Das Volk Israel im Lichte des Neuen Testamentes

von
Hel­mut May­er

Einleitung

Fiktives Bild von einem Engel über dem neuen Tempel in Jerusalem.

Die Augen der Welt rich­ten sich auf die Ereig­nis­se im Nahen Osten. Täg­lich berich­ten die Medi­en über Isra­el. Vie­le Chris­ten glau­ben, es hand­le sich bei den Ereig­nis­sen in Paläs­ti­na nicht so sehr um eine poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung, son­dern um eine end­ge­schicht­li­che Ent­wick­lung. Sie sind über­zeugt, der gegen­wär­ti­ge jüdi­sche Staat sei eine Erfül­lung gött­li­cher Pro­phe­tie und die dort leben­den Israe­lis das Heils­volk Got­tes. Des­halb ver­tre­ten sie den Stand­punkt: Wer gegen das natio­na­le Isra­el kämpft, kämpft gegen Gott, denn der Staat Isra­el sei von Gott gewollt. Dar­um sei es legi­tim, die Paläs­ti­nen­ser mit allen Mit­teln zu bekämp­fen. Die­se Chris­ten sind auch der Mei­nung, die Juden wür­den noch eine gro­ße Mis­si­on zu erfül­len haben.

Berech­tig­te Fra­gen:

Wir müs­sen uns fra­gen, ob die­se Ansich­ten rich­tig sind, ob sie mit der Leh­re Jesu und der Apos­tel über­ein­stim­men. Sind die Ereig­nis­se im Nahen Osten eine Erfül­lung neu­tes­ta­ment­li­cher Pro­phe­tie? Wo fin­den wir den Schlüs­sel zum rich­ti­gen Ver­ständ­nis der Pro­phe­tie und des Vol­kes Got­tes?

Illus­tra­ti­on

Der bekann­te His­to­ri­ker Adolf von Har­nack soll ein­mal sei­ne Tan­te besucht haben. Sie erzähl­te ihm von einem Kaf­fee­kränz­chen, an dem sie teil­neh­me und bei wel­chem die alten Damen den Pro­phe­ten Hese­kiel stu­die­ren wür­den. Auf die Fra­ge ihres Onkels, ob sie denn auch alles ver­stün­den, was sie bei Hese­kiel lesen, ant­wor­te­te die Tan­te in nai­ver Unschuld: „Nun, was wir nicht ver­ste­hen, das erklä­ren wir uns eben“.

Die Fra­ge ist: Sol­len und dür­fen wir eige­ne Erklä­run­gen und Deu­tun­gen vor­neh­men, oder müs­sen wir die Erklä­run­gen und Aus­le­gun­gen des Hei­li­gen Geis­tes suchen und dem refor­ma­to­ri­schen Prin­zip fol­gen, wel­ches besagt, dass die Bibel ihr eige­ner Aus­le­ger ist.

I. Der Schlüssel zum Verständnis des Alten Testamentes und der Prophetie

1. Christus ist der zuverlässige Interpret

Die Schlüs­sel­fra­ge ist: Durch wel­chen Geist haben die Pro­phe­ten geweis­sagt? Der Apos­tel Petrus weist dar­auf hin, dass die Pro­phe­ten durch den Geist Chris­ti spra­chen, der in ihnen war. 1. Ptr.1,10.11: „Schon die Pro­phe­ten haben danach gesucht und geforscht, und sie haben vor­aus­ge­sagt, wie reich Gott euch beschen­ken wird, wenn Chris­tus kommt. In ihnen wirk­te bereits der Geist Chris­ti. Sie hat­ten auch schon erkannt, wann und auf wel­che Wei­se Chris­tus lei­den muss­te. Und eben­so hat­ten sie sei­ne Herr­lich­keit vor­aus­ge­se­hen, die danach folgt“ (Hfa).

Chris­tus ist der wah­re und bes­te Aus­le­ger der Pro­phe­tie. Ohne Chris­tus gibt es kein rich­ti­ges Ver­ständ­nis des gött­li­chen Wor­tes und der pro­phe­ti­schen Bot­schaf­ten. Ohne ihn ver­ste­hen wir die Heils­ge­schich­te Got­tes nicht. Der Schlüs­sel für die Ein­heit des alten und neu­en Tes­ta­men­tes ist nicht eine Zau­ber­for­mel buch­stäb­li­cher oder bild­haf­ter Aus­le­gung, son­dern die Per­son Chris­ti. Jesus Chris­tus ist der wah­re Inter­pret und Erfül­ler der bibli­schen Pro­phe­tie. Jesus selbst hat dies nach sei­ner Auf­er­ste­hung den Apos­teln bezeugt. In Lk. 24,25–27.44.45 lesen wir: „Dar­auf sag­te Jesus zu ihnen: «Wie unver­stän­dig seid ihr doch! War­um begreift und glaubt ihr nicht, was die Pro­phe­ten vor­her­ge­sagt haben? Muss­te Chris­tus nicht all dies erlei­den, bevor Gott ihn zum Herrn über alles ein­setzt?» Dann erklär­te ihnen Jesus, was in der Hei­li­gen Schrift über ihn gesagt wird – von den Büchern Mose ange­fan­gen bis zu den Pro­phe­ten.…. Erin­nert euch dar­an», sag­te er sei­nen Jün­gern, «dass ich euch oft gesagt habe: ‘Alles, was bei Mose, bei den Pro­phe­ten und in den Psal­men über mich steht, muss sich erfül­len.< Dann erklär­te er ihnen, wie sie die Pro­phe­ten­wor­te ver­ste­hen könn­ten.

Die Pro­phe­zei­un­gen müs­sen also in ihrer Bezie­hung zu Jesus Chris­tus aus­ge­legt und ver­stan­den wer­den. Das Alte Tes­ta­ment kann nur durch die chris­to­zen­tri­sche Metho­de rich­tig gele­sen und ver­stan­den wer­den. So hat es Jesus selbst getan. Ein Bei­spiel ist uns in Lk.4,16–21 gege­ben: „Eines Tages kam Jesus wie­der in sei­ne Hei­mat­stadt Naza­reth. Am

Sab­bat ging er wie gewohnt in die Syn­ago­ge. Als er auf­stand, um aus der Hei­li­gen Schrift vor­zu­le­sen, reich­te man ihm das Buch des Pro­phe­ten Jesa­ja. Jesus las: «Mit mir ist der Geist des Herrn, weil er mich gesalbt hat. Er hat mich beauf­tragt, den Armen die fro­he Bot­schaft zu brin­gen. Den Gefan­ge­nen soll ich die Frei­heit ver­kün­den, den Blin­den sagen, dass sie sehen wer­den, und den Unter­drück­ten, dass sie bald von jeder Gewalt befreit sein sol­len. Jetzt erlässt Gott alle Schuld.» (Jesa­ja 61,1–2) Jesus schloss das Buch, gab es zurück und setz­te sich. Alle war­te­ten gespannt dar­auf, was er dazu sagen wür­de. Er begann: «Heu­te hat sich die­se Vor­aus­sa­ge des Pro­phe­ten erfüllt.» (Hfa).

2. Christus ist der wahre Erfüller

Vom Hei­li­gen Geist erleuch­tet, haben die Apos­tel die dem Abra­ham gege­be­ne Ver­hei­ßung (1.Mose 22,15–16) nicht in einer gro­ßen jüdi­schen Nati­on erfüllt gese­hen. Für sie war Jesus die Per­son, in der sich die­se Ver­hei­ßung erfüll­te. Gal.3:16 „Sehen wir uns die Zusa­gen Got­tes an Abra­ham genau­er an, dann stel­len wir fest: Gott gab sein Ver­spre­chen Abra­ham und sei­nem­Nach­kom­men. Es heißt nicht: Abra­ham und sei­nen Nach­kom­men. Got­tes Zusa­gen gel­ten dem­nach ganz ein­deu­tig einem ein­zi­gen und nicht den vie­len Nach­kom­men Abra­hams. Die­ser eine ist Chris­tus“ (Hfa).

Pau­lus macht in die­sen Wor­ten deut­lich, dass das eigent­li­che End­ziel der Erwäh­lung Isra­els die Erwäh­lung Jesu zum Mes­si­as für alle Völ­ker ist. Mögen die Juden durch den Tal­mud oder die Wunsch­vor­stel­lun­gen des moder­nen Zio­nis­mus auf die Pro­phe­ten bli­cken, ein Christ kann die Pro­phe­ten und ihre Heils­bot­schaf­ten nur durch die Sen­dung Chris­ti betrach­ten. Chris­tus ist der­je­ni­ge, der die Heils­ge­schich­te des alten Bun­des­vol­kes voll­endet. Der lücken­lo­se Zusam­men­hang zwi­schen dem Alten und Neu­en Tes­ta­ment wur­zelt in der Iden­ti­tät, d.h. in der völ­li­gen Gleich­heit von Jah­we, dem Bun­des­gott Isra­els und Jesus Chris­tus; und sie grün­det auch in der Erkennt­nis, dass Isra­el Typos, d.h. Vor­bild, für Got­tes Volk im Neu­en Bun­de ist. Jesus selbst hat das typo­lo­gi­sche Den­ken ein­ge­führt und erklärt, dass mit ihm die Zeit der Anti­ty­pen ange­bro­chen sei, dass, dass er die Erfül­lung der alt­tes­ta­ment­li­chen Vor­bil­der sei.

Jesus ist der Erfül­ler und Voll­ender in drei­fa­cher Hin­sicht:

a) von Per­so­nen

Jesus betont in Mat­th. 12,41.42, dass er die Erfül­lung von Pro­phe­ten­tum und Königs­herr­schaft sei. Er sag­te: „Die Ein­woh­ner Nini­ves wer­den euch am Gerichts­tag ver­ur­tei­len, denn sie änder­ten sich. Nach Jonas’ Pre­digt wand­ten sie sich von ihrem sün­di­gen Leben ab und bekehr­ten sich zu Gott. Der hier vor euch steht, ist aber grö­ßer als Jona. Und ihr glaubt ihm nicht! Die Köni­gin aus dem Süden wird ein­mal beim Gericht Got­tes als Zeu­gin gegen die­ses Volk auf­tre­ten und es ver­ur­tei­len. Denn sie kam von weit her, um von der Weis­heit des Königs Salo­mo zu ler­nen. Der hier vor euch steht, ist grö­ßer als Salo­mo, aber ihr wei­gert euch den­noch, sei­nen Wor­ten zu glau­ben.» Jesus ist der wah­re Pro­phet und der König des Got­tes­vol­kes.«

Jesus ist aber auch der Erfül­ler und Voll­ender des aaro­ni­ti­schen und levi­ti­schen Pries­ter­tums. Der Hebrä­er­brief betont die­se Tat­sa­che mit fol­gen­den Wor­ten in Hebr. 7,21–24 „Nur zu Chris­tus hat Gott gesagt: «Der Herr hat es geschwo­ren, und die­sen Schwur wird er nie­mals bereu­en: ‘Für immer und ewig sollst du Pries­ter sein!’» (Psalm 110,4) So wur­de Jesus für uns zum Bür­gen eines neu­en, bes­se­ren Bun­des mit Gott. Zur Zeit des alten Bun­des muss­te es außer­dem vie­le Pries­ter geben, denn sie waren alle sterb­li­che Men­schen. Chris­tus aber lebt in alle Ewig­keit; sein Pries­ter­amt wird nie von einem ande­ren ein­ge­nom­men.“ (Hfa) Und in Hebr. 7,11.28 steht: „Das Pries­ter­tum der Levi­ten – über das im Gesetz kla­re Bestim­mun­gen vor­lie­gen – war offen­sicht­lich nicht dazu imstan­de, uns die Ver­ge­bung Got­tes zu ver­mit­teln. Sonst hät­te Gott doch nicht einen ganz ande­ren Pries­ter vom Ran­ge Mel­chise­deks zu uns schi­cken müs­sen. Dann hät­te auch ein Pries­ter vom Ran­ge Aarons genügt.… Das Gesetz des Mose bestimm­te Men­schen mit all ihren Schwä­chen und Feh­lern zu Hohen­pries­tern. Doch die­ses Gesetz gilt nicht mehr, nach­dem Gott sei­nen eige­nen Sohn mit einem Schwur als unse­ren Hohen­pries­ter ein­setz­te. Und das wird er blei­ben – für alle Zei­ten in gött­li­cher Voll­kom­men­heit.“ (Hfa)

b) von Din­gen – z.B. des Tem­pels und der Opfer –Als Jesus den Tem­pel von den Wechs­lern und Käu­fern rei­nig­te, frag­ten ihn die Schrift­ge­lehr­ten empört nach sei­ner Voll­macht. Johan­nes berich­tet dar­über in Joh.2,18–21: „Die Füh­rer der Juden stell­ten Jesus dar­auf­hin zur Rede: «Woher nimmst du dir das Recht, die Leu­te hin­aus­zu­wer­fen? Wenn du dich dabei auf Gott berufst, dann musst du uns einen ein­deu­ti­gen Beweis geben!» Jesus ant­wor­te­te ihnen: «Die­sen Beweis sollt ihr haben. Zer­stört die­sen Tem­pel! In drei Tagen wer­de ich ihn wie­der auf­bau­en.» «Was?» rie­fen sie. «In sechs­und­vier­zig Jah­ren ist die­ser Tem­pel erbaut wor­den, und du willst das in drei Tagen schaf­fen?» Mit dem Tem­pel aber mein­te Jesus sei­nen Leib, der geop­fert wer­den soll­te. Nach Mt.12,6 ant­wor­te­te Jesus: „Ich will euch nur das eine sagen: Hier ist einer, der ist mehr als der Tem­pel.“ Jesus ist der Erfül­ler von Got­tes­dienst und Got­tes­of­fen­ba­rung. Der Tem­pel war einst die Stät­te da Gott sich in beson­de­rer Wei­se unter sei­nem Vol­ke offen­bar­te. Doch mit dem Erschei­nen Jesu hat­te der Tem­pel sei­ne Erfül­lung gefun­den. Jesus sag­te: „Ich bin das Licht der Welt“ – Er ist der sie­ben­ar­mi­ge Leuch­ter. Jesus sag­te: „Ich bin das Brot des Lebens“ – er ist der Schau­brot­tisch. Sein Kreuz ist der Brand­op­fer­al­tar, auf dem die voll­kom­me­ne Süh­ne und Ver­söh­nung statt­fand.

Es gibt Juden und Chris­ten, die auf den Tag war­ten, da in Jeru­sa­lem ein neu­er Tem­pel des Herrn ste­hen wird. Doch die Erfül­lung des Tem­pels und sei­ne Voll­endung sind in Jesus gekom­men. Das Neue Tes­ta­ment lenkt dar­um unse­ren Blick nicht auf das irdi­sche Jeru­sa­lem, son­dern auf den himm­li­schen Tem­pel, in den Jesus als unser gro­ßer Hoher­pries­ter nach sei­ner Him­mel­fahrt ein­ge­gan­gen ist. Dies wird beson­ders im Hebrä­er­brief immer wie­der betont. Hebr. 9,11: „Seit Chris­tus da ist, gilt die­se neue Ord­nung. Er ist der Hohe­pries­ter über alles, was Gott uns ver­hei­ßen hat. Sei­nen Dienst ver­rich­tet er in einem Hei­lig­tum, das grö­ßer und voll­kom­me­ner ist als jedes ande­re, das je von Men­schen betre­ten wur­de. Denn die­ses Hei­lig­tum haben nicht Men­schen­hän­de errich­tet, es gehört nicht zu die­ser Welt.“ (Hfa)

Jesus ist auch der Erfül­ler und Voll­ender des Opfer­diens­tes. Die Unvoll­kom­men­heit des alten Opfer­sys­tems wird in Hebr. 10 deut­lich beschrie­ben: „Das Gesetz des alten Bun­des war ledig­lich ein mat­ter Abglanz und Vor­ge­schmack all des­sen, was Gott für uns bereit­hält. Es brach­te uns noch nicht in eine enge Gemein­schaft mit Gott. Denn die Opfer der alten Ord­nung konn­ten kei­nen Men­schen für immer von sei­ner Schuld befrei­en. Jahr für Jahr muss­te man erneut Opfer bringen.…(4): Dabei ist es voll­kom­men unmög­lich, dass wir durch das Blut von Stie­ren und Böcken von unse­rer Schuld befreit wer­den kön­nen“ Dann aber wird die herr­li­che Ablö­sung, und die Voll­endung die­ser unvoll­kom­me­nen Opfer mit fol­gen­den Wor­ten beschrie­ben: (Hebr.10,9.10.14.19) „Das bedeu­tet: An die Stel­le der alten Opfer setzt Chris­tus sein eige­nes Opfer. Er hat mit sei­nem Tod am Kreuz die­sen Wil­len Got­tes erfüllt; und des­halb sind wir durch sein Opfer ein für alle­mal von Gott ange­nom­men. Für immer und ewig hat Chris­tus mit dem einen Opfer alle Men­schen, die Gott als sei­ne Kin­der annimmt, in eine voll­kom­me­ne Gemein­schaft mit ihm gebracht. Und so, lie­be Brü­der, kön­nen wir jetzt durch das Ster­ben Jesu Chris­ti, durch das Opfer sei­nes Blu­tes frei und unge­hin­dert in das Hei­lig­tum ein­tre­ten und zu Gott selbst kom­men.“ (Hfa).

c) von den Ver­hei­ßun­gen des Bun­des – Wäh­rend des Abend­mahls wies Jesus auf den neu­en Bund hin, der durch sein Opfer zwi­schen Gott und den Men­schen geschlos­sen wer­den soll­te. Nach Mk 14,24.25 sag­te Jesus zu sei­nen Jün­gern: „Das ist mein Blut, mit dem der neue Bund zwi­schen Gott und den Men­schen besie­gelt wird. Es wird zur Ver­ge­bung der Sün­den ver­gos­sen. Ich sage euch: Von jetzt an wer­de ich kei­nen Wein mehr trin­ken, bis ich ihn wie­der mit euch im Reich Got­tes trin­ken wer­de.“ (Hfa)

Der auf Gol­ga­tha geschlos­se­ne Bund umfasst nicht nur ein bestimm­tes Volk, son­dern alle Men­schen. Die­ser Bund schließt jeden ein, der das Opfer Jesu zu sei­ner Ver­söh­nung und Erret­tung im Glau­ben bean­sprucht und annimmt. Das Ziel die­ses Bun­des ist nicht die Wie­der­her­stel­lung der jüdi­schen Nati­on in Paläs­ti­na, son­dern die voll­ende­te Gemein­schaft aller durch Chris­tus mit Gott ver­söhn­ten Men­schen im Rei­che Got­tes. Hebr. 9,15 bezeugt die­se Tat­sa­che: „So hat Chris­tus den neu­en Bund zwi­schen Gott und uns Men­schen ver­mit­telt: Er starb, damit die Sün­den auf­ge­ho­ben wer­den, die wäh­rend des alten Bun­des gesche­hen sind. Nun kön­nen alle, die dazu beru­fen sind, das von Gott zuge­sag­te, unver­gäng­li­che Erbe emp­fan­gen, das ewi­ge Leben bei Gott.“ (Hfa)

Das Erbe, das uns durch Chris­ti Sühnop­fer erwor­ben wur­de, ist nicht ein irdi­sches Erb­teil im gelob­ten Land, son­dern ewi­ges Leben in Got­tes Reich. Es ist die Hoff­nung auf ein ewi­ges, von kei­ner Sün­de beschmutz­tes und unzer­stör­ba­res Erbe, das Gott in sei­nem Reich für uns bereit­hält (1.Ptr.1,4).

Nach­dem wir erkannt haben, wie Jesus der ein­zi­ge zuver­läs­si­ge Inter­pret und Erfül­ler der alt­tes­ta­ment­li­chen Pro­phe­tie ist, wen­den wir uns noch der Fra­ge nach dem wah­ren Isra­el zu.

II. Das wahre Israel

1. Die theologische Bedeutung des Namens Israel

Der Name Isra­el tritt zum ers­ten Mal in 1. Mose 32 auf. Dort wird vom Glau­bens­va­ter Jakob berich­tet: „Mit­ten in der Nacht stand Jakob auf und über­quer­te den Jabbok­fluss an einer seich­ten Stel­le, zusam­men mit sei­nen bei­den Frau­en, den bei­den Mäg­den und den elf Kin­dern. Auch sei­nen Besitz brach­te er auf die ande­re Sei­te. Nur er blieb noch allein zurück. Plötz­lich stell­te sich ihm ein Mann ent­ge­gen und kämpf­te mit ihm bis zum Mor­gen­grau­en. Als der Mann merk­te, dass er Jakob nicht besie­gen konn­te, gab er ihm einen so har­ten Schlag auf das Hüft­ge­lenk, dass es aus­ge­renkt wur­de. Dann bat er: „Lass mich los, der Mor­gen däm­mert schon!» Aber Jakob erwi­der­te: «Ich las­se dich nicht eher los, bis du mich geseg­net hast!» «Wie heißt du?» frag­te der Mann. Als Jakob sei­nen Namen nann­te, sag­te der Mann: «Von jetzt an sollst du nicht mehr Jakob hei­ßen. Du hast schon mit Gott und mit Men­schen gekämpft und immer gesiegt. Dar­um heißt du von jetzt an Isra­el.»

Der Name kommt von Gott. Er hat sym­bo­li­sche Bedeu­tung. Die­ser Name ist nicht mit Fleisch und Blut ver­bun­den, son­dern mit einem per­sön­li­chen Got­tes­er­leb­nis. Der Patri­arch Jakob erhielt die­sen Namen von Gott, als er wegen sei­ner Schuld mit Gott rang und sein wah­res Wesen vor Gott offen bekann­te. Als Gott ihn frag­te: Wie heißt du?, da ant­wor­te­te er: „Jakob“, d.h. ich bin ein Betrü­ger. Gott gab ihm einen neu­en Namen, als Jakob sich allein auf Got­tes Gna­de ver­ließ. Den Namen „Isra­el“ soll­te Jakob tra­gen als eine Erin­ne­rung und als ein Zei­chen sei­ner neu­en Got­tes­be­zie­hung. EGW schrieb: „Als Zei­chen sei­ner Ver­ge­bung wur­de sein Name, der ihn an sei­ne alte Natur erin­ner­te, in einen neu­en Namen zum Gedächt­nis sei­nes Glau­bens­sie­ges umge­wan­delt.“ (PP 198).

Nach Got­tes Plan sol­len alle Men­schen ihre Schuld und ihr sün­di­ges Wesen vor Gott beken­nen und die geist­li­che Erfah­rung der Ver­ge­bung und Erneue­rung erle­ben. Chris­tus spricht in sei­nen Brie­fen an die sie­ben Gemein­den einen Segen über die Über­win­der aus und ver­heißt ihnen einen neu­en Namen. In Off.3,12 steht geschrie­ben: „Denn wer durch­hält und das Böse besiegt, den wer­de ich zu einer Säu­le im Tem­pel mei­nes Got­tes machen; er wird dort immer blei­ben. Und er soll den Namen mei­nes Got­tes tra­gen und wird ein Bür­ger des neu­en Jeru­sa­lem sein, der Stadt, die Gott selbst auf die­ser Erde errich­ten wird. Auch mei­nen eige­nen neu­en Namen wird er erhal­ten. (Wört­lich: Ich wer­de auf ihn den Namen mei­nes Got­tes schrei­ben und den Namen der Stadt mei­nes Got­tes, des neu­en Jeru­sa­lem, das her­ab­kommt vom Him­mel von mei­nem Gott.“ (Hfa)

2. Nicht jeder, der von Israel stammt, ist ein Israelit

Der Apos­tel Pau­lus schrieb in 1.Kor.10,18 von dem Isra­el nach dem Fleisch. Folg­lich muss es auch ein geist­li­ches Isra­el geben. Um dies her­aus­zu­fin­den, müs­sen wir die bibli­sche Ant­wort auf fol­gen­de Fra­gen suchen und bekom­men.

a) Wer ist ein wah­rer Israe­lit? Wer gehört zu Got­tes Volk?

Pau­lus erklärt dies in Rö.9,6–8 mit kla­ren Wor­ten: „All dies hat nach wie vor Gül­tig­keit, auch wenn nicht alle aus dem Volk Isra­el zu Got­tes aus­er­wähl­tem Volk gehö­ren. Nicht alle Nach­kom­men Abra­hams sind auch wirk­lich sei­ne Kin­der. Denn Gott hat­te zu Abra­ham gesagt: «Nur die Nach­kom­men dei­nes Soh­nes Isaak sol­len ein­mal zu dei­nem Volk gezählt wer­den.» (1.Mose 21,12) Das bedeu­tet: Nicht alle, die auf natür­li­che Wei­se von Abra­ham abstam­men, gehö­ren zu Got­tes Volk, sei­nen Kin­dern. Nur der zählt dazu, wer – so wie Isaak – Got­tes Ver­hei­ßung hat.“ (Hfa).

Zum aus­er­wähl­ten Vol­ke Got­tes gehört man also nicht durch eine irdi­sche Zeu­gung und Geburt, son­dern durch eine geist­li­che Geburt, die auf­grund einer gött­li­chen Ver­hei­ßung gesche­hen ist.

b) Wer ist nach Got­tes Urteil ein Jude?

Rö.2,28,29 gibt eine auf­schluss­rei­che Aus­kunft: „Die Abstam­mung von jüdi­schen Eltern und die Beschnei­dung las­sen noch nie­man­den wirk­lich zum Juden wer­den. Ein rich­ti­ger Jude, das heißt jemand, der zum Volk Got­tes gehört, ist man nur, wenn die Beschnei­dung mehr bedeu­tet als die Erfül­lung toter Buch­sta­ben. Erst die Beschnei­dung, die vom Hei­li­gen Geist kommt und zu einem Gesin­nungs­wan­del führt, zählt vor Gott. Bei den Men­schen bedeu­tet das viel­leicht nicht viel, aber es ist das ein­zi­ge, was bei Gott zählt. „ (Hfa)

Es ist auf­schluss­reich, dass die­se Wor­te der einst auf sei­ne jüdi­sche Abstam­mung stol­ze Pha­ri­sä­er Sau­lus von Tar­sus schrieb. Die­se Wor­te bezeu­gen ganz klar, dass die Mehr­heit der jetzt in Isra­el leben­den Juden nicht Got­tes Volk sind. Das ech­te Volk Got­tes setzt sich nur aus Men­schen zusam­men, die durch den Hei­li­gen Geist eine Her­zens­be­schnei­dung erlebt und einen Gesinn­nungs­wan­del erfah­ren haben.

c) Wer gehört zum Isra­el Got­tes?

Gal. 6,15,16 ent­hält eine kla­re Ant­wort: “Vor Gott ist es voll­kom­men gleich­gül­tig, ob wir beschnit­ten oder unbe­schnit­ten sind. Wich­tig ist allein, dass wir in Chris­tus neue Men­schen gewor­den sind. Wer sich dar­an hält, der gehört zu Got­tes aus­er­wähl­tem Volk. Ihm schenkt Gott sei­nen Frie­den und sei­ne Barm­her­zig­keit.“ Vor Gott zäh­len nicht Äußer­lich­kei­ten, wie ras­si­sche Abstam­mung oder natio­na­le Zuge­hö­rig­keit. Vor Gott zählt allein, ob wir durch Chris­tus wie­der­ge­bo­ren sind zu einer neu­en Schöp­fung.

d) Wer wird zur Nach­kom­men­schaft Abra­hams gezählt?

Juden und Ara­ber beru­fen sich bei­de auf ihre Abstam­mung von Abra­ham und machen von daher ihren Anspruch auf das gelob­te Land gel­tend. Pau­lus, der nach Rö.11,1 von sich sagen konn­te: „Auch ich bin ja ein Israe­lit, ein Nach­kom­me Abra­hams aus dem Stamm Ben­ja­min.“, lässt uns nicht im Zwei­fel dar­über, wer wirk­lich zur Nach­kom­men­schaft Abra­hams zählt. Er schrieb an die Chris­ten in Gala­ti­en (Gal.3,26–29): „Denn durch den Glau­ben an Jesus Chris­tus seid ihr nun alle zu Kin­dern Got­tes gewor­den. Ihr gehört zu Chris­tus, weil ihr auf sei­nen Namen getauft seid. Jetzt ist es nicht mehr wich­tig, ob ihr Juden oder Grie­chen, Skla­ven oder Freie, Män­ner oder Frau­en seid: in Chris­tus seid ihr alle eins. Gehört ihr aber zu Chris­tus, dann seid auch ihr Nach­kom­men Abra­hams und habt Anspruch auf alles, was Gott ihm zuge­sagt hat.“(Hfa).

In Rö.4,13–16 ver­tieft Pau­lus die­sen Gedan­ken. Er erklärt: „Gott hat­te Abra­ham ver­spro­chen, ihn mit sei­nen Nach­kom­men zum Segen für die gan­ze Welt wer­den zu las­sen. Aber die­ses Ver­spre­chen gab Gott nicht, weil Abra­ham das Gesetz erfüll­te, son­dern weil Abra­ham Gott uner­schüt­ter­lich ver­trau­te. Des­halb gilt Got­tes Zusa­ge nur dem, der glaubt. Denn was Gott ver­spro­chen hat­te, soll­te ja ein Geschenk sein. Nur so bleibt die Ver­hei­ßung über­haupt gül­tig, und zwar für alle Nach­kom­men Abra­hams. Das sind nicht nur die Juden, die nach dem Gesetz leben, son­dern auch alle ande­ren Men­schen, die Gott so ver­trau­en wie Abra­ham. Des­halb ist Abra­ham der Vater aller Gläu­bi­gen.“ (Hfa)

Lie­be Geschwis­ter, aus zeit­li­chen Grün­den kann ich die­se bibli­sche Stu­die jetzt nicht wei­ter aus­füh­ren. Wenn Ihr es für gut befin­det, könn­te ich in einer wei­te­ren Pre­digt, noch auf ande­re Aspek­te und Fra­gen ein­ge­hen. So gibt es z.B. unter evan­ge­li­ka­len Chris­ten die Auf­fas­sung, der Heils­plan Got­tes umfas­se drei Kör­per­schaf­ten:

a) das Volk Got­tes, die jüdi­sche Nati­on

b) die Ver­samm­lung der Gläu­bi­gen – die Gemein­de Chris­ti aus den Hei­den

c) die Braut Chris­ti, die Gläu­bi­gen, die vor der gro­ßen Trüb­sal ent­rückt wer­den.

Die­se Ansicht allein wäre ein gründ­li­ches Bibel­stu­di­um wert.

Zum Schluss der heu­ti­gen Stu­die wür­de ich ger­ne von euch erfah­ren, was euch in die­ser Pre­digt für euer per­sön­li­ches Glau­bens­le­ben wich­tig gewor­den ist. Viel­leicht kön­nen wir unse­re Gedan­ken dazu kurz aus­tau­schen.

Der HERR schen­ke uns die Gna­de, bald mit dem gan­zen Volk Got­tes des alten und neu­en Bun­des für immer in Got­tes Reich mit unse­rem Erlö­ser Jesus Chris­tus für immer ver­eint zu sein.


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