Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Propheten und ihre Aufgaben
Prophetische Botschaften und Inspiration
Falsche Propheten
1. Eintritt der Voraussage des Propheten
2. Aussage des Propheten und biblische Aussagen
3. Lebensstil des Propheten
4. Steht Christus im Mittelpunkt?
5. Verschiedene Aspekte
Einleitung
| “Gott der HERR tut nichts, er offenbarte denn seinen Ratschluss seinen Knechten, den Propheten.” (Amos 3,7) |
| “Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.” (2Pet 1,19) |

Als Schöpfer des Himmels und der Erde behält sich Gott das Recht vor, souverän zu handeln und Herr seiner Geheimnisse zu sein. Dennoch hat er im Laufe der Geschichte die wichtigsten Stationen der Erlösung seines Volkes seinen Knechten, den Propheten, kundgetan. So wurde bereits im Alten Testament jedes für Israel bedeutungsträchtige Ereignis vor seinem Eintreten vorhergesagt (z. B. 1Mo 3,15 – Verheißung des Messias; 1Mo 15,13 – Ägyptische Gefangenschaft; Jes 44,28ff – Befreiung Israels aus der babylonischen Gefangenschaft durch Kyrus etc.).
Diese Vorhersagen erfüllten den Zweck, das Volk in schwerer Zeit zu trösten, ihm Hoffnung zu geben und es auf wichtige Geschehnisse vorzubereiten. Zudem offenbaren sie Gott als den allmächtigen Herrscher, der die irdischen Geschicke lenkt. Jesus spricht in diesem Zusammenhang in Johannes 14,29 noch einen weiteren Aspekt an:
| Und jetzt habe ich’s euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird. |
Propheten und ihre Aufgaben
Die Botschaften Gottes wurden durch Propheten an das Volk übermittelt. Das hebräische Wort für Prophet, nabî, bedeutet „der von Gott Berufene“ (siehe Jes 6,8f; Jer 1,5; Hes 2,3ff; Am 7,15 etc.). Ein Prophet in alttestamentlicher Zeit war ein Repräsentant Gottes für seine Kinder auf Erden.
Während die Priester vorrangig mit der zeremoniellen Seite des Tempeldienstes – also der rituellen Aufrechterhaltung der Beziehung zu Gott – beschäftigt waren, war es die Aufgabe der Propheten, das Volk über die Prinzipien eines gerechten Lebens sowie über geistliche, ethische und moralische Pflichten zu lehren. Sie sollten beraten, ermahnen, warnen und über die Zukunft aufklären.
Bei Mose, dem größten Propheten (siehe 5Mo 18,15), spielte die Zukunftsschau eine eher untergeordnete Rolle. Interessanterweise wurde das Buch Daniel, das einige der bedeutendsten prophetischen Visionen der Heiligen Schrift enthält, von den Juden im Kanon nicht zu den „Propheten“ (Nevi’im), sondern zu den „Schriften“ (Ketuvim) gezählt. Maßgebend für die jüdische Einteilung der Schrift scheint primär das Amt des Verfassers zu sein. Da Daniel hauptsächlich ein Staatsamt am Hof der babylonischen Könige innehatte und nicht wie Jesaja oder Hosea sein Leben ausschließlich dem prophetischen Dienst widmete, erscheint er in dieser spezifischen Liste nicht.
Nach der Berufung wurde dem Propheten die Pflicht auferlegt, über das Haus Israel zu wachen (siehe Hes 33,7). Der Prophet wurde dafür von Gott selbst zur Rechenschaft gezogen (siehe Hes 33,3.6). Andererseits sind auch die Hörer für die Umsetzung der Botschaft persönlich verantwortlich (siehe Hes 3,17–21; 18,25–32). Wie entscheidend dies ist, zeigt die Tatsache, dass die Ablehnung der prophetischen Botschaft Israel oft in tiefe Krisen stürzte (siehe Mt 23,37f).
Prophetische Botschaften und Inspiration
Die Visionen erreichten den Propheten im Traum (siehe 4Mo 12,6; Hes 1,1; Dan 8,2; Mt 1,19) oder wurden direkt als hörbare Stimme vernommen (siehe 4Mo 12,8f; 1Sam 3,4). Die Worte wurden dem Propheten dabei nicht diktiert. Vielmehr wurde der Kern der Botschaft unter dem Einfluss des Heiligen Geistes aufgenommen und mit den eigenen Worten und der individuellen Persönlichkeit des Propheten formuliert (siehe Hes 10,1; Offb 4,1).
Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Visionen vom Thron Gottes bei Johannes und Hesekiel unterscheiden, obwohl ihnen dieselbe Offenbarung zugrunde liegt (siehe Hes 1; Offb 4). Wären die Botschaften wortwörtlich diktiert worden, müsste man eine identische, objektive Darstellung erwarten. Es sind also nicht primär die Wörter inspiriert, sondern die Person, die die Botschaft empfängt. Inspiration bedeutet, dass der Mensch unter der Wirkung des Heiligen Geistes mit göttlichen Gedanken erfüllt wird.
Der Prophet verstand nicht immer sofort die volle Bedeutung der Nachricht und bat Gott mitunter um Erleuchtung (siehe Dan 8,27; 12,8f; 1Pet 1,10f). Ein echter Prophet lehrte durch den Heiligen Geist (siehe 2Pet 1,20f; 1Kö 22,24; Neh 9,30; Hes 11,5; Joel 3,1; Micha 3,8; Sach 7,12). Die verkündigte Botschaft war nicht seine eigene, sondern kam von Gott (siehe Hes 2,7; 3,4.10.12 vgl. 4Mo 22,38; 1Kö 22,14). Dieses Prinzip trifft bei der Gesamtheit der Propheten zu:
| “Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.” (2Pet 1,21) |
Gelegentlich korrigierte Gott seine Propheten, wenn diese ihre eigenen Ansichten mit dem göttlichen Willen verwechselten (siehe 1Sam 16,6f; 2Sam 7,3). Um die göttliche Herkunft einer Botschaft zweifelsfrei zu bestätigen, ließ Gott einen Propheten mitunter sogar verstummen, bis der Zeitpunkt für die Verkündigung Seines Willens gekommen war (siehe Hes 1,2f; 3,26f; 33,21f).
Falsche Propheten
Da nichts darauf hindeutet, dass Gott heute nach anderen Prinzipien handelt als zur biblischen Zeit, lassen sich auch heutige prophetische Ansprüche an diesen Maßstäben messen und gegebenenfalls widerlegen. Die Bibel erkennt dabei ausdrücklich auch Prophetinnen (nabî’ah) an (siehe 2Mo 15,20; Ri 4,4; 2Kö 22,12f; Lk 2,36; Apg 21,8f).
Angesichts der Fülle prophetischer Äußerungen in den heutigen religiösen Gruppierungen sind Richtlinien für die Unterscheidung von echten und falschen Propheten nötig – zumal sich die Aussagen verschiedener geistlicher Quellen teilweise widersprechen. Als Jesus zu seinen Jüngern über die letzten Tage sprach, warnte er sie eindringlich davor, sich verführen zu lassen (siehe Mt 24,11.24; Mk 13,22). Verführung geht immer mit falscher Lehre einher und wird oft durch prophetische Aussagen untermauert (siehe 2 Petr 2,1).
Daher werden wir aufgefordert, uns mit geistlichen Manifestationen auseinanderzusetzen, denn „viele falsche Propheten sind in die Welt ausgegangen” (1 Joh 4,1). Wir sollen nicht jedem Geist glauben, sondern vielmehr die Geister prüfen, ob sie aus Gott sind oder nur vorgeben, es zu sein. Das Problem falscher Prophetie ist keinesfalls ein modernes Phänomen. Schon zu biblischen Zeiten gab es falsche Propheten (siehe 1 Kö 22,6.22; Jer 27,14f; 28,1.2.5.9.15–17; Hes 13,17; Mi 3,11).
Entsprechend dieser Notwendigkeit gibt die Heilige Schrift Kriterien, um falsche Propheten zu identifizieren.
1. Eintritt der Voraussage des Propheten
| “Wenn du aber in deinem Herzen sagen würdest: Wie kann ich merken, welches Wort der HERR nicht geredet hat? – Wenn der Prophet redet in dem Namen des HERRN und es wird nichts daraus und es tritt nicht ein, dann ist das ein Wort, das der HERR nicht geredet hat. Der Prophet hat’s aus Vermessenheit geredet; darum scheue dich nicht vor ihm.” (5Mo 18,21.22) |
Der Text lässt die Aussage zu: “Falsche Propheten sind solche, deren Aussagen nicht in Erfüllung gehen” (siehe auch Jer 28,9). Allerdings ist ein Kehrschluss nicht möglich, weil auch Scharlatane gelegentlich die Zukunft richtig vorhersagen. Als der große Gegenspieler Gottes verfügt Satan über große Weisheit, Kraft und jahrhundertelange Erfahrung mit dem menschlichen Geschlecht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch Satan durch seine Propheten die Zukunft voraussagen und dann dafür sorgen kann, dass seine Voraussage eintritt (siehe 5Mo 13,2–3).
Eine Sonderstellung haben Zukunftsvisionen, die an Bedingungen des Gehorsams und der Loyalität Gott gegenüber geknüpft sind. Werden diese Bedingungen nicht erfüllt, so tritt die Voraussage trotz ihres wahren Charakters nicht ein (siehe Jer 18,7–10).
In der Bibel findet sich eine breite Palette an unerfüllten Prophezeiungen (siehe Jes 40–66; Jer 33; Hes 36–48; Mi 4; Sacharja), weil sich Israel nicht an Gottes Weisungen hielt. Dennoch werden diese Verheißungen für das neutestamentliche Volk Gottes zur Erfüllung kommen – für das geistliche Israel, das mit dem Ausscheiden des alttestamentlichen Israels dessen Platz einnahm (siehe 1 Petr 2,9f).
Da das geistliche Israel keine national-politische Einheit im buchstäblichen Kanaan darstellt, umgeben von seinen Feinden wie Assyrien, Babylon oder Ägypten, muss man vorsichtig prüfen: Gibt es Teile der prophetischen Aussagen, die auf die christliche Gemeinde nicht mehr wörtlich zutreffen? Insbesondere solche, die mit spezifischen historischen Gegebenheiten zu tun hatten, können möglicherweise keine buchstäbliche Erfüllung mehr finden.
2. Aussage des Propheten und biblische Aussagen
Die Ausführungen des Propheten mögen noch so überzeugend sein und mit unseren Wünschen und Vorstellungen noch so gut übereinstimmen, die Bibel ist und bleibt der zuverlässige Standard aller Lehre:
| “Hin zur Weisung und hin zur Offenbarung! Werden sie das nicht sagen, so wird ihnen kein Morgenrot scheinen” (Jes 8,20) |
“Wenn ein Prophet oder Träumer in deiner Mitte aufsteht und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt und das Zeichen oder Wunder trifft ein, von dem er dir gesagt hat, und er spricht: Lasst uns andern Göttern folgen, die ihr nicht kennt, und ihnen dienen, so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten oder Träumers; denn der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieb habt.” (5Mo 13,2–4)
Ein Prophet, der zu anderen Göttern aufruft oder biblischen Prinzipien widerspricht, ist abzulehnen, selbst wenn er Wunder tut. Siehe auch Jer 27,12–16.
3. Lebensstil des Propheten
| “Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? So bringt jeder gute Baum gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt schlechte Früchte.Ein guter Baum kann nicht schlechte Früchte bringen und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.Darum, an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.” (Mt 7,15–20) |
Dieses Kriterium scheint für unechte Propheten am schwersten zu erfüllen zu sein. Ein gottgefälliger Lebenswandel ist der beste Beweis für die gottverliehene Kraft eines Menschen, denn nur die Füllung mit dem Heiligen Geist kann in dem menschlichen, von Natur aus egoistischen, Herzen Liebe für Gott und für den Nächsten erwachen lassen. Nur dann kann die Frucht des Geistes (siehe Gal 5,22f) an den Tag gelegt werden und das Ausleben der von Jesus dargelegten Prinzipien ermöglichen.
4. Steht Christus im Mittelpunkt?
Das Schicksal unseres Planeten wurde in Jesu Hände übertragen. Er hat uns erlöst und wird dafür sorgen, dass seine treuen Nachfolger ewig mit ihm leben dürfen. Deswegen wird sich jeder echte Prophet stets darum bemühen, Jesus Christus als den Bezugspunkt jeglicher Weisung zu machen – wenn auch nicht immer direkt.
| “Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt. 2 Daran erkennt ihr den Geist Gottes: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; 3 und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt.” (1Joh 4,1–3) |
5. Verschiedene Aspekte
Falsche Propheten offenbaren sich oft durch selbstsüchtige Motive (Mi 3,11; 1Kö 22,6–8) oder dadurch, dass sie den Menschen nur das sagen, was diese gerne hören wollen („juckende Ohren“; siehe 2Tim 4,3; Jes 30,10, Mi 2,11).







