fort­exis­tenz der See­le beto­nen, bezeich­nen sie das hier prä­sen­tier­te Ergeb­nis (das Unbe­wusst­sein der Ver­stor­be­nen bis zur Auf­er­ste­hung) als „See­len­schlaf“.

Die­se Bezeich­nung wird in der vor­lie­gen­den Arbeit jedoch bewusst ver­mie­den, da sie miss­ver­ständ­lich ist und theo­lo­gi­sche Impli­ka­tio­nen mit sich führt, die hier nicht geteilt wer­den. Bezüg­lich der nicht erlös­ten Men­schen herrscht selbst unter den Anhän­gern der See­len­leh­re Unei­nig­keit: Eini­ge glau­ben an eine sofor­ti­ge Qual in der Höl­le, ande­re an einen Auf­ent­halt in einer fins­te­ren Toten­welt (Hades/Scheol). In der römisch-katho­li­schen Leh­re gibt es zudem auch noch das Fege­feu­er.

Historischer Kontext: Der Streit um den Himmel

Die Fra­ge, wann und auf wel­che Wei­se Men­schen in die Gegen­wart Got­tes gelan­gen, lös­te bereits in der frü­hen Kir­chen­ge­schich­te hef­ti­ge Debat­ten aus. Ein bedeut­sa­mes Zeug­nis hier­für lie­fert Jus­tin der Mär­ty­rer (geb. um 110 n. Chr.) in sei­nem Werk Dia­log mit dem Juden Try­phon:

Wenn ihr mit sol­chen Leu­ten bekannt gewor­den seid, die sich Chris­ten nen­nen und die Auf­er­ste­hung der Toten leug­nen und behaup­ten: ihre See­len wer­den sogleich nach dem Tode in den Him­mel auf­ge­nom­men, so hal­tet sie nicht für Chris­ten.” (Kapi­tel 80)

Inter­es­san­ter­wei­se sind heu­ti­ge Befür­wor­ter der Him­mel­fahrt direkt nach dem Tod meist immer­hin kon­se­quent genug, dass sie – trotz der logi­schen Span­nung zu ihrer See­len­leh­re – wei­ter­hin for­mal an die zukünf­ti­ge Auf­er­ste­hung der Toten glau­ben.

Um eine umfas­sen­de Klä­rung her­bei­zu­füh­ren, wer­den im fol­gen­den Abschnitt die wesent­li­chen Kri­tik­punk­te an der hier prä­sen­tier­ten Aus­le­gung unter­sucht und auf Basis der bibli­schen Befun­de beant­wor­tet.

Die verbreitete Seelenlehre

In dem Buch „One Minu­te After You Die – A Pre­view of Your Final Desti­na­ti­on“ von Erwin W. Lut­zer (1997, Moo­dy Press, Chi­ca­go), das im Deut­schen unter dem Titel „Fünf Minu­ten nach dem Tod“ (1998, Christ­li­che Ver­lags­ge­sell­schaft, Dil­len­burg) erschie­nen ist, wird für eine weit­ver­brei­te­te See­len­leh­re plä­diert. Die wesent­li­chen Kern­aus­sa­gen Lut­zers las­sen sich wie folgt zusam­men­fas­sen:

  • Die See­le eines Men­schen gehe nach dem Tod in das Toten­reich “Scheol” oder “Hades” (S.31f).
  • Das Toten­reich habe zwei Berei­che, einen für gute und einen für schlech­te Men­schen (S. 33f).
  • Nach der Him­mel­fahrt Jesu wur­de der Bereich der Gerech­ten angeb­lich in den Him­mel ver­legt. Der ver­blei­ben­de Bereich die­ne wei­ter­hin als Auf­be­wah­rungs­ort für die Geis­ter der ver­stor­be­nen Gott­lo­sen (S. 42), wobei die­ser Ort gleich­zei­tig als Höl­le, also als Ort bewuss­ter Qual, ver­stan­den wird (S. 126).
  • Die See­len der gläu­bi­gen Men­schen gehen dem­nach direkt in den Him­mel ein, um in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart Got­tes zu sein (S. 42, 45f).
  • Wenn die Bibel im Zusam­men­hang mit dem Tod vom „Schla­fen“ oder „Ent­schla­fen“ spricht, bezie­he sich dies ledig­lich auf den phy­si­schen Kör­per. Die „Geist-See­le“ des Men­schen hin­ge­gen blei­be nach dem Tod aktiv und wach (S. 52f).
  • Da die See­len im Him­mel mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, wird pos­tu­liert, dass sie in der Zeit zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung einen tem­po­rä­ren, wenn auch unvoll­kom­me­nen Leib besit­zen. Alter­na­tiv könn­ten See­len selbst über gewis­se Lei­bes­funk­tio­nen ver­fü­gen (z. B. die Fähig­keit zu spre­chen). Die genaue Beschaf­fen­heit die­ses Zustands ent­zie­he sich jedoch mensch­li­cher Vor­stel­lungs­kraft (S. 73–75).

Methodische Kritik

Vie­le die­ser Kern­aus­sa­gen resul­tie­ren dar­aus, dass bild­haf­te Gleich­nis­se (wie etwa die Erzäh­lung vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus) wört­lich als Tat­sa­chen­be­rich­te gedeu­tet wer­den, wäh­rend ande­re, gegen­tei­li­ge Bibel­stel­len unbe­rück­sich­tigt blei­ben. Da eine sol­che her­me­neu­ti­sche Her­an­ge­hens­wei­se in der vor­lie­gen­den Aus­ar­bei­tung prin­zi­pi­ell abge­lehnt wird, kon­zen­triert sich die fol­gen­de Unter­su­chung nur auf die theo­lo­gisch rele­van­tes­ten Argu­men­te Lut­zers.

Typische Einwände bzgl. des Zustands der Toten

Lust abzuscheiden (Phil 1,23)

Erwin Lut­zer ver­weist, wie vie­le Ver­tre­ter der gän­gi­gen See­len­leh­re, immer wie­der auf zwei zen­tra­le Aus­sa­gen von Pau­lus, um zu bele­gen, dass der gerech­te Mensch unmit­tel­bar nach dem Tod in den Him­mel gelangt. Die ers­te fin­den wir im Brief an die Phil­ip­per. Im ers­ten Kapi­tel bringt Pau­lus sei­ne Sor­gen, aber auch sei­ne Hoff­nun­gen zum Aus­druck. Zu der Zeit, als er den Brief schrieb, berei­te­ten ihm eini­ge Men­schen Kum­mer:

Jene aber ver­kün­di­gen Chris­tus aus Eigen­nutz und nicht lau­ter, denn sie möch­ten mir Trüb­sal berei­ten in mei­ner Gefan­gen­schaft.” (Phil 1,17)

Pau­lus ließ sich aber nicht ent­mu­ti­gen. Er fuhr fort, mit:

Was tut’s aber? Wenn nur Chris­tus ver­kün­digt wird auf jede Wei­se, es gesche­he zum Vor­wand oder in Wahr­heit, so freue ich mich dar­über. Aber ich wer­de mich auch wei­ter­hin freu­en; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil aus­ge­hen wird durch euer Gebet und durch den Bei­stand des Geis­tes Jesu Chris­ti, wie ich sehn­lich war­te und hof­fe, dass ich in kei­nem Stück zuschan­den wer­de, son­dern dass frei und offen, wie alle­zeit so auch jetzt, Chris­tus ver­herr­licht wer­de an mei­nem Lei­be, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Chris­tus ist mein Leben, und Ster­ben ist mein Gewinn.” (Phil 1,18–21)

Nichts – weder har­te Arbeit noch Nach­stel­lun­gen oder gar der Tod – konn­te sein Werk auf­hal­ten. Des­sen war er sich bewusst. Den­noch war weder sei­ne von Anfech­tun­gen gepräg­te Arbeit noch sein dro­hen­der Tod in Gefan­gen­schaft etwas, wor­auf er freu­dig „war­te­te“. Bei­de Gedan­ken „setz­ten ihm hart zu“. Er schrieb dazu:

Wenn ich aber wei­ter­le­ben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaf­fen; und so weiß ich nicht, was ich wäh­len soll. Denn es setzt mir bei­des hart zu: ich habe Lust, aus der Welt zu schei­den und bei Chris­tus zu sein, was auch viel bes­ser wäre; aber es ist nöti­ger, im Fleisch zu blei­ben, um euret­wil­len.” (Phil 1,22–24)

Das Wort „Lust“ in Phil 1,23 (grie­chisch epi­thy­mia) wird in moder­nen Ohren oft miss­ver­stan­den. Es bezeich­net ein star­kes Ver­lan­gen oder eine tie­fe Sehn­sucht.

Die Ana­ly­se: Beweist dies die sofor­ti­ge Him­mel­fahrt der See­le?

Es steht fest, dass Pau­lus den Tod als Schlaf bezeich­net (das Ster­ben und Ent­schla­fen sind für ihn Syn­ony­me, vgl. 1Kor 11,30; 15,6.18.20.51; 1Thess 4,13.14.15). Der Tod oder der Zustand des Todes waren ihm aber unwich­tig, denn der Schwer­punkt lag in sei­nen Aus­füh­run­gen ein­deu­tig auf der Wie­der­kunft Chris­ti, bei wel­cher die Auf­er­ste­hung und die Ver­wand­lung (Ver­klä­rung) der Gläu­bi­gen statt­fin­den werden.Dieses trifft auch auf den Phil­ip­per­brief zu, in dem die von Lut­zer miss­ver­stan­de­ne Aus­sa­ge zu fin­den ist (sie­he Phil 1,6.10; 3,10.11.14.20.21).

Für Pau­lus war nicht der Tod (und eine ver­meint­lich sofor­ti­ge See­le­nent­rü­ckung) der Grund sei­ner Hoff­nung, son­dern die Auf­er­ste­hung von den Toten im Zusam­men­hang mit der Paru­sie (Wie­der­kunft Jesu). Erst dann wird Jesus alle Gerech­ten zu sich holen, damit sie für immer bei ihm blei­ben (Joh 14,2.3; 1. Thess 4,13–17).

Die Aus­sa­ge „Ich habe Lust, aus der Welt zu schei­den und bei Chris­tus zu sein“ ist kei­ne dog­ma­ti­sche Beleh­rung über den Zeit­punkt des Erhalts eines unsterb­li­chen Kör­pers – im Gegen­satz zu 1. Thess 4 oder 1. Kor 15, wo er sich detail­liert die­sem The­ma wid­met. Pau­lus drückt hier ledig­lich sei­ne Sehn­sucht aus, bald bei Chris­tus zu sein, ohne dabei die Zeit­span­ne zu the­ma­ti­sie­ren, die zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung liegt. Das ‘und’ ver­bin­det bei­de Ereig­nis­se aus Pau­lus’ sub­jek­ti­ver Sicht, sagt aber nichts über die objek­ti­ve Zeit­span­ne dazwi­schen aus.

Die sub­jek­ti­ve Wahr­neh­mung der Zeit

War­um Pau­lus sei­nen Tod und die Gemein­schaft mit Chris­tus in einem Atem­zug nennt, lässt sich im Ein­klang mit der rest­li­chen Schrift erklä­ren: Der Tod ist für den Men­schen wie ein traum­lo­ser Schlaf. Es ist für den Ver­stor­be­nen uner­heb­lich, ob ein Tag oder 1.000 Jah­re ver­ge­hen, denn im Tod „weiß man nichts“ (Pre­di­ger 9,5.6.10). Das nächs­te Ereig­nis, das der Gerech­te nach dem Schlie­ßen der Augen bewusst wahr­nimmt, ist die Auf­er­we­ckung bei der Wie­der­kunft Chris­ti.

Auch Mar­tin Luther ver­trat die­se Ansicht sehr deut­lich:

Als­bald uns die Augen zufal­len und wir ins Grab ver­scharrt wer­den, wer­den wir wie­der auf­er­weckt. Denn tau­send Jah­re wer­den für uns sein, eben als hät­ten wir nur eine hal­be Stun­de im Gra­be geschla­fen. Wenn wir des Nachts schla­fen, so hören wir kei­nen Zei­ger [einer Uhr]und wis­sen nicht die Zeit und Stun­de, wie lan­ge wir geschla­fen haben. Wider­fährt uns nun sol­ches im Schlaf, viel­mehr wird’s uns im Tode wider­fah­ren; tau­send Jah­re wer­den hin­weg sein wie ein Nacht­schlaf.” (Quel­le: Mar­tin Luther, zitiert von Th. Traub in “Von den letz­ten Din­gen”, Sei­te 65, Quell-Ver­lag der Evan­ge­li­schen Gesell­schaft, Stutt­gart, 1928; Anga­ben nach “Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le” von M. Toma­si, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 69.)

Was soll­te Pau­lus also wäh­len? Er ringt mit der Ant­wort: Das Wei­ter­le­ben im Fleisch dient der Gemein­de, doch das „Abschei­den“ führt ihn (aus sei­ner sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung her­aus sofort) zu Chris­tus.

Pau­lus sehnt sich danach, sei­nen “Lauf” zu been­den, aber er weiß auch, dass die Gemein­den ihn noch brau­chen. Zwar ist er von der Auf­er­ste­hung über­zeugt und rech­net mit sei­nem Lohn, dem ewi­gen Leben und der ewi­gen Glück­se­lig­keit, “aber es ist nöti­ger, im Fleisch zu blei­ben, um” den Gemein­den noch bei­zu­ste­hen.

Pau­lus ver­gleicht nicht Tod vs. Leben, son­dern die end­zeit­li­che Voll­endung (bei Chris­tus sein) vs. wei­te­res irdi­sches Leben. Der Tod ist nur der Über­gang, nicht das eigent­li­che ‘Bes­se­re’.

Ergeb­nis:

Pau­lus sehnt sich nach der Erlö­sung aus einer Welt, die für ihn ein stän­di­ger Kampf war. Sein Blick war stets auf die gemein­sa­me Ver­ei­ni­gung der Auf­er­weck­ten und der Ver­wan­del­ten gerich­tet. Der strit­ti­ge Aus­druck in Vers 23 unter­streicht somit nur sei­ne Sehn­sucht nach dem Abschluss der Heils­ge­schich­te und der ewi­gen Gemein­schaft mit dem Herrn. Pau­lus steht nicht im Wider­spruch zu sei­nen übri­gen Aus­füh­run­gen und besagt nicht, dass er vor der Auf­er­ste­hung beim Herrn sein wird. Lut­zer ver­sucht aus dem Phil­ip­per­brief abzu­lei­ten, dass Pau­lus leh­ren wür­de, durch den Tod sofort beim Herrn zu sein, wider­spricht deut­lich sei­nen eige­nen Wor­ten in 1. Thess 4,13–17. Aber auch die fol­gen­den Ver­se aus dem Phil­ip­per­brief zei­gen, dass die­se Aus­le­gung falsch ist.

Ihn möch­te ich erken­nen und die Kraft sei­ner Auf­er­ste­hung und die Gemein­schaft sei­ner Lei­den und so sei­nem Tode gleich gestal­tet wer­den, damit ich gelan­ge zur Auf­er­ste­hung von den Toten.” (Phil­ip­per 3,10–11)

War­um möch­te Pau­lus Jesu “Tode gleich gestal­tet wer­den”? Damit er gelangt “zur Auf­er­ste­hung von den Toten”. Nicht, um sofort im Him­mel zu sein. Für Men­schen, die vor der Wie­der­kunft Jesu gestor­ben sind, führt nur der Weg über die Auf­er­ste­hung zu Gott. Die­se Sicht wird auch von Pau­lus ein­deu­tig ver­tre­ten.


Das abgebrochene Zelt (2Kor 5, 1–10)

Denn wir wis­sen, dass, wenn unser irdi­sches Zelt­haus zer­stört wird, wir einen Bau von Gott haben, ein nicht mit Hän­den gemach­tes, ewi­ges Haus in den Him­meln. Denn in die­sem frei­lich seuf­zen wir und seh­nen uns danach, mit unse­rer Behau­sung aus dem Him­mel über­klei­det zu wer­den inso­fern wir ja beklei­det, nicht nackt befun­den wer­den. Denn wir frei­lich, die in dem Zelt sind, seuf­zen beschwert, weil wir nicht ent­klei­det, son­dern über­klei­det wer­den möch­ten, damit das Sterb­li­che ver­schlun­gen wer­de vom Leben. Der uns aber eben hier­zu berei­tet hat, ist Gott, der uns das Unter­pfand des Geis­tes gege­ben hat. So sind wir nun alle­zeit guten Mutes und wis­sen, dass wir, wäh­rend ein­hei­misch im Leib, wir vom Herrn >aus­hei­misch< sind – denn wir wan­deln durch Glau­ben, nicht durch Schau­en -; wir sind aber guten Mutes und möch­ten lie­ber >aus­hei­misch< vom Leib und ein­hei­misch beim Herrn sein. Des­halb set­zen wir auch unse­re Ehre dar­ein, ob ein­hei­misch oder >aus­hei­misch<, ihm wohl­ge­fäl­lig zu sein. Denn wir müs­sen alle vor dem Rich­ter­stuhl Chris­ti offen­bar wer­den, damit jeder emp­fan­ge, was er durch den Leib voll­bracht, dem­entspre­chend, was er getan hat, es sei Gutes oder Böses.” (Elber­fel­der)

Pau­lus ver­gleicht den mensch­li­chen Kör­per hier mit einem Zelt. Die­ser Ver­gleich war für ihn als Zelt­ma­cher (Apg 18,3) nahe­lie­gend. Ein Zelt und der mensch­li­che Kör­per tei­len wesent­li­che Merk­ma­le: Das Mate­ri­al stammt von der Erde, sie sind tem­po­rä­rer Natur, leicht zu zer­stö­ren und zer­fal­len schließ­lich zu Staub. Sogar von Jesus heißt es, dass er unter uns „zel­te­te“ (Joh 1,14), als er Fleisch wur­de.

Die Inter­pre­ta­ti­on von Lut­zer und ande­ren

Ver­tre­ter der gän­gi­gen See­len­leh­re stüt­zen sich pri­mär auf Vers 8: „Wir sind aber guten Mutes und möch­ten lie­ber aus­hei­misch vom Leib und ein­hei­misch beim Herrn sein.“ – Sie fol­gern dar­aus, dass die See­le unmit­tel­bar nach dem Tod in die Gegen­wart Got­tes gelan­ge.

Die pau­li­ni­sche Dif­fe­ren­zie­rung: Nackt­heit vs. Über­klei­dung

Bei genaue­rer Betrach­tung zeigt sich jedoch, dass Pau­lus den Zustand des Todes in Vers 3 als nackt oder unbe­klei­det beschreibt. In Vers 4 sagt er aus­drück­lich, dass er nicht ent­klei­det wer­den (ster­ben), son­dern viel­mehr „über­klei­det“ wer­den möch­te. Dies schließt naht­los an sei­ne Aus­füh­run­gen in 1. Korin­ther 15,53 an:

Denn dies Ver­wes­li­che muss anzie­hen die Unver­wes­lich­keit, und dies Sterb­li­che muss anzie­hen die Unsterb­lich­keit.” (1Kor 15, 53)

Pau­lus drückt hier den Wunsch aus, die Wie­der­kunft Jesu noch zu Leb­zei­ten zu erfah­ren, um die Ver­wand­lung ohne den Umweg über den Tod („die Nackt­heit“) zu erle­ben. Er möch­te, dass das Sterb­li­che direkt vom Leben „ver­schlun­gen“ wird.

Kein Vor­zug bei der Wie­der­kunft

Pau­lus macht in 1Kor 15, 51–54, 1Thess 4, 13–17 und 2Tim 4, 6–8 deut­lich, dass weder die Ver­stor­be­nen noch die bei der Wie­der­kunft leben­di­gen Gläu­bi­gen bevor­zugt wer­den. Die Gläu­bi­gen – ob tot oder leben­dig – wer­den ihren Lohn erst erhal­ten, wenn Jesus kommt und zwar gemein­sam. Zwar erhal­ten auch die Gläu­bi­gen, deren “Zelt zer­stört” wur­de (Vers 1) ein ewi­ges Zelt, doch Pau­lus wünscht sich eine Über­klei­dung (Vers 4).

In Vers 8 drückt Pau­lus sei­nen Wunsch aus, „ein­hei­misch beim Herrn“ zu sein. Da er den Zustand der „Nackt­heit“ (den Tod) jedoch ablehnt (V. 4), kann die­ses „Ein­hei­misch-Sein“ nur durch die Über­klei­dung mit dem neu­en Leib gesche­hen.

Die tra­di­tio­nel­le Aus­le­gung sieht hier einen kla­ren Kon­trast: “im Leib” = fern vom Herrn; “weg vom Leib” = beim Herrn. Jedoch ist die­ses unver­träg­lich mit ande­ren Text­stel­len. Pau­lus kon­tras­tiert hier zwei grund­sätz­li­che Exis­ten­z­wei­sen (irdisch vs. himm­lisch), nicht drei (irdisch – kör­per­los – auf­er­stan­den).

Der Vers 7 unter­streicht, dass Pau­lus von der jet­zi­gen Situa­ti­on spricht (noch nicht beim Herrn, noch nicht schau­end). Auch die ande­ren Ver­stor­be­nen sind noch nicht beim Herrn, son­dern “müs­sen alle vor dem Rich­ter­stuhl Chris­ti offen­bar wer­den…” – Dies ist der Abschluss des Gedan­ken­gangs und ver­weist auf das zukünf­ti­ge Gericht.

Ergeb­nis:

Obwohl Pau­lus noch „im Leib ein­hei­misch“ ist (in der ver­gäng­li­chen Exis­tenz), ist er guten Mutes. Er sehnt sich nach dem neu­en Haus, dem unver­gäng­li­chen Leib. Die­se wun­der­ba­re Ver­hei­ßung gibt Pau­lus so viel Mut, dass er den Tod nicht fürch­tet, son­dern ihn in letz­ter Kon­se­quenz als Gewinn bezeich­net (Phil 1, 21). Der Vers 8 besagt, dass Pau­lus lie­ber schon den neu­en Leib hät­te (um mit dem neu­en Auf­er­ste­hungs­leib beim Herrn zu sein), als noch immer das tem­po­rä­re fleisch­li­che Zelt zu bewoh­nen.

Der Text bedeu­tet nicht, dass man unmit­tel­bar nach dem Tod (als kör­per­lo­se See­le) beim Herrn ist. Der „ent­klei­de­te“ Mensch schläft und erwacht erst bei der Auf­er­ste­hung (Joh 6,44; Dan 12,13; 1. Kor 15,51–54). Auch wenn der Text für moder­ne Ohren nach einem sofor­ti­gen Bewusst­sein klingt, kor­ri­giert die rest­li­che Schrift die­ses Bild: Wir sind erst beim Herrn, wenn er wie­der­kommt und uns aus dem Todes­schlaf ruft bzw. dann ver­wan­delt.


Beschwörung von Geistern und Todeserfahrungen (1Sam 28)

Ver­schie­de­ne Autoren (wie z. B. Erwin Lut­zer) berich­ten von Men­schen, die kli­nisch tot waren und nach ihrer Wie­der­be­le­bung von spe­zi­fi­schen Nah­tod­erfah­run­gen erzähl­ten. Typi­sche Ele­men­te die­ser Berich­te sind: Ein Tun­nel mit Licht am Ende, gro­ße, in wei­ße Gewän­der gehüll­te Engels­ge­stal­ten sowie ein tie­fes Gefühl von Frie­den und Gebor­gen­heit. Teil­wei­se wird zudem berich­tet, dass Pati­en­ten sich selbst aus der Vogel­per­spek­ti­ve sahen oder Infor­ma­tio­nen aus ande­ren Räu­men (z. B. des Kran­ken­hau­ses) wahr­neh­men konn­ten, wäh­rend ihr Kör­per leb­los dalag – was einen über­na­tür­li­chen Infor­ma­ti­ons­ge­winn impli­ziert und sich nicht voll­stän­dig durch natür­li­che Vor­gän­ge (Sau­er­stoff­man­gel, DMT-Aus­schüt­tung, neu­ro­lo­gi­sche Pro­zes­se) erklä­ren lässt.

Ein Geist steigt bei der Hexe von Endor aus dem Boden auf.

Obwohl Lut­zer in sei­nem Werk Fünf Minu­ten nach dem Tod (Christ­li­che Ver­lags­ge­sell­schaft Dil­len­burg, 1998) auf Sei­te 23 ein­räumt, dass „eini­ge der soge­nann­ten Todes­er­fah­run­gen dämo­ni­scher Natur sind, weil sie der Leh­re der Bibel wider­spre­chen“, ver­wen­det er die­ses Phä­no­men den­noch als „Beweis“ dafür, dass sich See­le und Kör­per beim Tod tren­nen. Er fol­gert dar­aus, dass der Mensch unmit­tel­bar als See­le bewusst exis­tiert oder in das Jen­seits wech­selt.

Ähn­lich argu­men­tiert M. Basi­lea Schlink in ihrem Werk Him­mel, Höl­le, Wirk­lich­kei­ten (Evan­ge­li­sche Mari­en­schwes­tern­schaft, Darm­stadt). Sie führt Erfah­run­gen Johann Chris­toph Blum­hardts mit dämo­ni­schen Mäch­ten an, um zu unter­mau­ern, dass sich Ver­stor­be­ne bis zum Jüngs­ten Gericht in einem bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand befin­den.

Ande­re wie­der­um beru­fen sich auf Infor­ma­tio­nen aus spi­ri­tis­ti­schen Sit­zun­gen. Dabei betont die Hei­li­ge Schrift unmiss­ver­ständ­lich, dass alle For­men des Okkul­tis­mus für Gott ein Gräu­el sind (sie­he 3. Mo 19,31; 5. Mo 18,9–12; Jes 8,19–20; 1. Kor 10,14–22).

Lut­zer erkann­te – zumin­dest im Hin­blick auf den Okkul­tis­mus – den Ernst der Lage und beschrieb die Gefah­ren dämo­ni­scher Mäch­te. Im erwähn­ten Werk führt er auf den Sei­ten 16–21 aus:

Der sprin­gen­de Punkt ist natür­lich, dass alle Infor­ma­tio­nen über das Leben nach dem Tod, die wir von Spi­ri­tis­ten oder Medi­en erhal­ten, unzu­ver­läs­sig sind. Die­je­ni­gen, die sich an die okkul­te Welt wen­den, um von dort Infor­ma­tio­nen über den Tod zu erhal­ten, wer­den irre­ge­lei­tet. Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, doch auf Auf­klä­rung von Dämo­nen soll­ten wir ver­zich­ten, denn ihre größ­te Freu­de besteht dar­in, Men­schen zu ver­wir­ren und zu betrü­gen.”

Wer ver­sucht, mit Toten in Kon­takt zu tre­ten, wird immer in die Gemein­schaft fins­ter Mäch­te gera­ten, die vor­ge­ben, hilf­rei­che Engel des Lichts zu sein.

Des­halb kön­nen Sie ziem­lich sicher sein, dass kei­ner jemals mit ihrem toten Onkel, Vet­ter oder Ihrer toten Groß­mutter gere­det hat. Es gibt jedoch Geis­ter, die die Toten ver­tre­ten. Ihre Ver­füh­rungs­kunst ist recht trick­reich, denn sie kön­nen viel­leicht sogar über die Lie­be reden, über den Wert der Reli­gi­on oder Jesus in einem guten Licht dar­stel­len. Und natür­lich wis­sen sie genug, um die Unkri­ti­schen zu betrü­gen.

Es scheint jedoch, dass Lut­zer nicht erkennt, dass sei­ne Ein­wän­de gegen okkul­te Quel­len glei­cher­ma­ßen auf den Infor­ma­ti­ons­ge­winn aus Nah­tod­erfah­run­gen anwend­bar sind. Wenn eini­ge die­ser Erfah­run­gen ein­deu­tig dämo­ni­scher Natur sind, könn­ten dann nicht auch jene, die der Bibel schein­bar nicht wider­spre­chen, den­sel­ben Ursprung haben? Ist es nicht mög­lich, dass Satan Men­schen im Grenz­be­reich des Todes durch Illu­sio­nen mani­pu­liert?

In der Rea­li­tät hat Satan der Welt durch Spi­ri­tis­mus und Todes­er­fah­run­gen ein brei­tes Spek­trum an Leh­ren über das “Leben nach dem Tod” ver­mit­telt: Von der Wie­der­ge­burt (im fern­öst­li­chen Sin­ne) über mit­tel­al­ter­li­che Höl­len­vi­sio­nen bis hin zu fried­vol­len Begeg­nun­gen mit Licht­we­sen. Dabei sei ange­merkt, dass auch dro­gen­in­du­zier­te Hal­lu­zi­na­tio­nen ähn­li­che Phä­no­me­ne her­vor­ru­fen kön­nen. Statt kon­se­quent alle über­na­tür­li­chen, außer­bi­bli­schen Infor­ma­tio­nen zu mei­den, nutzt Lut­zer sie selek­tiv als Beleg für sei­ne Aus­le­gun­gen.

Schlink wirft ein, dass “das stren­ge Gebot der Hei­li­gen Schrift, die Toten nicht zu befra­gen (5. Mose 18,11.12)” kei­nen Sinn machen wür­de, wenn die Toten nicht in einem bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand wären.

Schlink wirft zudem ein, dass das bibli­sche Ver­bot der Toten­be­fra­gung (5. Mo 18,11–12) kei­nen Sinn ergä­be, wenn die Toten nicht in einem bewuss­ten Zustand wären. Doch die Geschich­te zeigt, dass Men­schen sel­ten auf Got­tes Wort hör­ten und statt­des­sen heid­ni­schen Bräu­chen nach­ei­fer­ten. Immer wie­der hat Gott den Men­schen gesagt, dass Göt­zen nichts kön­nen. Sie sind aus Stein und Holz von Men­schen­hand gemacht – mehr nicht. Den­noch hat Gott streng ver­bo­ten, Bild­nis­se zu machen und die­se toten Stei­ne anzu­be­ten, obwohl sie gar kei­ne ech­ten Göt­ter waren. Beim Toten­kult war und ist es genau­so. Wir sol­len unse­re gan­ze Hoff­nung auf Gott und nicht auf Göt­zen oder Toten­be­schwö­rer, Wahr­sa­ger, Zau­be­rer, Geis­ter­be­fra­ger, Hexen, “Murm­ler” oder “Flüs­te­rer” set­zen. Daher ist es fol­ge­rich­tig, etwas zu ver­bie­ten, das zwar real prak­ti­ziert wird (die Beschwö­rung), des­sen behaup­te­ter Inhalt (der Kon­takt zum ech­ten Toten) jedoch nicht der Wahr­heit ent­spricht.

Man könn­te eben­so fra­gen: Wozu soll­te man Tote befra­gen, wenn sie ohne­hin nicht wis­sen, was auf Erden geschieht (2. Kö 22,20; Jes 38,10–11), nicht reden kön­nen (Ps 115,17) und kei­ne Erkennt­nis oder Gedan­ken mehr besit­zen (Pred 9,5.6.10)?

Der Grund für das Ver­bot wur­de von Lut­zer eigent­lich kor­rekt erkannt: Nicht die Toten ant­wor­ten bei einem Kon­takt­ver­such, son­dern Satan oder sei­ne Ver­bün­de­ten. Des­halb hat Gott jeg­li­chen Okkul­tis­mus unter­sagt; die Men­schen sol­len statt­des­sen Gott um Rat fra­gen.

Auch die ein­zi­ge in der Bibel beschrie­be­ne Toten­be­schwö­rung lässt sich so inter­pre­tie­ren. Nach­dem König Saul untreu gewor­den war (1. Sam 15,19), ent­zog sich Gott ihm und ant­wor­te­te nicht mehr – weder durch Träu­me noch durch das Los „Licht“ (Urim) oder Pro­phe­ten (1. Sam 28,6). Saul hät­te Reue zei­gen kön­nen; statt­des­sen such­te er Hil­fe bei der Fins­ter­nis und begab sich zur Beschwö­re­rin von En-Dor. Die­se beschwor einen Geist, der dem Pro­phe­ten Samu­el glich„ und Saul mit­teil­te, dass er und sei­ne Söh­ne in der Schlacht ster­ben wür­den. Dies erfüll­te sich, als Saul ver­wun­det wur­de und Sui­zid beging (1. Sam 31,4).

Es stellt sich die Fra­ge: Soll­te Gott der Beschwö­re­rin tat­säch­lich erlaubt haben, den ver­stor­be­nen Samu­el her­bei­zu­ru­fen, nach­dem er selbst jede Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Saul abge­bro­chen hat­te? Wer gab Saul wirk­lich Ant­wort? Wenn kein leben­der Pro­phet hel­fen konn­te, war­um soll­te es ein toter tun? Und wäre es wirk­lich der Got­tes­mann Samu­el gewe­sen, hät­te er sich kaum in den Dienst einer Beschwö­re­rin gestellt, da Zau­be­rei ein schwe­res Ver­ge­hen war.

Es gibt Hin­wei­se, die es frag­lich erschei­nen las­sen, dass es wirk­lich Samu­el war, der dort erschien.

  • Hat­te die Beschwö­re­rin wirk­lich Macht, einen ver­stor­be­nen Got­tes­mann, aus dem Toten­schlaf zu wecken – gegen den Wil­len Got­tes?”
  • Saul konn­te den Geist nicht erken­nen und muss­te die Beschwö­re­rin fra­gen, was sie sieht (Ver­se 13 und 14). Dass Saul den Geist nicht sehen konn­te, zeigt, dass die Beschwö­re­rin die Kon­trol­le hat­te. Dies ist unty­pisch für gött­li­che Offen­ba­run­gen.
  • Der Geist kommt aus der Erde, nicht vom Him­mel (Vers 13). Dies wider­spricht der Vor­stel­lung einer Auf­nah­me in den Him­mel nach dem Tode.
  • Der Geist sagt zu Saul, dass er und sei­ne Söh­ne am nächs­ten Tag bei ihm sein wür­den, d. h. dass sie bald ster­ben wür­den (Vers 19).

Der letz­te Punkt wider­spricht sehr ein­deu­tig dem land­läu­fi­gen Glau­ben, dass böse Men­schen nach dem Tod in die Höl­le und gute in den Him­mel gehen wür­den, wo sie auf uns hin­ab­schau­en. Saul begann Selbst­mord. Nach katho­li­schem Ver­ständ­nis eine unver­zeih­li­che Sün­de. Den­noch sag­te der Geist, Saul wür­de am nächs­ten Tag bei ihm sein. Wenn der Geist Samu­el war, wür­de dann Saul zu ihm in “Höl­le” oder in den “Him­mel” kom­men?

Die­ses Kon­strukt von „Nach dem Tod gleich Him­mel oder Höl­le“ und „Selbst­mör­der kom­men in die Höl­le“ wür­de dazu füh­ren, dass der Got­tes­mann Samu­el in der Höl­le wäre oder bei der Beschwö­rung die Unwahr­heit gesagt hät­te. Auch das gan­ze Kon­strukt von Lut­zer bricht wegen Hebrä­er 11 zusam­men. Wir erin­nern uns, dass Lut­zer behaup­tet hat, dass das Toten­reich zwei Berei­che hät­te und nach Jesu Him­mel­fahrt, der Bereich für die ver­stor­be­nen, guten Gläu­bi­gen, in den Him­mel ver­legt wur­de, sodass die “See­len” der Gläu­bi­gen nun in unmit­tel­ba­rer Nähe Got­tes sind? In Hebrä­er 11, 32.39.40 steht ganz klar, dass auch Samu­el  noch nicht „die Ver­hei­ßung erlangt“ hat, damit „sie nicht ohne uns voll­endet wür­den“. Der Hebrä­er­brief wur­de nach Jesu Him­mel­fahrt geschrie­ben! Mit ande­ren Wor­ten: Das, was an ver­schie­de­nen Stel­len die­ser Aus­ar­bei­tung immer wie­der betont wird, näm­lich dass die Ver­stor­be­nen in Grä­bern schla­fen, bis sie bei der Wie­der­kunft Jesu erweckt wer­den, um DANN mit den ver­wan­del­ten Gläu­bi­gen zu Jesus gerückt zu wer­den, um DANN beim Herrn zu sein.  Und dass Jesus Woh­nun­gen berei­tet und wie­der­kom­men wird, um uns DANN zu sich zu holen – Die­se Sicht wird in Hebrä­er 11 unter­stützt. Die Behaup­tun­gen von Lut­zer sind damit unver­träg­lich.

Wie lässt sich die­se Geschich­te har­mo­nisch mit der Bibel erklä­ren, ohne auf frag­wür­di­ge Toten­reich-Kon­struk­te zurück­grei­fen zu müs­sen?

Eine plau­si­ble Erklä­rung ist, dass der Geist, der dort erschien, ein Ver­bün­de­ter Satans war, der vor­gab, Samu­el zu sein. Zum einen war das ers­te, was der Geist tat, der Beschwö­re­rin ein­zu­ge­ben, dass Saul vor ihr stand (1Sam 28,12 Elber­fel­der) – offen­bar, um sie zu war­nen. Zum ande­ren ent­spricht es ganz Satans Hand­schrift, die Sün­de zu ver­harm­lo­sen und sie dien­lich erschei­nen zu las­sen, und dann, wenn sein Opfer sich von Gott getrennt hat, die gan­ze Schreck­lich­keit der Sün­de zu offen­ba­ren und dem Opfer ein­zu­re­den, es sei ver­lo­ren. Nichts könn­te Ver­ge­bung vor Gott bewir­ken und nichts könn­te unter­nom­men wer­den, um von Gott wie­der ange­nom­men zu wer­den. In Wirk­lich­keit hat Gott jedoch noch nie einen reu­mü­ti­gen Men­schen, der Buße tut, zurück­ge­wie­sen. Der Geist, der in jener Nacht erschien, rief nicht zur Buße oder Umkehr auf. Er flöß­te Saul so viel Angst ein, dass der König fast vor Angst und Erschöp­fung starb. Er nahm ihm jede Hoff­nung. Das sind nicht Metho­den, derer sich Gott bedient, denn Gott will, dass die Gott­lo­sen von ihrem Wege umkeh­ren und nicht ster­ben (Hes 33,11). Selbst David, der Ehe­bruch und Mord began­gen hat­te, wur­de durch den Pro­phe­ten Nathan zur Buße geru­fen – und fand Ver­ge­bung (2. Sam 12,13).

Ergeb­nis:

Selbst wenn man hypo­the­tisch annäh­me, dass …

  • die Hexe, die Macht gehabt hät­te, gegen den Wil­len Got­tes, Tote her­auf­zu­be­schwö­ren, 
  • Gott, der nicht mit Saul kom­mu­ni­zie­ren woll­te – auch nicht durch Pro­phe­ten, es zuge­las­sen hät­te, dass Saul Samu­el befra­gen durf­te,
  • es wirk­lich Samu­el gewe­sen wäre,

… so kann die­se Erzäh­lung den­noch nicht als Beweis gegen den unbe­wuss­ten Zustand der Toten die­nen. Die Bibel­stel­le wür­de in die­sem Fall ledig­lich zei­gen, dass die Beschwö­re­rin die Macht hat­te, Samu­el „in sei­ner Ruhe zu stö­ren“. Der Aus­druck „in sei­ner Ruhe stö­ren“ deu­tet viel­mehr dar­auf hin, dass Samu­el sich zuvor in einem Zustand des Unbe­wusst­seins befand.

Die­se vie­len hypo­the­ti­schen Annah­men, wer­den hier jedoch nicht geteilt. Viel­mehr wird ange­nom­men, dass es nicht Samu­el selbst war, der sich hier zeig­te, son­dern ein Dämon, von dem die Hexe Saul sag­te, es sei Samu­el. Die Toten selbst ruhen im Grab, bis der Herr sie weckt, und “wis­sen nichts”.

Wie damals wir­ken Satan und sei­ne Die­ner auch heu­te, um Men­schen zu ver­füh­ren – mal als Engel des Lichts, mal als ver­stor­be­ne Ange­hö­ri­ge. Ihr Ziel bleibt die Tren­nung des Men­schen von sei­nem Schöp­fer, denn Satan „ist ein Mör­der von Anfang an“ (Joh 8,44) und „geht umher wie ein brül­len­der Löwe“ (1. Petr 5,8).

Nur bei Gott kön­nen wir Schutz fin­den, und so rät uns Gott:

Zieht an die Waf­fen­rüs­tung Got­tes, damit ihr bestehen könnt gegen die lis­ti­gen Anschlä­ge des Teu­fels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämp­fen, son­dern mit Mäch­ti­gen und Gewal­ti­gen, näm­lich mit den Her­ren der Welt, die in die­ser Fins­ter­nis herr­schen, mit den bösen Geis­tern unter dem Him­mel.” (Eph 6,11–12)


Der Schächer am Kreuz (Lk 23,42.43)

Einer der bei­den Ver­bre­cher, die mit Jesus gekreu­zigt wur­den, erkennt noch am Kreuz den Mes­si­as:

Und er sprach: Jesus, geden­ke mei­ner, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahr­lich, ich sage dir: Heu­te wirst du mit mir im Para­dies sein.” (Lk 23,42.43)

Oft wird argu­men­tiert: „Steht hier nicht ein­deu­tig, dass der Ver­bre­cher noch am sel­ben Tag im Para­dies sein wird? Also gehen die Erlös­ten direkt nach dem Tod in den Him­mel!“

Das Pro­blem der Zei­chen­set­zung

Zunächst muss ange­merkt wer­den, dass es im Alt­grie­chi­schen, der Spra­che des Neu­en Tes­ta­ments, kei­ne Satz­zei­chen gab. Folg­lich könn­te die Stel­le eben­so lau­ten: „Wahr­lich, ich sage dir heu­te: Du wirst mit mir im Para­dies sein.“

Theo­lo­gen debat­tie­ren dar­über, wel­che Über­set­zung auf­grund der gram­ma­ti­schen Struk­tur wahr­schein­li­cher ist. Eini­ge mei­nen, das Kom­ma (oder der Dop­pel­punkt) müs­se vor „heu­te“ ste­hen; ande­re sind über­zeugt, dass es dahin­ter eben­so stim­mig ist. Kri­ti­ker wen­den ein, es sei über­flüs­sig, „heu­te“ zu beto­nen, da Jesus ja im Moment des Spre­chens rede. Nach der­sel­ben Logik wäre jedoch auch der Aus­druck „ich sage dir“ über­flüs­sig – den­noch nutzt Jesus ihn zur Ein­lei­tung. Tat­säch­lich ist die Wen­dung „Ich sage dir heu­te“ eine im Hebräi­schen bekann­te fei­er­li­che Bekräf­ti­gung (vgl. 5. Mo 8,19; 4,26; Sach 9,12).

Wirst du aber den HERRN, dei­nen Gott, ver­ges­sen und andern Göt­tern nach­fol­gen und ihnen die­nen und sie anbe­ten, so bezeu­ge ich euch heu­te, dass ihr umkom­men wer­det;” (5Mo 8,19)

Da die Gram­ma­tik allein kei­ne end­gül­ti­ge Ent­schei­dung zulässt, muss der Kon­text der gesam­ten Bibel den Aus­schlag geben. Die Les­art „…sage dir heu­te: Du wirst…“ ist vor­zu­zie­hen, da die alter­na­ti­ve Deu­tung in mas­si­ven Kon­flikt mit ande­ren bibli­schen Aus­sa­gen gerät.

Vor­ab wei­se ich dar­auf hin, dass es unum­gäng­lich ist, sich in die­sem Fall von der ver­brei­te­ten Auf­fas­sung “Para­dies” = “Him­mel” zu tren­nen. Dies wür­de sofort zu Wider­sprü­chen füh­ren. Es soll nun gezeigt wer­den, wel­che Kon­se­quen­zen sich aus der ers­ten Über­set­zungs­mög­lich­keit erge­ben:

Wich­ti­ge, rele­van­te Bibel­stel­len zum The­ma

Man darf eine Bibel­stel­le nicht los­ge­löst von ande­ren Bibel­stel­len betrach­ten. Daher müs­sen wir Fol­gen­des beach­ten. Näh­me man an, Jesus und der Ver­bre­cher sei­en noch am Frei­tag im Para­dies gewe­sen, erge­ben sich unlös­ba­re Wider­sprü­che zur all­ge­mei­nen Vor­stel­lung, dass die Gläu­bi­gen nach ihrem Tod direkt in den Him­mel gehen – zu Gott:

  1. Das Schick­sal der Gerech­ten: David, ein Mann nach dem Her­zen Got­tes, war laut Petrus zur Zeit der Apos­tel noch nicht „gen Him­mel gefah­ren“, son­dern ruh­te in sei­nem Grab (Apg 2,29–34). Übri­gens ist das nach der Him­mel­fahrt Jesu! Das gilt auch für ande­re Glau­bens­hel­den (sie­he Hebrä­er 11)! Es wäre wider­sprüch­lich, wenn ein erst im letz­ten Moment bekehr­ter Ver­bre­cher sofort in den Him­mel käme, wäh­rend die treu­en Die­ner Got­tes seit Jahr­hun­der­ten im Grab auf ihren Lohn war­ten müss­ten.
  2. Das Para­dies ist ein Ort, an dem Gott (Vater) nicht gegen­wär­tig ist. Das Para­dies ist also nicht der Him­mel: Jesus sag­te nach der Auf­er­ste­hung zu Maria: ‘Rüh­re mich nicht an’ (Joh 20,17), aber etwas spä­ter ließ er sich von Tho­mas berüh­ren (Joh 20,27). Dies war noch vor der Him­mel­fahrt. Offen­bar war Jesus zwi­schen­zeit­lich beim Vater, aber eben nicht direkt am Frei­tag nach sei­nem Tode. Der Vater ist also nicht im Para­dies. Wenn Jesus aber am Frei­tag starb und erst am Sonn­tag zum Vater auf­fuhr, wo war er dann am Frei­tag und Sams­tag? Die Bibel lehrt, dass Jesus im Grab ruh­te (Apg 2,27.31).
  3. Das Para­dies muss also das Toten­reich (der Gläu­bi­gen) sein (folgt aus 1. und 2.). Man­che hal­ten die­ses Para­dies-Toten­reich für einen Auf­ent­halts­ort, an dem die gläu­bi­gen Toten ver­wei­len, bis der Tag der Auf­er­ste­hung kommt. Die­se Vor­stel­lung ent­springt der jüdi­schen Volks­fröm­mig­keit und ist mit der Bibel nicht zu ver­ein­ba­ren: Wir lesen in der Bibel, dass sowohl gute als auch böse Men­schen in das Grab (Scheol bzw. Hades) bzw. “zu den Toten” kom­men (1Mo 37,35, 1Mo 42,38; 1Mo 44,29.31, 4Mo 16,31–33, Hiob 17,13 und Apg 2,27, u. a.) – eine Tren­nung “Toten­reich für Gläu­bi­ge” und “Toten­reich für Ungläu­bi­ge” kennt die Bibel nicht. Außer­dem ver­gleicht die Bibel den Tod mit einem Schlaf, einem Zustand, in dem nicht ein­mal mehr “Gedan­ken” vor­han­den sind. (Was alles über das Toten­reich gesagt wird (kein Loben, nichts mit­be­kom­men von die­ser Welt, usw.) wur­de im ers­ten Teil aus­ge­führt.)

Die Annah­me, dass Jesus “heu­te” im Para­dies war, führt dazu, dass man anneh­men muss, dass das Para­dies das Toten­reich ist. Die­se Annah­me wird noch unwahr­schein­li­cher – wenn nicht unmög­lich –, wenn man genau­er unter­sucht, was laut Bibel das Para­dies ist.

Das Wort para­dei­sos taucht in der Bibel nur an drei Stel­len auf: Lukas 23,43 (Der Schä­cher am Kreuz), 2. Korin­ther 12,4 (Ent­rü­ckung ins Para­dies, in den drit­ten Him­mel) und Offen­ba­rung 2,7 (Baum des Lebens im Para­dies). Das Wort ist dem alt­per­si­schen Begriff für Gehe­ge, Ummaue­rung oder ein­ge­heg­tes Gebiet ange­lehnt und bedeu­tet dort neben „Reser­vat“ auch Lust­gar­ten, lieb­li­cher Gar­ten, Park oder Frucht­gar­ten. In der anti­ken grie­chi­schen Über­set­zung des Alten Tes­ta­ments (Septuaginta/LXX) wird der Gar­ten Eden an ver­schie­de­nen Stel­len (1. Mo 2; Hes 28,13; 31,8; Neh 2,8; Pred 2,5 und Jes 51,3) mit „Para­dies“ über­setzt.

Unter­su­chen wir die drei Stel­len im Neu­en Tes­ta­ment in umge­kehr­ter Rei­hen­fol­ge:

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemein­den sagt! Wer über­win­det, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Para­dies Got­tes ist.” (Offb 2,7)

Hier wird in der Offen­ba­rung den Über­win­dern – also den treu­en, gläu­bi­gen Men­schen – das ewi­ge Leben ver­spro­chen. Der Baum des Lebens, der einst im Para­dies stand, in dem Adam und Eva leb­ten, wird den Men­schen auf der neu­en Erde wie­der zugäng­lich sein. Hier steht das Wort „Para­dies“ im unmit­tel­ba­ren Zusam­men­hang mit der Gegen­wart Got­tes. In der Offen­ba­rung ist fer­ner zu lesen, dass die Men­schen auf der neu­en Erde zusam­men­le­ben wer­den, wenn Gott alles neu macht (Offb 21,1–3), und dort wie­der vom Baum des Lebens essen kön­nen (Offb 22,1–5). Die­se Bibel­stel­le kann sich nicht auf unse­re jet­zi­ge Zeit bezie­hen, da die­ses Ereig­nis noch in der Zukunft liegt.

Ich ken­ne einen Men­schen in Chris­tus; vor vier­zehn Jah­ren – ist er im Leib gewe­sen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewe­sen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wur­de der­sel­be ent­rückt bis in den drit­ten Him­mel. Und ich ken­ne den­sel­ben Men­schen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewe­sen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -, der wur­de ent­rückt in das Para­dies und hör­te unaus­sprech­li­che Wor­te, die kein Mensch sagen kann.” (2Kor 12,2–4)

Hier wird gesagt, dass das Para­dies im „drit­ten Him­mel“ liegt oder mit die­sem iden­tisch ist. Was ist der drit­te Him­mel? Ist es das Toten­reich der Gerech­ten? Wenn wir auf der Grund­la­ge der Bibel argu­men­tie­ren, ist dies zu bezwei­feln: War­um soll­te sich Pau­lus rüh­men kön­nen, wenn er ledig­lich in das Toten­reich ent­rückt wor­den wäre (wo Gott nicht gegen­wär­tig ist und wo die Toten weder den­ken noch spre­chen)? Wie hät­te Pau­lus an einem sol­chen Ort „unaus­sprech­li­che Wor­te“ hören kön­nen?

Für eini­ge Aus­le­ger las­sen sich die in der Bibel erwähn­ten Him­mel in drei Kate­go­rien ein­tei­len: der gewöhn­li­che Him­mel (unse­re Atmo­sphä­re), der „Him­mel“ der Ster­ne (das Welt­all) und der drit­te Him­mel als der unmit­tel­ba­re „Wohn­ort“ Got­tes. Man­che Aus­le­ger sehen noch eine wei­te­re Erklä­rungs­mög­lich­keit. Der Apos­tel Petrus schrieb:

Denn sie [Spöt­ter]wol­len nichts davon wis­sen, dass der Him­mel vor­zei­ten auch war, dazu die Erde, die aus Was­ser und durch Was­ser Bestand hat­te durch Got­tes Wort; den­noch wur­de damals die Welt dadurch in der Sint­flut ver­nich­tet. So wer­den auch der Him­mel, der jetzt ist, und die Erde durch das­sel­be Wort auf­ge­spart für das Feu­er, bewahrt für den Tag des Gerichts und der Ver­damm­nis der gott­lo­sen Men­schen.” (2Petr 3,5–7)

Petrus weist dar­auf hin, dass es frü­her einen Him­mel und eine Erde gab (Ver­gan­gen­heits­form!), die durch die Sint­flut ver­nich­tet wur­den. Auch der gegen­wär­ti­ge Him­mel sowie die Erde wer­den zer­stört wer­den, und zwar durch das Feu­er. Dies sind der ers­te und der zwei­te Him­mel (samt Erde). Gott wird spä­ter einen neu­en Him­mel und eine neue Erde schaf­fen:

Wir war­ten aber auf einen neu­en Him­mel und eine neue Erde nach sei­ner Ver­hei­ßung, in denen Gerech­tig­keit wohnt.” (2Petr 3,13)

Somit ist der neue, kom­men­de Him­mel der „drit­te Him­mel“. Pau­lus wur­de also – ähn­lich wie Johan­nes in der Offen­ba­rung – die neue Welt gezeigt, in der Gott für immer mit den Men­schen zusam­men­le­ben wird. Die­ser Anblick war so über­wäl­ti­gend, dass Pau­lus ihn nicht mit Wor­ten beschrei­ben konn­te. Die pracht­vol­le Schil­de­rung des neu­en Jeru­sa­lems, wie sie in Offen­ba­rung 21 zu lesen ist, macht ver­ständ­lich, wes­halb Pau­lus sich hät­te rüh­men kön­nen, so etwas erblickt zu haben.

Wel­che der bei­den Auf­fas­sun­gen bezüg­lich des drit­ten Him­mels auch rich­tig sein mag: Bei­de ver­bin­den das Para­dies untrenn­bar mit der Gegen­wart Got­tes. Es bleibt daher höchst frag­wür­dig, ob aus­ge­rech­net der Text über den Schä­cher am Kreuz von einem ganz ande­ren Para­dies – einem „gott-losen“ Toten­reich für Gläu­bi­ge – berich­ten soll­te. Es ist viel nahe­lie­gen­der, dass para­dei­sos im gesam­ten Neu­en Tes­ta­ment als Syn­onym für den Him­mel und die direk­te Gegen­wart Got­tes steht.

Auch der Schä­cher selbst, ging nicht davon aus, sofort mit Jesus in den Him­mel zu gehen, denn sei­ne Wor­te “wenn du in dein Reich kommst” (V. 42), zei­gen, dass er an die zukünf­ti­ge mes­sia­ni­sche Herr­schaft denkt. Die­ses ist stim­mig, mit den Aus­füh­run­gen, zur Abfol­ge Tod – Schlaf – Auf­er­ste­hung und Gericht und Got­tes ewi­ges Reich.

Ergeb­nis:

Die Bibel­stel­le über den Schä­cher am Kreuz (Lk 23,42–43) kann mühe­los so aus­ge­legt wer­den, dass sie nicht in Kon­flikt mit ande­ren Aus­sa­gen der Schrift gerät. Die unbi­bli­sche Ansicht, Gerech­te wür­den sofort nach dem Tod in das Para­dies (Him­mel) ein­ge­hen, lässt sich in kei­ner Wei­se har­mo­nisch mit den rest­li­chen bibli­schen Zeug­nis­sen über den Zustand der Toten und die Wie­der­kunft Chris­ti ver­bin­den.


Der reiche Mann und der arme Lazarus (Lk 16,19–31)

Illustration zum Gleichnis von Lazarus und dem reichen Mann.

Es war aber ein rei­cher Mann, der klei­de­te sich in Pur­pur und kost­ba­res Lei­nen und leb­te alle Tage herr­lich und in Freu­den. Es war aber ein Armer mit Namen Laza­rus, der lag vor sei­ner Tür voll von Geschwü­ren und begehr­te, sich zu sät­ti­gen mit dem, was von des Rei­chen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hun­de und leck­ten sei­ne Geschwü­re. Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wur­de von den Engeln getra­gen in Abra­hams Schoß. Der Rei­che aber starb auch und wur­de begra­ben. Als er nun in der Höl­le war, hob er sei­ne Augen auf in sei­ner Qual und sah Abra­ham von fer­ne und Laza­rus in sei­nem Schoß. Und er rief: Vater Abra­ham, erbar­me dich mei­ner und sen­de Laza­rus, damit er die Spit­ze sei­nes Fin­gers ins Was­ser tau­che und mir die Zun­ge küh­le; denn ich lei­de Pein in die­sen Flam­men. Abra­ham aber sprach: Geden­ke, Sohn, dass du dein Gutes emp­fan­gen hast in dei­nem Leben, Laza­rus dage­gen hat Böses emp­fan­gen; nun wird er hier getrös­tet, und du wirst gepei­nigt. Und über­dies besteht zwi­schen uns und euch eine gro­ße Kluft, dass nie­mand, der von hier zu euch hin­über will, dort­hin kom­men kann und auch nie­mand von dort zu uns her­über. Da sprach er: So bit­te ich dich, Vater, dass du ihn sen­dest in mei­nes Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brü­der, die soll er war­nen, damit sie nicht auch kom­men an die­sen Ort der Qual. Abra­ham sprach: Sie haben Mose und die Pro­phe­ten; die sol­len sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abra­ham, son­dern wenn einer von den Toten zu ihnen gin­ge, so wür­den sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Pro­phe­ten nicht, so wer­den sie sich auch nicht über­zeu­gen las­sen, wenn jemand von den Toten auf­er­stün­de.” (Lk 16,19–31)

Spricht die­ses Bibel­wort nicht klar davon, dass die Ver­stor­be­nen bei Bewusst­sein blei­ben und die Bösen sogar in einer Höl­le gequält wer­den? Unter­su­chen wir zunächst, wie die­se Aus­le­gung sich zu ande­ren Bibel­stel­len ver­hält:

  1. Der Ort des Gesche­hens: Bei­de, der rei­che Mann und der arme Laza­rus, ster­ben. Laza­rus wird auf Abra­hams Schoß getra­gen, der Rei­che wird begra­ben. Bei­de befin­den sich im Hades (grie­chisch für das hebräi­sche Scheol, das Grab). Aus der Bibel wis­sen wir, dass alle Men­schen ins Grab gehen (vgl. Pre­di­ger 9,1–3; Hiob 21,23–26)
  2. Ver­steht man das Gleich­nis wört­lich, so stellt die­ses einen Wider­spruch dar: Denn wenn Scheol bzw. Hades laut Bibel der Ort ist, an dem die Toten nichts wis­sen, den­ken oder tun (Pred 9,5–6; vgl. Teil 1 der Aus­ar­bei­tung), wie kön­nen die bei­den dort mit­ein­an­der spre­chen?
  3. Kör­per­lich­keit im Jen­seits: Die Per­so­nen wer­den mit phy­si­schen Glied­ma­ßen und Orga­nen geschil­dert: ein Mund zum Reden, ein Fin­ger, um ihn ins Was­ser zu tau­chen, eine Zun­ge zum Küh­len, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören. Haben „unsterb­li­che Geis­ter“ oder See­len mate­ri­el­le Lei­ber in der Höl­le? Die Bibel lehrt eigent­lich, dass die Gerech­ten einen neu­en, ver­wan­del­ten Leib erst bei der Auf­er­ste­hung erhal­ten (1. Kor 15,35ff).
  4. Logik der Schil­de­rung: Wört­li­ches Ver­ständ­nis lässt Fra­gen auf­kom­men: Wer wür­de ernst­haft behaup­ten, dass ein ein­zi­ger Was­ser­trop­fen von einer Fin­ger­spit­ze einem Men­schen, der in Flam­men brennt, ech­te Lin­de­rung ver­schaf­fen könn­te?

Die Lösung: Das Gleich­nis als lite­ra­ri­sches Mit­tel

Die Wider­sprü­che lösen sich auf, wenn man erkennt: Es han­delt sich hier um eine Lehrerzäh­lung (Para­bel). Gleich­nis­se die­nen dazu, einen geist­li­chen Sach­ver­halt zu ver­deut­li­chen, indem sie Bil­der ver­wen­den, die nicht unbe­dingt der phy­si­schen Wirk­lich­keit ent­spre­chen müs­sen.

In der bibli­schen Bil­der­spra­che sind Per­so­ni­fi­ka­tio­nen üblich:

  • Abels Blut „schreit“ vom Erd­bo­den (1. Mo 4,10).
  • Bäu­me „klat­schen in die Hän­de“ (Jes 55,12) oder „reden“ mit­ein­an­der (Ri 9,7–15).
  • Tote wer­den im Grab redend geschil­dert, um den Fall eines Tyran­nen zu illus­trie­ren (Jes 14,9–17).

Nie­mand wür­de anneh­men, dass alle Gerech­ten buch­stäb­lich auf dem Schoß des his­to­ri­schen Abra­ham sit­zen – wie groß müss­te die­ser Schoß sein? Die Ele­men­te der Geschich­te sind Mit­tel zum Zweck, um eine tie­fe­re Wahr­heit zu ver­an­schau­li­chen.

Kri­ti­ker wen­den ein, dass eine Namens­ge­bung für ein Gleich­nis unty­pisch sei und die­ses auf eine rea­le Geschich­te mit einer his­to­ri­schen Per­son hin­deu­ten wür­de. Hier ist wich­tig zu wis­sen, dass der Name ‘Laza­rus’ (hebr. Elea­sar = ‘Gott hat gehol­fen’) pro­gram­ma­tisch ist und die Poin­te unter­streicht: Gott hilft dem Armen (sie­he unten). Mög­li­cher­wei­se soll­te hier auch unter­stri­chen wer­den, dass Bett­ler für Gott nicht namen­los sind, so wie sie in der Gesell­schaft wahr­ge­nom­men wer­den. Mehr noch: Jesus dreht die­sen Spieß um: Gott kennt den Armen beim Namen, wäh­rend der Rei­che in der Ewig­keit anonym bleibt. Der Rei­che wird nur über sei­nen Besitz defi­niert („ein rei­cher Mann“), aber Laza­rus wird als Per­son, als Indi­vi­du­um wahr­ge­nom­men.

Der his­to­ri­sche Kon­text: Die Volks­fröm­mig­keit

Jesus griff hier eine Vor­stel­lung auf, die damals im Volk weit ver­brei­tet war, aber nicht aus der Schrift stamm­te. Er kam so der Vor­stel­lungs­welt sei­ner Zuhö­rer ent­ge­gen, wie er es auch oft bei ande­ren Gleich­nis­sen tat. Ein Text, der Fla­vi­us Jose­phus zuge­schrie­ben wird, beschreibt im 1. Jahr­hun­dert die­se außer­bi­bli­schen Ansich­ten über den Hades:

“Im Hades wer­den die See­len der Gerech­ten und Unge­rech­ten auf­be­wahrt. Der Hades ist ein nicht näher bestimm­ba­rer Ort in die­ser Welt, eine unter­ir­di­sche Regi­on, wo das Licht die­ser Welt nicht hin­scheint … Es gibt einen Zugang zu die­ser Regi­on an des­sen Tor ein Erz­engel mit einer Schar Engel steht. Alle wer­den von den Engeln, die für See­len ver­ant­wort­lich sind, hin­un­ter­be­glei­tet, aber nicht alle gehen den­sel­ben Weg. Die Gerech­ten wer­den von Engels­lie­dern beglei­tet nach rechts zur Regi­on des Lich­tes gelei­tet, wo die Gerech­ten seit Anbe­ginn der Welt woh­nen … Sie sehen die immer lächeln­den Ant­lit­ze der Väter und Gerech­ten, wäh­rend sie die Ruhe und das ewi­ge, neue Leben im Him­mel erwar­ten, wel­cher die­ser Regi­on fol­gen wird. Die­sen Ort nen­nen wir den Schoss Abra­hams. Die Unge­rech­ten aber wer­den von den Engeln der Stra­fe zur Lin­ken hin­un­ter­ge­zerrt. Sie gehen nicht frei­wil­lig, son­dern wie Gefan­ge­ne müs­sen sie mit Gewalt getrie­ben wer­den. Die Engel, die ihnen zuge­teilt sind, schel­ten sie und dro­hen ihnen mit ihren schreck­li­chen Gri­mas­sen und sto­ßen sie immer tie­fer. Die­se Engel, die über die­se See­len gesetzt sind, zie­hen sie bis in die Nähe der Höl­le. Wenn sie dann dort sind, hören sie stän­dig den Lärm der Höl­le und ver­spü­ren deren hei­ße Dämp­fe. Wenn sie näher hin­se­hen, erbli­cken sie ein furcht­ba­res und sehr gro­ßes Feu­er, das sie erwar­tet … Dazu kommt noch, dass sie auch den Ort der Väter und der Gerech­ten sehen und dadurch gestraft wer­den, denn es gibt eine tie­fe und wei­te Kluft zwi­schen ihnen, so dass sogar ein Gerech­ter, der Mit­leid mit ihnen hat, die­se Kluft nicht über­schrei­ten kann. Und auch ein Unge­rech­ter, selbst wenn er noch so tap­fer wäre und es ver­su­chen woll­te, die Kluft nicht über­schrei­ten kann.” (The Works of Jose­phus. Trans­la­ted by Wil­liam Wbis­ton [Pea­bo­dy, Ma.: Hendrick­son Publishers, 1987].)

Chris­tus bedien­te sich also einer in der dama­li­gen Zeit ver­brei­te­ten, nicht bibli­schen Vor­stel­lung, um sei­nen Zuhö­rern etwas sehr Wich­ti­ges klar­zu­ma­chen: Nie­mand wird nach sei­nem Besitz, der ja ohne­hin nur eine Leih­ga­be Got­tes ist, ein­ge­schätzt, und der in die­ser Welt Rei­che wird ohne Gott ein­mal arm und elend sein.« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 74–75)

Jesus woll­te den Men­schen in mor­gen­län­di­scher Bil­der­spra­che nicht eine Leh­re zum Zustand der Toten ertei­len oder über die Topo­gra­fie des Jen­seits berich­ten. Er bezog sich viel­mehr auf die dama­li­gen irri­gen Auf­fas­sun­gen bzgl. des Reich­tums und der Ehre, um sein Anlie­gen deut­lich zu machen.

Die eigent­li­che Bot­schaft Jesu

Die Poin­te ergibt sich aus dem Kon­text. Zuvor hat­te Jesus über den „unge­rech­ten Mam­mon“ gespro­chen (Lk 16,9–13). Die geld­gie­ri­gen Pha­ri­sä­er spot­te­ten dar­über, da sie Reich­tum für ein Zei­chen gött­li­chen Segens hiel­ten (Lk 16,14–15).

Das alles hör­ten die Pha­ri­sä­er. Die waren geld­gie­rig und spot­te­ten über ihn. Und er sprach zu ihnen: Ihr seid’s, die ihr euch selbst recht­fer­tigt vor den Men­schen; aber Gott kennt eure Her­zen; denn was hoch ist bei den Men­schen, das ist ein Greu­el vor Gott.” (Lk 16,14.15)

Jesus ver­an­schau­lich­te in sei­nem anschlie­ßen­den Gleich­nis, wie Gott den selbst­süch­ti­gen Rei­chen wirk­lich ansieht: Er wird ver­wor­fen, wäh­rend der Arme in Got­tes Gunst ange­nom­men wird. Durch die­se Dar­stel­lung ver­mit­tel­te Jesus sei­nen Zuhö­rern den Begriff der aus­glei­chen­den Gerech­tig­keit Got­tes in einem künf­ti­gen Gericht – ganz nach dem Prin­zip: Die Letz­ten wer­den die Ers­ten sein; Gott wird jedem geben nach sei­nen Wer­ken.

Zugleich ent­hielt das Gleich­nis die Leh­re, dass es nur eine begrenz­te Gna­den­zeit gibt, das heißt eine Zeit, in der man sich bekeh­ren kann: die­ses Leben. Nach dem Tode besteht kei­ne Bekeh­rungs­mög­lich­keit mehr. Daher nutzt Jesus das Bild von der unüber­wind­ba­ren Kluft. Im Hebrä­er­brief wird die­ser Sach­ver­halt fol­gen­der­ma­ßen auf den Punkt gebracht:

Und wie den Men­schen gesetzt ist, ein­mal zu ster­ben, dar­nach aber das Gericht.” (Hebr 9,27).

Die Ver­stockt­heit der Zuhö­rer

Wer den kla­ren Wor­ten der Schrift nicht glaubt, wür­de auch einem auf­er­stan­de­nen Toten kei­nen Glau­ben schen­ken (Lk 16,29–31). Jesus woll­te den Pha­ri­sä­ern damit vor Augen füh­ren, wie ver­stockt sie in ihrem Inne­ren bereits waren. Selbst ein gewal­ti­ges Wun­der, wie die Auf­er­we­ckung eines Toten, wür­de sie nicht davon über­zeu­gen, dass sie mit ihrer Lebens­ein­stel­lung falsch lagen.

Die Geschich­te gab der Rea­li­tät recht: Tat­säch­lich bewirk­te die spä­te­re Auf­er­we­ckung des Laza­rus – des ver­stor­be­nen Bru­ders von Maria und Mar­ta – bei den reli­giö­sen Füh­rern nur noch eine tie­fe­re Ableh­nung. Anstatt sich wach­rüt­teln zu las­sen, plan­ten die Pha­ri­sä­er sogar, Jesus zu töten (Joh 11,53; 12,10). Selbst nach der Auf­er­ste­hung Jesu taten sie kei­ne Buße, son­dern ver­such­ten aktiv, die Wahr­heit durch Bestechung und Lügen zu ver­schlei­ern (Mt 28,11–15).

Ergeb­nis: Die Kern­bot­schaf­ten des Gleich­nis­ses

Durch das Gleich­nis soll­te Fol­gen­des ver­deut­licht wer­den:

  • Gött­li­che Maß­stä­be: Gott hat einen völ­lig ande­ren Urteils­maß­stab als die Men­schen.
  • Fal­sche Sicher­heit: Reich­tum bedeu­tet kei­nes­wegs, auto­ma­tisch in der Gunst Got­tes zu ste­hen oder erlöst zu sein.
  • Gerech­ter Aus­gleich: Im Gericht wird die Unge­rech­tig­keit des irdi­schen Lebens aus­ge­gli­chen; die Armen und Unter­drück­ten wer­den getrös­tet wer­den.
  • Ver­ur­tei­lung von Las­tern: Geiz und Hoch­mut wer­den, wie schon in den vor­an­ge­gan­ge­nen Erzäh­lun­gen Jesu, scharf ver­ur­teilt.
  • Dring­lich­keit der Umkehr: Die Freu­den des Reich­tums dau­ern nur sehr kurz an. Nur in die­sem Leben hat der Mensch die Chan­ce, sich zu bekeh­ren. Nach­her ist es zu spät (!!!).

Ergeb­nis: Das Gleich­nis kann nicht als Beweis für einen bewuss­ten Zustand der Toten, eine vor­zei­ti­ge Auf­nah­me in den Him­mel oder die Höl­le oder als topo­gra­fi­sche Beschrei­bung des Jen­seits ver­wen­det wer­den.

Zur Aus­le­gung von Gleich­nis­sen

Eini­ge Aus­le­ger sehen in dem Gleich­nis zusätz­lich eine pro­phe­ti­sche Leh­re über das Volk Isra­el. Dies tut der Tat­sa­che, dass es sich um ein Gleich­nis han­delt, jedoch kei­nen Abbruch. Wenn jeder Aus­le­ger beach­ten wür­de, dass die ein­zel­nen Ele­men­te eines Gleich­nis­ses nicht wört­lich zu neh­men sind, wäre das Wort Got­tes für jeder­mann ver­ständ­li­cher.

Es ist unver­ständ­lich, war­um man­che Aus­le­ger sich einer­seits an die kleins­ten Details die­ses spe­zi­fi­schen Gleich­nis­ses klam­mern, aber ande­rer­seits nie­mals behaup­ten wür­den, dass:

  1. Jesus in Mat­thä­us 13,18 wört­li­che Rat­schlä­ge zur Saat­gut-Tech­nik für Land­wir­te geben woll­te.
  2. Er uns in Mat­thä­us 13,24 anwei­sen woll­te, auf unse­ren Fel­dern tat­säch­lich Unkraut zwi­schen der guten Saat ste­hen zu las­sen.
  3. Das Him­mel­reich in der phy­si­ka­li­schen Rea­li­tät ist ein Senf­korn oder ein Sau­er­teig (Mt 13,31.33).
  4. Es bei den bösen Wein­gärt­nern in Mat­thä­us 21,33 um eine rea­le „skru­pel­lo­se Gang“ von Win­zern geht (wäh­rend fast jeder ver­steht, dass hier das Volk Isra­el gemeint ist).

Ein Gleich­nis beschreibt nicht die stoff­li­che Wirk­lich­keit, son­dern nutzt bild­haf­te Ver­glei­che, die gedeu­tet und auf die geist­li­che Rea­li­tät über­tra­gen wer­den müs­sen! Das gilt für das Gleich­nis vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus genau­so.


Mose und Elia auf dem Verklärungsberg (Mt 17,1–8)

Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jako­bus und Johan­nes, des­sen Bru­der, und führ­te sie allein auf einen hohen Berg. Und er wur­de ver­klärt vor ihnen, und sein Ange­sicht leuch­te­te wie die Son­ne, und sei­ne Klei­der wur­den weiß wie das Licht. Und sie­he, da erschie­nen ihnen Mose und Elia; die rede­ten mit ihm. Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hüt­ten bau­en, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so rede­te, sie­he, da über­schat­te­te sie eine lich­te Wol­ke. Und sie­he, eine Stim­me aus der Wol­ke sprach: Dies ist mein lie­ber Sohn, an dem ich Wohl­ge­fal­len habe; den sollt ihr hören! Als das die Jün­ger hör­ten, fie­len sie auf ihr Ange­sicht und erschra­ken sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rühr­te sie an und sprach: Steht auf und fürch­tet euch nicht! Als sie aber ihre Augen auf­ho­ben, sahen sie nie­mand als Jesus allein.” (Mt 17,1–8)

Wenn die Toten in einem Zustand der Bewusst­lo­sig­keit im Grab ruhen, wie konn­ten Mose und Elia dann Jesus erschei­nen?

Man­che Aus­le­ger gehen davon aus, dass Mose und Elia hier gar nicht in Per­son erschie­nen sind. Die­ses Erleb­nis wird in Mat­thä­us 17,9 als Erschei­nung [grie­chisch: hora­ma] bezeich­net. Das grie­chi­sche Wort hora­ma wird im Neu­en Tes­ta­ment kon­se­quent für Visio­nen oder Gesich­te ver­wen­det (vgl. Apos­tel­ge­schich­te 10,19; 16,9. In Apg 12,9 mein­te Petrus, eine Erschei­nung zu sehen, obwohl es Wirk­lich­keit war. Die­se Rich­tig­stel­lung erfolgt in den ande­ren Bibel­stel­len nicht!). Eine Visi­on ist eine von Gott gewirk­te Dar­stel­lung einer Rea­li­tät, die nicht not­wen­di­ger­wei­se bedeu­tet, dass die dar­ge­stell­ten Per­so­nen lokal und phy­sisch anwe­send sein müs­sen. Gott kann den Jün­gern ledig­lich die Herr­lich­keit des kom­men­den Rei­ches (mit Mose und Elia) gezeigt haben.

Ein wei­te­res Argu­ment ist die sym­bo­li­sche Funk­ti­on von Mose und Elia. In der jüdi­schen Denk­welt reprä­sen­tie­ren sie:

  • Mose: Das Gesetz (Tora)
  • Elia: Die Pro­phe­ten (Neb­bi­im)

Ihr Erschei­nen dient dazu, Jesus als den­je­ni­gen zu bestä­ti­gen, auf den das gesam­te Alte Tes­ta­ment hin­weist. Gott, die Stim­me aus der Wol­ke, sagt: „Dies ist mein lie­ber Sohn […] den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Die­se Wor­te und ähn­li­che Wor­te fin­den wir an ver­schie­de­nen Stel­len, z. B. Lk 9,33; Apg 3,22.23; 7,37. Es wur­de damit die Auto­ri­tät Jesu unter­stri­chen: Er ist das Zen­trum, umge­ben von Mose und Elia (Altes Tes­ta­ment: Gesetz und Pro­phe­ten). Er ist der ver­hei­ße­ne Mes­si­as. Die­se theo­lo­gi­sche Bot­schaft benö­tigt kei­ne „bewuss­ten Geis­ter aus der Toten­welt“, son­dern nutzt die Iden­ti­tät die­ser Män­ner, um Jesu Mes­sia­ni­tät zu beglau­bi­gen.

Es gibt eine wei­te­re Erklä­rungs­mög­lich­keit, die dem bibli­schen Befund gerecht wird. M. Toma­si schreibt dazu:

»Wäh­rend des Betens wur­de das Ange­sicht Jesu ver­klärt (Lukas 9,28.29). Mose und Elia, wel­che erschie­nen, wer­den aus­drück­lich als Män­ner bezeich­net, nicht etwa als Geis­ter. Wie war es mög­lich, dass Mose und Elia auf dem Ver­klä­rungs­berg erschei­nen konn­ten? Mit die­sen bei­den Män­nern hat­te Gott einen ganz beson­de­ren Plan. Mose und Elia stel­len die bei­den Haupt­klas­sen der Erlös­ten dar: Elia, der nicht starb, son­dern direkt in den Him­mel genom­men wur­de (2. Köni­ge 2,11.12), stellt jene Got­tes­kin­der dar, die bis zur Wie­der­kunft Chris­ti am Leben blei­ben und ver­wan­delt wer­den [vgl.1Thess 4,16.17]; Mose aber, der starb, spä­ter jedoch auf­er­weckt wur­de, stellt jene dar, die bei der Wie­der­kunft Chris­ti auf­er­weckt wer­den. Beach­ten wir, dass der Erz­engel Micha­el (Judas 9) mit dem Teu­fel um den Leich­nam Mose ver­han­del­te. Es wird eben­falls die Stim­me des Erz­engels sein, wel­che am Tage der Wie­der­kunft Chris­ti die Ver­stor­be­nen aus den Grä­bern her­vor­ru­fen wird (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4,16).

Mose und Elia sind also bereits erlöst. Sie bil­den eine Aus­nah­me zu den vie­len Gläu­bi­gen, die erst bei Jesu Wie­der­kunft auf­er­ste­hen wer­den. Die­se bei­den Män­ner rede­ten mit Chris­tus über sei­ne bevor­ste­hen­den Lei­den in Jeru­sa­lem (Lukas 9,30.31). Jesus und sei­ne Jün­ger soll­ten für die vor ihnen lie­gen­de Zeit schwe­rer Prü­fung und Anfech­tung gestärkt und ermu­tigt wer­den.« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 77f)

Ergeb­nis:

Elia war nie gestor­ben, son­dern wur­de zu Gott ent­rückt. Der Text in Judas 9, kann so gedeu­tet wer­den, dass Moses eine Son­der­stel­lung ein­ge­nom­men hat und vor­zei­tig erweckt wur­de. Die Mög­lich­keit vor­zei­ti­ger Auf­er­we­ckung ist nicht ohne bibli­schen Prä­ze­denz­fall: Mt 27,52–53 berich­tet von Hei­li­gen, die nach Jesu Auf­er­ste­hung auf­er­weckt wur­den und vie­len erschie­nen. Es kann also auch bei Mose eine Son­der­auf­er­we­ckung vor der all­ge­mei­nen Auf­er­ste­hung bei Jesu Wie­der­kunft gege­ben haben.

Ins­ge­samt ist es pro­ble­ma­tisch, auf­grund der außer­ge­wöhn­li­chen Ver­klä­rung in Mt 17 auf einen gene­rel­len, bewuss­ten Zustand aller Ver­stor­be­nen zu schlie­ßen. Dafür sind ande­re Tex­te, die den Zustand der Toten expli­zit beschrei­ben, viel ein­deu­ti­ger in ihrer Aus­sa­ge, dass im Tod kein Bewusst­sein exis­tiert (sie­he Jes 38,10–11.18–19; Ps 6,6; Ps 115,17; Pred 9,5.6.10).

Die Ver­klä­rung war ein „Fens­ter in die Zukunft“ – eine Demons­tra­ti­on der kom­men­den Herr­lich­keit und der Auf­er­ste­hungs­kraft Got­tes und zur Stär­kung Jesu für sei­nen schwe­ren Weg gedacht und kei­ne Zustands­be­schrei­bung des Toten­reichs.


Die Geister im Gefängnis und die Predigt für die Toten (1Petr 3 & 4)

In die­sem [Geist] ist er [Jesus] auch hin­ge­gan­gen und hat den Geis­tern im Gefäng­nis gepre­digt, die einst unge­hor­sam waren, als die Lang­mut Got­tes in den Tagen Noahs abwar­te­te, wäh­rend die Arche gebaut wur­de, in die weni­ge, das sind acht See­len, durchs Was­ser hin­durch geret­tet wur­den.” (1Petr 3,19–20)

Das befrem­det sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in das­sel­be wüs­te, unor­dent­li­che Trei­ben, und sie läs­tern; aber sie wer­den Rechen­schaft geben müs­sen dem, der bereit ist, zu rich­ten die Leben­den und die Toten. Denn dazu ist auch den Toten das Evan­ge­li­um ver­kün­digt, dass sie zwar nach Men­schen­wei­se gerich­tet wer­den im Fleisch, aber nach Got­tes Wei­se das Leben haben im Geist.” (1Petr 4,4–6)

Wel­che Behaup­tung wird auf­grund die­ser Stel­len oft auf­ge­stellt? Chris­tus soll nach sei­ner Kreu­zi­gung den Geis­tern in der Höl­le – also den Toten – das Evan­ge­li­um gepre­digt haben. Dies besagt auch der zwei­te alt­kirch­li­che Glau­bens­ar­ti­kel: „…nie­der­ge­fah­ren zur Höl­le…“. Auf die­se Wei­se hät­ten die Ver­damm­ten in der soge­nann­ten „Vor­höl­le“ noch eine Gele­gen­heit zur Bekeh­rung erhal­ten. Wäh­rend die meis­ten Pro­tes­tan­ten nicht an eine „Vor­höl­le“ glau­ben, bleibt die Fra­ge: Was ist mit dem Rest der Aus­sa­ge?

Zu den Geis­tern im Gefäng­nis (1Petr 3,19)

Chris­tus hat sich wäh­rend der gesam­ten Erden­ge­schich­te um die Men­schen bemüht. Petrus spricht in sei­nem Brief deut­lich vom Wir­ken des Geis­tes Chris­ti, der bereits durch die Pro­phe­ten in alt­tes­ta­ment­li­cher Zeit wirk­te. Er schreibt:

Nach die­ser Selig­keit haben gesucht und geforscht die Pro­phe­ten, die von der Gna­de geweis­sagt haben, die für euch bestimmt ist, und haben geforscht, auf wel­che und was für eine Zeit der Geist Chris­ti deu­te­te, der in ihnen war und zuvor bezeugt hat die Lei­den, die über Chris­tus kom­men soll­ten, und die Herr­lich­keit danach.” (1Petr 1,10–11)

Der Hebrä­er­brief deu­tet in Kapi­tel 1, Vers 1 dar­auf hin, dass Gott „vor­zei­ten viel­fach und auf vie­ler­lei Wei­se gere­det hat zu den Vätern durch die Pro­phe­ten“. In 1. Korin­ther 10,4 schreibt Pau­lus davon, wie Chris­tus die Men­schen zur Zeit Mose lei­te­te. Des­glei­chen heißt es hier im Petrus­brief: “In ihm [dem Geist] ist er [Jesus] auch hin­ge­gan­gen und hat gepre­digt den Geis­tern im Gefäng­nis, die einst unge­hor­sam waren, als Gott harr­te und Geduld hat­te zur Zeit Noahs…”.

Die Bedeu­tung von „Geist“ (pneu­ma)

Das Wort pneu­ma­ta (Plu­ral) bzw. pneu­ma (Sin­gu­lar) bedeu­tet „Geist“, „Wind“, „Hauch“ oder „Atem“. In der bibli­schen Bil­der­spra­che kann ein Teil für das Gan­ze ste­hen (Syn­ek­do­te); so wer­den Begrif­fe wie „Atem“ oft als Syn­ony­me für eine leben­di­ge Per­son ver­wen­det.

In die­sem Sin­ne wünscht Pau­lus z. B. in 2. Timo­theus 4,22 („Der Herr sei mit dei­nem Geist!“) nicht, dass Gott Timo­theus ledig­lich auf einer abs­trak­ten geis­ti­gen Ebe­ne erreicht, son­dern der Wunsch umfasst Timo­theus als gan­ze Per­son (ähn­lich in 1. Kor 16,18; Gal 6,18; Phil 4,23). Die Gute Nach­richt Bibel über­setzt Gala­ter 6,18 daher tref­fend mit: „…sei mit euch“. In einer Anmer­kung heißt es dort: „Wahr­schein­lich liegt eine hebräi­sche Aus­drucks­wei­se zugrun­de, die mit ‚Geist‘ den gan­zen Men­schen bezeich­net.“

Auch in 1. Johan­nes 4,1 wird die­ser Sprach­ge­brauch deut­lich: „Gelieb­te, glaubt nicht jedem Geist, son­dern prüft die Geis­ter, ob sie aus Gott sind; denn vie­le fal­sche Pro­phe­ten sind in die Welt aus­ge­gan­gen.“ Die „Geis­ter“, die wir prü­fen sol­len, sind kei­ne kör­per­lo­sen Erschei­nun­gen, son­dern Men­schen (Pro­phe­ten). Auch heu­te spre­chen wir noch von „gro­ßen Geis­tern“ oder „Pla­ge­geis­tern“ und mei­nen damit rea­le Per­so­nen.

Es ist rich­tig, dass sich pneu­ma auch auf den Ver­stand bezieht, doch in 1. Petrus 3,19 kann von gan­zen Men­schen aus­ge­gan­gen wer­den, was durch Vers 20 unter­stützt wird:

“… die [“Geis­ter” = Men­schen] einst unge­hor­sam waren, als die Lang­mut Got­tes in den Tagen Noahs abwar­te­te, wäh­rend die Arche gebaut wur­de, in die weni­ge, das sind acht See­len [= acht Men­schen], durchs Was­ser hin­durch geret­tet wur­den.

Wenn die „Geis­ter“ unge­hor­sam waren, meint dies, dass die gan­zen Men­schen damals unge­hor­sam waren. Gott war­te­te in sei­ner Lang­mut nicht auf die Bekeh­rung imma­te­ri­el­ler Geis­ter, son­dern auf die Umkehr der Men­schen aus Fleisch und Blut. Es macht wenig Sinn, im Vers 19 nur von einem imma­te­ri­el­len Teil des Men­schen aus­zu­ge­hen, obwohl in Vers 20 gan­ze Men­schen gemeint sind.

Das „Gefäng­nis“ der Sün­de

Die Men­schen, die vor der Sint­flut leb­ten, waren geis­tig durch die Sün­de gebun­den. Sie woll­ten sich (bis auf acht Per­so­nen) nicht vom Geist Got­tes füh­ren las­sen. Des­halb wer­den sie hier „Geis­ter im Gefäng­nis“ genannt – gemeint ist das Gefäng­nis der Sün­de und des Unglau­bens. Petrus bezeich­net sol­che Men­schen auch an ande­rer Stel­le als „Knech­te der Sünde/des Ver­der­bens“ (2. Petr 2,19).

So wie Chris­tus wäh­rend sei­nes Erden­wir­kens den „Gefan­ge­nen die Frei­heit“ ver­kün­dig­te (Jes 61,1; Lk 4,18), so hat­te er durch sei­nen Geist ver­sucht, die Men­schen der vor­sint­flut­li­chen Welt aus dem Gefäng­nis ihrer Sün­den zu befrei­en.

Noah als Sprach­rohr Chris­ti

Chris­tus wirk­te durch den Geist in den Pro­phe­ten des Alten Tes­ta­ments. Es liegt nahe, dass in die­sem Fall Noah als „Sprach­rohr“ Got­tes dien­te und den Men­schen pre­dig­te. Er hat die Men­schen vor der kom­men­den Sint­flut in Geduld und mit gro­ßer Aus­dau­er gewarnt und wur­de dafür ver­spot­tet. Der Geist, der Noahs Pre­dig­ten inspi­rier­te, war der Geist Chris­ti. Durch den Geist Got­tes pre­dig­te Chris­tus durch Noah den “Geis­tern im Gefäng­nis”.

Das ‘im Geist’ (ἐν ᾧ) zeigt, dass Chris­tus nicht leib­lich, son­dern geist­lich pre­dig­te – durch sein prä­exis­ten­tes Wir­ken im Hei­li­gen Geist, der Noah inspi­rier­te. Das ‘hin­ge­gan­gen’ (πορευθείς) beschreibt sei­ne Mis­si­on, nicht not­wen­di­ger­wei­se eine Rei­se nach sei­nem Tod. Die­se Aus­le­gung har­mo­niert per­fekt mit 1. Petr 1,10–11, wo Petrus bereits eta­bliert hat, dass der Geist Chris­ti in den alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­ten wirk­te.

Petrus weist damit auch die Anschul­di­gung zurück, die Men­schen zur Zeit Noahs hät­ten kei­ne fai­re Chan­ce gehabt. Ihnen wur­de durch Noah, den „Pre­di­ger der Gerech­tig­keit“ (2. Petr 2,5), das Evan­ge­li­um ver­kün­digt. Doch die Men­schen wie­sen es zurück und leb­ten wei­ter nach ihren bösen Taten.

    Zu den Toten (1Petr 4,4–6)

    Um wel­che Toten han­delt es sich hier? Man­che glau­ben, Jesus wür­de den Toten im Jen­seits nach­träg­lich das Evan­ge­li­um ver­kün­den. Dies wider­spricht jedoch:

    1. Den kla­ren Aus­sa­gen über die Bewusst­lo­sig­keit der Toten (Pred 9,5.6.10).
    2. Der Leh­re, dass die Ent­schei­dung für die Erlö­sung im gegen­wär­ti­gen Leben fal­len muss (Hebr 9,27; Lk 16,26–31 – die Kluft; sie­he Erklä­rung dort). Eine Bekeh­rung im Jen­seits ist der Bibel fremd. Viel­mehr gilt für alle Men­schen, dass nach dem Tod nur noch die Auf­er­ste­hung und das Gericht auf sie war­ten.

    Eine nach­träg­li­che Ver­kün­di­gung wäre zudem unnö­tig, da Gott stets durch Pro­phe­ten gewirkt hat und laut Pau­lus selbst die Hei­den durch die Schöp­fung Got­tes Wir­ken erken­nen kön­nen (Röm 1,18ff).

    Erklä­rungs­mög­lich­kei­ten

    Man­che Aus­le­ger mei­nen, es han­de­le sich bei den „Toten“ um „geist­lich Tote“ (tot in Sün­den; vgl. Eph 2,1; Mt 8,22; Kol 2,13). Die­ses wür­de zu ihrem gott­lo­sen Trei­ben pas­sen, das in 1Petr 4,3 erwähnt wird. Es ist jedoch wahr­schein­li­cher, dass es sich um wirk­lich Tote han­delt, da in den Ver­sen 5 und 6 die Toten im Kon­text des Gerich­tes erwähnt wer­den.

    Das Ende des Ver­ses kann auch erklärt wer­den: “damit sie zwar den Men­schen gemäß nach dem Fleisch gerich­tet wer­den, aber Gott gemäß nach dem Geist leben.”. Hier kann “nach dem Fleisch gerich­tet” bedeu­ten, dass sie z. B. von Men­schen getö­tet wur­den (Mär­ty­rer), aber “nach dem Geist leben”, d. h. sie wer­den durch die Auf­er­ste­hung leben.

    Die Erklä­rung, die sich har­mo­nisch in das bibli­sche Gesamt­bild fügt, lau­tet: Denen, die jetzt (zum Zeit­punkt, als Petrus schrieb) tot sind, wur­de das Evan­ge­li­um ver­kün­digt, als sie noch am Leben waren. Ihnen wur­de das Evan­ge­li­um gepre­digt – und nun sind sie ver­stor­ben. Der Text sagt nicht, dass ihnen im Zustand des Todes gepre­digt wur­de, son­dern beschreibt ihre jet­zi­ge Situa­ti­on rück­bli­ckend. Die­ses legt auch die Gram­ma­tik nahe: Der Aorist (“wur­de ver­kün­digt”) kann sich auf eine ver­gan­ge­ne Hand­lung bezie­hen (als sie leb­ten), wäh­rend “Toten” ihren jet­zi­gen Zustand beschreibt.

    Ergeb­nis: Die bei­den Stel­len im Petrus­brief wider­spre­chen nicht den übri­gen Aus­sa­gen der Bibel und zwin­gen auch nicht zur Annah­me, dass Tote im Toten­reich ein Bewusst­sein hät­ten.


    Die Seelen unter dem Altar (Offb 6,9–11)

    Und als es das fünf­te Sie­gel auf­tat, sah ich unten am Altar die See­len derer, die umge­bracht wor­den waren um des Wor­tes Got­tes und um ihres Zeug­nis­ses wil­len. Und sie schrien mit lau­ter Stim­me: Herr, du Hei­li­ger und Wahr­haf­ti­ger, wie lan­ge rich­test du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde woh­nen? Und ihnen wur­de gege­ben einem jeden ein wei­ßes Gewand, und ihnen wur­de gesagt, dass sie ruhen müss­ten noch eine klei­ne Zeit, bis voll­zäh­lig dazu­kä­men ihre Mit­knech­te und Brü­der, die auch noch getö­tet wer­den soll­ten wie sie.” (Offb 6,9–11)

    Beson­ders in der Offen­ba­rung, in der eine Viel­zahl von Sym­bo­len ver­wen­det wird, muss sorg­fäl­tig unter­sucht wer­den, wann wir es mit einem Sym­bol zu tun haben und wann dies nicht der Fall ist. Da stellt sich zunächst die Fra­ge: Schrei­en hier wirk­lich die Mär­ty­rer in der himm­li­schen Selig­keit „mit lau­ter Stim­me“ um Rache?

    Dies wäre mit dem Geist der Mär­ty­rer unver­ein­bar, denn vie­le von ihnen bete­ten – nach dem Vor­bild Jesu (Lk 23,34; Mt 5,44) – aus­drück­lich für ihre Ver­fol­ger. So berich­tet die Apos­tel­ge­schich­te von Ste­pha­nus, wäh­rend er gestei­nigt wur­de:

    Er [Ste­pha­nus] fiel auf die Knie und schrie laut: Herr, rech­ne ihnen die­se Sün­de nicht an! Und als er das gesagt hat­te, ver­schied er.” (Apg 7,60)

    Dies ist ein star­ker Hin­weis dar­auf, dass in der Offen­ba­rung die Mär­ty­rer nicht buch­stäb­lich um Ver­gel­tung rufen, son­dern dass bild­lich etwas ande­res aus­ge­drückt wer­den soll.

    Die Sym­bo­lik des schrei­en­den Unrechts

    Die Rache Got­tes ist nicht mit mensch­li­chem Zorn gleich­zu­set­zen, son­dern beschreibt das Wie­der­her­stel­len von Gerech­tig­keit. Gott weiß in jedem Fall, was den Mär­ty­rern ange­tan wur­de. Wenn Unge­rech­tig­keit geschieht, rufen in der bibli­schen Bil­der­spra­che oft Gegen­stän­de oder Per­so­nen sym­bo­lisch den Herrn an und for­dern Gerech­tig­keit:

    • In Jako­bus 5,4 schreit der vor­ent­hal­te­ne Lohn der betro­ge­nen Arbei­ter zum Him­mel.
    • In 1. Mose 4,10 schreit das Blut Abels vom Erd­bo­den zu Gott.
    • In Haba­kuk 2,11 wird ange­kün­digt, dass Stei­ne in der Mau­er schrei­en und die Bal­ken im Gebälk ihnen ant­wor­ten wer­den.

    Nie­mand wür­de behaup­ten, dass Blut oder Mün­zen buch­stäb­lich Stimm­bän­der besit­zen. Eben­so sym­bo­li­sie­ren die „See­len“ unter dem Altar den Ruf nach Gerech­tig­keit. Dass ihnen wei­ße Gewän­der gege­ben wer­den, ist ein Zei­chen ihrer Recht­fer­ti­gung vor Gott – eine Bestä­ti­gung ihres Glau­bens, noch bevor die phy­si­sche Auf­er­ste­hung statt­fin­det. Noch sol­len sie wei­ter “ruhen”, was wie­der auf die Zwi­schen­pha­se des Schla­fes bis zur Auf­er­ste­hung anspielt. Der Vers 11 zeigt auch an, dass die Heils­ge­schich­te noch nicht zum Abschluss gekom­men ist, denn es wird noch wei­te­re Mär­ty­rer geben.

    Den­noch haben die Mär­ty­rer ihren end­gül­ti­gen Lohn, das ewi­ge Leben, noch nicht erhal­ten. Die Bibel lehrt kon­se­quent, dass die­ser erst bei der Wie­der­kunft Chris­ti und der damit ver­bun­de­nen Auf­er­ste­hung ver­lie­hen wird (Hebr 11,32–40; 1. Kor 15,35ff).

    Der Altar und das Blut

    Dass es hier um eine Fra­ge der Gerech­tig­keit und des Opfers geht, wird durch den Ort ver­deut­licht: „unter dem Altar“. Die­ser Altar erin­nert an den Brand­op­fer­al­tar im hebräi­schen Hei­lig­tum des Alten Tes­ta­ments. In 3. Mose 4,7 lesen wir, dass das Blut der Opfer­tie­re an den Fuß (die Basis) des Altars gegos­sen wur­de. Da das Leben (die See­le) im Blut ist (3. Mo 17,11), ist das Bild der „See­len unter dem Altar“ eine direk­te Anspie­lung auf das ver­gos­se­ne Blut der Zeu­gen Jesu, das am Boden des himm­li­schen Gerichts­ho­fes bild­lich um Gerech­tig­keit „schreit“.

    Toma­si merkt fer­ner an: »Wer meint, es hand­le sich wirk­lich um See­len Ver­stor­be­ner, die um Rache schrei­en, über­le­ge fol­gen­des: Wenn die Mär­ty­rer im Him­mel wären und ihre gott­lo­sen Ver­fol­ger in der Höl­le, wie­so dann noch um Rache schrei­en?« (M. Toma­si, Gereim­tes und Unge­reim­tes über Tod und Auf­er­ste­hung, Him­mel und Höl­le, VCL, Gisi­kon (Schweiz), 1993, S. 81)

    Ergeb­nis:

    Der Text in der Offen­ba­rung bedient sich einer hoch­gra­dig sym­bo­li­schen Spra­che, die – ähn­lich wie bei den Gleich­nis­sen – nicht wört­lich zu ver­ste­hen ist. Eine wört­li­che Deu­tung wür­de zu absur­den Vor­stel­lun­gen füh­ren (wie beim spre­chen­den Blut Abels).

    Die Aus­le­gung der Bibel bleibt har­mo­nisch, wenn man die­se Sym­bo­le als lite­ra­ri­sches Mit­tel für Got­tes unfehl­ba­res Gedächt­nis und sein Ver­spre­chen auf zukünf­ti­ge Gerech­tig­keit ver­steht. Es ist nicht not­wen­dig, eine See­len­leh­re ein­zu­füh­ren, nach der bewuss­te Geis­ter im Him­mel nach Ver­gel­tung rufen. Eine wört­li­che Deu­tung wür­de zudem zu Span­nun­gen mit ande­ren Tex­ten füh­ren, die den Tod als bewusst­lo­sen Zustand beschrei­ben (Pred 9,5; Ps 115,17).


    Ob lebendig oder tot … (1Thes 5,9.10)

    Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, son­dern dazu, das Heil zu erlan­gen durch unsern Herrn Jesus Chris­tus, der für uns gestor­ben ist, damit wir, ob wir wachen oder schla­fen, zusam­men mit ihm leben.” (1Thess 5,9.10)

    Man­che ver­su­chen mit die­ser Bibel­stel­le zu bewei­sen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusam­men­le­ben. Dazu fas­sen sie die Aus­drü­cke “wachen” und “schla­fen” als “leben­dig sein” und “tot sein” auf, was durch­aus legi­tim erscheint. Eine ande­re Inter­pre­ta­ti­on (wört­lich oder über­tra­gen auf den geis­ti­gen Zustand) macht an die­ser Stel­le wenig Sinn.

    Man­che ver­su­chen mit die­ser Bibel­stel­le zu bewei­sen, dass die Toten schon jetzt mit Jesus zusam­men­le­ben. Dazu fas­sen sie die Aus­drü­cke „wachen“ und „schla­fen“ als „leben­dig sein“ und „tot sein“ auf, was im bibli­schen Sprach­ge­brauch durch­aus legi­tim ist.

    Den­noch kann der Text nicht so inter­pre­tiert wer­den, wie die Anhän­ger der Leh­re von der unsterb­li­chen See­le behaup­ten (näm­lich dass die Gerech­ten direkt nach dem Tod zum Herrn kämen).

    Der Kon­text: 1. Thes­sa­lo­ni­cher 4

    Die­se Inter­pre­ta­ti­on wider­spricht mas­siv den Wor­ten Pau­li, die er nur weni­ge Zei­len zuvor nie­der­schrieb. Nur 12 Ver­se vor der frag­li­chen Stel­le erklär­te er näm­lich den Ablauf von Auf­er­ste­hung und Ent­rü­ckung:

    Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stim­me des Erz­engels und die Posau­ne Got­tes erschal­len, her­ab­kom­men vom Him­mel, und zuerst wer­den die Toten, die in Chris­tus gestor­ben sind, auf­er­ste­hen. Danach wer­den wir, die wir leben und übrig­blei­ben, zugleich mit ihnen ent­rückt wer­den auf den Wol­ken in die Luft, dem Herrn ent­ge­gen; und so wer­den wir bei dem Herrn sein alle­zeit.” (1Thes 4,16.17)

    Pau­lus legt hier unmiss­ver­ständ­lich fest, wann und wie wir „beim Herrn sein“ wer­den:

    1. Der Herr kommt her­ab.
    2. Die Toten ste­hen auf.
    3. Die Leben­den wer­den gemein­sam mit ihnen ent­rückt.

    Erst ab die­sem Zeit­punkt – der Wie­der­kunft – gilt das „alle­zeit beim Herrn sein“. Wür­den die Toten bereits bei ihm leben, wäre die detail­lier­te Beschrei­bung der Auf­er­ste­hung und der gemein­sa­men Ent­rü­ckung in Kapi­tel 4 völ­lig über­flüs­sig. Der Aus­druck “alle­zeit beim Herrn sein” beginnt expli­zit nach der Ent­rü­ckung. Wenn die Toten bereits bei ihm wären, wäre “alle­zeit” ab die­sem Zeit­punkt eine merk­wür­di­ge For­mu­lie­rung.

    Die­se Rei­hen­fol­ge deckt sich exakt mit der Ver­hei­ßung Jesu:

    Und wenn ich hin­ge­he, euch die Stät­te zu berei­ten, will ich wie­der­kom­men und euch zu mir neh­men, damit ihr seid, wo ich bin.” (Joh 14,3)

    Jesus ver­spricht nicht, dass er uns im Moment des Todes „abholt“, son­dern dass er wie­der­kommt, um uns kol­lek­tiv zu sich zu neh­men.

    Es kann nicht sein, dass Pau­lus ein­mal sagt, dass wir, nach­dem der Herr gekom­men ist und uns auf­er­weckt bzw. ver­wan­delt hat, mit ihm zusam­men­le­ben wer­den, und dann kurz dar­auf sagt, dass wir, egal ob tot oder leben­dig, schon jetzt mit ihm zusam­men­le­ben.

    Die trös­ten­de Absicht des Pau­lus

    Pau­lus schließt in 1. Thes­sa­lo­ni­cher 5,9–10 inhalt­lich direkt an sei­ne trös­ten­den Wor­te aus Kapi­tel 4,13–18 an. Die Gläu­bi­gen in Thes­sa­lo­nich waren beküm­mert, weil eini­ge aus ihrer Mit­te gestor­ben waren, bevor der Herr wie­der­ge­kom­men war. Sie befürch­te­ten offen­bar, die Ver­stor­be­nen könn­ten einen Nach­teil haben.

    Gera­de die­se Sor­ge zeigt deut­lich, dass die Idee, Ver­stor­be­ne wür­den sofort in die himm­li­sche Herr­lich­keit ein­ge­hen, zur Zeit der Apos­tel nicht ver­brei­tet war. Wäre dies die Leh­re des Pau­lus gewe­sen, hät­te er die Thes­sa­lo­ni­cher ein­fach damit getrös­tet, dass ihre Ange­hö­ri­gen bereits im Him­mel sind. Statt­des­sen trös­tet er sie mit der Hoff­nung der Auf­er­ste­hung und der Ver­ei­ni­gung aller Erlös­ten mit dem Herrn.

    In Kapi­tel 5 bekräf­tigt er dies: Es besteht kein Unter­schied im End­ziel. Ob wir „wachen“ (beim Kom­men Jesu noch leben) oder „schla­fen“ (vor­her gestor­ben sind) – das Ergeb­nis ist das­sel­be: Wir wer­den gemein­sam mit ihm leben. Das „Zusam­men­le­ben“ ist das Resul­tat des Heils­pla­nes, der bei der Wie­der­kunft voll­endet wird.

    Die Über­set­zung Hoff­nung für alle hat die­sen Sinn tref­fend erfasst:

    Chris­tus ist für uns gestor­ben, damit wir – ganz gleich, ob wir nun leben oder schon gestor­ben sind – mit ihm ewig leben. Ver­gesst das nicht, und erin­nert euch gegen­sei­tig dar­an. So wer­det ihr ein­an­der ermu­ti­gen und trös­ten, wie ihr es ja auch bis­her getan habt.

    Ergeb­nis:

    Es ist exege­tisch unzu­läs­sig, den Satz­teil „damit wir […] mit ihm leben“ so zu deu­ten, dass die Toten schon jetzt bei Bewusst­sein beim Herrn sind. Eine sol­che Deu­tung wür­de den unmit­tel­ba­ren Kon­text (1. Thess 4,16–17) und die kla­ren Wor­te Jesu (Joh 14,3) völ­lig igno­rie­ren. Pau­lus betont hier die Gleich­ran­gig­keit von Leben­den und Toten beim kom­men­den Erlö­sungs­er­eig­nis.


    Christus, Herrscher über die Toten und Lebenden (Röm 14,8.9)

    Denn sei es auch, dass wir leben, wir leben dem Herrn; und sei es, dass wir ster­ben, wir ster­ben dem Herrn. Und sei es nun, dass wir leben, sei es auch, dass wir ster­ben, wir sind des Herrn. Denn hier­zu ist Chris­tus gestor­ben und <wie­der> leben­dig gewor­den, dass er herr­sche sowohl über Tote als auch über Leben­de”. (Röm 14,8.9)

    Pau­lus geht es hier pri­mär dar­um, dass Jesus unser Herr in allen Lebens­la­gen ist und wir durch ihn eine neue Iden­ti­tät haben. Alles, was den Gläu­bi­gen wider­fährt, geschieht fort­an „im Herrn“ (vgl. 2. Kor 5,15; Gal 2,20).

    Was bedeu­tet es, „im Herrn“ zu ster­ben?

    „Im Herrn“ zu ster­ben bedeu­tet nicht, nach dem Tod sofort in einem bewuss­ten Zustand beim Herrn zu sein. Es bedeu­tet viel­mehr, im Glau­ben an ihn und in der siche­ren Hoff­nung auf die Auf­er­ste­hung aus dem Leben zu schei­den. Wer in die­ser Ver­bin­dung zu Chris­tus stirbt, bleibt in sei­nem „Besitz“. Der Tod löst das Treue­ver­hält­nis zwi­schen dem Schöp­fer und sei­nem Geschöpf nicht auf.

    Die Herr­schaft über die Toten

    Dass Chris­tus der Herr über die Toten ist, bedeu­tet nicht, dass er über Wesen herrscht, die ihm im Jen­seits ant­wor­ten oder die­nen. Es bedeu­tet, dass er die Voll­macht über sie besitzt:

    • Der Schlüs­sel-Besitz: Jesus sagt von sich: „Ich habe die Schlüs­sel des Todes und des Toten­reichs“ (Offb 1,18). Er allein hat die Auto­ri­tät, die „Gefäng­nis­tü­ren“ des Gra­bes zu öff­nen.
    • Die Ent­schei­dungs­ge­walt: Da er für uns gestor­ben und auf­er­stan­den ist, liegt das Urteil über das ewi­ge Leben allein bei ihm (Joh 10,28). Sei­ne Herr­schaft über die Toten zeigt sich dar­in, dass sie sei­nem Ruf zur Auf­er­ste­hung fol­gen müs­sen (Joh 5,28–29).

    Es spielt für die Macht Chris­ti also kei­ne Rol­le, ob ein Mensch gera­de bio­lo­gisch exis­tiert oder im Grab ruht – er bleibt der recht­mä­ßi­ge Herr, der über ihre zukünf­ti­ge Exis­tenz ent­schei­det.

    Ergeb­nis:

    Der Kon­text von Römer 14 behan­delt ethi­sche Streit­fra­gen unter Geschwis­tern, nicht die Escha­to­lo­gie. Pau­lus argu­men­tiert hier für gegen­sei­ti­ge Annah­me, weil Chris­tus unser gemein­sa­mer Herr ist – die Ver­se die­nen also einem seel­sor­ger­li­chen, nicht einem lehr­mä­ßi­gen Zweck bezüg­lich des Zwi­schen­zu­stands.
    Die Aus­sa­ge, dass Chris­tus der Herr­scher über die Toten ist, bezieht sich auf sei­ne Voll­macht zur Auf­er­we­ckung und sei­nen Rechts­an­spruch auf die Erlös­ten. Der Text ist als „Beweis“ für ein sofor­ti­ges Leben nach dem Tod untaug­lich, da er die recht­li­che Stel­lung Jesu beschreibt und nicht den Bewusst­seins­zu­stand der Ver­stor­be­nen.


    Gott der Lebenden (Lk 20,38)

    Dass aber die Toten auf­er­weckt wer­den, hat auch Mose beim Dorn­busch ange­deu­tet, wenn er den Herrn »den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,37.38)

    Besagt der Satz „Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.“, dass die Toten bereits jetzt im Para­dies oder in der Höl­le exis­tie­ren? Bemer­kens­wert: Mat­thä­us und Mar­kus ver­zich­ten auf den Teil “denn für ihn leben alle.” – Um das zu klä­ren, muss man das Ziel der Argu­men­ta­ti­on Jesu betrach­ten.

    Der Hin­ter­grund: Die Pro­vo­ka­ti­on der Sad­du­zä­er

    Die Sad­du­zä­er, eine jüdi­sche Par­tei, die vom hel­le­nis­ti­schen Den­ken beein­flusst war und als eine Par­tei von aus­ge­spro­che­nen Ratio­na­lis­ten betrach­tet wer­den könn­te, glaub­ten weder an eine leib­li­che Auf­er­ste­hung der Toten (Mt 22,23; Apg 4,1f) noch an Wesen wie Engel oder Geis­ter (Apg 23,8). Sie wider­spra­chen der Leh­re Jesu und der Leh­re der Pha­ri­sä­er in die­sen Punk­ten.

    Die Sad­du­zä­er waren Ratio­na­lis­ten, die weder an die leib­li­che Auf­er­ste­hung noch an Engel oder Geis­ter glaub­ten (Mt 22,23; Apg 23,8). Damit wider­spra­chen sie der Leh­re Jesu und der Leh­re der Pha­ri­sä­er in die­sen Punk­ten. In Lukas 20 ver­such­ten sie, Jesus mit einer Fang­fra­ge über eine Frau, die nach­ein­an­der mit sie­ben Brü­dern ver­hei­ra­tet war, in die Enge zu trei­ben. Ihr Ziel war es, die Auf­er­ste­hung als logisch absurd dar­zu­stel­len.

    Jesus aber ent­geg­net ihnen:

    … Die Söh­ne die­ser Welt hei­ra­ten und wer­den ver­hei­ra­tet; die aber, die für wür­dig gehal­ten wer­den, jener Welt teil­haf­tig zu sein und der Auf­er­ste­hung aus den Toten, hei­ra­ten nicht, noch wer­den sie ver­hei­ra­tet; denn sie kön­nen auch nicht mehr ster­ben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söh­ne Got­tes, da sie Söh­ne der Auf­er­ste­hung sind. Dass aber die Toten auf­er­weckt wer­den, hat auch Mose beim Dorn­busch ange­deu­tet, wenn er den Herrn »den Gott Abra­hams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs« nennt. Er ist aber nicht Gott der Toten, son­dern der Leben­den; denn für ihn leben alle.” (Lk 20,34–38)

    Jesus ant­wor­tet zwei­stu­fig:

    1. Vers 34–36: Er erklärt, dass die Bedin­gun­gen der künf­ti­gen Welt (kein Hei­ra­ten, kei­ne Sterb­lich­keit) nicht mit der jet­zi­gen Welt ver­gleich­bar sind.
    2. Vers 37–38: Er beweist die Not­wen­dig­keit der Auf­er­ste­hung anhand der Schrif­ten des Mose, die die Sad­du­zä­er als ein­zi­ge Auto­ri­tät aner­kann­ten. Die Sad­du­zä­er irren sich und “ken­nen die Schrift nicht” (Dan 12,2, vgl. Mt 22,29; Mk 12,24).

    Jesus argu­men­tiert: Wenn Gott sich Jahr­hun­der­te nach dem Tod der Patri­ar­chen immer noch als „der Gott Abra­hams“ bezeich­net (2. Mo 3,6), dann steht er immer noch in einer Bun­des­be­zie­hung zu ihnen. Gott hat den Men­schen die Auf­er­ste­hung ver­hei­ßen, und Abra­ham starb in der Erwar­tung der Auf­er­ste­hung (Heb 11,10). Wäre der Tod das end­gül­ti­ge Aus­lö­schen der Exis­tenz – wie die Sad­du­zä­er glaub­ten –, dann wäre Gott der Gott von „Nichts“. Er wäre ein Gott von Toten, von Staub und Asche. Er ist aber „ein Gott der Leben­den“!

    Aber da er der „Gott der Leben­den“ ist, müs­sen die­se Män­ner auf­er­ste­hen. Ihre Exis­tenz ist in Got­tes Gedächt­nis und in sei­nem Plan so sicher garan­tiert, dass sie aus sei­ner Per­spek­ti­ve bereits „leben“.

    Die gött­li­che Per­spek­ti­ve („…denn für ihn leben alle“)

    Dass für Gott alle leben, liegt an sei­nem Wesen und sei­nem Ver­hält­nis zur Zeit:

    • Got­tes Zeit­lo­sig­keit: Für einen ewi­gen Gott ist der Zeit­raum zwi­schen Tod und Auf­er­ste­hung unbe­deu­tend. „Tau­send Jah­re sind vor dir wie der Tag, der ges­tern ver­gan­gen ist“ (Ps 90,4).
    • Die Garan­tie der Auf­er­ste­hung: Weil die Auf­er­ste­hung so sicher ist wie Got­tes Wort, spricht Gott von Din­gen, die noch nicht sind, als wären sie schon da (vgl. Röm 4,17).
    • Kein end­gül­ti­ger Ver­lust: Die Toten sind für uns „weg“, aber für Gott sind sie im „Todes­schlaf“ abruf­be­reit. Sie sind nicht im Nichts ver­lo­ren, son­dern in sei­ner Hand bewahrt.

    Die­se Aus­sa­ge Jesu beschreibt also nicht den Ort oder das Bewusst­sein der Toten, son­dern ihre Ver­füg­bar­keit für Gott. Sie leben „für ihn“, weil er sie jeder­zeit wie­der ins Dasein rufen kann und wird. Auch ande­re Äuße­run­gen, wie z. B.

    Ich bin die Auf­er­ste­hung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.” (Joh 11,25–26)

    kon­tras­tie­ren Leben und Tod. Hier wird das “leben” klar auf die zukünf­ti­ge Auf­er­ste­hung bezo­gen, nicht auf einen bewuss­ten Zwi­schen­zu­stand. Im semi­ti­schen Den­ken wird oft in Gegen­satz­paa­ren argu­men­tiert. “Gott der Leben­den, nicht der Toten” ist ein sol­ches Paar. Es bedeu­tet: Gott ist nicht ein Gott, des­sen Volk end­gül­tig im Tod bleibt, son­dern ein Gott, der sein Volk zum Leben erweckt.

    Jesus nennt die Auf­er­stan­de­nen “Söh­ne der Auf­er­ste­hung” (Vers 36). Die­ses ist bedeu­tungs­voll:

    • Ihre Iden­ti­tät ist durch die Auf­er­ste­hung defi­niert.
    • Die Auf­er­ste­hung ist das ent­schei­den­de Ereig­nis, das sie zu dem macht, was sie sein wer­den.
    • Wären sie bereits jetzt bewusst im Para­dies, wäre “Söh­ne der Auf­er­ste­hung” eine merk­wür­di­ge Bezeich­nung.

    Ergeb­nis:

    Es geht Jesus hier nicht dar­um, wie genau der “Schlaf-Zustand” der Toten aus­sieht, son­dern um die Tat­sa­che der Auf­er­ste­hung der Toten, die die Sad­du­zä­er leug­ne­ten und auch Pau­lus ver­tei­di­gen muss­te (1Kor 15,12f). Ande­re Stel­len spre­chen deut­li­cher über den Zustand der Toten (s. oben). Jesus sagt hier jedoch nichts dar­über, son­dern beschränkt sich auf die Auf­er­ste­hung (sie­he Vers 37a!).

    Es geht Jesus hier nicht um den Zustand der Toten (ob sie schla­fen oder wachen), son­dern um die Tat­sa­che der Auf­er­ste­hung. Die Sad­du­zä­er leug­ne­ten, dass die Toten jemals wie­der­kom­men. Auch Pau­lus muss­te spä­ter die Auf­er­ste­hung ver­tei­di­gen (1Kor 15,12f). Jesus ent­geg­net hier: Gott ist ein Gott der Leben­den – des­halb ist die Auf­er­ste­hung gewiss. Wür­de man Vers 38 als Beweis für ein bewuss­tes Leben nach dem Tod miss­brau­chen, wür­de man Jesus unter­stel­len, er hät­te die Auf­er­ste­hung (die er in Vers 37 expli­zit als The­ma nennt) gera­de weg­ar­gu­men­tiert. Denn wenn sie schon leb­ten, bräuch­ten sie kei­ne Auf­er­we­ckung mehr.


    Die erschrockenen Toten (Jes 14,8–9)

    Auch freu­en sich die Zypres­sen über dich und die Zedern auf dem Liba­non und sagen: »Seit du daliegst, kommt nie­mand her­auf, der uns abhaut.« Das Toten­reich drun­ten erzit­tert vor dir, wenn du nun kommst. Es schreckt auf vor dir die Toten, alle Gewal­ti­gen der Welt, und lässt alle Köni­ge der Völ­ker von ihren Thro­nen auf­ste­hen” (Jes 14,8–9)

    Erklä­rung:

    Um die­sen Text zu ver­ste­hen, muss man die Gat­tung beach­ten: Jesa­ja 14 ist ein Spott­lied (Maschal) auf den König von Baby­lon (der hier typo­lo­gisch auch als Luzifer/Satan gedeu­tet wird). Der Pro­phet nutzt eine leb­haf­te, mor­gen­län­di­sche Bil­der­spra­che, um den tie­fen Fall des stol­zen Herr­schers zu illus­trie­ren.

    Dass es sich um rei­ne Sym­bo­lik han­delt, wird bereits in Vers 8 deut­lich: Bäu­me spre­chen. In der Bibel fin­den wir die­se Per­so­ni­fi­zie­rung leb­lo­ser Objek­te oder Pflan­zen häu­fig:

    • Das Blut Abels schreit von der Erde (1. Mo 4,10).
    • Die Bäu­me des Fel­des klat­schen in die Hän­de (Jes 55,12).
    • Stei­ne wür­den schrei­en, wenn die Jün­ger schwie­gen (Lk 19,40).

    Die Bot­schaft des Bil­des

    Wenn Jesa­ja beschreibt, wie das Toten­reich (Scheol) erzit­tert und Köni­ge von ihren Schat­ten-Thro­nen auf­ste­hen, dann dient dies dazu, die tota­le Ent­mach­tung des Tyran­nen zu zei­gen. Er, der die Welt erzit­tern ließ, liegt nun hilf­los im Staub. Die „Schat­ten“ der Köni­ge begrü­ßen ihn mit Spott: „Auch du bist schwach gewor­den wie wir!“ (Vers 10). Dies ist ein Bild der Gleich­heit im Tod, nicht der bewuss­ten Akti­vi­tät, und passt zum Ver­ständ­nis des Scheol (שְׁאוֹל) als all­ge­mei­ner Begriff für das Toten­reich – der Ort, an dem alle Toten hin­ge­hen, ob gerecht oder unge­recht (vgl. Gen 37,35; Ps 89,48).

    Nie­mand käme auf die Idee, dass Bäu­me buch­stäb­lich reden. Eben­so wenig kann man aus die­sem Spott­lied ablei­ten, dass die Toten im Grab auf Thro­nen sit­zen und Emp­fangs­ko­mi­tees für Neu­an­kömm­lin­ge bil­den. Wür­de man den Text wört­lich neh­men, müss­te man auch akzep­tie­ren, dass dort unten Maden das Lager des Königs bil­den und Wür­mer sei­ne Decke sind (Vers 11) – ein Bild für die Ver­we­sung, nicht für ein bewuss­tes Leben im Jen­seits.

    Das ‘Erzit­tern des Scheol’ in Jes 14,9 ist also poe­ti­sche Per­so­ni­fi­ka­ti­on des Toten­reichs selbst, nicht eine Beschrei­bung bewuss­ter Toter. Jesa­ja 13–23 beinhal­ten Ora­kel gegen Völ­ker, Köni­ge und Städ­te. Die Tex­te sind durch­weg poe­tisch-pro­phe­tisch gestal­tet und nut­zen hyper­bo­li­sche Spra­che (z.B. Jes 13,10: ‘Die Ster­ne las­sen ihr Licht nicht leuch­ten’; Jes 34,4: ‘Der Him­mel wird zusam­men­ge­rollt wie eine Buchrol­le’). Es ist nicht plau­si­bel, war­um aus­ge­rech­net Kapi­tel 14 wört­lich zu ver­ste­hen sei.

    Das Pro­blem wört­li­cher Aus­le­gung

    Das popu­lärs­te Bei­spiel für die Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on sol­cher Bil­der­spra­che ist die Erzäh­lung vom rei­chen Mann und dem armen Laza­rus (Lk 16,19ff). Auch dort wer­den Sym­bo­le (Schoß Abra­hams, Was­ser auf der Zun­gen­spit­ze, eine unüber­wind­ba­re Kluft) oft fälsch­li­cher­wei­se wort­wört­lich und als topo­gra­fi­sche Beschrei­bung des Jen­seits miss­ver­stan­den, anstatt die eigent­li­che mora­li­sche Lek­ti­on des Gleich­nis­ses zu suchen (sie­he dort für wei­te­re Aus­füh­run­gen).


    Zusammenfassung

    Alle Bibel­stel­len, die doch eine bewuss­te Exis­tenz der Toten anmu­ten las­sen, kön­nen alter­na­tiv aus­ge­legt wer­den, sodass ein har­mo­ni­sches, bibli­sches Bild ent­steht.

    Lut­zer und ande­re äußern sich nicht nur zum Zustand der Toten, son­dern auch zur Höl­le. Ihre Gedan­ken sind im fol­gen­den Abschnitt wie­der­ge­ge­ben. Dar­auf soll im nächs­ten Teil ein­ge­gan­gen wer­den.

    » Wei­ter zur Ver­tei­di­gung der Ergeb­nis­se bzgl. der Höl­le



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